{"id":5356,"date":"2016-07-12T17:17:59","date_gmt":"2016-07-12T16:17:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=5356"},"modified":"2016-07-14T00:31:13","modified_gmt":"2016-07-13T23:31:13","slug":"flucht-und-wiederkehr-iv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=5356","title":{"rendered":"Flucht und Wiederkehr IV"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Ejnes Tages fjel ein Buchstabe <\/em><br \/>\n<em>jm Kampf um das Wort <\/em><br \/>\n<em>ejnes Tages war er frej und fort &#8211;<\/em><br \/>\n<em>ganz ohne iegliches Gehabe<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Bekannter will nun anfangen zu schreiben, erz\u00e4hlte er mir k\u00fcrzlich am Telefon.<br \/>\nAuf WikiHow, einer Online-Ratgeberplattform k\u00f6nne man hilfreiche Tipps zur Konstruktion eines Romans aufrufen. Charakterdesign, Setting und so weiter und so fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Da ich bei Setting eher an die Vorbereitung eines angenehmen LSD-Trips denke und zudem nach Schema F erzeugte Romane mir, einem \u00fcberzeugten Kurzgeschichtler und Metafreak eher am Allerwertesten vorbeigehen, musste ich mich beherrschen nicht laut in den H\u00f6rer zu prusten. Die Absurdit\u00e4t der Situation wurde noch dadurch erh\u00f6ht, dass Schreibversuche des besagten Bekannten bisher nie \u00fcber grausam \u00f6de Gothic-Burlesken hinausreichten. Nichts was kitzelt, nichts was mein Denken jenseits einer expansiv apokalyptischen Kotzstimmung animieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe mich immer gefragt, wer Unheilig, Rammstein, B\u00f6hse Onkelz oder dergleichen h\u00f6ren mag, mein Bekannter ist wohl (obgleich er eher auf Elektro-Tracks steht, deren Videos mit kaum bekleideten Frauen-Standbildern unterlegt sind) der Prototyp, dem gehirnverbrannte Assi-J\u00fcnger folgen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gleichwohl habe ich gute Miene zum b\u00f6sen Spiel gemacht und ihm viel Erfolg gew\u00fcnscht &#8212; denn dass besagter Bekannter etwas Konstruktives zu tun gedenkt, grenzt in Anbetracht seiner mir bekannten Lebensgeschichte durchaus an ein kleines Wunder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir trafen uns vor ca. 10 Jahren, es muss das Jahr des ausgebliebenen Sommerm\u00e4rchens gewesen sein, erstmals im Stadtpark. Ein weiterer Bekannter, ehemaliger Schulfreund und Hauptkontaktperson des Betroffenen, wie ein Polizeibericht statutieren w\u00fcrde, stellte ihn mir vor.<br \/>\nEin freundlicher Mensch, schulterlange Haare, gemessen an seinen \u00c4u\u00dferungen etwas verr\u00fcckt &#8211; es mag an den zahlreichen Joints gelegen haben, die wir an diesem Nachmittag konsumierten &#8211; dachte ich anfangs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Laufe der Jahre &#8211; er und der andere Bekannte \u00fcbertrieben es m\u00e4chtig, sie waren keine Pegelkiffer wie ich &#8211; entwickelten beide dann laut \u00c4rzteschaft eine cannabisinduzierte Psychose und er irrte, seiner Selbstausage nach eines Tages durch die Strassen, um Werw\u00f6lfen und Riesenflederm\u00e4usen zu entgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seit jenen Tagen ver\u00e4nderte er sich. Der ehemals lustige, aber sinnlose Geschichten erz\u00e4hlende, naiv-freundliche Mensch lie\u00df nun strikt die Finger vom Gr\u00fcn, und wandte sich s\u00e4mtlichen Abbreviationen des Wei\u00dfen zu, da die \u00c4rtze ihm explizit nur den Konsum von Cannabis untersagt hatten, was