{"id":3098,"date":"2014-04-25T16:18:27","date_gmt":"2014-04-25T15:18:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=3098"},"modified":"2014-04-25T21:28:30","modified_gmt":"2014-04-25T20:28:30","slug":"verwanderschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=3098","title":{"rendered":"Verwanderschaft"},"content":{"rendered":"<p>Eine Kurzgeschichte wird oft nicht zum Roman, wenn ihr Autor nach einer gewissen Zeit &#8211; entweder aus Langeweile vor dem Thema oder aus Langeweile vor sich selbst, aus ideologischer Tr\u00e4gheit oder intellektueller Unlust heraus &#8211; die Handlung verdichtet. Der Autor forciert dann eine mehr oder weniger subtile Pointe, sei es auch nur eine solche, dass die (zerfahrene) Handlung eben keine zulasse.<\/p>\n<p>Bestimmte Kurzgeschichten tragen jedoch teilweise\u00a0 einen solchen Kern in sich, der zwar genug Stoff f\u00fcr einen Roman bilden k\u00f6nnte, doch lie\u00dfe sich so, was unter Umst\u00e4nden als eine Kurzgeschichte durch eine spannende, expressionistische Strichzeichung abgebildet werden k\u00f6nnte, als Roman lediglich als eine kitschige Landschaftsidylle in \u00d6l aufzeigen.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist es so, dass kaum ein (l\u00e4ngerer) Roman, vielleicht ein dicker, grossformatig wie \u201eGuernica\u201c, das\u00a0 richtige Format bes\u00e4\u00dfe, zu einer Kurzgeschichte im Sinne eines warholschen Comicdrucks verwandelt zu werden.<\/p>\n<p>Was das Lesen eines langen Romans betrifft ist es wie das sich-treiben-lassen auf einem breiten Flu\u00df. Eine Kurzgeschichte dagegen \u00e4hnelt des \u00d6fteren einer Wildwassertour. Gewitzte Romanciers bauen Stromschnellen ein, Indianerd\u00f6rfer, Krokodile aber auch Seerosen und \u00a0glitzerndes Haar, um L\u00e4ngen zu kaschieren, subtile Kurzgeschichten legen es auf Unterwasserwirbel an, die der Leser schon vor den \u00a0schlafwandlerischen Protagonisten zu sp\u00fcren beginnt &#8211; und vielleicht stehen deren fehlende Schwimmwesten ja f\u00fcr Korruption?<\/p>\n<p>Romane, das sind die G\u00fcterz\u00fcge der Kultur, sie haben eine Lok oder zwei und 20 Kapitel, manchmal mehr. Ihre Verfasser, von sich selbst \u00fcberzeugt (oder von ihren Zweifeln daran, wie -der Novellist- Kafka), weisen ein hohes Ma\u00df an Disziplin und vorexerzierter Gewichtigkeit auf.<\/p>\n<p>Kurzgeschichten dagegen \u00a0ziehen Autoren an, die gern Skizzen drechseln, die in ihrer Wirklogik oft ziellos, ja teilweise sogar anarchistisch sind, was ihnen erm\u00f6glicht Projekte aus dem Hut zu zaubern, verfallen zu lassen, flexibel in ihrer Sprachmanier zu sein, ganz wie die Gegenwart es ihnen vorgibt. Manche Wikipedia-Artikel h\u00e4tten gar \u00a0das Zeug f\u00fcr Kurzgeschichten, wenn sie mit den n\u00f6tigen literarischen Werkzeugen behandelt werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ohne das mikrokosmische Klima, das die Kurzgeschichte in der Gesellschaft verortet (oder vermisst) und artikuliert ist der Roman undenkbar; ohne seine sch\u00fctzende Ozonschicht kollabieren wiederrum viele Story-Sph\u00e4ren &#8211; das \u00d6kosystem der Literatur bedarf ihrer beide. So wird der Roman k\u00fcrzer, wenn die Welt schneller wird, denn es mangelt den Lesern an Zeit. So wird er l\u00e4nger, denn der verbesserte (upgegradete) Leser kann viel \u00a0mehr in gleicher Zeit konsumieren.<\/p>\n<p>Kurzgeschichtler: die Pl\u00e4nkler, die Warner, die Entdecker.<\/p>\n<p>Romanciers: die Panzer, die T\u00fcrme, Karl Mays.<\/p>\n<p>Doch dies ist viel zu kurz gegriffen, schlie\u00dflich gibt es auf der Weltb\u00fchne der Literatur auch einige Autoren, die sowohl Kurzgeschichten wie auch Romane geschrieben haben, Oscar Wilde zum Beispiel. Gleichwohl festzustellen ist, dass diese \u201aZwitterwesen\u2018 meist das eine oder andere stark bevorzugten und\u00a0 aus wirtschaftlichen bzw. prestigehaften Erw\u00e4gungen heraus der bevorzugten Literaturgattung Fremdes schrieben &#8211; Oscar Wilde, zum Beispiel.<\/p>\n<p>Viele Autoren verweigern sich dem Roman, ja sogar dem Essay; deren gravitative Wirkung, behaupten sie, wirke sich negativ auf das zarte Pfl\u00e4nzlein Kreativit\u00e4t aus. Wahrlich, es sind nur wenige Papageienarten \u00fcber 3000 Meter H\u00f6he anzutreffen. Nietzsche hat mit seinem Zarathustra das geradezu Unm\u00f6gliche geschaffen, indem er mithilfe des Aphorismus\u2018 einen philosophischen Roman kreierte &#8211; eine Leistung die in ihrer literarischen Bedeutung jener physikalischen der einstein\u2019schen Relativit\u00e4tstheorie wohl in nichts nachsteht.<\/p>\n<p>Dann und wann gibt es Romane, die die Vorz\u00fcge einer Kurzgeschichte mit dem Mantel einer langen Erz\u00e4hlung belegen, die einen essayistischen Charakter f\u00fcr symbolische Details mit einer lange fesselnden Chronologie paaren, sie sind die Perlen der Literatur, die des Kalks der vielen kleinen gedichteten Algen bed\u00fcrfen, die ihnen die Str\u00f6mungen der oralen Tradition stetig zutreibt. Doch auch die Perlen brauchen Riffe, um zu gedeihen. Und Taucher, um ihre Sch\u00f6nheit ans Licht zu bringen &#8211; um leuchten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Farben, das sind atomare Muster und symbolisieren doch auch Unerkl\u00e4rliches, werden als Fl\u00e4che zum Zeichen. Romane, das sind erz\u00e4hlerische Muster und doch auch Schatten und Schemen (man denke an den Ulysses!), werden <em>als Werk<\/em> zum Zitat. Kurzgeschichten hingegen sind Lichtquelle, erm\u00f6glichen die Fl\u00e4che, zitieren dem Werk(e) zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kurzgeschichte wird oft nicht zum Roman, wenn ihr Autor nach einer gewissen Zeit &#8211; entweder aus Langeweile vor dem Thema oder aus Langeweile vor sich selbst, aus ideologischer Tr\u00e4gheit oder intellektueller Unlust heraus &#8211; die Handlung verdichtet. 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