{"id":2190,"date":"2013-06-04T10:29:25","date_gmt":"2013-06-04T09:29:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=2190"},"modified":"2023-08-06T17:09:09","modified_gmt":"2023-08-06T16:09:09","slug":"lost-and-found","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=2190","title":{"rendered":"Lost and found"},"content":{"rendered":"<p><em>Zu Gedichten von Sne\u017eana Minic<\/em><\/p>\n<p><a title=\"minic.jpg\" href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/minic.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"minic.jpg\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/minic.jpg?w=700\"\/><\/a><\/p>\n<p>Dieses Buch gab mir Sne\u017eana in Hamburg in die Hand, nachdem ich im Festsaal des Kunstgewerbemuseums Ithaka-Verse von Milo\u0161 Crnjanski in deutscher \u00dcbersetzung vorgetragen hatte. Es war ein r\u00fchrender Moment: die expressiven Texte, die Crnjanski zwischen den Gefechten in Galizischen W\u00e4ldern aufgekritzelt hatte, die mit ihm die Odyssee des Krieges \u00fcberlebten, schwebten noch im Raum; allm\u00e4hlich f\u00fcllte er sich mit Geplauder, dem Klirren der Weingl\u00e4ser, Lachen und dem Schurren der Schuhe. Eine Last fiel ab, das schwere Wort hatte sich herabgesenkt und gab die Lufthoheit wieder frei f\u00fcr das Leichte.<\/p>\n<p>Es gab keinen g\u00fcnstigeren Augenblick, die Gedichte von Sne\u017eana zu empfangen. Mit leichter Zunge erz\u00e4hlt sie von mediterranen Mythen, von Flucht und Vertreibung, magischen Schildkr\u00f6ten, osmanischen Anekdoten, weiblichem Stolz, Spazierg\u00e4ngen im Park, Kneipenbesuchen, Hinterh\u00f6fen, Nirgendsorten und Niemandsl\u00e4ndern, Zigeunern und Kamille, von den Frauen, die Gro\u00dfvater liebte und f\u00fcr die er die deutschen Lager \u00fcberlebt hat.<\/p>\n<p>Die Texte t\u00e4nzeln so leicht, da\u00df das Buch mir abhanden kam. Ich erblickte es zuweilen eingequetscht zwischen den gewichtigen B\u00fcchern im Regal, doch erst jetzt, ein Jahr sp\u00e4ter, entdeckte ich es wieder.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Irrfahrten setzen nur die l\u00e4ngst beschriebenen fort &#8230; Aber auch Ithaka &#8230; ist blo\u00df eine Insel.\u201c Das ist der Auftakt des Buches, die zentrale Metapher der jugoslawischen Moderne: Odysseus. Die Geschichte der Balkanv\u00f6lker als Irrfahrt, als Kampf mit Zyklopen, Menschenfressern, als schmerzhafte Lust im Spiel mit Nymphen und Sirenen. Crnjanski ruft Odysseus ins Ged\u00e4chtnis, Stevan Tonti? Penelope. Bei Sne\u017eana wird Ithaka wieder, was es eigentlich ist: eine Insel.<\/p>\n<p>Es ist der hermeneutische Ansatz, der diese Gedichte durchzieht: zu den Sachen selbst zur\u00fcckzukehren, zu sehen, was eigentlich in den Dingen und den Menschen steckt. \u201eWas will ich eigentlich? \u2013 Sprechen will ich, wieder sprechen, wie alle Vertriebenen, ohne st\u00e4ndigen Wohnsitz, ohne Haare auf den Z\u00e4hnen, mit Pa\u00df der UN oder ohne &#8230;\u201c Man mu\u00df zuweilen die S\u00e4tze freilegen, aus dem Wachsen der Gedanken herausnehmen, um ihre Sch\u00f6nheit zu erkennen und sie wieder zur\u00fcckzugeben in das Geflecht der Verse. Sne\u017eana vertraut der wundert\u00e4tigen Kraft des Kleefarns, die gefesselte Zunge zu l\u00f6sen. Der Farn \u2013 ein heidnisches osteurop\u00e4isches Gew\u00e4chs, gr\u00fcn wuchert er in den W\u00e4ldern, aber nur kurz zeigt er seine Bl\u00fcte, um Mitternacht \u2013 diesen Augenblick gilt es zu erhaschen, wenn man verliebt ist. Auch die Litauer wissen dar\u00fcber Lieder zu singen.<\/p>\n<p>Was den Fl\u00fcchtling im Westen empf\u00e4ngt, das sind \u201eimmerfort Werbebotschaften und Bilder, Bilder und Werbebotschaften\u201c. Die Einheimischen sind abgelenkt durch kleine magische Bildschirme, die sie in den H\u00e4nden halten oder \u00fcber den Sitzen in der Stra\u00dfenbahn anstarren \u2013 die sie abhalten \u2013 oder sch\u00fctzen? \u2013 von der mitmenschlichen Begegnung. Es ist Arbeit, sich von den sorgf\u00e4ltig geschminkten, bunt bespannten, beeindruckend errichteten Fassaden zu befreien, sich nicht aufsaugen und manipulieren zu lassen. Die Einsamkeit in all dieser F\u00fclle zu erkennen und sch\u00e4tzen zu lernen.