{"id":2226,"date":"2013-09-07T22:30:48","date_gmt":"2013-09-07T21:30:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=2226"},"modified":"2013-10-01T17:05:41","modified_gmt":"2013-10-01T16:05:41","slug":"wurfelspiele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=2226","title":{"rendered":"W\u00fcrfelzucker"},"content":{"rendered":"<p>Mein Freund schrieb mir von einer seiner unz\u00e4hligen Reisen, den Annehmlichkeiten und Hindernissen des Unterwegsseins, den ungew\u00f6hnlich schicken Herren und Damen mit auftoupierten Haaren, schnittigen Z\u00f6pfen und dem Palaver von Welt. Den transparenten Duschkabinen, den Sch\u00fcttelfr\u00f6sten w\u00e4hrend seiner Fieberperioden oder den Unbequemlichkeiten des dreifachen W\u00e4hrungstausches. Das Beste, meine Liebe, das Beste neben all der Hochkultur Europas, den Katakomben, den kleinen Restaurants mit dem starken schwarzen Tabak und dem Morgenkaffee, gemahlen aus echter Bohne &#8211; dazu reichen sie W\u00fcrfelzucker, bedruckt mit den Emblemen aller Kantone &#8211;\u00a0 das Beste, meine liebe Freundin, das Beste auf jeder Reise war und ist doch immer das Essen.<\/p>\n<p>Nach so einem Brief wartete ich drei Tage mit einer Antwort. Es machte mich verlegen, ihn so offen \u00fcber den K\u00f6rper und seine Einverleibungsw\u00fcnsche schreiben zu sehen. Was es genau zu essen gab, blieb im Dunkel. Ich griff zum Taschentuch und schnaubte mir die Nase, die auch im Sp\u00e4tsommer unter dem Bl\u00fctenstaub litt und unentwegt lief. Ich trank meinen Tee nicht aus. Ich betrachtete seine steil abfallende Schrift, die Postkarte mit dem Elefanten darauf. Ich spitzte den Stift. Ich drehte mir eine Locke um den Finger und dachte nach. Mein Lieber, schrieb ich schlie\u00dflich zur\u00fcck, das Essen ist der gewagteste Teil einer Reise. Es wird in gro\u00dfz\u00fcgigen Sch\u00fcsseln dargeboten, zwei bis dreimal am Tage, du f\u00fchlst dich kurz zuvor wie frisch gebadet, legst dir neue Garderobe an und begiebst dich, den Teller in der Hand, mit dem Besteck bewaffnet, in den Esssalon. Ich will dir nicht aufz\u00e4hlen, welche Speisen es gab. Die Saucen waren hervorragend, die Gesellschaft leger und nonchalant. Flattrige Kleidung, lose Mundart, schlaffe H\u00fcte. Die Tage waren hei\u00df. Ich und meine Freundin gew\u00f6hnten uns das Schaufeln an, wir sahen unsere ewig gef\u00fcllten Backen, die ewig hungrigen Augen, die bereits zum Zerbersten gestopften M\u00fcnder. Und immer l\u00e4chelten wir, schnippten wir sorglos unsere Asche in die silbernen Gef\u00e4\u00dfe. Ich wurde von Tag zu Tag eleganter und raffinierter darin, das so eben Genossene auf dem schnellsten Wege wieder los zu werden. Schon w\u00e4hrend ich es mir einverleibte, dachte ich im Stillen an eine neue Methode. Ach, lieber Freund, die Klagen und M\u00fchen des zu reichlichen Genusses sind ein wesentliches Laster unserer Zeit &#8211; gleich dem Unterwegssein und seinen Strapazen. Wenn wir w\u00fcrfeln, \u00fcberlassen wir vieles dem Zufall. Aber ich hoffe, wir zwei, Du und ich, sind noch immer Tag und Nacht, Sonne und Mond, die Vorreiter auf einer Zielgeraden&#8230;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, was und wann er mir antworten wird. Ich wickle ein St\u00fcck Zucker aus und lege es in den frisch gebr\u00fchten Kaffee, der mir den Mund zusammenzieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Freund schrieb mir von einer seiner unz\u00e4hligen Reisen, den Annehmlichkeiten und Hindernissen des Unterwegsseins, den ungew\u00f6hnlich schicken Herren und Damen mit auftoupierten Haaren, schnittigen Z\u00f6pfen und dem Palaver von Welt. 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