{"id":772,"date":"2010-07-29T19:22:38","date_gmt":"2010-07-29T18:22:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=772"},"modified":"2016-05-25T22:32:42","modified_gmt":"2016-05-25T21:32:42","slug":"aki-im-wunderland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=772","title":{"rendered":"Aki im Wunderland"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch der B\u00fccher des Leipziger Schriftstellers Thomas B\u00f6hme hei\u00dft \u201eSchnakenhascher\u201c. Der bislang umf\u00e4nglichste Roman des Autors ist eines der drei B\u00fccher (\u201eHeikles Handwerk\u201c, \u201eMartha\u201c), die in diesen Monaten erschienen.<br \/>\n\u201eSchnakenhascher\u201c ist die Zusammenfassung und in der Zusammenfassung die ausf\u00fchrlichste Erweiterung vieler erz\u00e4hlerischer Arbeiten, die der Verfasser seit zwei Jahrzehnten schreibt und den die Literaturkritik, wenn sie ihn denn beachtet, hartn\u00e4ckig als Lyriker vorstellte. B\u00f6hme ist ein Erz\u00e4hler, dem die allgemeine Unaufmerksamkeit die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit bisher versagte. Armer Autor! Noch ist Zeit genug nachzuholen, was nachzuholen ist, wie das j\u00fcngst f\u00fcr Walter Kappacher und Peter Wawerzinek der Fall war. Der Roman \u201eSchnakenhascher\u201c ist beste literarische Lekt\u00fcre und nicht nur etwas f\u00fcr versierte Leser. Den Titel kann man provokant nennen, ihn als peinlich empfinden oder, ganz im Gegensatz dazu, als poetisch. Und das ist nicht nur der Titel!<br \/>\nMit \u201eSchnakenhascher\u201c haben die Leser eines der poetischsten Prosab\u00fccher der deutschen Sprache der letzten Jahre in der Hand. \u201eSchnakenhascher\u201c ist das Buch eines Traumes, den sich der Erz\u00e4hler ertr\u00e4umte, f\u00fcr den \u201eDer Traum als Gesamtkunstwerk\u201c das selbstverst\u00e4ndlich Erstrebenswerte ist. Der Roman ist das Gesamtkunstwerk einer vertr\u00e4umten und somit traumhaften Kindheit. Und nun sage einer: Kindheit hat nichts mit Tr\u00e4umen, mit Traumhaften zu tun. Die von Thomas B\u00f6hme erz\u00e4hlte Traum-Kindheit ist keine wahre Kindheitsgeschichte. B\u00f6hme ist der spielerische Sinn nicht abhanden gekommen, der schlichte Kindertage zu den sch\u00f6nsten Kindertagen machen kann. Der Roman ist das phantasievollste Spiel mit der Phantasie, die der phantasierende Erz\u00e4hler leisten konnte. Ganz und gar zum Vorteil der Leser, die in der Wirklichkeit Zeiten und Orte bestimmen k\u00f6nnen, die dem Roman den Stoff lieferten. Wer es braucht, kann ohne Schwierigkeiten ausmachen, dass er in eine bekannte, mitteldeutsche Stadt (Lulu) mitgenommen wird, die seit Jahrhunderten f\u00fcr ihre Messen bekannt genug ist. Wer es braucht, wei\u00df sich sofort in den sechziger Jahren. In den Zeiten, da John F.-Kennedy ermordet wurde und die Kontrolleure des Warschauer Paktes die Hoffnung, die Sozialismus genannt wurde, endg\u00fcltig in Prag erw\u00fcrgten. Und wer\u00b4s nicht lassen kann, spricht von einer Kindheit in der DDR, die \u2013 au\u00dfer im Nachwort des Verfassers \u2013 nicht mal mit den drei Buchstaben erw\u00e4hnt wird. Alles, was es zu erz\u00e4hlen gibt, konzentriert sich auf die Br\u00fcder Alexander und Raul Liebezeit in Unschlittstra\u00dfe 23. Versachlicht gesagt auf die Kindheit Alexanders, der mit Inbrunst in sich die Idee vom idealen Bruder Raul hegt und pflegt, dass sich sowas von Bruder jeder w\u00fcnscht. Dass der liebenswerte und geliebte Bruder spurlos verschwindet als Alexander und auch Raul die Grenze \u00fcberschreiten, die aus dem Kindesalter f\u00fchrt, wird wohl niemand wundern. So mu\u00df das sein, als sich Akis Wunderland in der Erwachsenenwelt verliert! Wer will von der noch etwas wissen? Der Erz\u00e4hler, der alles im Blick hat und zu ordnen versucht, ist nie g\u00e4nzlich abwesend und sendet immer wieder schwache Signale aus seiner belasteten Schriftsteller-Existenz. Ob n\u00f6tig oder unn\u00f6tig fragt man kaum. Als ironische Eitelkeiten des Erz\u00e4hlers k\u00f6nnen gelten, was gar keine Eitelkeiten sind, wohl aber mit der Geschichte Alexanders \u2013 einer \u201eKindheit im Bernstein\u201c \u2013 zu tun haben. Dieses Bild vom Bernstein im Sinn, er\u00fcbrigt es sich, nach dem Sinn des Realen in der erz\u00e4hlten Kindheitsgeschichte zu fragen oder gar zu forschen. Das Buch ist eine Realit\u00e4t, eine literarische Realit\u00e4t, die ihre unverwechselbare Qualit\u00e4t hat.