{"id":6520,"date":"2016-11-09T09:58:38","date_gmt":"2016-11-09T08:58:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=6520"},"modified":"2016-11-09T09:58:38","modified_gmt":"2016-11-09T08:58:38","slug":"deja-vu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=6520","title":{"rendered":"D\u00e9j\u00e0-vu"},"content":{"rendered":"<p>Frau Reimann hatte ein Zimmer in einem kleinen Hotel in Smichov bestellt, telefonisch.Von Smichov  aus konnte man auf ganz Prag hinuntersehen, wie auf einem Tablett lag die Stadt einem zu F\u00fc\u00dfen. Das Prager Meer, hatten sie fr\u00fcher gesagt. Sie liebte Prag, auch wenn sie noch ein Kind war damals, erst sieben Jahre alt, als sie fl\u00fcchten mussten. Die Familie hatte in der Altstadt gewohnt, in der Stabenovgasse. Das Haus stand noch. Bekannte, die nach Prag gefahren waren, hatten es ihr gesagt. Das Haus hatte ihrem Vater geh\u00f6rt, einem Wehrmachtsoffizier. Er hatte es von einer j\u00fcdischen Familie, die ausgesiedelt worden war, wie ihr die Mutter gesagt hatte. Des Vaters Name war im Grundbuch eingetragen, sie hatte eine Chance. Ob sie diese Chance nutzen w\u00fcrde, wusste sie noch nicht. Aber sie wollte das Haus wiedersehen, wenigstens das, f\u00fcrs erste. Vor Ort sah immer alles ganz anders aus.<\/p>\n<p>Es ging nicht mehr viel hinein in den Koffer. Den Bademantel \u00fcber den Arm geworfen, mit schlurfendem Schritt, ging sie ins Bad. Sie h\u00e4ngte den Bademantel an den Haken. Wie sie es geahnt hatte: Der Koffer war aufgesprungen, als sie zur\u00fcckkam. Sie nahm noch ein paar Kleidungsst\u00fccke heraus: einen Pullover f\u00fcr kalte Tage, den engen Rock. Jetzt lie\u00df sich der Koffer gut schlie\u00dfen, sie musste nicht mehr bef\u00fcrchten, dass er unterwegs aufgehen w\u00fcrde.<br \/>\nSie hob ihn an: Tonnenschwer!<\/p>\n<p>Die Stadt schlief noch. Ein paar Autos waren unterwegs. Sonst nichts, kein Mensch auf der Stra\u00dfe. Der Zug nach Prag ging fr\u00fch ab. Sie hatte den falschen Zug gew\u00e4hlt, der Nachmittagszug w\u00e4re praktischer gewesen, dann h\u00e4tte der Junge den Koffer tragen k\u00f6nnen, sie h\u00e4tte ihn schon \u00fcberredet. Er hatte sich geweigert. Bei der Sache mache er nicht mit, hatte er gesagt, mit ihrer schauerlichen Nostalgie k\u00f6nne er nichts anfangen. Den armen Tschechen das Haus unter dem Hintern wegziehen, dazu sei auch nur sie f\u00e4hig.<\/p>\n<p>Der Zug stand abfahrbereit, als sie sich mit dem Koffer die Treppe hochgequ\u00e4lt hatte.<br \/>\nEr war voll, junge Leute, Tschechen, die nach Hause fuhren, hatten alle Sitzpl\u00e4tze belegt.<br \/>\nErst am Ende des Zuges fand sie noch einen Sitzplatz. Sie sah aus dem Fenster, und als der Zug die Grenze passierte, sie wusste nicht, dass es die Grenze war, wurde es lauter im Zug. Die jungen Leute waren zu Hause, sie lachten jetzt und Scherze flogen hin und her.<\/p>\n<p>Landschaft, ein paar Berge, nichts als Gr\u00fcn vor dem Fenster, es flog vorbei. Einmal, als sie Prag schon n\u00e4hergekommen waren, der Zug fuhr durch einen Vorort, glaubte sie ein Haus wiederzuerkennen, sie konnte den Blick nicht losrei\u00dfen. Es war ein Blick in die Kindheit, die beh\u00fctete Kindheit, das Wohlleben. W\u00e4re nur das Ende nicht gewesen.<\/p>\n<p>An das Ende konnte sie sich kaum erinnern. Die Mutter sagte, sie h\u00e4tten fl\u00fcchten m\u00fcssen, sonst h\u00e4tte man sie alle, die Deutschen, totgeschlagen. Woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie sehr lange laufen musste, an der Hand der Mutter. Das war alles. In Dresden waren sie dann gestrandet.<\/p>\n<p>Jahrzehntelang, nach dem Tod der Mutter, hatte sie nicht mehr an Prag gedacht. Einmal aber, es war kurz vor dem Ende der DDR gewesen, war ihre Betriebsbrigade zu einem Ausflug nach Prag gefahren, kostenlos, die Gewerkschaft hatte Fahrt und \u00dcbernachtung bezahlt. Sie war nicht mitgefahren, hatte sich herausgeredet: Der Junge, er studierte noch, sie k\u00f6nne ihn nicht allein lassen. Als die Kollegen dann zur\u00fcckkamen, wollte sie nichts h\u00f6ren von Prag. Dass sie Sudetendeutsche war, verriet sie niemanden, auch hatte sie den b\u00f6hmischen Tonfall recht schnell verloren, schon in der Schulzeit. Der Vater war 1943 in Russland gefallen, und die Mutter hatte sich mit ihr durchschlagen m\u00fcssen, und jedes dritte Wort war Prag gewesen. Die Mutter wollte bis zum Schluss nicht begreifen, dass ihre Heimat jetzt Dresden hie\u00df. <\/p>\n<p>Das Haus in der Stabenovgasse geh\u00f6rte ihr, sie war die Erbin. Sie