{"id":3474,"date":"2014-07-16T20:26:31","date_gmt":"2014-07-16T19:26:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=3474"},"modified":"2014-07-16T21:32:27","modified_gmt":"2014-07-16T20:32:27","slug":"in-memoriam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=3474","title":{"rendered":"In Memoriam"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Fritzchen! Komm jetzt endlich runter da!&#8220; &#8222;Nur einen noch, Papa, bitte!&#8220;<br \/>\nDie entnervte Stimmlage seines Vaters duldete nun keinen Widerspruch mehr.<br \/>\n&#8222;Nein!!! Jetzt sofort!&#8220;, r\u00f6chelte er. Der gl\u00fchend hei\u00dfe Julivormittag forderte unerbittlich seinen Tribut. Michel war mit seinem kleinen Sohn in einer ihnen fremden Stadt gestrandet und nichts lief so, wie er es sich vorgestern Abend noch ausgemalt hatte.<br \/>\nIn sich f\u00fchlte er eine unheilvolle Melange aus \u00dcberforderung und Entt\u00e4uschung aufsteigen, versp\u00fcrte unendlichen Durst. Das Shirt, wurde ihm schlagartig klar, war viel, viel zu eng.<\/p>\n<p>Ganz anders die Stimmung bei Fritzchen: selbst hier, in der br\u00fcllenden Sonne, gab es etwas f\u00fcr ihn zu entdecken. &#8222;Papa, warum stehen hier so viele Steine? Papa, weshalb haben manche von denen so gro\u00dfe Risse? Papa, warum haben die M\u00e4nner ohne Haare dahinten eben so komisch gelacht, nachdem der mit der Zigarette etwas gesungen hat?&#8220;<\/p>\n<p>Michel und Fritzchen waren schon um vier Uhr fr\u00fch unter wiederholtem, sorgenvollem Gest\u00f6hne von Mama Claudia mit einem Korb voller Butterbrote und einer dicken Mappe voller Ermahnungen und Stadtkarten im Kofferraum aufgebrochen, denn um sp\u00e4testens halb f\u00fcnf, so hatte sich Michel \u00fcberlegt, wollte er auf der Autobahn Berlin entgegenrollen. Er rechnete mit knapp drei Stunden Fahrt. <\/p>\n<p>Die Uhr an seinem schwei\u00dfnassen, schwarzhaarigen Arm zeigte nun 11:11. Als sie ungef\u00e4hr um halb acht mit der Parkplatzsuche begonnen hatten, war er noch frohen Mutes gewesen: &#8222;Das schaffen wir, Fritzchen, das schaffen wir schon&#8220;. Michels Murmeln wurde jedoch verzweifelter mit jeder Runde, die er im anschwellenden Berufsverkehr drehen musste.<br \/>\nDann endlich hatte er einen halben Parkplatz ergattern k\u00f6nnen &#8211; das Heck ragte zwar etwas auf eine Einfahrt, doch keiner der vielen Polizisten, die in der N\u00e4he standen, guckte her\u00fcber. Nachdem er sich seinen Sohn unter den Arm geklemmt hatte, sprintete Michel, ohne an den Picknickkorb im Kofferraum zu denken, in einem f\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse ungeahnten Affentempo los.<br \/>\n&#8211;<br \/>\nMorgengrauen. Etwas rauscht. Claudia kommt ihm in den Sinn. &#8218;Michel, pass bitte auf dich auf.&#8216; Ja,ja. Frauen, was wissen die schon. Er dreht am Radio, bis er einen klaren Empfang hat, hofft auf Nachrichten, Sport. Mist, nur ein Kultursender, ein St\u00fcck aus der, wie heisst sie noch gleich? Ah ja, Dreigroschenoper. Er schaltet schnell weiter.<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8222;Papa, wohin laufen wir?&#8220; &#8222;Da wo die vielen anderen Menschen auch hin wollen, siehst du doch.&#8220;<br \/>\n&#8218;Was geht?  Wo bist du? Isch warte! Wie, die haben im Fernsehn gesagt, dass schon dicht is?! Kein Scheiss, Digger??! Aber echt ey, was ne verfickte Scheisse, solche Wichser! Ja, Mann! Alda, isch sach nur Huuuu-rrr-eeens\u00f6hne!!