{"id":7026,"date":"2016-12-19T06:20:53","date_gmt":"2016-12-19T05:20:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=7026"},"modified":"2016-12-19T06:20:53","modified_gmt":"2016-12-19T05:20:53","slug":"das-testament-der-graefin-ulrike-kapitel-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=7026","title":{"rendered":"Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike &#8211; Kapitel 2"},"content":{"rendered":"<p>Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike, Kapitel 2<\/p>\n<p>\u201eMein lieber Herr Knippel!\u201c Gr\u00e4fin Ulrike von Rheinstein, eine gutaussehende, gepflegte Frau h\u00f6heren Standes, sa\u00df in ihrem Stammsessel, einem altmodischen Unget\u00fcm von erstaunlichen Ausma\u00dfen. Sie hob l\u00e4chelnd den Finger. \u201eIch versichere Ihnen, lieber Knippel, dass ich mein Wort wahrmache. Der Kunstverein der Stadt liegt mir am Herzen, ich werde ihn in mein Testament aufnehmen, niemand wird sich beschweren m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Der Maler Friedemann Knippel, heute im Auftrag des st\u00e4dtischen Kunstvereins zu Verhandlungen mit Gr\u00e4fin Ulrike entsandt, verbeugte sich, so gut es ging in dem altmodischen Sessel. \u201eDessen bin ich gewiss, Frau Gr\u00e4fin\u201c, sagte er. \u201eUnser Ahnherr, unser aller Vorbild, der Maler Robert Meierfelder, w\u00fcrde erfreut sein. Schade, dass er Ihre Gro\u00dfz\u00fcgigkeit nicht mehr erleben kann.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hoffe, Sie erscheinen als Dank\u201c, Gr\u00e4fin Ulrike l\u00e4chelte, \u201ezu meiner Trauerfeier wenigstens mit Trauerflor. Wenn dieser, Sie werden verzeihen, lieber Friedemann, dieser bemerkenswerte Aufzug schon sein muss.\u201c<\/p>\n<p>Friedemann Knippel err\u00f6tete unter seinem Bart. Hastig kn\u00f6pfte er die abgeschabte Samtjacke \u00fcber dem Bauch zu. <\/p>\n<p>\u201eIch werde Ihnen eine kleine Summe anweisen lassen\u201c, meinte die Gr\u00e4fin, \u201edamit Sie sich einen anst\u00e4ndigen Stra\u00dfenanzug kaufen k\u00f6nnen. Immerhin, als Vorsitzender des Kunstvereins haben Sie auch mit der gew\u00f6hnlichen Welt zu tun.\u201c<\/p>\n<p>Wieder err\u00f6tete Knippel. \u201eAber nur noch zwei, drei Jahre\u201c, warf er ein, \u201edann werde ich abgel\u00f6st. Bis dahin\u201c, er sah an sich herunter, \u201ewird mein Aufzug hoffentlich standesgem\u00e4\u00df sein. \u2013 Sie sind zu gro\u00dfz\u00fcgig, verehrte Frau Gr\u00e4fin!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber Knippel, Lieber!\u201c Gr\u00e4fin Ulrike lachte auf. \u201eIch wei\u00df doch, dass Sie sich um den Vorsitz geradezu gerissen hatten. Ach, und was werden Sie tun, wenn die Abl\u00f6sung kommt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMalen, Frau Gr\u00e4fin, malen! Nichts als malen. Die Arbeit f\u00fcr den Kunstverein frisst mich auf. Auch wenn man mir das nicht gerade ansieht. Schlie\u00dflich bin ich der einzige noch lebende Sch\u00fcler unseres gro\u00dfen Vorbildes Robert Meierfelder. Und der J\u00fcngste bin ich leider auch nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Gr\u00e4fin Ulrike wurde ernst. \u201eJa, der ber\u00fchmte Meierfelder.\u201c Einen Moment lang versank sie in Schweigen. \u201eAuch er\u201c, meinte sie dann seufzend, \u201eauch er hatte keine Kinder.\u201c Ein schmerzliches L\u00e4cheln \u00fcberzog ihr Gesicht.