{"id":767,"date":"2010-07-18T20:57:32","date_gmt":"2010-07-18T19:57:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=767"},"modified":"2023-08-06T17:14:19","modified_gmt":"2023-08-06T16:14:19","slug":"poetischer-planet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=767","title":{"rendered":"Poetischer Planet"},"content":{"rendered":"<p>Was hat sich Franz Kafka dabei gedacht? Hat er sich was gedacht, als er h\u00e4misch-abweisend von der \u201eKuh vom Kurf\u00fcrstendamm\u201c sprach? Die Zur\u00fcckgewiesene war die Dichterin Else Lasker-Sch\u00fcler. Nicht nur Kafka wich der Frau gern aus.<br \/>\nWas hat sich Kerstin Decker dabei gedacht, die abf\u00e4llige Bemerkung Kafkas in ihrem Buch \u201eMein Herz \u2013 Niemanden\u201c zu zitieren? Die Autorin offeriert das Buch nicht als Biographie. Es ist eine Biographie. Keine simple chronologische Darstellung eines Lebens. Sich \u00fcber \u201eDas Leben der Else Lasker-Sch\u00fcler\u201c zu \u00e4u\u00dfern, bedeutete der Autorin, darauf zu achten, was ma\u00dfgeblich die Biographie bestimmte, um alle Achtsamkeit auf die bestimmenden Aspekte zu lenken. In der Besch\u00e4ftigung mit der Anderen, hat sich die Autorin ihre Autonomie als Schreiberin bewahrt. Das Buch \u00fcber und zu Else Lasker-Sch\u00fcler ist die Biographie einer ausgewiesenen Biographin. Eigenes in der Entdeckung des Fremden nicht zu unterdr\u00fccken hei\u00dft, sich der Absicht und des Auftrags der biographischen Darstellung bewu\u00dft zu sein. Kerstin Decker schreibt: \u201eEs ist die Pflicht der Biographen, R\u00e4tsel zu l\u00f6sen\u201c. Welches Leben ist ohne R\u00e4tsel? Das der Lasker-Sch\u00fcler ist eines der R\u00e4tselhaftesten in der deutschen Literatur. Die Verfasserin h\u00fctet sich, L\u00f6sungen f\u00fcr ausgemachte R\u00e4tsel anzubieten. Alle Geheimnisse der Lebensgeschichte der Dichterin und ihre Dichtungen aufzul\u00f6sen hie\u00dfe, sie auf die Realit\u00e4t zu reduzieren, der sie sich entzogen hatte. In der Ann\u00e4herung an die Dichterin bleibt Decker in der n\u00f6tigen wie respektablem Distanz. Sie biedert sich der Dichterin nicht an. Sie artikuliert Zweifel, wenn immer Zweifel in ihr sind, ohne die unverhohlene Zuneigung in Zweifel zu ziehen.<br \/>\nDie in Wuppertal als Else Sch\u00fcler Geborene war ein Wesen, das Manchem als ein Wesen aus einer anderen Welt erschien. Die Einen sahen sie als wandelnden Schmuckkasten, Andere als eine \u00fcberkandidelte Orientalin. Sie wurde verd\u00e4chtigt, eine stille Opiumnascherin zu sein. Nicht auf \u00c4u\u00dferliches aus, kann Kerstin Decker \u00fcber die auff\u00e4llige \u00c4u\u00dferlichkeit der Frau nicht hinwegsehen. \u201eSie ist eine, auf die man mit dem Finger zeigt\u201c, stellt die Biographin fest. Das praktische Leben \u00fcberforderte Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie war eine Forderin, die fortw\u00e4hrend \u00fcberforderte. Im Leben wie in der Literatur. Als lie\u00dfen sich Leben und Literatur trennen! Vor allem, wenn von Lasker-Sch\u00fcler gesprochen wird, die nie langweilig leben konnte. Nun vom Leiden und den Leidenschaften im Sein und Schreiben reden? Das w\u00e4re zu einfach. Decker macht sich nichts einfach und nichts Einfaches. Wissen will sie, warum die Dichterin wie war. Sagen will sie, was ihr zum Warum und Wie zu sagen m\u00f6glich ist. Sagen also, was nicht, was so noch nicht gesagt wurde!