{"id":6983,"date":"2016-12-16T13:29:52","date_gmt":"2016-12-16T12:29:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=6983"},"modified":"2016-12-16T13:29:52","modified_gmt":"2016-12-16T12:29:52","slug":"das-schnippchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=6983","title":{"rendered":"Das Schnippchen"},"content":{"rendered":"<p>Die Mittagssonne schien in die K\u00fcche. Inga trat ans Fenster und sah auf den menschenleeren Hof hinaus. <\/p>\n<p>Auf dem Herd brodelte das Mittagessen, es gab Mohrr\u00fcbeneintopf. Gern h\u00e4tte Inga etwas Opulenteres gekocht. Aber die Mutter brachte es fertig, keinen Bissen herunterzuschlucken, falls ihr das Essen nicht gefiel, egal, wie gut es zubereitet war. Und gestern hatte sie eher befohlen als gew\u00fcnscht, morgen zu Mittag Mohrr\u00fcbeneintopf essen zu wollen.<\/p>\n<p>\u201eInga! Ingachen! Komm doch!\u201c Inga l\u00f6ste sich widerwillig vom Fenster, sie musste sich anstrengen, der Mutter ein unbem\u00fchtes Gesicht zu zeigen, im Gehen probierte sie ein  L\u00e4cheln. <\/p>\n<p>Die Mutter streckte der Tochter die Arme entgegen, wortlos.<\/p>\n<p>\u201eAuf die andere Seite, Mutter?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Ingachen, wenn du so lieb sein w\u00fcrdest.\u201c Inga hob den Kopf der Mutter an, sie f\u00fchlte das sch\u00fcttere Dauerwellenhaar in der Handfl\u00e4che. Mit beiden Armen dr\u00fcckte sie den schweren Leib der Mutter auf die andere Seite, zum Fenster. <\/p>\n<p>\u201eGib mir deine Z\u00e4hne. Ich will nicht, dass du erstickst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn heute f\u00fcr ein Wetter, Ingachen?\u201c Nun, zahnlos, nuschelte die Mutter, und Inga empfand so etwas wie einen kleinen Triumph, den sie sich nicht erkl\u00e4ren konnte.<\/p>\n<p>\u201eOktoberwetter, Mutter. Herbst eben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber es scheint doch die Sonne.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Mutter, es ist ein sonniger Tag.\u201c<\/p>\n<p>Die Mutter griff zur Schnabeltasse auf dem Nachttisch. Sie schl\u00fcrfte mit ihrem zahnlosen Mund. Inga sa\u00df im Sessel am Fenster und warf ab und zu einen Blick hin\u00fcber zum Bett der Mutter.<\/p>\n<p>\u201eIst der Tee auch nicht zu kalt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs geht, ich trinke ihn gern ein bisschen lauwarm.\u201c Die Mutter lie\u00df den Kopf ins Kissen zur\u00fcckfallen. \u201eWann kommt denn dieser Nervt\u00f6ter, der mir die Spritze gibt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas wei\u00dft du doch, jeden Tag um dieselbe Zeit, gegen sechs. Was fragst du?\u201c<\/p>\n<p>Die Mutter blickte misstrauisch und, wie es Inga schien, pr\u00fcfend zu ihr hin\u00fcber. \u201eIch habe es vergessen. Ach, Ingachen\u201c, der zahnlose Mund der Mutter bewegte sich wie eine ge\u00f6ffnete Muschel, \u201eKind, ich will nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas du immer erz\u00e4hlst. Hab dich nicht so. Und dabei scheint die Sonne. Wei\u00dft du was, Mutter &#8211; wollen wir Mensch \u00e4rger dich nicht spielen?\u201c Inga hatte schon die Schrankt\u00fcr ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>\u201eNein, lass, heute nicht. Ich will reden. Lieber reden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWor\u00fcber, Mutter?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00df nicht. Ich denk manchmal, Inga, solange man redet, lebt man.