{"id":7079,"date":"2017-01-05T05:15:59","date_gmt":"2017-01-05T04:15:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=7079"},"modified":"2017-01-05T05:15:59","modified_gmt":"2017-01-05T04:15:59","slug":"das-testament-der-graefin-ulrike-kapitel-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=7079","title":{"rendered":"Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike &#8211; Kapitel 6"},"content":{"rendered":"<p>Joshua hatte sich das Vertrauen der Gr\u00e4fin Ulrike erworben in den zwei Jahren, die seit seinem Ankommen im Schloss vergangen waren. Die Gr\u00e4fin war bezaubert von dem jungen Mann. Ihr Park war ein Park aus dem Bilderbuch geworden. Jeden Nachmittag lie\u00df sie sich von Marietta den Stammsessel ans Fenster r\u00fccken und sah stundenlang hinaus. Nicht wiederzuerkennen das einst so heruntergekommene Kleinod ihres verstorbenen Mannes. Und das alles dank der Tatkraft dieses jungen Menschen, den sie viel zu schlecht bezahlte.<\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike sa\u00df nachmittags am Tisch, \u00fcber Papiere gebeugt. Ach, das Testament! Sie w\u00fcrde es \u00e4ndern, der junge Joshua sollte auch noch bedacht werden. \u201eJoshua! Bitte komm doch mal!\u201c Marietta steckte den Kopf zur T\u00fcr herein. \u201eJoshua ist im Wirtschaftsgeb\u00e4ude, ich hole ihn, Frau Gr\u00e4fin!\u201c<\/p>\n<p>Joshua kam, mit G\u00e4rtnersch\u00fcrze und z\u00fcnftigem Strohhut. Er wischte sich die H\u00e4nde an der Sch\u00fcrze ab. <\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike \u00fcberkam jedesmal, wenn sie ihn anblickte, eine W\u00e4rme, die sie sich nicht recht erkl\u00e4ren konnte. War es die stattliche Gestalt des jungen Mannes, seine Bescheidenheit oder dieser offene, ehrliche Blick? Inzwischen war die Gr\u00e4fin zum Du \u00fcbergegangen, sie brachte es nicht \u00fcber die Lippen, Joshua noch weiter mit Sie anzureden, das so viel Abstand schaffte. Manchmal sogar hatte sie den Eindruck, dass Joshua mehr und mehr ihrem verungl\u00fcckten Sohn \u00e4hnelte. Ein m\u00fctterliches Gef\u00fchl \u00fcberkam sie dann, und am liebsten h\u00e4tte sie ihn in die Arme geschlossen, wie sie es einst mit ihrem kleinen Sohn getan hatte.<\/p>\n<p>\u201eJoshua, ich habe beschlossen\u201c, begann die Gr\u00e4fin, \u201edich in mein Testament aufzunehmen. Muss aber noch notariell festgelegt werden. Du f\u00e4hrst mich in die Stadt, zu Notar Wettlinger, zu meinem alten Freundfeind. Er wird \u00fcberrascht sein!\u201c Sie lachte.<\/p>\n<p>Noch \u00fcberraschter, als der Notar sein w\u00fcrde, aber war Joshua. \u201eFrau Gr\u00e4fin\u201c, stotterte er, \u201edas ist doch nicht n\u00f6tig. Sie bezahlen mich doch gut!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht gut genug, Joshua! Keine Widerrede! Was ich beschlossen habe, wird getan. Wann passt es dir? In einer Stunde?\u201c<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t***<\/p>\n<p>Joshua lie\u00df den Motor des goldmetallicfarbenen Mercedes laufen. Die Gr\u00e4fin, von Marietta gest\u00fctzt, erschien an der Schlosst\u00fcr. Joshua sprang aus dem Wagen und riss die T\u00fcr auf.<br \/>\nW\u00e4hrend der Fahrt beobachtete die Gr\u00e4fin den jungen Mann. \u201eIch sollte dir eine Chauffeursm\u00fctze kaufen\u201c, sagte sie spitzb\u00fcbisch, \u201esie w\u00fcrde dich bestimmt gut kleiden.