&#8216;<br \/>\nEs durfte nicht sein. Michel versuchte auszublenden, was er eben im Vorbeigehen bei dem jungen, aufgebracht telefonierenden Einheimischen mitgeh\u00f6rt und ansatzweise entschl\u00fcsselt hatte.<\/p>\n<p>Weiter. Singende Leute, irgendwo. Deutschland vor, noch ein Tor. Deeeeutschlaaand, Deeeutschlaaand! Die Menge wurde dichter, Fritzchen bestand darauf, auf die Schulter genommen zu werden. Es ging nicht mehr voran. Nach einer Viertelstunde h\u00f6rten sie in einiger Entfernung Frakturen einer Lautsprecheransage &#8222;&#8230;aufgrund von&#8230; tut uns leid&#8230;&#8220;<br \/>\nDie Menschen um sie herum zogen langsam und entt\u00e4uscht ab. <\/p>\n<p>&#8222;Wann sehen wir die Weltmeister denn endlich?&#8220;, fragte Fritzchen, leicht quengelig.<br \/>\nMichel sah sich um, das hei\u00dft, eigentlich wollte er ganz weit weg sein, blickte durch alles um ihn herum hindurch. &#8222;Tja,&#8230;also&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Wo gehen die ganzen Leute jetzt hin, Papa?&#8220; Fritzchens erneute Frage hatte ihn in ins Hier und Jetzt zur\u00fcckgeholt. Vielleicht war noch nicht alles verloren. Man musste nur eins und eins zusammenz\u00e4hlen, dachte er. Wenn die Helden in K\u00fcrze am Himmel erscheinen w\u00fcrden, h\u00e4tten sie den Weg vom Flughafen bis zum Brandenburger Tor ja noch in einem Bus zur\u00fcckzulegen. Dort k\u00f6nnten Fritzchen und er vielleicht einen Blick auf sie erhaschen und die Reise w\u00e4re nicht ganz umsonst gewesen. <\/p>\n<p>Doch Michel kannte sich in Berlin nicht aus und der Stadtplan war, wie ihm jetzt d\u00e4mmerte, ja noch im  Kofferaum des Autos. Wieder am Parkplatz angekommen &#8211; unglaublich, wie hei\u00df es um halb zehn im Sommer schon werden konnte &#8211; fehlte vom Wagen allerdings jede Spur.<br \/>\nEr wollte aus dem Alptraum erwachen. Kaum zu glauben, dass vorgestern noch der sch\u00f6nste Tag seines Lebens gewesen war. Sein Handy hatte er gottseidank bei sich, fiel ihm ein. Er w\u00fcrde die Polizei anrufen, fragen, wohin sein Auto abgeschleppt worden sei und sich mit Fritzchen auf den Heimweg machen. Ich schaff das schon, dachte er. Alles wird sich f\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Funkzelle war deutlich \u00fcberlastet, sein Handy bekam kein Netz. Und w\u00e4hrend er w\u00fctend auf dem Display herumtippte, kriegte er nicht mit, wie eine Maschine relativ niedrig eine Schleife am Himmel drehte. Fritzchen jedoch fragte: &#8222;Warum fliegt das Flugzeug da so tief, Papa?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nicht jetzt, Fritzchen&#8230; wie, was?&#8220; Doch als er endlich seinen runden Kopf in den bulligen Nacken gelegt und seine Augen den Ger\u00e4uschen der Triebwerke zu folgen versuchten, war die Fanhansa schon wieder hinter H\u00e4userzeilen verschwunden. Noch immer bekam er kein Netz und zu allem \u00dcberflu\u00df war sein Akku, seit einiger Zeit chronisch kurzlebig, leer. Was tun?<br \/>\nEr fragte Passanten nach dem n\u00e4chsten Polizeirevier. Der sechste gab vor eine gewisse Ahnung, zu haben,  &#8222;Da lang, vorne links, einmal rechts und dann wieder links &#8211; glaub ich.&#8220; Fitzchen und Michel zogen, wie beschrieben, ab.<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8222;Papa!!