<br \/>\nKinderland ist ein Lieblingsland vieler Literaten, also nicht nur ein Tummelplatz von Thomas B\u00f6hme. Sein Kinderland ist ein Platz, den er sich erdichtet hat, um sich in ihm wohlzuf\u00fchlen. Um \u201eDinge\u201c f\u00fchlend zu erleben \u201ean die sich niemand sonst mehr erinnern will\u201c. Um dieses Erinnerns willen hat der Erz\u00e4hler angestrengt und unangestrengt seine Fabulierlust und \u2013kunst mobilisiert. Durch das Fabulieren bestimmt B\u00f6hme die Bedeutung seines Buches nicht durch das Traditionsthema Kindheit. Der Fabulierer gibt seinen Figuren Namen von Thomas Mann\u00b4scher Art. Wo sonst finden sich Namen wie Pagenstecher oder Liebeszeit, der des Bruderpaares, deren Zeit eine Zeit des Liebens ist? Eine Zeit, in der alles erotisch ist. Ohne Erotik ist keine Liebe eine gute Liebe. Der gesamte Roman, in all seinen episodischen Erz\u00e4hlungen, ist ein erotischer, erotisierender Roman. Erotik ist f\u00fcr Thomas B\u00f6hme nicht nur in der Liebe da. Das Sehnen ist voller Erotik, wie der Schmerz, wie das Sterben. Sich derart der Erotik verbunden zu f\u00fchlen, bedeutet f\u00fcr den Fabulierer zu den besten Bemerkungen, Beobachtungen, Betrachtungen nicht nur bereit zu sein, sondern in der Lage, in den Bemerkungen, Beobachtungen, Betrachtungen das Beste an Erz\u00e4hlerischem m\u00f6glich zu machen. So wird der Erz\u00e4hler fortw\u00e4hrend zu einem Anreger f\u00fcr die Leser. Ihnen wird der Roman nicht zu einem beliebigen Objekt, das sie veranla\u00dft, st\u00e4ndig zu vergleichen, was wie in der eigenen Kindheit war wie in dem Roman, sofern man seine Kindheit in den Sechzigern des Vorjahrhunderts hatte. Der Roman entgrenzt die eigene Kindheit. Erl\u00f6st er sie aus dem Bernstein, in der sie f\u00fcr den Verfasser eingeschlossen ist? Mit dem Roman in der Hand werden so manche Leser zum anderen Autor, neben dem Autor, die auf ihre Weise ihre Kindheit erschlie\u00dfen. Die Kindheit ist eine der ergiebigsten Zeiten des Entdeckens und die Zeit des Entdeckens der Kindheit eine der ergiebigsten des Lebens. Wie profan, dass alles seine Zeit hat! Wie poetisch alles Zeit sein kann, das ist erlesbar und so erlebar in Thomas B\u00f6hmes Roman \u201eDer Schnakenhascher\u201c.<br \/>\nThomas B\u00f6hme: Der Schnakenhascher. Edition Cornelius. Projekte Verlag Cornelius: Halle 2010. 273 Seiten, Geb., 17,50 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch der B\u00fccher des Leipziger Schriftstellers Thomas B\u00f6hme hei\u00dft \u201eSchnakenhascher\u201c. Der bislang umf\u00e4nglichste Roman des Autors ist eines der drei B\u00fccher (\u201eHeikles Handwerk\u201c, \u201eMartha\u201c), die in diesen Monaten erschienen. \u201eSchnakenhascher\u201c ist die Zusammenfassung und in der Zusammenfassung die ausf\u00fchrlichste Erweiterung vieler erz\u00e4hlerischer Arbeiten, die der Verfasser seit zwei Jahrzehnten schreibt und den die Literaturkritik,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-772","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":880,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=880","url_meta":{"origin":772,"position":0},"title":"Berufe besichtigen","author":"Bernd Heimberger","date":"5. M\u00e4rz 2011","format":false,"excerpt":"Wieviele Rezensionen k\u00f6nnen Redaktionen verkraften? Ein Bruchteil der B\u00fccher, die w\u00e4hrend eines Jahres erscheinen, werden auf den Feuillettonseiten beachtet. Da hats ein Autor denkbar schwer, alles ins \u00f6ffentliche Gespr\u00e4ch zu bringen, was er binnen eines Jahres publiziert. Es kann sein, dass ein Buch den Blick auf das andere verstellt. Das\u2026","rel":"","context":"In &quot;(3) Rezensionen&quot;","block_context":{"text":"(3) Rezensionen","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=21"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":7,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=7","url_meta":{"origin":772,"position":1},"title":"Gestorbene Gegenst\u00e4nde","author":"Bernd Heimberger","date":"20. April 