{"id":354,"date":"2008-11-20T02:10:12","date_gmt":"2008-11-20T00:10:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=354"},"modified":"2023-08-06T17:15:18","modified_gmt":"2023-08-06T16:15:18","slug":"wesen-und-schicksal-der-dichtung-in-den-neuen-landern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=354","title":{"rendered":"Wesen und Schicksal der Dichtung in den &#8222;neuen L\u00e4ndern&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>f\u00fcr Alfred Margul-Sperber<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\">In diesem Beitrag komme ich nicht auf die Dichtung &#8211; die Texte und ihre Verfasser &#8211; zu sprechen, sondern wende mich den Umst\u00e4nden, den Kontextbedingungen zu, die die dichterische Produktion in den neuen L\u00e4ndern bestimmen. Diese Dichtung leidet &#8211; hier sei an ein Wort von Martin Buber erinnert &#8211; an ihrer Tragik, die zugleich ihre Gr\u00f6\u00dfe ist: Warum nennen wir uns Dichter? Nennen wir uns Dichter, weil wir dichten, oder werden wir Dichter genannt, um uns als &#8222;undicht&#8220; aus dem \u00f6ffentlichen Diskurs zu verbannen?<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir sind Dichter in einer Zeit, in der die einen aller vor\u00fcbergehenden Finanzkrise zum Trotz \u00fcberlegen, ob sie noch flugs das dritte Auto f\u00fcrs gro\u00dfgewordene Kind anschaffen. Die anderen drehen und wenden jeden Heller, neuerdings auch hier Cent genannt, bevor sie ihn zur Tafel tragen. Beide betrachten Gedichte mit geringsch\u00e4tzigem Achselzucken: Lieber Freund, wer liest heutzutage noch Gedichte? Und: Mein Lieber, wer kauft heutzutage noch einen Gedichtband?<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir sind Dichter, weil wir aus der Mode und aus der Zeit gekommen sind. Wir sind Dichter aus den sogenannten neuen L\u00e4ndern und das hei\u00dft, da\u00df die sogenannten alten L\u00e4nder nicht allzuviel von uns wissen wollen. Ja, wir haben, wenn man sie als Dichter bezeichnen will, einen Schulze und wir haben einen Tellkamp, manchmal in der Erinnerung einen Hilbig &#8211; kaum erringen diese Namen im Westen einen Herbst lang Aufmerksamkeit, schon murmelt Frau Radisch in Hamburg: diese ewigen Ostdeutschen, haben wir kein anderes Thema? Man kann nicht sagen, da\u00df der Westen seine Dichter verhungern lie\u00dfe. Wer einmal im Stipendien-, Stadtschreiber- und Preiskarussell Platz genommen hat, dreht sich und schwingt von einem Ort zum andern, da\u00df ihm \u00fcbel werden kann.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nun hat der Handel die &#8222;Wende&#8220; als verwertbaren Topos entdeckt, sie hat den Krieg als Generationenthema abgel\u00f6st. Dennoch kann Herr L\u00fcdke aus Apolda vermeintlich glaubhaft behaupten, die Ostdeutschen w\u00e4ren zur Lekt\u00fcre von Dostojewski gezwungen worden und daher w\u00fcrden sie heutzutage \u00fcberhaupt nicht mehr lesen. Da\u00df einst die Zensurbeh\u00f6rde mit dem Statement &#8222;Es solle keine Dostojewski-Renaissance forciert werden&#8220; (Barck et al., S. 99) das Interesse an Dostojewski weckte, geh\u00f6rt zu den dialektischen Bumerangw\u00fcrfen, die in der Marktgesellschaft au\u00dferhalb des Fokus liegen. Nun soll der Zensur hier nicht das Wort geredet werden. Der Markt schafft sich seine eigenen Filtermechanismen, denn kein Mensch kann all die \u00fcberfl\u00fcssigen Neuerscheinungen auf den halbj\u00e4hrlichen Buchmessen konsumieren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die ostdeutschen Dichter schreiben deutsch, doch man hat den Eindruck, als wirkten sie &#8211; aus rhein-mainischer Perspektive &#8211; randst\u00e4ndig: als Vertreter einer fremden kleinen Sprache, die man unter Artenschutz