{"id":7036,"date":"2016-12-26T06:01:13","date_gmt":"2016-12-26T05:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=7036"},"modified":"2016-12-26T06:01:13","modified_gmt":"2016-12-26T05:01:13","slug":"das-testament-der-graefin-ulrike-kapitel-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=7036","title":{"rendered":"Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike &#8211; Kapitel 4"},"content":{"rendered":"<p>Der junge Mann, den Baronin von Lichterfeld zur Gr\u00e4fin Ulrike geschickt hatte, klopfte sch\u00fcchtern an das Schlossportal. Er war gro\u00df gewachsen und breitschultrig, hatte ein kluges Gesicht unter dichtem vollem Blondhaar. Als niemand \u00f6ffnete, bet\u00e4tigte er noch einmal den T\u00fcrklopfer, diesmal aber energischer. Er vernahm ein Schlurfen hinter der T\u00fcr, sie wurde einen Spaltbreit ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>\u201eSie w\u00fcnschen?\u201c Marietta musterte den Ank\u00f6mmling von Kopf bis Fu\u00df, machte aber keine Anstalten, ihn einzulassen. <\/p>\n<p>Der junge Mann r\u00e4usperte sich. \u201eBaronin von Lichterfeld schickt mich. Sie hat einen Termin mit der Gr\u00e4fin Rheinstein vereinbart.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo?\u201c Marietta stemmt die Arme in die H\u00fcften. Nachdem sie ihre Musterung beendet hatte, sagte sie gro\u00dfm\u00fctig: \u201eNa, dann kommen Sie mal.\u201c Sie ging voran.<\/p>\n<p>\u201eWie hei\u00dfen Sie? Joshua Wegner? Mein Gott, was f\u00fcr Namen die jungen Leute heute so verpasst kriegen!\u201c<\/p>\n<p>Instinktiv sagten ihr der versch\u00fcchterte Anblick des jungen Mannes und der Rucksack, den er sich \u00fcber die Schulter geworfen hatte, dass er nichts auf der Freitreppe verloren hatte, weshalb sie ihn den Dienstbotenaufgang hinauff\u00fchrte. Sie klopfte an die T\u00fcr zum Salon. Keine Antwort von drinnen, kein Ger\u00e4usch. <\/p>\n<p>\u201eIch sehe mal nach. Vielleicht schl\u00e4ft die Frau Gr\u00e4fin. Sie warten hier, junger Mann!\u201c<\/p>\n<p>Marietta verschwand hinter der Doppelt\u00fcr. Joshua Wegner blickte betreten zu Boden.<br \/>\nMinuten sp\u00e4ter \u00f6ffnete sich die T\u00fcr. \u201eBitte, Sie d\u00fcrfen eintreten\u201c, sagte Marietta mit \u00fcbertrieben einladender Geste.<\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike, die in der Tat ein wenig geruht hatte, sa\u00df schon wieder in ihrem ausladenden Stammsessel. Der junge Mann verbeugte sich.<\/p>\n<p>\u201eAh, Sie sind der freundliche Mensch, der mir im Park zur Hand gehen will\u201c, sagte Gr\u00e4fin Ulrike. &#8222;Das ist aber sch\u00f6n von Ihnen, ich freue mich, dass Sie so schnell vorbeigekommen sind.\u201c Sie reichte ihm die Hand. \u201eLeider f\u00e4llt mir das Laufen schwer. Baronin von Lichterfeld hat Ihnen sicher gesagt, dass ich Sie deshalb \u00f6fter in die Stadt schicken werde? Und wie hei\u00dfen Sie? Erz\u00e4hlen Sie. Und nicht so sch\u00fcchtern, ich fresse Sie nicht, junger Mann.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJoshua Wegner, ich habe Agrarwirtschaft studiert, bis jetzt aber noch nicht die passende Stellung f\u00fcr mich gefunden. Im Moment bin ich, ehrlich gesagt, sogar ohne Stellung. Aber ich habe Zeugnisse mitgebracht \u2026\u201c<\/p>\n<p>Die Gr\u00e4fin winkte l\u00e4chelnd ab. \u201eSchon gut, ich glaube Ihnen, ich brauche keine Zeugnisse. Ich verlasse mich lieber auf meine Menschenkenntnis.