{"id":6704,"date":"2016-11-22T07:56:14","date_gmt":"2016-11-22T06:56:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=6704"},"modified":"2016-11-22T07:56:14","modified_gmt":"2016-11-22T06:56:14","slug":"der-einsame-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=6704","title":{"rendered":"Der einsame Mann"},"content":{"rendered":"<p>Der Bahnsteig hatte sich geleert, vorn wurde gepfiffen, der Zug ruckte an und glitt hinaus in die Nacht. Ein Mann, nicht mehr jung, blickte ihm nach, bis die roten Schlusslichter zu einem einzigen gl\u00fchenden Punkt verschwammen. <\/p>\n<p>Der Kiosk hatte noch ge\u00f6ffnet. Der Mann kaufte eine Schachtel Zigaretten und stand dann noch eine Weile auf dem Bahnhof herum. Er steckte sich eine Zigarette an und lief gem\u00e4chlich zur gro\u00dfen Treppe, die in den unterirdischen Bahnhof mit seinen S-Bahnsteigen f\u00fchrte. <\/p>\n<p>Es war ein unauff\u00e4lliger Mann. Er hatte etwas von einem kleinen Angestellten an sich, der seinen Kindern die Eigentumswohnung schuldenfrei \u00fcbergeben wollte und deshalb alle Dem\u00fctigungen im Amt auf sich nahm. Jemand, der ihn von weitem sah, dachte: Ein grauer Mann. Alles war grau an ihm: der Mantel, das nicht mehr ganz volle Haar, die Bl\u00e4sse des Gesichts im Schein der Bahnhofsbeleuchtung. <\/p>\n<p>Ein langer Tunnel f\u00fchrte zur Hauptstra\u00dfe, schwach von Neonlicht erhellt. Die einsamen Schritte des Mannes hallten von den graffitibeschmierten Kachelw\u00e4nden wider. <\/p>\n<p>Dass er m\u00fcde war, bemerkte er, als er die steile Treppe zur Stra\u00dfe hinaufstieg. Jeder Schritt ein Sieg \u00fcber sich selbst. Die Stra\u00dfe, es war eine breite Stra\u00dfe mit vier Fahrbahnen und einem begr\u00fcnten Mittelstreifen, empfing ihn wie einen, den sie nicht erwartet hatte, gleichg\u00fcltig, mit sich selbst besch\u00e4ftigt, im Halbschlaf. <\/p>\n<p>Noch auf ein Bier, dachte der Mann. Pr\u00fcfend warf er einen Blick in das kleine Imbisslokal an der Ecke, das erst seit kurzem ge\u00f6ffnet hatte. Es war fast leer. Zwei Fastbetrunkene verdeckten den Tresen, hinter dem der Mann einen Vietnamesen bemerkte, mit dem Sp\u00fclen von Gl\u00e4sern besch\u00e4ftigt. Er war schon an der T\u00fcr, als er sich anders entschied. <\/p>\n<p>Der Mann war auf dem Weg zu seiner Wohnung, einer leeren Wohnung, in einer der Seitenstra\u00dfen. Dass er auf das Bier verzichtet hatte, mochte Gr\u00fcnde haben, er dachte nicht dar\u00fcber nach. An der menschenleeren Kreuzung musste er warten. L\u00e4cherlich, dachte der Mann, nachts an der Ampel warten. Aber er wartete, er hielt viel von Disziplin, auch wenn sie heute nacht niemandem auffallen mochte. Vielleicht sa\u00df irgendwo jemand vor einem Bildschirm mit der Kreuzung und war es zufrieden, dass die Ampel funktionierte. Er sollte nicht entt\u00e4uscht werden, nicht von ihm.<\/p>\n<p>Es war eine Flucht. Er hasste es, sich verstecken zu m\u00fcssen. Aber es war eine Flucht.<br \/>\nHeute nacht war er aus seiner Familie geflohen. Aus einer Familie, die er nicht mehr wollte und die er verabscheute. Das war nicht ganz richtig, er verabscheute nicht die gesamte Familie, nicht den Sohn und die Tochter, er verabscheute nur seine Frau. Er hatte sie auf die Bahn gesetzt, um Ruhe zu haben, vielleicht zwei Wochen lang, so lange w\u00fcrde sie sich bei ihren Eltern mit den Kindern aufhalten k\u00f6nnen, ohne dass sie Verdacht sch\u00f6pften. <\/p>\n<p>Er hatte die Scheidung eingereicht. Die