{"id":2155,"date":"2013-04-16T09:54:39","date_gmt":"2013-04-16T08:54:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=2155"},"modified":"2023-08-06T17:18:56","modified_gmt":"2023-08-06T16:18:56","slug":"funf-minuten-nach-turgenjew","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=2155","title":{"rendered":"F\u00fcnf Minuten nach Turgenjew"},"content":{"rendered":"<p>Die Arena, mit ihrem wei\u00dfen, intimen, als Rund gebauten Gest\u00fchl, \u00fcberraschte: Ein Viertel der Pl\u00e4tze Arena waren schon besetzt von Lilien, die einen bet\u00f6renden Duft verstr\u00f6mten. Doch bevor die Zuschauer in einen d\u00e4mmernden Bewu\u00dftseinszustand fallen konnten, erklang aus der Dunkelheit eine Geige. Ein paar Kl\u00e4nge und man war mittendrin: knapp zwei Stunden mit Szenen aus \u201eV\u00e4ter und S\u00f6hne\u201c, vor allem um das Kapitel 16 herum.<\/p>\n<p>Es ist nicht das gro\u00dfe Orchester, das die \u201eLeipziger Festspiele\u201c auffahren. Darin liegt ihr Reiz. Es kann schon mal vorkommen, da\u00df die Hauptdarstellerin einer nie\u00dfenden Zuschauerin \u201eGesundheit\u201c w\u00fcnscht. Es geht um Gegenseitigkeit und Kontakt, um ein Aufbrechen der Konsumhaltung, die dem Nutzer technischer Medien aufgedr\u00e4ngt wird. Es geht auch um das Gemeinschaftliche des Erlebens.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"5_min_nach_turgenjew_05_kl.jpg\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/5_min_nach_turgenjew_05_kl.jpg?w=700\"\/><br \/>\n\u00a9 R.Arnold\/CT<\/p>\n<p>Also um kleine Besetzung, intensive Wirkung. Zwei Musiker: der als zaristischer Soldat ausstaffierte Geiger &#8211; das ist aber auch der einzige Verweis aufs Slawophile &#8211; und ein schlaksiger, als Ballettm\u00e4dchen herumhuschender Pianist am Computer. Drei Schauspieler: Arkadi (G\u00fcnther Harder),&nbsp;klein und dicklich, noch \u201eJungfrau\u201c, schwankt zwischen Selbstmord und Attacke. Den Revolver aufs Publikum gerichtet, jammert er \u00fcber sein Ungl\u00fcck. Bis ihm Jewgeni (Manolo Bertling) von der sch\u00f6nen Anna (Cordelia Wege) erz\u00e4hlt, die jung verwitwet reich geworden ist und zur\u00fcckgezogen auf dem Lande lebt \u2013 was will der m\u00e4nnliche Eroberer eigentlich mehr? Was sucht sie selbst eigentich noch?<\/p>\n<p>Sie beschlie\u00dfen, ihr zu zweit die Aufwartung zu machen. Kaum ist der Entschlu\u00df gefa\u00dft, zerreden sie ihn und kommen \u00fcber Gr\u00fcbeleien nicht heraus. Sie \u00e4hneln Don Quichote und Sancho Pansa, zwei Nihilisten in ihrer gewollten Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n<p>Da steigt Anna in \u201ek\u00fchler Sch\u00f6nheit\u201c ihres aristokratisch aufreizenden Flaumkleides die Treppe herab und l\u00e4dt sie zum Besuch ein, beide bittesch\u00f6n. \u201eKommt beide in meine Koje, ich meine Nikolskoje\u201c, verbessert sie sich und l\u00e4\u00dft ihren Sprachwitz funkeln.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen sie zu dritt miteinander anfangen? Lieben d\u00fcrfen Nihilisten nicht, also tanzen sie. Die Herren werfen ihre Oberkleider ins Publikum &#8211; wie gut, nicht in der ersten Reihe zu sitzen &#8211; und springen in Balletthosen umher. Schlie\u00dflich droht es doch, \u201eernst\u201c zu werden. Man n\u00e4hert, man ber\u00fchrt sich. Arkadi aber bekommt Nasenbluten, einen Moment lang \u00fcberf\u00e4llt den Zuschauer Mitleid, dann Ekel, dann Grauen. Diese Wandlung ist die eigentliche St\u00e4rke des St\u00fccks.