hatte es schriftlich, den Grundbuchauszug. Dort stand es: Ewald Wippke, eingetragen am 31. Juli 1942. <\/p>\n<p>Der Bahnhofslautsprecher rief die Station aus: Praha. Mehr verstand sie nicht, sie sprach kein Tschechisch. Sie nahm einen Bus, er fuhr hinauf nach Smichov. Das Hotel war eine mehrst\u00f6ckige Villa im Jugendstil. An der Rezeption wurde deutsch gesprochen, doch der Mann hinter dem Tresen war unfreundlich. Wortlos f\u00fchrte er sie hinauf in ihr Zimmer, unter dem Dach. Das Zimmer hatte runde Fenster. Sie \u00f6ffnete eines. Prag, die Stadt lag ihr zu F\u00fc\u00dfen. <\/p>\n<p>Die Kindheit war wieder da. Das Haus, es hatte zwei Etagen, es war schmal gewesen, eingezw\u00e4ngt zwischen andere schmale H\u00e4user in der Altstadt. Sie wusste, wo sie es von hier oben suchen m\u00fcsse. Aber dann schloss sie das Fenster. Morgen, dachte sie, morgen ist auch noch ein Tag.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen fuhr sie mit dem Bus nach Prag hinein. Sie musste die Metro nehmen, um zur Altstadt zu gelangen. Sie kannte sich nicht aus. Erst als sie vor dem Rathaus stand, die Touristen sah, die ah und oh riefen, als sich das Turmwerk in Bewegung setzte und als sie in den Stadtplan sah, lief sie los, zur Stabenovgasse. <\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe hatte sich ver\u00e4ndert. Sie glaubte, sich erinnern zu k\u00f6nnen, dass es im Eckhaus ein kleines Restaurant gegeben hatte. Sie fand es nicht. Fachwerkh\u00e4user, rechts und links, zwei L\u00fccken wie Zahnl\u00fccken im Stra\u00dfengebiss. Sie konnte die Schilder nicht lesen, eine Baufirma wollte dort bauen. <\/p>\n<p>Das Haus stand noch, es war restauriert, das sonnenbeschienene Wei\u00df des Fachwerks lie\u00df die Augen schmerzen, das Haus war bewohnt. Sie las die Namen am Klingelschild: tschechische Namen. Sie wusste nicht mehr, welches ihr Fenster gewesen war. Sie stand am ausgetretenen Stein vor der schmalen Eingangst\u00fcr, einen Fu\u00df auf dem Stein, und sah hoch. Hinter allen Fenstern Gardinen. Sie kramte den Fotoapparat aus der Handtasche und trat ein paar Schritt zur\u00fcck, damit sie das Haus als Ganzes aufs Bild bek\u00e4me. Ein Mann blieb stehen und beobachtete, wie sie es fotografierte. Er sagte nichts, bevor er weiterging.<\/p>\n<p>Wenn sie jetzt auf einen Klingelknopf dr\u00fccken w\u00fcrde und sagen, das Haus geh\u00f6re ihr \u2013 was w\u00fcrde geschehen? Dann w\u00fcrde geschehen, was sie schon einmal erlebt hatte, nur umgekehrt. Damals hatten sie in Dresden vor ihrem Haus gestanden, zwei Br\u00fcder aus Westdeutschland, Erben eines gottvergessenen Besitzers. Der Junge war zu jung gewesen, um etwas dagegen zu unternehmen, das Wortgepl\u00e4nkel richtete nichts aus. Sie wusste nicht, was tun, und sie war mit ihm ausgezogen, hinaus aus Dresden, in eine kleine Wohnung. Aber das schmerzliche Gef\u00fchl, dass sie an jenem Tag ihr ganzes bisheriges Leben aufgeben musste, das war geblieben. <\/p>\n<p>Sie warf noch einen Blick auf das Haus, als sie langsam durch die Stabenovgasse zur\u00fcckging. Die Kamera \u00fcber der Schulter, eine vermeintliche Touristin, schlenderte sie den Rest des Tages durch die Altstadtgassen.Vom Wenzelsplatz hatte sie geh\u00f6rt und auch \u00f6fter Bilder von ihm im Fernsehen gesehen. Der Platz war belebt, voller Touristen. In einem Schnellrestaurant verschlang sie eine Wurst mit Pommes.<\/p>\n<p>Abends war sie wieder in Smichov. Sie bezahlte das Hotelzimmer, am n\u00e4chsten Morgen w\u00fcrde sie abreisen, erkl\u00e4rte sie dem Unfreundlichen hinter dem Tresen. Sie glaubte, so etwas wie Zufriedenheit in seinem Gesicht gelesen zu haben.<\/p>\n<p>Die Aufnahme w\u00fcrde nicht sehr gut sein, sie hatte sich die Kompaktkamera von einer Freundin geliehen, sie fotografierte nie. Aber sie w\u00fcrde sich das Foto einrahmen und auf die  Anrichte stellen, zu den Familienbildern, neben das Bild des Vaters in seiner Uniform, das sie wieder hervorgeholt hatte, erst neunzig, nach der Wende, wie diese Zeit heute genannt wurde. Sie w\u00fcrde nicht wissen, weshalb sie das t\u00e4te, aber sie w\u00fcrde es tun. Es geh\u00f6rte sich so f\u00fcr eine Vertriebene.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Reimann hatte ein Zimmer in einem kleinen Hotel in Smichov bestellt, telefonisch.Von Smichov aus konnte man auf ganz Prag hinuntersehen, wie auf einem Tablett lag die Stadt einem zu F\u00fc\u00dfen. Das Prager Meer, hatten sie fr\u00fcher gesagt. 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