Kinder, noch zu jung, um Mitleid mit ihm zu empfinden, aber schon zu alt, als dass sie nicht begriffen, geh\u00f6rten zur Mutter. Er wusste nicht, ob er den Jungen liebte, sicher w\u00fcrde er zur Mutter halten. Anders die Tochter. Er sei ihr Lieblingspappi, sagte sie. Aber das war schon egal, und wenn er ehrlich zu sich selbst war, wusste er, dass er kein Vater war, nicht mehr ihr Vater, sondern nur noch der Schlafbursche, dem die W\u00e4sche gewaschen und das Essen vorgesetzt wurde. So \u00e4hnlich hatte sich seine Frau ausgedr\u00fcckt, als sie dar\u00fcber sprachen. Auf keinen Fall, hatte sie gemeint, ihre Einwilligung in die Scheidung behalte sie sich vor, sie h\u00e4nge von der H\u00f6he des Unterhalts ab. Es war das l\u00e4ngste Gespr\u00e4ch, das sie seit vier Jahren miteinander gef\u00fchrt hatten. Er hatte seine Einsamkeit und Verlassenheit in diesem l\u00e4cherlichen Zustand, den sie noch immer ihre Ehe nannte, nicht erw\u00e4hnt. Sie h\u00e4tte ihn ausgelacht. Sie verstand nichts. Wenn ihre Ehe noch eines war, dann war sie absurd.<\/p>\n<p>Der Mann hatte sein Haus erreicht, ein Berliner Mietshaus mit Vorder- und Seiteneingang, auf dem stand: Nur f\u00fcr Personal. Er nahm den Personaleingang und stieg die drei Treppen hinauf, bem\u00fcht, leise aufzutreten, damit die Nachbarn hinter den braungeschnitzten T\u00fcren nicht aufmerksam wurden. Die Treppe hatte einen roten Kokosl\u00e4ufer. Der Mann stolperte immer auf derselben Stufe. Wie jedesmal, fluchte er auch heute nacht. Dann fluchte er, weil er zu laut geflucht hatte.<\/p>\n<p>Als er den Flur betrat, f\u00fchlte er sich endlich frei. Es war eine Freiheit, er wusste es, die nicht lange w\u00e4hren w\u00fcrde, er musste sie auskosten. In der K\u00fcche roch es nach Basilikum, das seine Frau auf dem Fensterbrett z\u00fcchtete. Der Duft war ihm angenehm. Aber dann fiel ihm ein, dass auch dieses Kraut ein Teil seiner Frau war, und er nahm die beiden T\u00f6pfe und warf sie in den M\u00fclleimer. <\/p>\n<p>Im Wohnzimmer schaltete er den Fernseher ein und suchte lange nach einem Programm. Endlich fand er einen Sender, der ihm zusagte. Eine Frau, nur mit einem Pullover bekleidet, den sie \u00fcber die Br\u00fcste gezogen hatte, sa\u00df breitbeinig in einem Sessel, und der Mann hoffte darauf, dass die Kamera l\u00e4nger auf der Frau weilen w\u00fcrde, aber sie schwenkte ab auf das Gesicht der Frau. Das Frauengesicht schien ihm zu raffiniert, zu ausgekocht, ihn interessierte nicht mehr, welche obsz\u00f6nen Verrenkungen die Frau auf dem Bildschirm noch anstellen w\u00fcrde. Er schaltete den Fernseher ab.<\/p>\n<p>Die Zeitung lag an ihrem Platz neben dem Fernseher. Er suchte die Seite mit den kleingedruckten Anzeigen, fuhr mit dem Zeigefinger \u00fcber sie hin, blieb dann an einer h\u00e4ngen.<br \/>\nSwetlana. Der Name gefiel ihm.<\/p>\n<p>Es war nichts los. Die Nacht war halb vorbei. Morgen, nahm sich der Mann vor. Er w\u00fcrde sehr lange duschen und sehr lange fr\u00fchst\u00fccken und dann ans Telefon gehen. Morgen, sicher erst mittags. Ja, er war einsam. Einsamer als er war niemand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bahnsteig hatte sich geleert, vorn wurde gepfiffen, der Zug ruckte an und glitt hinaus in die Nacht. Ein Mann, nicht mehr jung, blickte ihm nach, bis die roten Schlusslichter zu einem einzigen gl\u00fchenden Punkt verschwammen. Der Kiosk hatte noch ge\u00f6ffnet. 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