\u201c<\/p>\n<p>Sie musterte ungeniert den jungen Mann. Sauber, gescheit, dachte sie. \u201eUnd Ihre Eltern? Was machen sie?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMeine Eltern, Frau Gr\u00e4fin, sind leider schon verstorben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas tut mir leid. Sie sind also unabh\u00e4ngig? Oder gibt es jemanden, der auf Sie wartet?\u201c<\/p>\n<p>\u201eBis jetzt noch nicht.\u201c<\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike lachte. \u201eSie, junger Mann, machen Sie mir nichts vor! So ein h\u00fcbscher Junge und keine Freundin?\u201c<\/p>\n<p>Joshua Wegner err\u00f6tete. \u201eNun, ab und zu. Aber nichts Ernstes.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch frage Sie das, weil ich beabsichtige, Sie hier im Schloss unterzubringen. Sie sollen so etwas wie meine rechte Hand werden. Neben Ihrer Hauptbesch\u00e4ftigung als G\u00e4rtner in der Parkanlage selbstverst\u00e4ndlich.\u201c<\/p>\n<p>Joshuas Blick fiel auf die Hand der Gr\u00e4fin. Sie trug nur zwei schmale Eheringe, eine gepflegte und schmale Hand einer \u00e4lteren Dame.<\/p>\n<p>\u201eVon Parks verstehen Sie doch etwas?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEher von Landwirtschaft. Aber was mir fehlt, werde ich mir aneignen.\u201c<\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike musterte ihn jetzt neugieriger. \u201eSo ist es recht\u201c, sagte sie. Sie versuchte sich zu erheben. Joshua sprang herbei und half ihr. Dankbar l\u00e4chelte ihn die Gr\u00e4fin an. \u201eUnd woher kommen Sie, was f\u00fcr ein Landsmann sind Sie? Sie rollen so sch\u00f6n das R \u2013 wie Donnergrollen!\u201c <\/p>\n<p>\u201eIch bin aus Schleswig-Holstein, auf dem Dorf gro\u00df geworden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut, Herr Wegner.\u201c Gr\u00e4fin Ulrike stand jetzt vor Joshua, winzig klein.<\/p>\n<p>\u201eImmer schon habe ich mich gefragt, warum M\u00e4nner so gro\u00df werden m\u00fcssen\u201c, sagte sie. Sie blickte zu ihm auf. \u201eSie sind ja ein Riese, Herr Wegner.\u201c<\/p>\n<p>Wieder gesch\u00e4ftlich werdend, sagte sie: \u201eIch bezahle nach G\u00e4rtnertarif. Das ist kein Verm\u00f6gen, aber man kann davon leben. Bei guter Einarbeitung lasse ich mit mir \u00fcber eine Gehaltserh\u00f6hung reden. Sie sind doch einverstanden? \u2013 Und wann k\u00f6nnen Sie anfangen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn Sie wollen, schon morgen.\u201c<\/p>\n<p>Sie streckte ihm die Hand entgegen. \u201eAlso dann, Herr Wegner \u2013 ach, darf ich Joshua sagen? Schicken Sie doch Marietta zu mir. Sie wissen schon, die energische Person, die Sie eingelassen hat. Sie soll Ihnen Ihr Zimmer zeigen.\u201c<\/p>\n<p>Joshua f\u00fchlte die schmale, k\u00fchle Hand in der seinen. Er dr\u00fcckte sie zaghaft.<\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike lachte: \u201eNur zu! Ich zerbreche nicht, bin doch keine Porzellanpuppe! \u2013 Auf gute Zusammenarbeit, Joshua. Morgen fr\u00fch erkl\u00e4re ich Ihnen alles N\u00e4here.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der junge Mann, den Baronin von Lichterfeld zur Gr\u00e4fin Ulrike geschickt hatte, klopfte sch\u00fcchtern an das Schlossportal. Er war gro\u00df gewachsen und breitschultrig, hatte ein kluges Gesicht unter dichtem vollem Blondhaar. 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