<\/p>\n<p>\u201eDas war ein Gl\u00fcck f\u00fcr die Stadt, Frau Gr\u00e4fin! Was w\u00e4ren unsere Ausstellungsr\u00e4umlichkeiten ohne seinen Nachlass! Wer wei\u00df, wie der Nachwuchs entschieden h\u00e4tte!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNachlass, f\u00fcr dessen Erhalt die Stadt nun mich f\u00fcr zust\u00e4ndig h\u00e4lt!\u201c Gr\u00e4fin Ulrike lacht schon wieder.<\/p>\n<p>Knippel blinzelte. Der Vorschlag, Gr\u00e4fin Rheinstein die finanzielle Sorge um den Nachlass des ber\u00fchmten Sohnes der Stadt ans Herz zu legen, war von ihm gekommen.<\/p>\n<p>\u201eAber ich bin Patriotin genug, mich dieser Aufgabe gewachsen zu zeigen\u201c, sagte die Gr\u00e4fin, \u201evoll und ganz. Aber schon recht, lieber Knippel, schon recht. Bekommt n\u00e4mlich die Stadt mein Verm\u00f6gen nicht, geht es an den Staat. Eines Tages \u2026\u201c f\u00fcgte sie melancholisch hinzu.<br \/>\n\u201eIch bin schlie\u00dflich alt genug, um endlich abtreten zu k\u00f6nnen. Und der Kunstverein wartet.\u201c<br \/>\nSie l\u00e4chelte ironisch.<\/p>\n<p>Friedemann Knippel erhob sich. \u201eFrau Gr\u00e4fin \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie bleiben doch noch zum Essen? Ich will Sie nicht dr\u00e4ngen, es gibt ausgezeichneten Rehbraten, von meiner Herzensk\u00f6chin Marietta zubereitet. Ich esse nicht gern allein, und meine gute Freundin, die Lichterfeld, kommt erst am Nachmittag vorbei.\u201c<\/p>\n<p>Knippel verbeugte sich. \u201eWenn die Frau Gr\u00e4fin mich so charmant erpressen, was bleibt mir \u00fcbrig?\u201c<\/p>\n<p>Marietta steckte den Kopf zur T\u00fcr herein. \u201eWill die Frau Gr\u00e4fin, dass ich zwei Gedecke auflege? Oder will der Herr vom Kunstverein schon gehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eZwei Gedecke, Marietta. Dem Herrn Knippel gef\u00e4llt es bei uns, er tut mir den Gefallen, mit mir zu speisen. Er sch\u00e4tzt deine gute K\u00fcche. Erst eben hat er kaum Worte f\u00fcr deinen ber\u00fchmten Rehbraten gefunden.\u201c<\/p>\n<p>So viel Lob hatte Marietta nicht erwartet. Leise schloss sie die T\u00fcr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike, Kapitel 2 \u201eMein lieber Herr Knippel!\u201c Gr\u00e4fin Ulrike von Rheinstein, eine gutaussehende, gepflegte Frau h\u00f6heren Standes, sa\u00df in ihrem Stammsessel, einem altmodischen Unget\u00fcm von erstaunlichen Ausma\u00dfen. Sie hob l\u00e4chelnd den Finger. \u201eIch versichere Ihnen, lieber Knippel, dass ich mein Wort wahrmache. 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Und ich muss sehen, wie ich die Arbeit schaffe!\u201c Marietta, die K\u00f6chin auf Schloss Rheinstein, schimpfte. \u201eAber das Essen muss p\u00fcnktlich um eins auf dem Tisch stehen! Eine Pedantin, unsere liebe Frau Gr\u00e4fin!\u201c Jochen, der in\u2026","rel":"","context":"In &quot;Realit\u00e4tsschatten&quot;","block_context":{"text":"Realit\u00e4tsschatten","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=4"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":7028,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=7028","url_meta":{"origin":7026,"position":2},"title":"Das Testament der Gr\u00e4fin Ulrike &#8211; Kapitel 3","author":"Angelika","date":"21. Dezember 2016","format":false,"excerpt":"Kapitel 3 Schloss Rheinstein lag nahe einer mittelgro\u00dfen Stadt im Bergischen, malerisch eingebettet in die leicht h\u00fcglige Gegend. Es war ein vielhundertj\u00e4hriger, ehemals strahlendwei\u00dfer Bau, ein Wasserschloss. 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