<\/p>\n<p>Der einst aktuelle, inzwischen l\u00e4ngst verbla\u00dfte, politische Hintergrund aus Turgenjews Epoche, der Streit zwischen Modernisten und Traditionalisten, bleibt drau\u00dfen. An der Oberfl\u00e4che geht es um die M\u00f6glichkeit zu lieben, wenn die pers\u00f6nliche Ideologie Liebe verbietet, um die innere Zerrissenheit des Nihilisten, sich zu dem zu bekennen, was gemeinhin als \u201enat\u00fcrlich\u201c gilt.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"5_min_nach_turgenjew_09_kl.jpg\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/5_min_nach_turgenjew_09_kl.jpg?w=700\"\/><br \/>\n\u00a9 R.Arnold\/CT<\/p>\n<p>Anna feuert mit ihren Reizen dieses Spiel an, bis sich Jewgeni bei Aufbietung aller Peinlichkeit zu einem Bekenntnis \u00fcberwindet: \u201eDu hast mich soweit gebracht, da\u00df ich dir sage, wie wahnsinnig ich dich liebe.\u201c In diesem Augenblick verliert sie das Interesse, erwidert: \u201eDas war es nicht.\u201c und schleudert die schwarze Schlange, die sich als \u201eFlechte aus ihren Haaren l\u00f6st und \u00fcber ihre Schulter rollt\u201c (Kapitel 17, S. 114), lustvoll hoch ins Publikum &#8211; wie gut, nicht in einer der oberen Reihen zu sitzen\u2026, aufatmen, es flog nur eine Schlange aus Gummi durch die Luft, die Anna unauff\u00e4llig gegen die echte Schlange, die sich eben noch effektvoll auf der weinroten B\u00fchne wand und z\u00fcngelte, ausgetauscht hat; immerhin: den Schlangenphobikerinnen auf den oberen Sitzen schlief f\u00fcr einen Moment das Gesicht ein.<\/p>\n<p>Nein, diese inneren Luxuskonflikte des Nihilisten sind es nicht, die dem St\u00fcck Sch\u00e4rfe geben. Den eigentlichen Stoff, an dem der Zuschauer noch auf dem Heimweg und in seinen n\u00e4chtlichen Tr\u00e4umen kaut, bildet das un\u00fcberwindliche Leid des Versagers, der von Arkadi repr\u00e4sentiert wird. Nicht nur das Nasenbluten im entscheidenden Moment des Balzens steigert die L\u00e4cherlichkeit. Nachdem Jewgeni, \u00e4u\u00dferlich noch stoisch, innerlich schon anerkennt, da\u00df er in Anna verliebt ist, setzt er den Freund auf die Halbschwester an, Katharina, das schlaksige Ballettm\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Arkadi gelingt es nicht, sie zu verf\u00fchren, er zwingt die Sch\u00fcchterne unter seine Gewalt. Das vom Nasenblut entstellte Gesicht verleiht ihm das Aussehen eines Vampirs, eines weinerlichen, verzweifelten Vampirs, der das Gl\u00fcck&nbsp;nicht zu&nbsp;gewinnen vermag. So ruft Arkadi, nachdem er Katharina befohlen hat, sich auf den R\u00fccken zu legen, triumphierend aus: \u201eIch kann ein Raubtier sein, ich kann ein Raubtier sein!\u201c und st\u00fcrzt sich auf sie.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"5_min_nach_turgenjew_08_kl.jpg\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/5_min_nach_turgenjew_08_kl.jpg?w=700\"\/><br \/>\n\u00a9 R.Arnold\/CT<\/p>\n<p>Dem Zuschauer wird in diesem St\u00fcck eine anschauliche Entstehungsgeschichte der Perversion aus der Unterlegenheit geboten. Der Akt der Selbsterm\u00e4chtigung beschert dem Ge\u00e4chteten dieser Welt ein vor\u00fcbergehendes Hochgef\u00fchl und verordnet der Spielgef\u00e4hrtin die&nbsp;Opferrolle.