{"id":7223,"date":"2017-01-13T18:13:23","date_gmt":"2017-01-13T17:13:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=7223"},"modified":"2017-01-13T18:13:23","modified_gmt":"2017-01-13T17:13:23","slug":"das-testament-der-graefin-ulrike-kapitel-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=7223","title":{"rendered":"Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike &#8211; Kapitel 8"},"content":{"rendered":"<p>Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike, Kapitel 8<\/p>\n<p>Die Gr\u00e4fin war nicht zufrieden mit ihrer neuen Nichte. Die machte sich nicht n\u00fctzlich, lag den ganzen Tag in ihrem Zimmer herum, rauchte die kostbaren alten Tapeten voll, und abends zog sie \u00fcber Marietta und Joshua her oder langweilte mit Gespr\u00e4chen \u00fcber irgendwelche Fernsehstars.Nach ihrem Vater, dem Grafen Eduard, kam sie jedenfalls nicht.<\/p>\n<p>Mitunter kamen der Gr\u00e4fin Zweifel, ob diese Daniela wirklich ihre Nichte war und nicht etwa eine Schwindlerin. Doch die Papiere, die Daniela ihr vorgelegt hatte, waren echt. Sie war in der Tat die Tochter des verstorbenen Grafen Eduard. Dennoch, erst als sie sich \u00fcberzeugt hatte, dass Daniela Namen aus der weitentfernten Bekanntschaft der Rheinsteins nannte, die der Gr\u00e4fin schon lange entfallen waren, gab sie ihr Misstrauen auf.<\/p>\n<p>Da musste sie also noch einmal in die Stadt fahren, zu Dr. Wettlinger. Der Gute beschwerte sich nicht, aber ihr entging nicht, dass sein Unverst\u00e4ndnis von Mal zu Mal gewachsen war. Das verbarg er hinter einem verbindlichen L\u00e4cheln. Aber beschweren konnte sie sich nicht \u00fcber ihn. Bisher hatte er alle ihre \u00c4nderungsw\u00fcnsche prompt und korrekt erledigt.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t***<\/p>\n<p>Daniela streifte gelangweilt durch den Schlosspark. Schon von fern sah sie: Der G\u00e4rtner Joshua, die stattliche Erscheinung, war mit einem Rhododendronbusch besch\u00e4ftigt. Sie schlich sich in seinem R\u00fccken heran und hielt ihm die Augen zu. \u201eWer bin ich?\u201c, fragte sie \u00fcberm\u00fctig.<\/p>\n<p>Joshua versuchte sich Danielas zu erwehren. \u201eAber Gr\u00e4fin!\u201c Er sch\u00fcttelte den Kopf. Die Nichte der Gr\u00e4fin benahm sich nicht so, wie sie sollte. Er hatte sich, so gut es ging, immer vom Schloss ferngehalten, niemals h\u00e4tte er sich jemandem dort aufgedr\u00e4ngt. Aber nun kam die Nichte der Gr\u00e4fin hierher und versuchte mit ihm anzub\u00e4ndeln.<\/p>\n<p>\u201eWas hast du denn, Joshua?\u201c Daniela lachte. \u201eNur nicht so pr\u00fcde! Wir sind doch alle Menschen! Auch wenn ich eine Gr\u00e4fin bin! Und du bist schlie\u00dflich das einzige m\u00e4nnliche Wesen hier in dieser Ein\u00f6de, da kommt eine Frau schon mal auf Gedanken, die \u2026\u201c<br \/>\nSie sprach ihren Satz nicht zu Ende, sie war wohl zu weit gegangen.<\/p>\n<p>Joshua verbarg seine Gedanken. Er wandte sich br\u00fcsk wieder dem Rhododendronbusch zu und lie\u00df Daniela stehen. Die drehte sich auf dem Absatz herum. Dieser T\u00f6lpel! Das sollte er b\u00fc\u00dfen! Sie so zu besch\u00e4men! Dieser Lakai! Dankbar sollte er ihr sein, dass sie sich \u00fcberhaupt f\u00fcr ihn interessierte!<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t***<\/p>\n<p>Baronin Lichterfeld fuhr wieder mal in ihrem Cabrio vor. Wie immer hatte sie es eilig. Marietta war nicht verwundert, als sie sah, dass die nicht mehr junge Frau die Freitreppe hinaufst\u00fcrmte.<\/p>\n<p>\u201eUlrike, Liebste!\u201c Baronin Lichterfeld warf sich der Freundin in die Arme. \u201eErstaunliches geschieht! Du ahnst es nicht!\u201c<\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike l\u00e4chelte, sie kannte das hitzige Temperament der Freundin zu gut. \u201eWenn du die G\u00fcte h\u00e4ttest, meine Liebe, mir anzudeuten, worum es sich handelt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine Hochzeit, Ulrike. In meinem Hause! Mein \u00c4ltester will sich endlich unter das Joch beugen. Du kommst doch? Ich lass dich abholen. In zwei Wochen! Ach, Ulrike\u201c, die Baronin seufzte. \u201eEine Sorge bin ich los. Nun muss ich noch die beiden anderen standesgem\u00e4\u00df verheiraten. Sei froh, dass du damit nichts zu tun hast! Die Aufregung, nirgends ein Fleckchen, an dem man allein sein kann, \u00fcberall Pakete und herumliegende Papiere. Und die Leute \u2013 schrecklich! Diese vielen Leute! Ich kann dir sagen, alle hoffen, f\u00fcr sie f\u00e4llt auch etwas ab. Und, Ulrike, bring deine Nichte mit. Sie wird sich freuen, auch mal unter Menschen zu kommen. Ist doch wohl ein bisschen einsam hier f\u00fcr sie, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEinsam? F\u00fcr Daniela? Daran habe ich noch gar nicht gedacht. \u2013 Und du meinst, sie langweilt sich hier? Ich habe sie doch gefragt, ob es ihr hier gef\u00e4llt, und sie war ganz begeistert. Du meinst, sie hat mir etwas vorgespielt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas meine ich nicht nur. Es liegt doch auf der Hand: eine attraktive junge Frau der besten Gesellschaft und dieses Monsterschloss! Die einzige Unterhaltung: dich. Eine alte Frau. Und der G\u00e4rtner und die K\u00f6chin. Glasklar, dass sie sich hier zu Tode langweilt, da muss ich nicht hellsehen k\u00f6nnen!