{"id":211,"date":"2008-07-01T10:26:43","date_gmt":"2008-07-01T08:26:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=211"},"modified":"2023-08-06T17:15:36","modified_gmt":"2023-08-06T16:15:36","slug":"aufbauabbau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=211","title":{"rendered":"Aufbauabbau"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Pleite des Aufbau-Verlages verliert Ostdeutschland endg\u00fcltig seine Stimme im Chor des bundesdeutschen Verlagswesens. Christoph Links hat in seinen Beitr\u00e4gen (siehe: <em>Was wurde aus dem &#8222;Leseland DDR&#8220;?<\/em>, in: ders. (Hg.), <em>Am Ziel vorbei<\/em>, Berlin 2005) schon vor Jahren auf den \u00f6konomischen Irrsinn hingewiesen, der eine gesamte Region zum Absatzmarkt degradiert, die Wertsch\u00f6pfung aber liquidiert. Ist es als Preis der deutschen Romantik zu verstehen, da\u00df auf \u00f6konomische Folgen politischer Entscheidungen in diesem Land zu wenig geachtet wird, sobald sich ideologische Gespenster vor den Augen tummeln? Die schrumpfende ostdeutsche Bev\u00f6lkerung hat sich damit abgefunden, scheint es, da\u00df die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder auf Dauer alimentiert werden mu\u00df. Das Anziehen der Daumenschrauben (Hartz 4) versetzt Gefesselte nicht in Bewegung. \u00dcber das \u00f6konomische Ausma\u00df der treuh\u00e4ndischen Abwicklungspolitik sind wir uns mittlerweile im Klaren: es gibt in Ostdeutschland keine nennenswerte Verlagsproduktion mehr, nur 2,2 Prozent der lieferbaren Titel werden im Osten verlegt (<a title=\"Literatur auf der Resterampe\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/26\/Verramschung-DDR-Verlage\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZEIT, 19. 6. 2008<\/a>). Es gibt nur noch diverse Liebhaber- oder Nischenproduktionen, ein Neglig\u00e9 f\u00fcr den gesamtdeutschen Buchmarkt, eine \u00f6konomisch zu vernachl\u00e4ssigende Gr\u00f6\u00dfe, die f\u00fcr die Kulturpolitik und die Branchenverb\u00e4nde immerhin noch ausreicht, um der \u00d6ffentlichkeit in Hochglanzbrosch\u00fcren das Bild von einem florierenden Gesch\u00e4ft zu suggerieren. Im Verlagswesen zeigt sich um einen Deut klarer, was auch in der \u00fcbrigen Wirtschaft gespielt wurde: ein radikaler Kahlschlag, der bestenfalls vom Niedergang des Buchhandels insgesamt in Folge der Digitalisierung jemals wieder eingeholt werden kann.<\/p>\n<p>Die Frage, die sich anschlie\u00dft, lautet: Was bedeutet die vollst\u00e4ndige Liquidation des ostdeutschen Verlagswesens f\u00fcr die Kultur und das demokratische Experiment eines Landes, das in seiner Geschichte \u00fcble und \u00fcbelste Diktaturen hervorgebracht hat? Dar\u00fcber wird auff\u00e4llig wenig oder gar nicht diskutiert \u2013 ein Mangel, der mit dem Fehlen der materiellen Basis demokratischer Meinungs\u00e4u\u00dferungen, der Existenz unabh\u00e4ngiger Verlage, merkw\u00fcrdig korrespondiert. Die westdeutschen Meinungsmacher, die seit vierzig Jahren, genauer: seit 1968, in ihren Redaktionssesseln l\u00fcmmeln, hauen gern mal verbal auf ihre ostdeutschen Landsleute ein, wenn es darum geht, nach einem rechtsorientierten \u00dcberfall oder Wahlsieg der Linken Demokratiedefizite in irgendeiner Kleinstadt zu bejammern. Da\u00df den Ostdeutschen die eigene literarische wie politische Stimme entzogen wurde, indem man nach dem Fall der Mauer den ehemals volkseigenen Verlagen einen Bauingenieur als obersten Verwaltungsbeamten mit dem Auftrag vorsetzte, sie schnellstm\u00f6glich zu verscherbeln, koste es, was es wolle \u2013 diese vom Westen inszenierte Entm\u00fcndigung wird von den heutigen Moralaposteln stillschweigend \u00fcbergangen. Sie \u00e4hneln Eltern, die ihr Kind zwar gut f\u00fcttern, die ersten Lallversuche aber als Ruhest\u00f6rung mi\u00dfverstehen und mit Klebeband vorm Mund bestrafen, um das Kind dann, wenn es \u2013 berechtigterweise \u2013 bockt und trotzt, erst richtig zu verpr\u00fcgeln oder dem Jugendamt vorzuf\u00fchren, damit es in Obhut genommen werde. Seit dem Fall der Mauer erleben wir die verlegerische Inobhutnahme der Ostdeutschen in westdeutsche F\u00fcrsorgeanstalten, wir erleben eine beispiellose Entm\u00fcndigung, die auf Sammetpfoten daherkommt, nicht mit den Mitteln der politischen Zensur, sondern des \u00f6konomischen Zwangs agiert.