2007","format":false,"excerpt":"Das Fotografieren ist ein Faible von Thomas B\u00f6hme. Immer ein pers\u00f6nliches Faible, das dann doch nicht privat bleibt. Mit der Publikation \u201eJungen vor Zweitausend\u201c pr\u00e4sentierte sich der fotografierende Schriftsteller erstmals der \u00d6ffentlichkeit. Nun ist der Band \u201eWiderstehendes\u201c da. Der ist keine beliebige Fortf\u00fchrung. Die Poesie der Farbfotos, die Philosophie der\u2026","rel":"","context":"In &quot;Besprechungen&quot;","block_context":{"text":"Besprechungen","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=88"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":778,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=778","url_meta":{"origin":772,"position":2},"title":"Behindertes Begehren","author":"Bernd Heimberger","date":"11. August 2010","format":false,"excerpt":"Ein gutes Buch ist so selten wie ein guter Banker, ein guter Lehrer, ein guter Arzt, ein guter Journalist. Eines der besseren B\u00fccher der guten B\u00fccher ist \u201eRuf mich bei deinem Namen\u201c des Amerikaners Andr\u00e9 Aciman, der in Alexandria geboren wurde. Der Roman beginnt: \u201e\u00b4Sp\u00e4ter!\u00b4. Das Wort, die Stimme, die\u2026","rel":"","context":"In &quot;(3) Rezensionen&quot;","block_context":{"text":"(3) Rezensionen","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=21"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":3098,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=3098","url_meta":{"origin":772,"position":3},"title":"Verwanderschaft","author":"Faron Bebt","date":"25. April 2014","format":false,"excerpt":"Eine Kurzgeschichte wird oft nicht zum Roman, wenn ihr Autor nach einer gewissen Zeit - entweder aus Langeweile vor dem Thema oder aus Langeweile vor sich selbst, aus ideologischer Tr\u00e4gheit oder intellektueller Unlust heraus - die Handlung verdichtet. Der Autor forciert dann eine mehr oder weniger subtile Pointe, sei es\u2026","rel":"","context":"In &quot;Erinnerungsbr\u00f6sel&quot;","block_context":{"text":"Erinnerungsbr\u00f6sel","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=3"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":851,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=851","url_meta":{"origin":772,"position":4},"title":"Elend des Eingesperrtseins","author":"Bernd Heimberger","date":"1. Februar 2011","format":false,"excerpt":"Wer Abbas Khider\u00b4s Deb\u00fctroman \u201eDer falsche Inder\u201c verpa\u00dfte, sollte nun nicht auch \u201eDie Orangen des Pr\u00e4sidenten\u201c vers\u00e4umen. Gute Titel haben die Eigenschaft, Synonyme zu sein. Das trifft auf \u201eDie Orangen des Pr\u00e4sidenten\u201c zu. Er steht f\u00fcr Hoffnung, die den Hoffenden in die Hoffnungslosigkeit zur\u00fcckst\u00f6\u00dft. Genau das ist die Erfahrung des\u2026","rel":"","context":"In &quot;Besprechungen&quot;","block_context":{"text":"Besprechungen","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=88"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":834,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=834","url_meta":{"origin":772,"position":5},"title":"Fatale Folgen","author":"Bernd Heimberger","date":"4. Januar 2011","format":false,"excerpt":"Martha hat ihr Schicksal getragen. Geduldig, gebeugt und voller Gram. Und das fast dreieinhalb Jahrzehnte. Martha hat einen Suizidversuch \u00fcberlebt, den sie gemeinsam mit ihren vier T\u00f6chtern begehen wollte, als die Rote Armee einmarschierte. Marthas Leiden dauerte lebenslang. Der Krieg, in den sie geraten war, endete erst mit ihrem Tod.\u2026","rel":"","context":"In &quot;(3) Rezensionen&quot;","block_context":{"text":"(3) Rezensionen","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=21"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pcYSN4-cs","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/772","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=772"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/772\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5057,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/772\/revisions\/5057"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=772"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}