{"id":629,"date":"2009-12-29T22:30:33","date_gmt":"2009-12-29T21:30:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=629"},"modified":"2023-08-06T17:14:35","modified_gmt":"2023-08-06T16:14:35","slug":"venen-im-pelz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=629","title":{"rendered":"venen im pelz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/foto316_kl.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-632\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/foto316_kl.jpg?resize=482%2C361&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"482\" height=\"361\"\/><\/a><\/p>\n<p>An der leipziger skala l\u00e4uft ein st\u00fcck, das die grenzen herk\u00f6mmlichen b\u00fchnentheaters sprengt und dennoch theaterspiel mit vorgegebenen rollen bleibt, sich nicht in improvisation aufl\u00f6st. Die rede ist von &#8222;im pelz&#8220;, einer bearbeitung, die katharina schmitt an der &#8222;venus im pelz&#8220; von leopold sacher-masoch vorgenommen hat. Dem programmzettel zufolge hat sacher-masoch vier jahre in leipzig gelebt, ohne da\u00df die stadt von ihm notiz genommen h\u00e4tte. Der ruhm, der sacher-masoch mit der figur des devoten liebhabers ereilte, war ihm unangenehm, beinahe peinlich. Dabei gelingen ihm einsichten in die machtverh\u00e4ltnisse der liebe, wie sie sonst nirgends zu lesen sind. Bereits die gutb\u00fcrgerliche sitte des kuchenessens mutiert erst zum sadomasochistischen spiel, am ende zur w\u00fcrgefolter. Weiter gehts mit fu\u00dfbodensauberlecken, woran &#8222;schon viele gescheitert sind&#8220;. Es wird im st\u00fcck nicht gezeigt, was auch nicht n\u00f6tig ist. Den h\u00f6hepunkt bildet die persiflage heutiger exerzitien mit der peitsche, wie sie im sm-studio \u00fcblich zu sein scheinen. Das eigentlich besondere der inszenierung ist die platzierung des publikums: anstelle der sitzreihen lag ein riesiges fell auf dem boden ausgebreitet, auf dem sich die zuschauer &#8211; nachdem sie ihre stra\u00dfenschuhe gegen filzpuschen getauscht hatten &#8211; niederlie\u00dfen, sich ausstreckten oder r\u00e4kelten. Die beiden schauspielerinnen &#8211; keineswegs im pelz, sondern kontradiktisch in wei\u00dfen baumwollkitteln, fast medizinisch &#8211; schl\u00e4ngelten sich zwischen den leuten durch, sprangen um einen schwebebalken herum, der den raum teilte. Die sitzordnung hatte etwas von wg-party, die p\u00e4rchen kuschelten sich aneinander, es war eine lust, mit so unterschiedlichen leuten auf dem boden zu lungern. Die schauspielerinnen erzielten eine unmittelbarkeit, die eine b\u00fchne der unvermeidlichen distanz wegen verhindert h\u00e4tte. Nur ihre stimmen und die vorgegebenen rollen zeichneten sie als schauspieler aus. Sie verschmolzen nicht mit dem publikum, aber waren ihm zum anfassen, fast schaurig nah. Im unterschied zum kino, das seine wirkung allein mit audiovisuellen illusionen erzielen mu\u00df &#8211; diese art der inszenierung schafft, was dem kino versagt bleibt. Mit dem verzicht auf die b\u00fchne behauptet das theater eigenst\u00e4ndigkeit, bietet einen mehrwert weit \u00fcber frontalberieselung hinaus: chillen und unterhaltung, sinnliche ber\u00fchrung und quasi philosophisches sinnieren in einem. Dann wurde es dunkel, sogar die beleuchtung der notausg\u00e4nge erlosch, es war eine absolute finsternis, an die sich die augen nicht gew\u00f6hnten, und in diese finsternis hinein t\u00f6nten aus wechselnden richtungen zwei stimmen, sonst nichts. Die szene steigerte sich noch, wieder bei licht, als der devote liebhaber, um sich noch mehr zu qu\u00e4len, nach einem zweiten mann verlangte. Er wurde tats\u00e4chlich von einem mann gespielt, einem mann mit ordentlichem brustfell, dem sp\u00e4ter in ein echter fellmantel \u00fcbergeworfen wurde. Als der m\u00e4chtige mann erschien, begann der liebhaber zu zittern. Die realit\u00e4t der konkurrenz hatte er sich anders ausgemalt. Er wollte das masochistische spiel beenden, doch l\u00e4ngst hatte es eigenleben gewonnen, die anderen beiden setzten es einfach fort, aus spiel wurde ernst. Um es nicht einzugestehen, spielte er wider willen wieder mit und lie\u00df sich &#8211; symbolisch &#8211; fr\u00f6hlich auspeitschen &#8211; und schlu\u00df. Nein, ein detail habe ich unterschlagen: der m\u00e4chtige mann im pelz erschien von der seite und hinter ihm bedeckte ein montagsdemofoto mit devoten ddr-gesichtern die gesamte wand &#8211; mit einem schlag erhielt der privat anmutende dialog der kurg\u00e4ste zu den machtverh\u00e4ltnissen in der liebe eine politische dimension, ohne da\u00df es mit einem wort&nbsp;gesagt werden mu\u00dfte&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der leipziger skala l\u00e4uft ein st\u00fcck, das die grenzen herk\u00f6mmlichen b\u00fchnentheaters sprengt und dennoch theaterspiel mit vorgegebenen rollen bleibt, sich nicht in improvisation aufl\u00f6st. Die rede ist von &#8222;im pelz&#8220;, einer bearbeitung, die katharina schmitt an der &#8222;venus im pelz&#8220; von leopold sacher-masoch vorgenommen hat. 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