{"id":5326,"date":"2016-07-06T18:28:29","date_gmt":"2016-07-06T17:28:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=5326"},"modified":"2016-07-06T18:28:29","modified_gmt":"2016-07-06T17:28:29","slug":"glashaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=5326","title":{"rendered":"Glashaus"},"content":{"rendered":"<p>Sie trug ein Haus aus Glas um ihren K\u00f6rper. Alles, was sie empfand, prallte daran ab, drang nicht nach au\u00dfen. Doch immer wieder stie\u00df es an die harten W\u00e4nde und schmerzte, wenn es im Ausfallswinkel zu ihr zur\u00fcckkam.<br \/>\nEines Morgens h\u00f6rte sie ein leises Klopfen an der T\u00fcr. Der durchdringende Klang lie\u00df die Kuppel sanft erbeben. Sie horchte auf und legte ihre Hand auf die Begrenzung. Doch die Hand auf der anderen Seite war fort.<\/p>\n<p>Das Glashaus schluckte das Sonnenlicht, denn es war kein gew\u00f6hnliches Glas. Nicht einmal der Mond schien am milchigen Glashimmel, der sie von der Welt abschirmte.<br \/>\nDie Glasfrau unterschied sich wesentlich von anderen Menschen. Die meisten wurden heller, wenn sie liebten. Ein Schimmern drang aus ihren Augen und legte sich als d\u00fcnne Schicht \u00fcber die Haut, dass alles an ihnen glitzerte und funkelte. Bei ihr war das anders. Das Material um sie herum nahm Stahlen auf, und sie blieb dunkel.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig versteckte sich der Himmel hinter einer finsteren Wolkendecke. Doch immer wieder riss ein Windhauch L\u00f6cher hinein. Das Licht ergoss \u00fcber alle Menschen feine Perlen, und die Gesichter und H\u00e4nde gl\u00e4nzten.<br \/>\nDie Perlen kamen aus dem Wind, der die Geschichten in sich trug. Dieser Wind hatte n\u00e4mlich eine ganz besondere Eigenschaft: Alles, was einmal auf dieser Welt passierte, wirbelte noch in ihm herum. Es gab helle und dunkle Perlen. An das Licht hefteten sich nur die hellen. Ihre kleinen L\u00f6cher f\u00fcllten sich mit neuen S\u00e4tzen, wenn sie sich auf die Menschen legten. Oft bildeten sie ganze Reihen, bis ein Windsto\u00df kam und sie wieder in sich aufnahm. So trugen sie Gedanken und Ereignisse von einem Ort zum anderen, und die Menschen lasen begierig, was der Perlenwind ihnen brachte.<br \/>\nEines vermochten sie jedoch nicht. Sie konnten kein Glas durchdringen. Deshalb brachten sie keine Worte von anderen Menschen zu jener Frau hinter dem Glas. Es befanden sich zwar ein paar Perlen im Innern der Kuppel, doch niemand konnte sie sehen, da die Dunkelheit den gesamten Innenraum ausf\u00fcllte. Die Glasfrau blieb f\u00fcr die anderen stumm. Und auch die Menschen au\u00dferhalb der Kuppel hielten Abstand und versuchten nicht, ein Gespr\u00e4ch zu beginnen. F\u00fcr gew\u00f6hnlich klopfte niemand an das Glas.<\/p>\n<p>Die meisten liebten den Glanz und die bunten Perlen, und manchmal sammelten sie einzelne und banden sie sich um den Hals. Dieses Verhalten blieb nicht immer ohne Folgen. Zuweilen war es n\u00e4mlich m\u00f6glich, durch die Perlenketten in einen anderen Geschichtsstrang zu gelangen und so das Leben nicht wie gewohnt fortzusetzen. Einige Menschen griffen begierig in die aufgewirbelte Farbenpracht und warteten nicht, bis die Perlen heruntersanken, denn sie wollten stets anderes erleben. Sie waren geradezu uners\u00e4ttlich, diese Wirkung f\u00fcr sich auszunutzen und das Leben durch neue Geschichten zu ver\u00e4ndern.<br \/>\nBei Nacht befanden sich jedoch auch schwarze Perlen in den Ketten. Sie waren so schwer, dass sie am Hals dr\u00fcckten und rote Stellen hinterlie\u00dfen. Meistens zertrennten die Menschen dann das Band, denn ihre Haut war nicht daran gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Als die Frau hinter dem Glas das Pochen h\u00f6rte, wusste sie zuerst nicht, was das f\u00fcr ein Ger\u00e4usch war, denn sie hatte es schon Jahre nicht mehr vernommen. Pl\u00f6tzlich schaute sie ungl\u00e4ubig umher. Tats\u00e4chlich legte jemand sein Gesicht auf das Glas. Was bewog ihn zu dieser ungew\u00f6hnlichen Geste?<br \/>\nOffenbar versuchte ein Mann, das Schattenspiel im Innern zu deuten, aber der Hintergrund war ebenfalls dunkel, sodass er nur grobe Konturen wahrnahm. Wie er so dastand und in sie hineinschaute, blieb ein Schwarm bunter Perlen auf seinem R\u00fccken h\u00e4ngen. Woher kamen die vielen Worte, mit denen sie sich f\u00fcllten? Erst trieben sie durcheinander und trafen immer wieder an einer anderen Stelle auf. Doch bald schon hoben sie in einer Formation ab. Die umstehenden Menschen wunderten sich \u00fcber das Gebilde und verfolgten es mit den Blicken, denn ein solches Muster hatten sie noch nie zuvor gesehen.<br \/>\nDer Spazierg\u00e4nger hatte von dem Schauspiel hinter seinem R\u00fccken jedoch nichts bemerkt. So sehr er sich auch bem\u00fchte, er konnte nichts ersp\u00e4hen, was ihm von Bedeutung erschien. All seine Anstrengungen lie\u00dfen ihn nicht die Perlenworte erkennen, die immer schneller um die Glasfrau wirbelten. Schlie\u00dflich zog er von dannen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie trug ein Haus aus Glas um ihren K\u00f6rper. Alles, was sie empfand, prallte daran ab, drang nicht nach au\u00dfen. Doch immer wieder stie\u00df es an die harten W\u00e4nde und schmerzte, wenn es im Ausfallswinkel zu ihr zur\u00fcckkam. Eines Morgens h\u00f6rte sie ein leises Klopfen an der T\u00fcr. 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