<br \/>\nKerstin Decker nimmt wahr, welches die seelischen Wahrheiten der Dichterin waren, die die Wahrheiten ihrer Dichtung wurden. Wieder und Wieder wird Lyrisches zitiert, um Beziehung und Bindung des Literarischen zum Leben nicht nur anzudeuten. Das Authentisch-Lyrische gilt. Die Autorin mu\u00df nicht analysieren. \u201eDiese Frau ist heimatf\u00fchlig\u201c, ist lakonisch notiert. Die Bedeutung dieser Bemerkung begreifbar zu machen, ist eine Aufgabe von \u201eMein Herz \u2013 Niemanden\u201c. Ihre Einsichten formuliert die Verfasserin formelhaft knapp, sobald sie die passenden biographischen Ereignisse aufruft oder aufgerufen hat.<br \/>\n\u201eHeimatf\u00fchlig\u201c zu sein bedeutet, Wuppertal und dem Bergischen Land willig wie unwillig verbunden zu bleiben. In Berlin Charlottenburg, wo Lasker-Sch\u00fcler ihr vitales Vagabundenleben Jahrzehnte lebte. In Jerusalem, wo die j\u00fcdische Emigrantin 1945 starb. Wo sich Lasker-Sch\u00fcler, in des Wortes Sinne, durchs Leben schlug, sie war die Verletzte, die in ihrer Existenz gef\u00e4hrdete, die nie eine verbindlich Unverbindliche sein konnte. Im Verlangen, Selbst zu sein, war sie eine Spielerin, die keine Grenzen kannte. Alles war ihr das M\u00f6glich-Unm\u00f6gliche oder Unm\u00f6glich-M\u00f6gliche. Gelebte Individualit\u00e4t verlangte ihren Preis. Else Lasker-Sch\u00fcler zahlte, zahlte und zahlte. In ihren Lieben und Freundschaften. In ihrer Mutterschaft, die durch den Tod des 27j\u00e4hrigen Sohnes Paul tief verletzt wurde. Wenn, dann geh\u00f6rte Paul das Herz der Lasker-Sch\u00fcler. Keiner Konvention verbunden, allem Konventionellen widerstehend und widerstrebend, existierte die Dichterin in ihrem poetischen Planetensystem, in dem sie auf Entdeckungen aus war, um die phantastischsten Entdeckungen zu machen. Um sich lebenslang als ewig 14j\u00e4hriger Knabe zu f\u00fchlen. Um als Tino, Prinz von Bagdad, als Jussuf, Prinz von Theben, durch die Tage zu ziehen. \u201eDer Nur-Mann, die Nur-Frau w\u00e4ren keine Sch\u00f6pfer. Das Sch\u00f6pferische ist zweipolig\u201c, ist einer der Schl\u00fcssels\u00e4tze zu Leben und Werk der Dichterin.<br \/>\nSubstanzielle S\u00e4tze dieser Art sind Teil der Qualit\u00e4t des Buches, die nicht das Selbstverst\u00e4ndliche ist. \u201eMein Herz \u2013 Niemanden\u201c ist keine blo\u00dfe Flei\u00dfarbeit. Es ist die flei\u00dfige Arbeit der Autorin, die sich aufs Verstehen und Verst\u00e4ndigen versteht. Das Prinzip der Collage, die geschickt Angeeignetes und Eigenes vereint, von Sigrid Damm seit Jahrzehnten praktiziert, ist auch das verbindliche Prinzip f\u00fcr die Lebensdarstellung der Lasker-Sch\u00fcler. Beide Schriftstellerinnen, die aus Ost-Deutschland kommen, bringen der deutschsprachigen Literatur das Schreiben von Biographien neu bei. Das ist ein Ereignis, wenn Seele Seele erkennt wie in \u201eMein Herz \u2013 Niemanden\u201c. Es ist ein frohes Aufatmen, wenn man durch das Buch ist. Es mu\u00df ein Aufatmen in Kerstin Decker gewesen sein, als der letzte Arbeitszettel ad acta gelegt wurde und der letzte Satz geschrieben. Welch eine Biographie! Welch eine Biographin!<\/p>\n<p>Kerstin Decker: Mein Herz \u2013 Niemanden. Das Leben der Else Lasker-Sch\u00fcler. Propyl\u00e4en Verlag: Berlin 2009. 473 Seiten, Geb., 22,90 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was hat sich Franz Kafka dabei gedacht? Hat er sich was gedacht, als er h\u00e4misch-abweisend von der \u201eKuh vom Kurf\u00fcrstendamm\u201c sprach? Die Zur\u00fcckgewiesene war die Dichterin Else Lasker-Sch\u00fcler. Nicht nur Kafka wich der Frau gern aus. 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