<\/p>\n<p>Woher kommt das nachhaltige Desinteresse in der ostdeutschen Bev\u00f6lkerung an der Entwicklung der Demokratie und der Hochkultur? Wie kommt es, da\u00df ernsthafte F\u00fcrsprecher der beiden letzteren allenfalls ein m\u00fcdes L\u00e4cheln ernten, wenn \u00fcberhaupt? Ist es die angebliche Unbelehrbarkeit oder Starrk\u00f6pfigkeit des ostdeutschen Charaktertyps, der eben \u00fcber anderthalb Generationen hinweg durch den Stalinismus versaut worden sei? Xenophobische Spekulationen dieser Art werden noch in manchem Wohlstandsnest des westdeutschen Hinterwalds gepflegt \u2013 mit der Lebenswirklichkeit haben sie wenig gemein. Die t\u00e4gliche Erfahrung der Stimmlosigkeit l\u00e4\u00dft niemanden verhungern. Es gibt keine Demonstrationen, solange die Entm\u00fcndigten noch einigerma\u00dfen satt sind. Niemand hat es n\u00f6tig, f\u00fcr das Recht auf Meinungs\u00e4u\u00dferung auf die Stra\u00dfe zu gehen \u2013 denn das Recht steht formal jedem offen, darum geht es nicht. Es geht um die materielle Grundlage, seine Meinung \u2013 und sei es nur seine literaraische und \u00e4sthetische \u00dcberzeugung \u2013 in den Diskurs werfen zu k\u00f6nnen, ohne da\u00df sie zuvor von westdeutschen Redaktionsstuben und Lektoraten gefiltert wird. Wenn es Menschen nicht mehr m\u00f6glich ist, ihr Menschsein zu artikulieren, h\u00f6ren sie allm\u00e4hlich auf, Mensch zu sein. Der Mangel an ungefilterter \u00c4u\u00dferung (fr\u00fcher hie\u00df das Authentizit\u00e4t, aber sie ist in Verruf geraten) entwertet nunmehr die gesamtdeutsche Demokratie und \u00fcberf\u00fchrt ihre Apologeten der L\u00fcge. Wer sich vor jeder Wortmeldung hinten anstellen mu\u00df, wendet sich irgendwann ab. Die Themen im \u00f6ffentlichen Diskurs der Bundesrepublik werden von einem Filz bestimmt, der einer \u201eWende\u201c bedarf, einer personellen Erneuerung. Wie w\u00e4re es die Leitungsstellen in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten grunds\u00e4tzlich auf f\u00fcnf Jahre zu befristen? Ich h\u00f6re schon die Kritiker, die mich aufs Internet verweisen und die Freiheit, die dort zu finden sei \u2013 sie ist tats\u00e4chlich zu finden und deshalb stehen diese Gedanken dort.<\/p>\n<p>&#8222;Aufbau\u201c, das einstige Flaggschiff der DDR-Verlage, war das letzte Feigenblatt, das die ostdeutsche Entbl\u00f6\u00dfung von literarischer Wertsch\u00f6pfungskapazit\u00e4t verbergen sollte. Paradoxerweise hat die politische Zensur, die die DDR auf die Literatur- und Kulturszene aus\u00fcbte, zu deren Wertsteigerung beigetragen und den mittlerweile verhallten Ruf vom \u201eLeseland\u201c erst hervorgezaubert. \u201eAufbau\u201c suggerierte, da\u00df es einem ostdeutschen Verlag m\u00f6glich sei, im Chor der Konzerne und Meinungskartelle mitzusingen. Der \u00e4u\u00dfere Schein war beeindruckend. Nun ist die H\u00fclle gefallen und jedermann sieht: dahinter ist nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Pleite des Aufbau-Verlages verliert Ostdeutschland endg\u00fcltig seine Stimme im Chor des bundesdeutschen Verlagswesens. Christoph Links hat in seinen Beitr\u00e4gen (siehe: Was wurde aus dem &#8222;Leseland DDR&#8220;?, in: ders. 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