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber du lebst doch. Und manchmal redest du viel zuviel. Achtzig Jahre sind kein Alter, Mutter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas macht denn dein Gerd inzwischen?\u201c Das Gesicht der Mutter belebte sich. \u201eWenn du bei mir bist? Du vernachl\u00e4ssigst ihn doch nicht etwa? Ich will nicht, dass ihr auseinandergeht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, Mutter. Wir gehen nicht auseinander. Gerd ist sowieso die Woche \u00fcber nicht zu Hause. Er kommt erst am Sonnabend.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSonnabend?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Sonnabend.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist doch keine Ehe, Kind.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, Mutter. Eine Ehe ist das nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist ja, als ob er dein Galan w\u00e4re. Aber lieb hast du ihn doch, nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMutter, ich bin siebenundf\u00fcnfzig.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine Antwort ist das nicht. Du gibst mir nie eine Antwort. Als ob ich nichts mehr begreifen w\u00fcrde. Alt und dumm, denkst du. So bist du, herzlos.\u201c<\/p>\n<p>Die Mutter schloss die Augen. Das tat sie immer, wenn sie mit Inga unzufrieden war.<br \/>\nInga erhob sich, sie musste nach der Suppe sehen.<\/p>\n<p>\u201eDein Vater, Inga\u201c, die Mutter \u00f6ffnete wieder die Augen, \u201eder ist ja schon lange tot. Lass mich nachrechnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSeit ich vierzehn war, Mutter.\u201c Inga stand schon an der T\u00fcr.<\/p>\n<p>\u201eJa, vierzehn warst du damals. Aber dass du jeden Sonntag mit ins Krankenhaus gekommen bist, das hat er dir nicht vergessen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch muss mich um die Mohrr\u00fcben k\u00fcmmern, Mutter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMach doch mal das Fenster auf, ich schwitze. Was gibt es denn heute zu essen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eHabe ich eben gesagt: Mohrr\u00fcbeneintopf. Noch eine Viertelstunde, Mutter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wollte heute gr\u00fcne Bohnen. Nie machst du, was ich dir sage.\u201c<\/p>\n<p>Inga stand vor dem Bett der Mutter. \u201eGib endlich Ruhe. Du plapperst und plapperst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDroh du mir ruhig. Ich schlag dir doch ein Schnippchen.\u201c Die Mutter schloss die Augen. <\/p>\n<p>Inga war ver\u00e4rgert. Ewiges Gerede, Schnippchen schlagen, ha! Die Mutter! Sie konnte froh sein, dass sie noch den Oberk\u00f6rper bewegen konnte.    <\/p>\n<p>Die Mutter musste gef\u00fcttert werden, L\u00f6ffel f\u00fcr L\u00f6ffel. Sie hatte es abgelehnt, selbst zu essen, sie wollte das Bettdeck nicht bekleckern. Der Eintopf war noch hei\u00df, Dampf stieg \u00fcber dem Teller auf. Inga hatte ihr die Z\u00e4hne wiedergegeben.<\/p>\n<p>\u201eWie oft hab ich dir schon gesagt, ich verbr\u00fch mir die Zunge! Du lernst nicht aus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann musst du warten, bis das Essen kalt ist.\u201c Inga setzte den Teller ab.<\/p>\n<p>\u201eAber ich habe jetzt Hunger.\u201c<\/p>\n<p>Inga r\u00fchrte, sie pustete den Rauch vom Teller. \u201eSo, jetzt. Mach den Mund auf, Mutter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn du mich verbrennst, schrei ich.\u201c Gehorsam \u00f6ffnete die Mutter den Mund. <\/p>\n<p>Endlich war der Teller leer. \u201eHast du noch Hunger?