{"id":6482,"date":"2016-11-06T16:45:15","date_gmt":"2016-11-06T15:45:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=6482"},"modified":"2019-02-22T19:56:12","modified_gmt":"2019-02-22T18:56:12","slug":"irritation-indignation-und-inspiration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=6482","title":{"rendered":"Irritation, Indignation und Inspiration (Flucht und Widerkehr XI)"},"content":{"rendered":"<p>Heute ist wieder mieses Wetter. Trotzdem f\u00fchle ich mich so lala,\u00a0 vielleicht ein wenig <em>verkaufsoffen<\/em>, wie man im real existierenden Kapitalismus liturgisieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt m\u00f6chte ich mich heute \u00fcber alte Leute lustig machen, ganz ohne schlechtes Gewissen und anfangs einfach weil ich noch nicht alt bin (<em>I&#8217;ve got a feeling<\/em>). So wie unreife Jugendliche sich \u00fcber Erwachsene lustig machen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde es jedoch nicht \u00f6ffentlich tun, denn das k\u00f6nnte alte Leute verletzen &#8212; schlimmer als apathische Alte sind nur zombiehaft echauffierte Alte zu ertragen. Vielleicht aber in einer vorsichtig getuschelten Bemerkung, oder in einem anonymen Internetblog. <em>TAT &#8211; trolling as therapy.<\/em><\/p>\n<p>Mit alten Leuten ist es n\u00e4mlich so, dass mich die Themen, die sie im Angebot haben &#8211; fast immer die gleichen \u00fcbrigens &#8211; abstossen, da sie einerseits oberfl\u00e4chlich und uninteressant sind und mich andererseits an meine eigene Endlichkeit erinnern &#8211; und das geht nun einmal gar nicht. Medikamente. Doktoren. Tote. Sonderangebote. Unverst\u00e4ndnis. Im besten Falle Naivit\u00e4t, im schlimmsten Falle boshafte Dummheit. Und dabei dieser muffige Geruch, der sie physisch und geistig zugleich umh\u00fcllt.<\/p>\n<p>Nun ist es ja leider so, dass, wer\u00a0 mit einem Finger auf andere zeigt, vier Finger auf sich selbst richtet, weswegen ein selbstkritischer Einschub jenseits jedweder, urspr\u00fcnglich eventuell satirisch \u00fcberh\u00f6hter Verachtung notwendig sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Denn auch ich habe &#8211; mit mehr oder weniger Varianz &#8211; immer die gleichen Themen, zumindest aber Prinzipien im Angebot; zudem ich fast immer \u00fcber <em>Altes<\/em> schreibe &#8211; seien es Schriftsteller, Ereignisse, Gef\u00fchle. Auch ist meine Sprache oft veraltet, denn ich liebe den Reminiszenzcharakter von etwas, an das sich das kollektive Unbewu\u00dfte, falls \u00fcberhaupt, nur noch schmenenhaft erinnert (ja, das war ein Witzversuch). Ich mag das Stutzen, Grummeln, N\u00f6rgeln und heimliche Nicken. Und eigentlich mag ich Medikamente ja, auch Doktoren sind wichtig &#8211; nur dass ich mir eben die Medikamente im Rahmen meiner Doktorarbeit \u00fcber Lebensfreude lieber selbst verschreibe.<\/p>\n<p>Was mich an Alten eigentlich wirklich abst\u00f6\u00dft, ist also nicht das Alter selbst, sondern vielmehr der Umgang damit. Die Mehrheit der Alten ist nicht neugierig wie ein Kind, nicht kritisch wie ein Erwachsener und nicht weise wie ein Greis &#8211; nein, sie sind in der Mehrheit unkritisch wie Kinder und geistig gel\u00e4hmt zugleich &#8211; und das liegt zumeist nicht an einer heraufziehenden Demenz.<\/p>\n<p>Da gibt es f\u00fcnfzig-j\u00e4hrige Aldi-Allwetterjacken-Alte, die komischerweise immer im Doppelpack auftreten, und sie hei\u00dfen hundertprozentig Jochen und Hilli.