in seiner neuen Weltsicht f\u00fcr das B\u00f6se schlechthin stand, r\u00fcckte jenes, was ich seit jeher verabscheue und neben Sex f\u00fcr Geld und CDU\/FDP-w\u00e4hlen zu den drei grossen &#8222;Never Ever&#8220;s meines Lebens z\u00e4hle in seinen Fokus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Wei\u00dfe designte seinen Charakter und subtile Bosheit sowie Hinterh\u00e4ltigkeit l\u00f6sten sein kindliches Gem\u00fct, das ich durchaus als Freund bezeichnet hatte, ab. Seine Haaare waren nun kurz, sehr kurz, und er lie\u00df sich einige Piercings stechen.<br \/>\nEine Unterhaltung \u00fcber ernsthafte Themen war mit ihm zwar nie wirklich m\u00f6glich gewesen, aber statt gemeinsam lachend in eine Welt aus Gummischlangen spuckenden Springbrunnen einzutauchen wurde die Destruktion all dessen, was ich zu sagen gedachte sein Lieblingsspiel. Ich war angepisst und wir sahen uns oft f\u00fcr einige Monate nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Gleichwohl wurde ich dank des besagten, gemeinsamen Bekannten \u00fcber ihn auf dem Laufenden gehalten. Mir schien, es entwicklte sich eine gewisse Wiederholung in den Abl\u00e4ufen seines Verhaltens. So nahm er zwei, drei Monate exzessiv s\u00e4mtliches Wei\u00dfe, dessen er habhaft werden k\u00f6nnte, in den letzten Jahren vor allem Amphetamine, da die deutlich g\u00fcnstiger waren, lie\u00df sich dann einweisen, suchte sich in der Psychatrie hilflose, an Bulemie oder sonstigen psychischen St\u00f6rungen leidende Frauen und bandelte mit ihnen an, kam wieder heraus und begann den Kreislauf einige Wochen sp\u00e4ter von Neuem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Erschreckend f\u00fcr mich war, dass er sich dieses Verhaltens durchaus bewu\u00dft war, denn dumm ist er nicht. Eher insofern verzweifelt, dass er, wenn er schon nichts Halt spendendes Gutes in seinem Leben zu finden vermag, alle um ihn herum herunterziehen m\u00f6chte, dass er, wenn er schon keine &#8222;normale&#8220; Partnerin kennenlernen kann, lieber der Erste unter den Letzten ist und insofern dominiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich lud ihn immer wieder ein, versuchte ihm &#8211; gr\u00fcn &#8211; die seinem Verhalten innewohnenden psychologischen Ebenen zu erl\u00e4utern und insoweit es mir m\u00f6glich war beizustehen, gleichwohl ich oft &#8211; von seiner vermeintlichen Empathielosigkeit angewidert &#8211; dann den Kontakt wieder abbrach. Der andere gemeinsame Bekannte, dem ein weiteres, trauriges Schicksal wiederfuhr, das eine eigene Geschichte verdient hat, brachte uns stets erneut zusammen, sie beide waren Br\u00fcder im Geiste und doch zugleich schrecklich einsam mit sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der wei\u00dfe Falter ging keiner geregelten Arbeit nach, hangelte sich von einer fadenscheinigen &#8222;Vorbereitungsma\u00dfnahme&#8220; zur Psychatrie und zur\u00fcck. Neueste Ausgeburt dessen ist nun also, dass das Jobcenter ihn zu einem Kurs schickt, wo man Schreiben lernen kann und auf den er sich mit WikiHow vorbereiten will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich w\u00fcnsche ihm alles Gute, er kann es gebrauchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ejnes Tages fjel ein Buchstabe jm Kampf um das Wort ejnes Tages war er frej und fort &#8211; ganz ohne iegliches Gehabe Ein Bekannter will nun anfangen zu schreiben, erz\u00e4hlte er mir k\u00fcrzlich am Telefon. 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