\u201c<\/p>\n<p>Die Mutter sch\u00fcttelte den Kopf. Ersch\u00f6pft lag sie im Kissen. <\/p>\n<p>Inga wischte ihr den Mund ab. \u201eGib mir die Z\u00e4hne. Erstick mir nicht.\u201c<\/p>\n<p>Inga war, w\u00e4hrend die Mutter schlief, einkaufen gewesen und hatte den Rest der Zeit in der K\u00fcche verbracht. Einen Moment lang \u00fcberlegte sie, ob sie sich im Schlafzimmer hinlegen sollte, entschied sich aber doch, in der K\u00fcche zu bleiben. Hier konnte sie besser h\u00f6ren, ob die Mutter erwachte.<\/p>\n<p>Nach dem Teetrinken wollte die Mutter Mensch \u00e4rger dich nicht spielen. Inga lie\u00df sie gewinnen.<\/p>\n<p>\u201eNoch ein Spiel?\u201c<\/p>\n<p>Die Mutter \u00fcberlegte. \u201eNein. Und Baccara kannst du ja nicht.\u201c<\/p>\n<p>Nein, Baccara konnte sie nicht. Es zu lernen, hatte sie vor Jahren abgelehnt. Kartenspiele! Vergeudete Lebenszeit! Jeden Mittwoch war die Mutter vor ihrem Unfall deshalb zu ihren Freundinnen aufgebrochen, der halbverr\u00fcckten Hilde Bork und der ehemaligen Schauspielerin Nadja Reuter, die Inga gestern bei ihrem Besuch mit l\u00e4ngst vergessenem Theaterklatsch in den Ohren gelegen hatte.<\/p>\n<p>\u201eHier, Mutter, ich habe dir die Zeitung mitgebracht.\u201c<\/p>\n<p>Die Mutter las Zeitung. Sie schlug den Mittelfalz auf und begann dort zu lesen, Politik interessierte sie nicht. Nur das Umbl\u00e4ttern und Ger\u00e4usche von der Stra\u00dfe unterbrachen<br \/>\ndie Stille des Zimmers.<\/p>\n<p>\u201eInga?\u201c Die Mutter faltete die Zeitung zusammen.<\/p>\n<p>\u201eJa, Mutter?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch will, dass du es f\u00fcr mich tust.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas soll ich tun?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu wei\u00dft schon. Es steht in der Zeitung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas steht in der Zeitung?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa das. Das mit dem Kreonikinstitut. Alle machen es.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKomm mir nicht mit diesem Unsinn, Mutter. Das ist was f\u00fcr Lebensm\u00fcde, f\u00fcr gehobene Leute, Mutter, Reiche, die zuviel Geld haben. Ach, Mutter. Wenn man dir schon mal eine Zeitung mitbringt &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber sie schreiben doch, es ist schmerzlos &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eLass sie schreiben. Du wirst hundert Jahre alt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eInga, mein Kind.\u201c Die Stimme der Mutter schmeichelte. \u201eInga. Komm zu mir, gib mir deine Hand.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNoch ein Wort und ich gehe!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu gehst? Du kannst mich doch hier nicht allein lassen! Undankbare, du ..\u201c<\/p>\n<p>\u201eWillst du noch ein Spiel Mensch \u00e4rger dich nicht?\u201c<\/p>\n<p>Die Mutter schob beleidigt die Unterlippe vor. \u201eLenk ruhig ab. Eines Tages schlag ich dir doch ein Schnippchen.\u201c <\/p>\n<p>Inga lie\u00df sie reden. Sie atmete auf. Die Mutter hatte sich beruhigt. Inga sah auf die Stra\u00dfe. Es war schon d\u00e4mmrig. Die Bilder verschwammen vor ihren Augen. Sie war m\u00fcde, jetzt ein wenig Schlaf, mehr w\u00fcnschte sie sich nicht. <\/p>\n<p>\u201eIch will nicht mehr, ich will nicht mehr, ich will nicht mehr!\u201c Der Schrei der Mutter riss Inga hoch. Die Mutter w\u00fchlte den Kopf ins Kissen, sie warf ihn herum, rechts, links, rechts, links.