{"id":4219,"date":"2015-07-16T11:52:39","date_gmt":"2015-07-16T10:52:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=4219"},"modified":"2015-07-17T22:27:32","modified_gmt":"2015-07-17T21:27:32","slug":"heliozentrischer-feullitonismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=4219","title":{"rendered":"Heliozentrischer Feuilletonismus"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Was soll aus Europa blo\u00df werden?&#8220; fragen dieser Tage viele etablierte Vertreter einer, gemessen an der Anzahl ihrer Wirkungstr\u00e4ger doch sehr rar ges\u00e4ten, publizistisch aktiven \u00d6ffentlichkeit ihre (noch) Millionen an Rezipenten. Das ist oft nat\u00fcrlich rhetorisch gemeint, denn die Frage impliziert zugleich eine, zumeist tendenzi\u00f6se Bestandsaufnahme: &#8222;Was ist eigentlich aus Europa geworden?&#8220; und in der Folge ein: &#8222;Was war Europa jemals und &#8211; f\u00fcr wen?&#8220;.<\/p>\n<p>Und diese Fragen k\u00f6nnen, werden sie im Sinne Marcuses in einer negativ geladenen \u00f6ffentlichen Stimmungslage (&#8222;die Griechen sind faul und verdienen keine Hilfe&#8220;) gestellt, in Form einer &#8222;repressiven Toleranz&#8220; bzw. &#8222;repressiven Transparenz&#8220; zurechtgeschwiegen werden. So haben gesamtheitlichere Auffassungen des Komplexes keine Chance, den dumpfen Tenor des Mainstreams auf eine h\u00f6here Stufe des Verst\u00e4ndnisses zu bef\u00f6rdern &#8211; und damit auch\u00a0 progressive, out-of-the-box L\u00f6sungen, die nicht nur Schulden, sondern auch Arten der Kooperation umfassen w\u00fcrden, in den Fokus der gesamtgesellschaftlichen Debatte zu r\u00fccken &#8212; also die Chance zu erkennen ein wirkliches, gemeinsames Projekt zu initiieren.<\/p>\n<p>Doch einer solchen Entwicklung stehen ebenjene Institutionen im Weg, die durch ihre fiskalischen Daumenschrauben eine andere, syndikalistische Politik aus den K\u00f6pfen verbannen &#8211; genauer: die Chance auf ein notwendig falsches Bewu\u00dftsein (nat\u00fcrlich auch von Europa aber eigentlich einer ganzen Welt!), voller Tatendrang und Idealismus, also echten, elektrisierenden Zielen, die nicht nur mehr eine gescheiterte Vision reflektieren, sondern zudem einen Bezug zur Realit\u00e4t &#8211; zum zeitnahen Erf\u00fchlen von Ver\u00e4nderungsbereitschaft von Denkschemata innerhalb der kritischen Masse einer insgesamt reifenden Gesellschaft.<br \/>\nWie geschichtlich oft nach einer gescheiterten, ausgeh\u00f6hlten Ideologie oder Erl\u00e4hmung einer Macht geschehen, wurde eine Generation von\u00a0 Desillusionierten geschaffen, die zu gro\u00dfen Teilen eine\u00a0 Leere versp\u00fcrt, so dass in der Masse Dumpfheit darin zu g\u00e4ren vermag &#8211; und ein Versumpfen der intellektuellen &#8222;Klasse&#8220; droht.<\/p>\n<p>Bis zu einem gewissen Punkt vermehren sich sich negative Gedanken, sowie positive Gedanken gegenseitig, das kann gerade f\u00fcr Kampagnen gut exerziert werden, aber es nutzt sich nat\u00fcrlich recht schnell ab, auch im Fall &#8222;Europa?!&#8220; wird das so sein, wenn es sogar nicht lange schon soweit ist.<br \/>\nDer existenzielle Widerspruch wird stillschweigend akzeptiert:\u00a0 dass ein Europa &#8211; oder nat\u00fcrlich die Welt &#8211; <em>Wettbewerb<\/em> als <em>Bindeglied<\/em> von Volkswirtschaften forciert &#8211; und diese damit zwingt sich gegenseitig zu verfr\u00fchst\u00fccken, ohne zugleich offen und ehrlich zu sagen: &#8222;Ach komm, das ist nur ein Spiel und vor der n\u00e4chsten Runde setzen wir eh wieder alles zur\u00fcck auf Null, ich gewinn ja sowieso&#8220;.