<\/p>\n<p>\u201eDie Poesie hat keinen Nutzen, wir sollten es lassen, vergebliche M\u00fchen &#8230; selten, freudlos schrieben wir Gedichte.\u201c Tats\u00e4chlich, objektiv gesehen, steht uns die Dichtung in dieser Welt nicht bei. Sie verhindert keine Kriege, keine Klimakatastophen. Sie l\u00e4\u00dft uns innehalten, wenn wir uns auf sie einlassen. Das ist alles. Die torkelnde Bewegung eines Schmetterlingsfl\u00fcgels. Wenn sie keinen Wirbelsturm ausl\u00f6st, kann sie Freude bereiten.<\/p>\n<p>\u201eWir sind in einem neuen Land aufgewacht, Amseln zwitscherten im Geb\u00fcsch, M\u00f6wen flogen, alles hatte andere Bedeutung.\u201c Die Flucht ist von Gefahren umzingelt, die Ankunft verhei\u00dft Stille, ersehnte Ruhe \u2013 selbst die Wolken haben, scheint es, eine andere Gestalt, das Gras w\u00e4chst anders. In der Stunde der Rettung kehrt die Vergangenheit zur\u00fcck. Sne\u017eanas Gro\u00dfvater lebt in den Gedichten, wird in deutschen Viehwaggons herumgekutscht, nach Norden zur Zwangsarbeit geschleppt. Wo \u201eein Zigarettenstummel sein ganzer Reichtum war.\u201c Was ist der richtige Ort? Wann haben wir ihn gefunden?<\/p>\n<p>Die Prinzessin dagegen wurde in den S\u00fcden entf\u00fchrt, ins herrliche Byzanz, wurde im Serail festgehalten, \u201edie schwarz\u00e4ugige Sch\u00f6nheit neben so vielen anderen Frauen &#8230; mu\u00dfte ihr von so vielen Helden gerade dieser zuteil werden?\u201c Sie konnte nur noch tr\u00e4umen vom Vogelgezwitscher daheim in den Hainen, von den H\u00fcgeln und Hirten. Die Dichterin, sie \u201ek\u00f6nnte dorthin zur\u00fcck, mit Pferd, Esel, Zug, mit einem Sack Kartoffeln.\u201c Aber sie bleibt im Exil. Im Land des Blaukrauts, der Kohlk\u00f6pfe, der Versicherungsagenten und Zeitungsleser, der Frauen mit Traget\u00fcchern. Des Regens. Er verfl\u00fcssigt alles, l\u00e4\u00dft Trauer vom Himmel fallen. \u201eNirgends kann man hingehen, vor nichts fliehen.\u201c<\/p>\n<p>Sie bleibt und beobachtet zugleich die R\u00fcckkehrer: \u201eSie kommen zur\u00fcck von der Jagd und aus Kriegen, sie kaufen B\u00fccher, sie legen die Lanze beiseite, wickeln sich in uralte Felle, im Schlaf sind sie wie Rehe so sanft, die Insel der Seel\u00f6wen ist von Sirenen bev\u00f6lkert, sollen doch ordentliche Winde blasen, und ihre Schiffe in Byzanz landen &#8230; Ich stehe und schau, wie sie wei\u00dflich schimmern.\u201c<\/p>\n<p>Diese Gedichte erz\u00e4hlen. Sie \u00fcben sich nicht im hermetischen Versteckspiel, sondern in Hermeneutik. Der Leser schwimmt mit dem Bewu\u00dftseinsstrom der Autorin, er gleitet m\u00fchelos an ihrem Leben vorbei wie an einer Nomadensiedlung, die am Ufer ihren Platz gefunden hat. Und in dem kurzen Augenblick, in dem der Leser nachsinnt und sich selbst erblickt, hat ihn der Strom weiter getragen. Die Nomaden aber sind nicht an ihrem Platz geblieben, sondern haben ihre Zelte schon am neuen Ufer aufgeschlagen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.drava.at\/katalog.php?ansicht=einzeln&amp;retourn_path=\/katalog.php&amp;such_nr=go1&amp;titel_ID=667&amp;Anfangsposition=&amp;ks_seite=suche&amp;sis=df34990f20bb508be3587f76c618754a\"><em>Sne\u017eana Minic, Ostw\u00e4rts, westw\u00e4rts. Aus dem Serbischen von Matthias Jacob, Klagenfurt: Drava, 2012<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Gedichten von Sne\u017eana Minic Dieses Buch gab mir Sne\u017eana in Hamburg in die Hand, nachdem ich im Festsaal des Kunstgewerbemuseums Ithaka-Verse von Milo\u0161 Crnjanski in deutscher \u00dcbersetzung vorgetragen hatte. 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