&#8220; Fritzchens helle Stimme weckte ihn einmal mehr aus seinen, den bisherigen Tagesablauf merkw\u00fcrdig apathisch Revue passieren lassenden Gedanken.<br \/>\n&#8222;Ich hab gefragt, warum die M\u00e4nner ohne Haare dahinten eben so komisch gelacht haben, nachdem der mit der Zigarette was gesungen hat?&#8220;<br \/>\nMichel schleppte sich weiter, der Sonne entgegen. Etwas hallte von hinten wider. &#8222;Hahahaha!&#8220; und &#8222;Nochmal!&#8220; und  &#8222;So brennen Juden, die Juden brennen so&#8220; und &#8222;So paffen Deutsche, die Deutschen paffen so!&#8220; Er sah nach Rechts. Steine, Steine mit Rissen. Er schaute an sich herunter: eine Uniform. Wei\u00df. Ein wenig Gelb, vom Schwei\u00df und feinem Sand, nat\u00fcrlich. Es wurde viel gebaut in Berlin, wieder.<\/p>\n<p>Michel nahm seinen Sohn nun an die Hand. Obwohl es ihm schwer fiel, versuchte er auf den Jungen einzugehen &#8222;Wei\u00dft du, Fritzchen, bevor wir Deutschen das erste Mal Weltmeister im Fu\u00dfball geworden sind, waren wir Weltmeister im&#8230; Boxen. Wenn da ein Gegner ordentlich was auf die M\u00fctze bekommen hatte, musste der Gewinner nur pusten und der Verlierer kippte schon um, Piff-Paff, wie im Zeichentrickfilm, du verstehst schon. Daher kommt das, was die gesungen haben.&#8220;<br \/>\n&#8222;Hmm. Und warum hatten die alle keine Haare?&#8220; &#8222;Siehst du doch bei mir, St\u00f6psel, wenn es Sommer ist, schwitzt man ganzsch\u00f6n doll. Das vermeiden die eben schlauerweise.&#8220; Er blieb stehen, um Luft zu holen. &#8222;Au\u00dferdem wollen sie bestimmt verdecken, dass sie noch weniger Haare \u00fcbrig haben, als der Papa.&#8220; Michel versuchte sich an einem L\u00e4cheln, dem einzigen heute. &#8222;Achsooo. Und warum sind hier so viele Steine zum H\u00fcpfen?&#8220; &#8222;Du hast doch die ganzen Baustellen gesehen, die haben die hier schon mal hingestellt, um sp\u00e4ter die Aussenmauern damit zu bauen.&#8220; &#8222;Aber die ganzen Steine mit den Rissen sind doch zu kaputt daf\u00fcr, oder?&#8220;<\/p>\n<p>Michel wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Doch Fritzchen hatte sich pl\u00f6tzlich schon wieder losgerissen und war vorgest\u00fcrmt: &#8222;Papa, Papaaa, da geht&#8217;s runter, wollen wir da rein, Ist bestimmt sch\u00f6n k\u00fchl da unten. Du, ich hab Durst, Papa.&#8220; &#8222;Papa, was steht da auf dem Schild?&#8220; &#8222;Ho-Lo-&#8230;&#8220; &#8222;Papa, was ist denn mit dir, warum legst du dich auf den Boden?&#8220; &#8222;Papa?!!!&#8220;<\/p>\n<p>Anstatt dass, anstatt dass,<br \/>\nsie zu Hause bleiben in dem warmen Bett.<br \/>\nbrauchen sie Spa\u00df, brauchen sie Spa\u00df!<br \/>\nFragt`s ob man ihnen eine extra Wurst gebraten h\u00e4tt?<\/p>\n<p>Das ist dann die Sonn&#8216; \u00fcber Ber-lin.<br \/>\nDas ist der verdammte f\u00fchlst du mein Herz schlagen- Text.<br \/>\nDas ist das -Wenn du wohin gehst, geh ich auch wohin Jogi -.<br \/>\nWenn die Liebe anhebt und die Sonne noch w\u00e4chst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Fritzchen! Komm jetzt endlich runter da!&#8220; &#8222;Nur einen noch, Papa, bitte!&#8220; Die entnervte Stimmlage seines Vaters duldete nun keinen Widerspruch mehr. &#8222;Nein!!! Jetzt sofort!&#8220;, r\u00f6chelte er. Der gl\u00fchend hei\u00dfe Julivormittag forderte unerbittlich seinen Tribut. 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