<br \/>\nDa h\u00e4tten <em>die Deutschen<\/em> ja mal wieder so &#8217;ne Fresse, weil sie ja die Feier in ihrem &#8222;Haus Europa&#8220; immer bezahlen m\u00fcssten (-und auf Dauer feststellen w\u00fcrden, dass sich ein \u00fcbertriebenes Leistungsdenken eben nicht lohnt, sondern nur den R\u00fccken krumm macht). Ja, der Herr der Burg (Festung) bezahlt nun mal die Zeche, das ist im Feudalismus, wie im Neofeudalismus gleich. Und wie bei den Fuggern oder Rothschilds waren die festiven F\u00fcrsten und K\u00f6nige immer sch\u00f6n hoch verschuldet.<br \/>\nAber jene Kontinuit\u00e4t, ob nun, wie dieser Tage Technokraten an der Macht sind, die dauerhaft abgeh\u00f6rt und, wenn sie nicht mitspielen, mit Dossiers erpresst werden, oder ob Olaf der Doofe von seinen verschlagenen Hofleuten manipuliert wurde, die historische Kontinuit\u00e4t der zerst\u00f6rerischen Kraft des Wettbewerbs um das Kapital ist offensichtlich, somit auch seine instrumentale und sogar klerikal-ritualisitische &#8211; und in der Folge dissoziative &#8211; Wirksamkeit. Das Stichwort Verteilungsgerechtigkeit lockt, als etwas &#8211; so wird es eingeimpft &#8211; erstens unerreichbares und deshalb zweitens abzutreibendes, kein Schwein hinter dem Ofen hervor, dabei wird dieser Diskurs doch t\u00e4glich gef\u00fchrt, nur eben von oben: &#8222;Es kann nur besser werden, wenn dies oder das <em>von der Masse<\/em> genommen wird, das wird denen schon noch zeigen, dass die sich mehr anstrengen m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Hier kommt dann oft das als antiautorit\u00e4r verschriene Gegen-Argument der &#8222;schwarzen P\u00e4dagogik&#8220; ins Spiel und ein dezenter Hinweis auf ein Europa der &#8222;verschiedenen Geschwindigkeiten&#8220;, nach dem Motto von CDU-Strobl: \u201eDer Grieche hat jetzt lang genug genervt!&#8220; &#8211; <em>der Grieche<\/em> ist ein mongoloides Kind &#8211; vorzugsweise eines mit ADHS &#8211; das es ja (seufz) zu integrieren gilt. Und &#8211; noch bricht es am nur am Stammtisch hervor &#8211; das eigentlich nie, niemals &#8211; ohne<em> uns<\/em> &#8211; etwas <em>wert<\/em> w\u00e4re, weshalb mit (fiskalischer) Euthanasie gedroht wird: &#8222;Lern wenigstens Schuhe f\u00fcr Geld putzen! &#8211; und deine Puppe gib in meinen Treuhandfonds solang du Kost und Logis nicht abbezahlt hast&#8220;.<br \/>\nWie eine b\u00f6se, verbitterte Gouvernante des 19. Jahrhunderts herrscht ein Land (und wird zugleich beherrscht), nicht nur geopolitisch, sondern auch ideologisch; die Talking-Points, die Denklinien sind eingefahren, alles ist katalogisiert und planiert, die Subjekte laufen (besser: rollen) trotzdem blind umher, wozu auch sehen? Der geliebte, wilde Westen ist bereits entdeckt und platt gemacht worden. Und nun folgt eben der dekadent-degenerierte Osten.<\/p>\n<p>Brecht zusammen diese Ein\u00f6de auf?!! Von unten nach oben w\u00e4chst dann wieder wieder was und, obwohl danach vielleicht noch immer alle blind sind, k\u00f6nnen sie sich, unter Umst\u00e4nden, in nicht allzu ferner Zeit, immerhin<em> ein wenig<\/em> lebendiger f\u00fchlen und trotz steter Dunkelheit\u00a0 des Surrens der Libellen, des Duftes von Blumen und Gras, des k\u00fchlen, rauschenden Schattens eines Baumes erfreuen und Platon danken.