\u201c<\/p>\n<p>Der Notar Dr. Wettlinger machte gute Miene, obwohl sie ihm schwerfiel. Wie oft wollte die Gr\u00e4fin Rheinstein noch ihr Testament \u00e4ndern? Zugunsten dieses jungen Schn\u00f6sels, den sie wer wei\u00df wo aufgegriffen hatte? Das sollte einer verstehen! Nun gut, dachte er sich dann, jede \u00c4nderung bedeutete zwar Schreibarbeit, doch jeder Handschlag erh\u00f6hte auch seinen Verdienst.<\/p>\n<p>\u201eIch hoffe, dies war das letzte Mal, lieber Dr. Wettlinger\u201c, sagte die Gr\u00e4fin, entschuldigend l\u00e4chelnd, als sie sich verabschiedete. \u201eNicht b\u00f6se sein. Ich habe eben so meine Vorstellungen vom Umgang mit zuverl\u00e4ssigem Personal.\u201c<br \/>\nAls sie im Schloss ankamen, lag die Post auf dem Tisch der Gr\u00e4fin. Ihr Blick fiel auf den obersten Brief: \u201eAn die Gr\u00e4fin Ulrike von Rheinstein\u201c. Ungeduldig schlitzte sie das Kuvert mit dem kleinen goldenen Brief\u00f6ffner auf. Der Brief bestand aus einem Blatt und war handschriftlich verfasst.<\/p>\n<p>\u201eLiebe Tante Ulrike\u201c, las sie voller Verwunderung. Tante Ulrike, Tante? Sie hatte doch \u00fcberhaupt keine Verwandtschaft mehr!<\/p>\n<p>\u201eMein Vater\u201c, las sie, \u201ehatte mir vor seinem Tod ans Herz gelegt, mich unbedingt bei Dir zu melden. Ich bin die Tochter deines Cousins dritten Grades Eduard, von dem Du Dich vor Jahrzehnten getrennt hattest, wie er mir sagte. Das aber soll kein Hinderungsgrund f\u00fcr mich sein, eine Blutverwandte dennoch aufzusuchen. Ich komme am Zw\u00f6lften des Monats nach Rheinstein, und dann erkl\u00e4re ich Dir alles. Deine Dich liebende Nichte Daniela.\u201c<\/p>\n<p>Der Brief fiel der Gr\u00e4fin Ulrike aus der Hand. Cousin Eduard, nat\u00fcrlich, an ihn konnte sie sich sehr gut erinnern, wenn auch viele, viele Jahre vergangen waren. Damals hatte er um ihre Hand angehalten, aber aus der Heirat wurde nichts. Sie konnte sich heute kaum noch an die Gr\u00fcnde erinnern. Waren eigentlich die Eltern gegen diese Verbindung gewesen? Nein, sie wusste es nicht mehr. Aber etwas war dazwischengekommen, etwas sehr Unangenehmes. Damals, erinnert sie sich, hatte sie geglaubt, ihr Leben sei zu Ende. Sie hatte sogar Hand an sich legen wollen. Aber dann hatte sie den Grafen Rheinstein auf einer Soiree kennengelernt, und nicht lange danach waren sie verheiratet gewesen.. Eduard hatte ihr das niemals verzeihen k\u00f6nnen und sich nie mehr bei ihr gemeldet, die Familien hatten sich aus den Augen verloren, und die Gr\u00e4fin dachte nie mehr an Eduard, die verflossene Liebe. Also eine Tochter hatte er, diese Daniela. Gut, sollte sie kommen. Dann musste Notar Dr. Wettlinger eben nochmals das Testament \u00e4ndern. Gr\u00e4fin Ulrike seufzte.<\/p>\n<p>Aber dass der Kunstverein das Schloss und einen Teil ihres Verm\u00f6gens bek\u00e4me, daf\u00fcr w\u00fcrde sie schon sorgen! Und Marietta und Joshua sollten auch nicht vergessen werden, egal, wie diese Nichte dritten Grades dazu stehen w\u00fcrde. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joshua hatte sich das Vertrauen der Gr\u00e4fin Ulrike erworben in den zwei Jahren, die seit seinem Ankommen im Schloss vergangen waren. Die Gr\u00e4fin war bezaubert von dem jungen Mann. Ihr Park war ein Park aus dem Bilderbuch geworden. Jeden Nachmittag lie\u00df sie sich von Marietta den Stammsessel ans Fenster r\u00fccken und sah stundenlang hinaus. 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