<br \/>\nDas Gesicht der Mutter verzog sich. Inga st\u00fcrzte sich auf sie. Sie umfasste den Kopf der Mutter. <\/p>\n<p>\u201eAber Mutter, wenn du &#8230;\u201c Sie k\u00fcsste das Gesicht der Mutter, die Stirn, die Wangen, die Nase. \u201eKein Wort mehr, Mutter! Kein Wort davon!\u201c Die Mutter wimmerte, winselte, st\u00f6hnte.<br \/>\n\u201eMuttilein, nicht doch, so doch nicht &#8230; H\u00e4tte ich dir blo\u00df nicht die Zeitung &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Die Mutter st\u00f6hnte, stie\u00df Unartikuliertes aus, mit schwachen Armen wollte sie die Tochter von sich wegschieben, Inga sah Tr\u00e4nen. Entschlossen lie\u00df sie den Kopf der Mutter los, sie richtete sich auf. \u201eAber wenn du es willst, Mutter &#8230;\u201c Ihre Stimme war tonlos. \u201e Ich tu es.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu tust es?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, Mutter. Wenn du es nicht anders willst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVersprich es.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin andermal.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu l\u00fcgst! Du l\u00fcgst mich an! Du l\u00fcgst deine Mutter an!\u201c Wieder dieses Winseln und Wimmern, die Mutter st\u00f6hnte, sie schlug mit den F\u00e4usten auf das Bettdeck. \u201eDu liebst mich nicht! Ich habe keine Tochter mehr &#8230; Keine Tochter &#8230; Du Undankbare &#8230; Du Tier!\u201c<br \/>\nSie stie\u00df einen Schrei aus. \u201eUndankbare &#8230; Undankbare &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Inga r\u00fchrte sich nicht. Sie kannte diese Anf\u00e4lle doch, sie sollten sie nicht mehr ber\u00fchren, sie hatte es vergessen. Der letzte Anfall lag ein paar Wochen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es schien Stunden zu dauern, ehe sich die Mutter wieder fasste.<\/p>\n<p>Die Mutter, bemerkte Inga dann, beobachtete sie aus Augenschlitzen. Als keine Reaktion von Inga kam, schn\u00e4uzte die Mutter sich die Nase und schoss feindselige Blicke hin\u00fcber zum Fenster, wo Inga sa\u00df.  <\/p>\n<p>Z\u00e4he Ruhe im Zimmer. Inga blickte hinaus, auf die Stra\u00dfe, die sich belebte. Die Autos fuhren mit eingeschalteten Scheinwerfern, Leute \u00fcberquerten die Stra\u00dfe. Zeit, im Zimmer Licht zu machen.<\/p>\n<p>\u201eBring mir ein Glas Wasser, Inga.\u201c Die Stimme der Mutter befahl. \u201eDreh mich vorher zum Nachttisch. Und ich will meine Z\u00e4hne.\u201c<\/p>\n<p>Im Flur sah Inga auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde, und der Pfleger w\u00fcrde klingeln.<br \/>\nSie lie\u00df das Wasser ein paar Minuten ins Abwaschbecken str\u00f6men, ehe sie das Glas volllaufen lie\u00df. Das Wasser war eiskalt.<\/p>\n<p>An der T\u00fcr fiel ihr das Glas aus Hand. Es zerschellte auf der Schwelle. <\/p>\n<p>Die Mutter lag auf dem R\u00fccken, den Kopf unnat\u00fcrlich ins Kissen gedr\u00fcckt, mit offenen Augen. Sie l\u00e4chelte. Triumphierend, mit vorgerecktem Kinn.<\/p>\n<p>Ingas F\u00fc\u00dfe bewegten sich zum Bett der Mutter. Sie trat auf etwas, es knirschte. Ein Tablettenr\u00f6hrchen. Es war leer. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mittagssonne schien in die K\u00fcche. Inga trat ans Fenster und sah auf den menschenleeren Hof hinaus. Auf dem Herd brodelte das Mittagessen, es gab Mohrr\u00fcbeneintopf. Gern h\u00e4tte Inga etwas Opulenteres gekocht. Aber die Mutter brachte es fertig, keinen Bissen herunterzuschlucken, falls ihr das Essen nicht gefiel, egal, wie gut es zubereitet war. 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