<\/p>\n<p>Adorno schrieb einmal, es sei barbarisch nach Auschwitz wieder ein Gedicht zu schreiben. Das sehe ich nicht so (und es war von ihm sicherlich auch eher provokativ gemeint &#8211; im Sinne einer generellen Kritik an Kultur, da ihr m\u00f6glicher Missbrauch hin zum Faschismus f\u00fchren kann). Es ist vielleicht pathetisch, kitschig, verzweifelt (und deshalb humoristisch?) romantizistisch, aber ist es nicht immerhin eine Antwort? Tr\u00e4umende Menschen. Menschen mit Zeit. Menschen mit W\u00fcrde. Menschen mit Wissen. Menschen, die in heruntergebetete Aufz\u00e4hlungen monet\u00e4rer Moral dialektisch einbrechen.<br \/>\nEs geht \u00fcber das &#8222;dann gr\u00fcnde doch eine Partei&#8220;, &#8222;mach dies, mach das&#8220; hinaus, es geht um die Erforderlichkeit des Weckens einer aufgekl\u00e4rten und zugleich doch auch &#8211; warum nicht? &#8211; psychoaktiv-mystifizierenden Stimmung im Individuum. Und um dessen folgende Kommunikation zu den N\u00e4chsten, damit das Unausprechliche, was Blumenkinder, Revolution\u00e4re, Wanderv\u00f6gel &#8211; meinetwegen aber auch Jakobswegler &#8211; verbunden hat, gestiftet wird: eine starkes inneres und positives Gef\u00fchl, eben nicht modernd-dumpf, sondern tief und leuchtend. (&#8222;We had all the momentum; we were riding the crest of a high and beautiful wave.&#8220; Fear and Loathing in Las Vegas).<br \/>\nEs bedarf also der Hoffnung und diese Hoffnung kann nur jenseits von Hegemoniedenken und Abschottung, jenseits von Oligarchieschonung und Bankenrettung, jenseits von Vorurteilen und Aufhetzung erwachsen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit den f\u00fcr meinen Geschmack skeptischen, aber dennoch bedenkenswerten Worten, die Fernando Pessoa, der ber\u00fchmte portugiesische Schriftsteller der Moderne dem Protagonisten seiner Geschichte &#8222;Ein anarchistischer Bankier&#8220; einst in den Mund legte:<br \/>\n&#8222;Was will denn ein Anarchist? Freiheit &#8211; Freiheit f\u00fcr sich und die anderen, f\u00fcr die ganze Menschheit. Er m\u00f6chte sich vom Druck der gesellschaftlichen Fiktionen befreien (&#8230;) sie zu vernichten <em>aber zugunsten der Freiheit<\/em> (&#8230;). Denn man kann gesellschaftliche Fiktionen um der Freiheit willen vernichten, um ihr den Weg zu ebnen, aber auch um neue gesellschaftliche Fiktionen heraufzubeschw\u00f6ren, die schon insofern nichts taugen k\u00f6nnen, als es sich wiederum nur um Fiktionen handelt. (&#8230;)<br \/>\nBei dieser Freiheit die nicht behindert werden durfte, handelte es sich selbstverst\u00e4ndlich um eine <em>Freiheit der Zukunft<\/em> und, in der Gegenwart, um <em>die Freiheit derer, die von den gesellschaftlichen Fiktionen unterdr\u00fcckt wurden<\/em>.<br \/>\nEs versteht sich von selbst, dass wir nicht darauf achtgeben brauchten, ob wir vielleicht die &#8222;Freiheit der M\u00e4chtigen&#8220;, der Gutsituierten, all jener behinderten, die die gesellschaftlichen Fiktionen repr\u00e4sentieren und von ihnen profitieren. Ihre Freiheit ist keine Freiheit, es ist die Freiheit zu tyrannisieren, also das Gegenteil von Freiheit.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Was soll aus Europa blo\u00df werden?&#8220; fragen dieser Tage viele etablierte Vertreter einer, gemessen an der Anzahl ihrer Wirkungstr\u00e4ger doch sehr rar ges\u00e4ten, publizistisch aktiven \u00d6ffentlichkeit ihre (noch) Millionen an Rezipenten. 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