<br \/>\nEinige Alte sind sogar schon in ihren fr\u00fchen Vierzigern am Ende: dickliche, braune Zwerge, um die blaue, hohle Erden kreisen &#8211; oder orangene CDU-Ortsgruppenluftballons. Helmut, Otto, Harry und Lothar.<\/p>\n<p>Ich weiss nicht, was mir mehr Schmerzen bereitet: ein physisch &#8222;junger&#8220; Alter &#8211; dessen Lebendigkeit selbstvergessen in der Masse ertrunken ist &#8211; oder Schicksale ausgespuckten Grauens. Beide haben sich auf eine Art und Weise aufgegeben, die zugleich ern\u00fcchtert und die eigene TAT in den Vordergrund stellt &#8211; obgleich diese, auf die Masse bezogen, eher wie ein laues L\u00fcftchen vor einem Feuerzeug verpufft (wie ein fitter, alter Herr seit einem\u00a0Dreivierteljahrhundert zu sagen pflegt: &#8222;<em>Kolossaler Witz &#8211; z\u00fcndet wie der Blitz<\/em>&#8222;) .<\/p>\n<p>Trotzdem oder gerade deshalb (wer wei\u00df das schon so genau) werde ich &#8211; auch weiterhin selbstmedikiert &#8211; aufpassen m\u00fcssen nicht lauthals loszuprusten, wenn sich all die Jackenp\u00e4rchen mit ernsthaften Gesichter \u00fcber Sonderangebote beugen, abgefuckte Penner \u00fcber Fremde schimpfen &#8211; oder Mittelstandsfamilien mittelm\u00e4\u00dfige Massenmessen mutilatieren (die Kinder hei\u00dfen Noah und Kevin-James und ihr blasierter Gesichtseindruck spiegelt immer den ihrer Alten wider).<\/p>\n<p>Doch nicht alles ist schlecht im Alter, denn wo ein verzweifeltes und zynisches Lachen ist, bestenfalls ein freim\u00fctig sarkastisches, da ist auch ein helles, heiteres und freundliches Lachen, da ist ein Staunen und Ehrfurcht, da ist inneres <em>L\u00e4cheln<\/em>.<\/p>\n<p>Ja, Aldous Huxley g\u00f6nnte sich eine hohe Dosis LSD beim Sterben, erfreute sich an zerflie\u00dfenden Farben und W\u00e4nden die sich wunden &#8212; welch ein Abschied aus einer unfassbaren, lediglich im Gehirn rekonstruierten Au\u00dfenwelt!<\/p>\n<p>Ja, St\u00e9phane Hessel hat sich emp\u00f6rt und noch mit \u00fcber neunzig Jahren \u00fcber ein System ge\u00e4rgert, das die Macht einiger weniger \u00fcber die gro\u00dfe Mehrheit zementiert und demokratische Rechte kontinuierlich aush\u00f6hlt &#8211; und dagegen Stellung bezogen, weil er an einen Morgen der Jungen (und M\u00e4dchen nat\u00fcrlich, liebe Genderfreunde) glaubt.<\/p>\n<p>Ja, Hans-Christian und Gregor sind heutzutage seltene Namen geworden und doch stellen sie das ideelle Verm\u00e4chtnis der politischen Kultur der letzten 50 Jahre dar und w\u00fcrden beide gute Bundespr\u00e4sidenten abgeben. Dumm nur, dass der eine zu alt und ehrlich und der andere zu links und gewitzt ist, als dass ihnen diese Ehre zuteil w\u00fcrde, die ihnen, die menschliche Individuen geblieben sind und <em>die das Alter sch\u00f6ner machte<\/em>, geb\u00fcren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u00dcber Mutter Theresa schweige ich mich an dieser Stelle aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist wieder mieses Wetter. Trotzdem f\u00fchle ich mich so lala,\u00a0 vielleicht ein wenig verkaufsoffen, wie man im real existierenden Kapitalismus liturgisieren k\u00f6nnte. Ehrlich gesagt m\u00f6chte ich mich heute \u00fcber alte Leute lustig machen, ganz ohne schlechtes Gewissen und anfangs einfach weil ich noch nicht alt bin (I&#8217;ve got a feeling). 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