{"id":4324,"date":"2015-08-12T15:06:03","date_gmt":"2015-08-12T14:06:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=4324"},"modified":"2015-09-01T12:27:57","modified_gmt":"2015-09-01T11:27:57","slug":"soziofeuilleton-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=4324","title":{"rendered":"Soziofeuilleton II"},"content":{"rendered":"<p>Der mystische Postmodernismus ist ein utopistischer Scherz und kulturelle Realit\u00e4t zugleich. Die bewu\u00dfte Wahrnehmung der, dem Ph\u00e4nomen zugrundeliegenden Prozesse stellt eine immanente, politische Notwendigkeit der heutigen Gesellschaft dar. Soziologische Trends beschreiben seit langem eine fortschreitende, gesamtgesellschaftliche Bewegung hin zu einer sich verst\u00e4rkenden Aufl\u00f6sung tradierter Rituale und die Abkehr von aus der Zeit gefallenen Dogmen. Eine zerfasernde, individualisierte Zelebrierung von Sein und Erleben, oft unter Zuhilfenahme biologischer Mittel und moderner Technologie tritt an die Stelle pr\u00e4moderner Kulturtechniken.<\/p>\n<p>Zwar mag auf den ersten Blick kein substanzieller Unterschied festzustellen sein &#8211; alte Dogmen und Rituale werden durch neue abgl\u00f6st &#8211; wenn der althergebrachten Kirchenbesuch am Sonntagvormittag einer &#8222;postmodernen&#8220; individual-mystifizierten Variante weicht &#8211; besispielsweise dem Besuch eines Biergartens, bei dem &#8211; \u00fcber Smartphones gebeugt &#8211; un\u00fcberh\u00f6rbar &#8222;Germanys next Topmodell&#8220; rezitiert wird. Im Endeffekt ist der Weihrauch und Messwein mit Bier und nicht wenig Oberklassenschnee getauscht worden, die Psalme \u00fcber Esther, Lillith und Maria Magdalena wichen denen \u00fcber Juliana, Stefanie und &#8222;die Schwarze&#8220; &#8211;<\/p>\n<p>Und doch: die Technologie wechselte von analog zu digital, jede Minute kann potentiell eine neue\u00a0 Bibel aus dem Netz weltweiter Kreativit\u00e4t entstehen &#8211; und alsbald konsumiert werden. Die sich vergegenw\u00e4rtigende Beliebigkeit der Inhalte gebiert Fliehkr\u00e4fte und damit einhergehende, privatwirtschaftliche und politische Positionierungen, um die schwindende Relevanz weiterhin zu repr\u00e4sentieren, zu be-\/erhalten. Dies f\u00f6rdert jedoch auf Dauer gewaltige, gesellschaftliche Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Die inh\u00e4rente, zynische Komik des mystischen Postmodernismus besteht unter anderem darin, retardierter Widerhall einer alten, aufkl\u00e4rerischen und einer weiteren, noch \u00e4lteren, schamanistischen Erkenntnisf\u00e4higkeit zu sein. Das ambivalentere Wertgef\u00fcge der Postmoderne und eine Verkomplizierung von technologischen Errungenschaften beg\u00fcnstigen interessanterweise atavistische Tendenzen. So konnten jungsteinzeitliche Ger\u00e4te\u00a0 von fast jedem Individuum einer Gruppe verstanden, genutzt und &#8211; mehr oder weniger gut &#8211; angefertigt werden, hingegen werden viele Ger\u00e4te heutzutage zwar noch verstanden und genutzt, aber die F\u00e4higkeit zur Reproduktion der Alltagstechnologie ist durch Spezialisierung und aufw\u00e4ndige Fertigung fast vollst\u00e4ndig verloren gegangen, an Stelle des zeitraubenden, aber anschaulichen Fertigungsprozesses ist\u00a0 Lohnarbeit und der abstrakte, zu opfernde Geldwert getreten.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt in breiten Schichten der Gesellschaft zunehmend zu einer oft unbewu\u00dften Mystifizierung von Technologie, die sich bspw. im zu beobachtenden Amulettcharakter von Smartphones oder auch Laptops, Konsolen bei jungen Menschen \u00e4u\u00dfert &#8211; die F\u00e4higkeit zu sozialer Interaktion, zum ewiglichen Zeitvertreib wird als Abbild der eigenen sozialen und angenehmen Existenz in einen &#8222;Wunderstein&#8220; hineinprojeziert und das rein Funktionale wird nach und nach &#8222;geheiligt&#8220;.<br \/>\nNun k\u00f6nnte man an dieser Stelle einwenden, die Menschen der Jungsteinzeit h\u00e4tten ebenso besonders &#8222;sch\u00f6ne&#8220; Werkzeuge besessen und deren Bearbeitungs-Prozesse spiritualisiert, weil sie sich \u00fcber diese unter anderem sehr mit ihrer (damals schon teilweise spezialisierten) Gruppenposition identifizierten.<\/p>\n<p>Bringt also fortschrittlichere Technologie zusehends ein Cargo-Cult-artiges Verhalten hervor? Nicht unbedingt, denn das Gehirn hat noch viel ungenutzen Platz zum Verst\u00e4ndnis zusehends komplizierterer Technologie und Kultur \u00fcbrig. Nach und nach wird vieles davon zu Allgemeinwissen &#8211; zudem sicherlich auch tanshumanistisches &#8222;Enhancement&#8220;, ebenso wie biologische, psychoaktive Bewu\u00dftseinserweiterung Verbreitung finden wird. Jedoch kann diese\u00a0 grunds\u00e4tzliche Entwicklung von verschiedenen Faktoren negativ beeinflu\u00dft werden, einer davon besteht beispielsweise in der d\u00e4mmerhaften Gleichm\u00fctigkeit der Gesellschaft, deren Ursache in einer anachronistischen Organisation besteht und deren Schlafm\u00fctzigkeit immer wieder Brandherde wie Fremdenfeindlichkeit gebiert.<\/p>\n<p>Es ist paradox: desto mehr wir wissen, handeln, lernen k\u00f6nnen, desto erstarrter wirken politische, wirtschaftliche b\u00fcrokratische Strukturen. Das alte Raumfahrer-bei-Lichgeschwindigkeit-altert-langsamer-als-Erdbewohner-Problem. Die Reformationsf\u00e4higkeit der Gesellschaft, die diesbez\u00fcgliche Willigkeit der Eliten (beides endlich) und die utopistischen, akzelerationistischen\u00a0 Potentiale der neuen Technologien (exponentiell) sind derma\u00dfen aus dem Takt geraten, dass es schon fast s\u00fc\u00df schief klingt. Politsche Notwendigkeit: das Sch\u00f6ne, Wahre &#8211; und eben auch: das den Zynismus \u00fcberwindende Melancholisch-Komische &#8211; als ein, trotz Verzweiflung &#8218;blind Hoffendes&#8216; jenes Gef\u00fcges zu entdecken, zu analysieren, zu zelebrieren.\u00a0 Mir kommen die\u00a0 Beatles in den Sinn: &#8218;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Lb97jJMxrvI\">Just a Northern Song<\/a>&#8218;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der mystische Postmodernismus ist ein utopistischer Scherz und kulturelle Realit\u00e4t zugleich. 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