stellen sollte, denen aber kein Beitrag zur deutschsprachigen Literatur zuzutrauen sei. Die westdeutsche Literaturszene verschluckt sich an ihrer eigenen Gr\u00f6\u00dfe. Seit 1941 ist der deutschsprachige Kulturraum sprunghaft geschrumpft. Galizien und die Bukowina, einst junge und tonangebende Zentren der j\u00fcdisch-deutschsprachigen Kultur, sind beinahe vergessen. Nach 1989 verkleinerte der Exodus der Siebenb\u00fcrger Sachsen und Banater Schwaben den deutschsprachigen Kosmopolitismus. Dieter Schlesak hat Italien dem deutschen Exil vorgezogen. Es ist \u00fcbersichtlich geworden. Die DDR-Literatur mit ihren Heyms, Hermlins, Brauns und Wolfs wurde als Fu\u00dfnote in den Annalen vermerkt. Der bundesdeutsche Feuilletonblick kann wie gewohnt \u00fcber seine Provinzen schweifen. Die St\u00e4dte, in denen er Literatur wahrnimmt, lassen sich an anderthalb H\u00e4nden abz\u00e4hlen. Wieso \u00fcber den Grenzzaun schauen, der ist doch abgerissen &#8211; und wir haben&nbsp;selber seit f\u00fcnfzig Jahren eine \u00dcberproduktionskrise.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die eigentliche, vielleicht wesentlichste Tragik der Literaturszene in den sogenannten Neuen L\u00e4ndern besteht darin, da\u00df es f\u00fcr sie in der eigenen Region kaum ein Echo und kaum ein lesendes Publikum gibt, weder nennenswerte Verlage noch unabh\u00e4ngige Tageszeitungen, die sich vom vermeintlichen Marktdruck nicht davon abhalten lassen, das geschriebene literarische Wort als Medium der Demokratie zu verteidigen. Lieber wird der neue alte Grass oder Walser rezensiert &#8211; das verspricht Hoffnung auf potente Anzeigenkunden -, als ein Gedicht von Ulrich Zieger, Thomas Kunst oder eine Geschichte von Utz Rachowski abzudrucken. Ohne da\u00df der Moderator widersprach oder das heimische Publikum grummelte, konnte Herr Greiner in Leipzig die Hosen herunterlassen: Auf die Frage, wonach er B\u00fccher zur Rezension in der ZEIT ausw\u00e4hle, behauptete er unverfroren, wenn ein Titel von Suhrkamp oder ein Titel des Lehmstedt Verlages auf seinem Tisch lande, dann sei doch klar, da\u00df er ersterem den Vorzug gebe, Suhrkamp&nbsp;sei eben ein Name. Zu Suhrkamp verbinden ihn gewachsene Beziehungen, das sei Vertrautheit des Kritikers mit seinen Lieferanten, auf die Vorauswahl dieser Lektoren k\u00f6nne er sich eben verlassen &#8211; welch eine Offenbarung, derart deutlich hatte ich es gar nicht erwartet. Nicht der Text und seine Qualit\u00e4t entscheiden, sondern der Name des Verlages. Lieber keiner als Greiner! Nennen wir es Faulheit, nennen wir es Urteilsunsicherheit, nennen wir es strategische Ignoranz. Im Gefolge einer hohen Auflage herzuschwimmen suggeriert nach Marktlogik garantierte Aufmerksamkeit, und das ist die W\u00e4hrung, nach der hier gehandelt wird. Der R\u00fcckschlu\u00df lautet: Wenn alle nach dieser Logik verfahren und es allen an Entdeckermut mangelt, sticht keiner heraus und wir haben den sattsam verbreiteten, feuilletonistischen Einheitsbrei. Liebe Kritiker, dient doch dem Markt,&nbsp;begeistert eure Chefs und grabt literarische Sch\u00e4tze aus, die noch nicht&nbsp;allerorten&nbsp;beschrien wurden &#8230;<\/p>\n<p align=\"justify\">Quelle:<\/p>\n<p align=\"justify\">Simone Barck, Martina Langermann &amp; Siegfried Lokatis, Jedes Buch ein Abenteuer, Akademie Verlag, 1998<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>f\u00fcr Alfred Margul-Sperber In diesem Beitrag komme ich nicht auf die Dichtung &#8211; die Texte und ihre Verfasser &#8211; zu sprechen, sondern wende mich den Umst\u00e4nden, den Kontextbedingungen zu, die die dichterische Produktion in den neuen L\u00e4ndern bestimmen. 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