\u201c<\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike sah der Freundin sehr nachdenklich ins Gesicht.<\/p>\n<p>\u201eUnd mich vergisst du! Jeden Abend sitzt sie bei mir am Tisch. Ich w\u00fcrde gern mal einen Abend allein sein, aber nein \u2013 sie kommt und liegt mir in den Ohren. Mal war Marietta zu unfreundlich, mal der Joshua. Und ich glaube sogar, sie will Joshua hinausekeln. Aber eines sage ich dir: Eher trenne ich mich von meiner Nicht als von meinem G\u00e4rtner. Joshua, ein Mensch mit goldenen H\u00e4nden \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eSiehst du. Du sagst es selbst. Sie legt sich sogar mit deinem Personal an. Ach, Ulrike. Als wir so jung waren, sa\u00dfen wir doch auch nicht brav wie Pastorent\u00f6chter am Ofen. Wir sind zu B\u00e4llen gefahren und nachts erst heimgekehrt. Junge Menschen brauchen eben ein bisschen Unterhaltung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, du sagst es. \u2013 Ich werde sehen, was sich tun l\u00e4sst. Vielleicht schicke ich sie heute nachmittag mit Joshua in die Stadt. Er will einen neuen Rasenm\u00e4her kaufen, der alte hat endg\u00fcltig den Geist aufgegeben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEinen neuen Rasenm\u00e4her! Was brauchst du einen neuen Rasenm\u00e4her? Was sage ich dir seit Jahren, Ulrike? Gib das Schloss auf und zieh in eine kleine Villa in der Stadt. Ist \u00fcbrigens auch entschieden billiger, falls du mich fragst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, Liebste, liebe gute Freundin. Ich kann mich nun mal nicht trennen von diesem alten Gem\u00e4uer, so gern ich es auch t\u00e4te. Hier habe ich mein ganzes Leben verbracht. Auf meine alten Tage umziehen? In die Stadt? Nein, verlang das nicht.\u201c Sie sch\u00fcttelte energisch den Kopf. \u201eMute mir das nicht zu. Hier habe ich gelebt, hier will ich auch sterben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDir ist einfach nicht zu raten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcrs Raten habe ich Dr. Wettlinger.\u201c Gr\u00e4fin Ulrike lachte. \u201eUnd seine Ratschl\u00e4ge bereiten mir mehr als Kopfzerbrechen. Stell dir vor: Er meint, ich sollte das Schloss nicht dem Kunstverein vermachen, sondern Daniela damit abfinden. Neben einer geh\u00f6rigen Summe. Nat\u00fcrlich. Sie sei bei ihm gewesen und habe angedeutet, dass sie mit dem Schloss rechne.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann gibst du ihr eben den alten Kasten! Soll sie damit gl\u00fccklich werden. Schert es dich, wenn du in der Familiengruft liegst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ich habe das Schloss doch schon dem Kunstverein versprochen. Die Stadt rechnet damit! Wie stehe ich denn da, wenn ich jetzt sage, April, April, ihr k\u00f6nnte eure Ausstellungen weiter in den kleinen R\u00e4umen am Markt veranstalten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu musst wissen, was du tust.\u201c<\/p>\n<p>\u201eLeider. Wir Alten m\u00fcssen alles wissen und alles richten, und die Jungen machen sich einen sch\u00f6nen Tag. Auf Kosten meiner Nerven.\u201c<\/p>\n<p>Baronin Lichterfeld seufzte. \u201eWie recht du hast. Wenn ich nur an die Hochzeit denke. Alles ruht auf meinen Schultern. Mein Sohn \u2013 vergiss ihn! Der l\u00e4sst sich bis zur Hochzeit nicht mehr zu Hause blicken. \u2013 Aber ich habe es eilig, Liebste. Ich wollte dir nur die kleine \u00dcberraschung aus dem Hause Lichterfeld mitteilen.\u201c<\/p>\n<p>Die beiden Freundinnen umarmten sich innig. \u201eAch, Liebste\u201c, sagte Gr\u00e4fin Ulrike, \u201ewenn ich doch blo\u00df schon die Augen schlie\u00dfen k\u00f6nnte \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eDenk nicht daran! Du mit deiner Konstitution wirst hundert Jahre alt. Und deine Daniela wird sich umsehen, wie lange sie auf das Erbe warten darf. Ist dir das keine Genugtuung?\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike, Kapitel 8 Die Gr\u00e4fin war nicht zufrieden mit ihrer neuen Nichte. 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