<\/p>\n<p>So plakativ wird das auf der B\u00fchne nicht ausgesprochen,&nbsp;die Geschichte springt ins Auge des Betrachters. Theoretisch m\u00fc\u00dfte die Unterwerfung Katharinas wiederum Versagen, Ver\u00e4chtlichkeit und Dem\u00fctigung hervorrufen, so da\u00df sich die Perversion als perpetuum mobile unendlich fortsetzen kann. Wenn Katharina aufbegehren und sich ihrerseits \u00fcber andere erheben w\u00fcrde (die Kinder?). Doch soweit kommt es nicht.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne verwandelt sich der Perverse, der seine Schw\u00e4che so gern als Raubtier ausagieren m\u00f6chte, in einen russischen B\u00e4ren. So bedrohlich dieses Tier ist, wenn es einem tats\u00e4chlich hinter den Karpaten \u00fcber den Weg l\u00e4uft, so niedlich wirkt es, wenn es lebensgro\u00df auf der Theaterb\u00fchne tanzt und Arkadi am Ende, unglaublich schwitzend, darunter hervorkommt &#8211; so tr\u00e4umen wir uns die Verwandlung des B\u00f6sen ins liebensw\u00fcrdig Tierische.<\/p>\n<p>M\u00e4nnliches Eroberungsversagen trifft auf weiblichen Aufopferungserfolg. Katharina wendet die Dem\u00fctigung stillschweigend um in Demut. Beil\u00e4ufig, am Rande, von den Helden des Geschehens ungeachtet, im Applaus untergehend.<\/p>\n<p>Mehr Theater geht nicht. Ohne schw\u00fcles Klassikerpathos, marktschreierischen Exhibitionismus.<\/p>\n<p><em>F\u00fcnf Minuten nach Turgenjew, Regie: Robert Borgmann, nach dem Roman \u201eV\u00e4ter und S\u00f6hne\u201c, Centraltheater Leipzig, 11.-14. 4. 2013<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arena, mit ihrem wei\u00dfen, intimen, als Rund gebauten Gest\u00fchl, \u00fcberraschte: Ein Viertel der Pl\u00e4tze Arena waren schon besetzt von Lilien, die einen bet\u00f6renden Duft verstr\u00f6mten. Doch bevor die Zuschauer in einen d\u00e4mmernden Bewu\u00dftseinszustand fallen konnten, erklang aus der Dunkelheit eine Geige. 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Die Wirklichkeit zergliedern. Parallel. Distanz. Hier auf dem Balkon sitzen, trinken, Wein versch\u00fctten. Um zu sein, was der schwarz bekleidete Fu\u00df verspricht. Als spannten sich \u00fcber ihre\u2026","rel":"","context":"In &quot;Trauersymmetrie&quot;","block_context":{"text":"Trauersymmetrie","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=5"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":11292,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=11292","url_meta":{"origin":2155,"position":2},"title":"Ein Text wie","author":"Zhenja","date":"22. Juni 2019","format":false,"excerpt":"wenn ein Raumschiff startet. Erst ist da ein Feuerkreis, tanzende Kontur, in deren blaudunklem Rot sich undeutlich schwarze Schlieren abzeichnen. Tausende von Dingen, alle gleich, alle anders, in einem Strudel permanenten Nachdunkelns eingeschlossen. Dieser Text erzeugt ein Ger\u00e4usch wie ein Fieber, das einem hei\u00df aus den Ohren tritt. 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