{"id":2113,"date":"2013-03-26T20:52:31","date_gmt":"2013-03-26T19:52:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=2113"},"modified":"2013-03-26T20:59:56","modified_gmt":"2013-03-26T19:59:56","slug":"wislawa-in-der-manteltasche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=2113","title":{"rendered":"Wislawa in der Manteltasche"},"content":{"rendered":"<p>oder:<br \/>\n<strong>Die n\u00fctzliche Reise<\/strong><br \/>\noder:<br \/>\n<strong>Das Ende der Selbstgespr\u00e4che<\/strong><\/p>\n<p>Dem eigenen Vorgarten mal wieder entkommen. Das ist Gl\u00fcck. Von Zeit zu Zeit. Allem zu entkommen was allzu vertraut ist. Es gibt kein bessres Elexier. Sagte ich mir. Brich auf, brich ab, brich nicht den Stab. \u00dcber das Fremde. Das Rohe, das Graue, das Harte, das Weiche. Wird so viel geredet. Sagte ich mir. Such das <em>Gespr\u00e4ch mit dem Stein<\/em>. Und finde <em>Hundert Freuden<\/em>. Mitten im Winter. Im widrigen Winter. Und setzte den Fu\u00df vor die T\u00fcr.<br \/>\nJe ost desto best. Hatte ich gesagt. Und promt bekommen, was ich verdiente. Den eisigen Ostwind. Ein tobendes Meer. Der Strand menschenleer. Eine erstarrte W\u00fcste. Jeder einzelne Stein thronte festgefroren auf seinem eigenen Sandh\u00fcgel, nach hinten (oder war es vorn?) mit einem kleinen Schweif versehn. Jedem sein Schiffchen. Dachte ich. Eine ganze Armada. Bereit. Wozu. Abweisend und stumm. Warum. Fragte ich mich.<em> Ich klopfe an die T\u00fcr des Steins&#8230;Geh weg, sagt der Stein..ich hab keine T\u00fcr&#8230;.<\/em><br \/>\nNa egal, sagte ich mir, rede ich eben mit den Wanderd\u00fcnen. Aber die warfen mich ab. Wie eine l\u00e4stige Ameise. R\u00fcckw\u00e4rts rollend oder auf dem Bauch hinunterrutschend, mit lang ausgestreckten Armen zum Gipfel, endete jeder Versuch, sie zu erklimmen. Glatt, gefroren, unnahbar wie Pyramiden. So standen sie da und schwiegen.<br \/>\nUnd das Wasser ? Das Wasser bl\u00e4hte sich auf und machte einen H\u00f6llenl\u00e4rm. Doch sobald die Gischt das Ufer erreicht hatte, erstarrte sie zu Perlen. Ein stilles zartes Eisgewebe. Unter den tiefgefrorenen Sandschollen hingen Myriaden von Eiszapfen.<br \/>\nWie wunderbar, sagte ich mir, und erweiterte den Sehschlitz zwischen Schal und Schapka um einige Millimeter.<br \/>\nNach 2 Stunden aber hingen mir die F\u00fc\u00dfe wie Eishufe am Bein. Ich erreichte mit M\u00fche die Kr\u00fcppelkiefern und  lahmte auf Elch- und Schweinepfad zur\u00fcck ins Dorf.<br \/>\nDer Ort schien ausgestorben. Die Stra\u00dfen leer, die Fischerbuden zugenagelt. Verriegelte Fensterl\u00e4den, verschlossene T\u00fcren. Und \u00fcberall das kleine Schild mit seiner gro\u00dfen Drohung: <em>video monitoring<\/em>. Mir wurde unbehaglich. Und hungrig war ich auch. Keine Sprotte weit und breit. Daf\u00fcr schwarzer Rauch. Aus grauen H\u00e4usern.<br \/>\nKein Rauch ohne Feuer. Sagte ich mir. Kein Feuer ohne Mensch. Meistens jedenfalls.<\/p>\n<p>Bei Bigos und Wodka kam ich zu mir. Die erste Verkl\u00e4rung hatte sich schnell gelegt, sozusagen in Rauch aufgel\u00f6st. Stinkender Torfrauch. Wo war ich hingeraten. Dazu diese Sprache. Furchtbar. Nicht zu verstehen. Geschweige denn zu sprechen. <em>Chrzaszcz brzmi w trzcinie. Ein K\u00e4fer zirpt im Schilf.<\/em> Ich &#8211;  verfiel in Schweigen. Wochenlang. Sagte ich mir nichts. Fragte ich mich nichts. Die Worte um mich herum blieben unverst\u00e4ndlich. Und ich blieb stumm.<br \/>\nSelten so viel verstanden&#8230;<em>Lob der Schwester&#8230;Meine Schwester schreibt keine Gedichte&#8230;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder: Die n\u00fctzliche Reise oder: Das Ende der Selbstgespr\u00e4che Dem eigenen Vorgarten mal wieder entkommen. Das ist Gl\u00fcck. Von Zeit zu Zeit. Allem zu entkommen was allzu vertraut ist. Es gibt kein bessres Elexier. Sagte ich mir. Brich auf, brich ab, brich nicht den Stab. \u00dcber das Fremde. 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