{"id":2266,"date":"2013-10-07T20:26:41","date_gmt":"2013-10-07T19:26:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=2266"},"modified":"2013-10-11T21:51:39","modified_gmt":"2013-10-11T20:51:39","slug":"kultur-und-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=2266","title":{"rendered":"Kultur und Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Kultur ist also ein Zeichensystem, das auf eine ganz bestimmte Weise organisiert ist. Dabei fungiert gerade das Moment der Organisation \u2013 verstanden als die Summe von Regeln und Einschr\u00e4nkungen, denen das System unterworfen ist \u2013 als das bestimmende Merkmal der Kultur.<\/p>\n<p>Die Definition der Kultur als eines Zeichensystems, das bestimmten Strukturregeln unterworfen ist, erlaubt es uns, die Kultur als eine Sprache auszufassen \u2013 in der allgemeinsemiotischen Bedeutung dieses Terminus.<\/p>\n<p>Unweigerlich nimmt die Kultur den Charakter eines sekund\u00e4ren Systems an, das jeweils \u00fcber einer in der betreffenden Gemeinschaft \u00fcblichen nat\u00fcrlichen Sprache errichtet wird, und in ihrer inneren Organisation reproduziert die Kultur das Strukturschema der Sprache.<\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzung ein und derselben Texte in verschiedene andere semiotische Systeme, die Identifizierung unterschiedlicher Texte, Grenzverschiebungen zwischen den Texten, die einer Kultur zugeh\u00f6ren, und denen, die sich jenseits ihrer Grenzen befinden \u2013 diese Vorg\u00e4nge bilden den Mechanismus der kulturellen Wirklichkeitsaneignung. Die \u00dcbersetzung eines Ausschnitts de Wirklichkeit in eine \u201eSprache\u201c der Kultur, seine Umwandlung in einen Text, das hei\u00dft in eine auf bestimmte Weise fixierte Information, und die Aufnahme dieser Information in ein kollektives Ged\u00e4chtnis \u2013 dies ist die Sph\u00e4re der tagt\u00e4glichen kulturellen T\u00e4tigkeit. Nur das, was in ein Zeichensystem \u00fcbersetzt wurde, kann Ged\u00e4chtnisbesitz werden, und in diesem Sinne kann man die Geistesgeschichte der Menschheit als einen Kampf um das Ged\u00e4chtnis betrachten. Nicht zuf\u00e4llig erfolgt jede Zerst\u00f6rung von Kultur als Vernichtung von Ged\u00e4chtnis, als Tilgung von Texten, als Vergessen von Zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Die Chronik war der Wirklichkeit isomorph: Die allj\u00e4hrliche Aufzeichnung erm\u00f6glichte es, einen endlosen Text aufzubauen, der sich entlang der Zeitachse immer weiter ausdehnte. Der Begriff des Endes bekam in diesem Kontext eine eschatologische Einf\u00e4rbung, er stimmte \u00fcberein mit den Vorstellungen \u00fcber das Ende der Zeiten, das hei\u00dft der irdischen Welt. Das Herausheben eines markierten Endes im Text (die Umwandlung der Chronik in eine Geschichte oder einen Roman) stimmte \u00fcberein mit seiner kausalen Modellierung. In dieser Hinsicht war die Umwandlung des Lebens in einen Text verbunden mit der Erkl\u00e4rung seines geheimen Sinns. Im Aufbau der Chronik wird ein anderes Schema realisiert:<\/p>\n<p>Leben &#8211;&gt; Text &#8211;&gt; Ged\u00e4chtnis<\/p>\n<p>Die Umwandlung des Lebens in einen Text dient hier nicht der Sinnerkl\u00e4rung, sondern der Eintragung von Ereignissen in ein kollektives Ged\u00e4chtnis&#8230; Das gemeinsame Ged\u00e4chtnis verwies auf die bewu\u00dft wahrgenommene Einheit der Existenz. In diesem Sinne konnten die Chronik und die ihr funktionsverwandten Ged\u00e4chtniszeichen (Gr\u00e4ber und Epitaphien, Denkm\u00e4ler, Inschriften auf Geb\u00e4udemauern, Toponymik) f\u00fcr die Gemeinschaft die Funktion von Existenzzeichen erf\u00fcllen, weil sie \u2013 im Unterschied zu historischen Texten mit pragmatischer Ausrichtung \u2013 nicht Erkl\u00e4rungen von Ereignissen, sondern die Erinnerung an Ereignisse darstellten.<\/p>\n<p>Zwei einander entgegengesetzte Verfahrensweisen:<\/p>\n<p>1. Die Welt ist ein Text. Sie stellt eine sinnvolle Mitteilung dar, als Sch\u00f6pfer des Textes k\u00f6nnen auftreten: Gott, Naturgesetze, die absolute Idee usw. Die kulturelle Aneignung der Welt durch den Menschen besteht im Erlernen der Sprache des Textes, in seiner Entschl\u00fcsselung und \u00dcbersetzung in die dem Menschen zug\u00e4ngliche Sprache&#8230; Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, da\u00df zum Beispiel die armenische Kirche einen besonderen Feiertag der <em>Heiligen \u00dcbersetzer<\/em> kennt, der als Tag der nationalen Kultur begangen wird.<\/p>\n<p>2. Die Welt ist kein Text. Sie hat keinen Sinn&#8230; Hier haben wir es nicht mit der \u00dcbersetzung eines Textes zu tun, sondern mit der Umwandlung von Nichttext in Text. Die Umwandlung von Wald in Ackerland, die Trockenlegung von S\u00fcmpfen oder die Bew\u00e4sserung von W\u00fcsten, kurz: jegliche Umwandlung von nicht kultivierter Landschaft in kultivierte kann man als Transformation von Nichttext in Text auffassen. In diesem Sinne gibt es zum Beispiel zwischen dem Wald und der Stadt einen prinzipiellen Unterschied. Die Stadt tr\u00e4gt in sich in sozialen Zeichen fixierte Information \u00fcber verschiedene Seiten des menschlichen Lebens, das hei\u00dft, sie ist ein Text in demselben Ausma\u00df wie jede Produktionsstruktur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kultur ist also ein Zeichensystem, das auf eine ganz bestimmte Weise organisiert ist. Dabei fungiert gerade das Moment der Organisation \u2013 verstanden als die Summe von Regeln und Einschr\u00e4nkungen, denen das System unterworfen ist \u2013 als das bestimmende Merkmal der Kultur. 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