{"id":6539,"date":"2016-11-08T11:56:30","date_gmt":"2016-11-08T10:56:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=6539"},"modified":"2016-11-08T20:22:37","modified_gmt":"2016-11-08T19:22:37","slug":"ankunft-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=6539","title":{"rendered":"Ankunft"},"content":{"rendered":"<p>15.02.1979<\/p>\n<p>Seit elf Tagen nun schon liegen jeden Morgen die Stullen und die Thermoskanne in der Durchreiche. Gisa mag es so. Sie k\u00f6nnten auch irgendwo in der K\u00fcche, auf dem K\u00fchlschrank oder auf dem Wohnzimmertisch liegen. Das w\u00e4re f\u00fcr mich viel praktischer. So aber muss ich an der Wohnzimmert\u00fcr um die Ecke laufen und den Sessel zur Seite schieben, um an die Durchreiche zu kommen und die Stullenpakete mit Kaffee einzupacken. Die Durchreiche ist ein kleines Fenster zur K\u00fcche. Gisas Fenster. Sie hat drumherum eine Borte festgemacht. Am Abend geh\u00e4kelt und mit Rei\u00dfzwecken befestigt. Gisa macht gern Handarbeiten. Meine Thermoskanne hat sie auch in einen H\u00e4kelbeutel gesteckt. Ich habe ihr gesagt, dass der Muckefuck nun nicht viel anders schmeckt und genauso hei\u00df ist wie vorher, weil die Wolle nicht noch mehr isoliert. Aber damit muss ich immer vorsichtig sein, Gisa hat nur die achte Klasse und f\u00fchlt sich deswegen gleich angegriffen.<\/p>\n<p>Wenn ich durch das Treppenhaus vorbei an Schuhschr\u00e4nken und durchn\u00e4\u00dften Winterstiefeln gehe, schl\u00e4ft noch alles. Meine Schicht beginnt vier Uhr drei\u00dfig. Gisas Wecker klingelt erst in einer Stunde. Jeden Tag wacht sie auf mit der gleichen Melodie: &#8222;Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin&#8230;&#8220; Den Wecker habe ich ihr aus Berlin besorgt. Das hat mich zwei Holzengel und einen Herrnhuter Weihnachtsstern gekostet. Danach sind die Leute schier verr\u00fcckt. Zuhause hatten wir auch einen Stern statt der Flurlampe h\u00e4ngen. Das war das letzte Weihnachtsfest gemeinsam mit der Oma, Gisas Mutter. Ich glaube, in der neuen Wohnung k\u00f6nnen wir den Stern gar nicht anbringen. Der Flur ist viel zu klein daf\u00fcr. Eigentlich ist das gar kein richtiger Flur. Ich muss wohl auch so ein Schuhregal f\u00fcr vor die T\u00fcr bauen. Gisas Schuhe aber sollen drin in der Wohnung stehen bleiben. Das sind ja alles Tanzschuhe. Ganz feines Leder. Fr\u00fcher waren wir immer unterwegs. War schon ein flottes M\u00e4del, die Gisa. Mal sehen, was es hier so gibt. Wir m\u00fcssen uns ersteinmal eingew\u00f6hnen, das kommt schon noch.<\/p>\n<p>Ich stehe an der Haltestelle und blicke auf die Platte, in der nur wenige Fenster schwach erleuchtet sind. Meine Platte, die mir seit vierzehn Tagen eine Wohnstatt ist. Hier kommt das Wasser aus der Wand, habe ich meinen Kindern gesagt, als wir unsere Heimat verlie\u00dfen. Der Vati wird gebraucht, sagte Gisa unseren M\u00e4dchen. Wir packten unsere M\u00f6bel und die Schrankwand von unserer Hochzeit mussten wir zerteilen. Meine alten Kollegen haben mir einen Laster besorgt. Helmut kam mit: Ich lass euch doch nicht allein mit dem ganzen Zeug hier, sagte er. Ich glaube, er wollte auch von seiner Frau mal weg. Die trank hin und wieder und machte Helmut das Leben nicht einfacher.<\/p>\n<p>Es war ein kalter Wintertag. Die Oma weinte, die Kinder weinten, Gisa weinte. Auf der Fahrt fuhren wir an bunten Wegweisern vorbei: Plaste und Elaste aus Schkopau. Nach drei Stunden waren wir da. Die Kinder schliefen im Auto, und Gisa und ich standen vor dem grauen Koloss. Gisa nahm meine Hand. Ich sagte zu ihr, dass der Aufzug sicher bald eingebaut w\u00fcrde, es ist ja nur der f\u00fcnfte Stock und wir noch jung. Eine Gardine wurde zur Seite geschoben und ein Mann mit Brille rief aus dem Fenster:&#8220;Seit ihr die Neuen? Ich bin K\u00f6nig aus der Dritten. Soll ich helfen kommen?&#8220; Ich blickte meine Frau an: &#8222;Siehst du, Gisa, so sind sie! Immer hilfsbereit.&#8220; Gisa sagte nichts und ging die Kinder aufwecken. Meine M\u00e4dchen sch\u00e4lten sich aus dem Auto und zitterten. Vor Schl\u00e4frigkeit, aus Angst vor dem Neuen und Unbekannten. Kathrin, die J\u00fcngste, hielt ihr Pl\u00fcschtier, ein rostrotes Eichh\u00f6rnchen, fest umklammert. Ich b\u00fcckte mich zu ihr, zog ihr die Jacke zu und meinte: &#8222;Wenn du willst, kannst du sofort baden. Und der Vati muss nicht den Ofen einheizen! Das Wasser kommt sofort ganz hei\u00df aus der Wand!&#8220;. Ich nahm sie auf den Arm und ging auf den Mann aus der Dritten zu. Herr K\u00f6nig zwackte Kathrin in die schlafrote Wange: &#8222;Na Kleine, so schlimm wirds nun auch nicht.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15.02.1979 Seit elf Tagen nun schon liegen jeden Morgen die Stullen und die Thermoskanne in der Durchreiche. Gisa mag es so. 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