{"id":21,"date":"2007-06-24T13:53:01","date_gmt":"2007-06-24T11:53:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erata.de\/inskriptionen\/?p=21"},"modified":"2009-01-30T19:05:56","modified_gmt":"2009-01-30T17:05:56","slug":"wo-zweifel-ist-wachst-auch-die-verzweiflung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=21","title":{"rendered":"Wo Zweifel ist, w\u00e4chst auch die Verzweiflung &#8230;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Wesen Mensch<\/strong><\/p>\n<p><em>Laudatio zu einer Ausstellung von Jens Ossada, Schlo\u00df Rochsburg<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Das Wesen Mensch \u2014 wer denkt da nicht an die Kreatur, die Sch\u00f6pfung Gottes. Oder, um ein anderen Glaubenssatz zu benennen, an die \u201ebio-psycho-soziale Einheit Mensch\u201c. Den Maler und Skulpturenbauer Jens Ossada besch\u00e4ftigt die Frage, worin das Wesen des Menschen besteht, ohne sich davon abschrecken zu lassen, da\u00df es auf diese Frage keine endg\u00fcltige Antwort geben kann. Ihm kommt es auf die Suche an, nicht auf das Finden.<\/p>\n<p>Ossada fertigt Konzeptkunst. Das ideologische Vakuum, in das der Osten Deutschlands 1989 st\u00fcrzte, f\u00fcllt Ossada als Suchender mit Gegen-S\u00e4tzen aus: Er ist mutig genug, seine pers\u00f6nlichen Standpunkte an die Stelle realsozialistischer und postmodern-sp\u00e4tkapitalistischer Dogmen zu setzen. Er befindet sich in der gegenw\u00e4rtigen Zeit, indem er ihre Abf\u00e4lle als Material verwendet, und er ist gegen sie, indem er sie nicht blind und widerspruchslos anerkennt.<\/p>\n<p>Da\u00df Ossada damit seiner Kunst eine gewisse Plakativit\u00e4t verleiht, st\u00f6\u00dft zur Auseinandersetzung an: Auch Ossada will mit seinen Werthaltungen wieder \u00fcberwunden werden. Besonders gelungen sind die Materialarbeiten, bei denen das vordergr\u00fcndig Ideologische hinter den Ready-made-Charakter vor\u00adgefundener Alltagsgegenst\u00e4nde wie Handschuh oder Jacke zur\u00fccktritt. Hier kann der Betrachter ankn\u00fcpfen, findet scheinbar Vertrautes und ist \u00fcberrascht vom ungewohnten Zusammenhang, in den es gestellt ist. So erinnert die Komposition der ausgestopften Kleider in \u201eNur die anderen\u201c auf gespenstische Weise an Giftgastote im ersten Weltkrieg oder die Kleiderkammer der get\u00f6teten Juden in Auschwitz.<\/p>\n<p>Peter Dombrowski, ein Leipziger Autor, der k\u00fcrzlich sein Deb\u00fct vorlegte, formuliert es so: \u201eDer Mensch ist das Tier, das wei\u00df, das es kein Tier ist.\u201c Vieles im Menschen erinnert an das Tierreich. Wir entstammen ihm, aber sind wir ihm auch \u201eentsprungen\u201c? \u201eEntsprungen\u201c im Sinne, da\u00df wir ihm nicht mehr angeh\u00f6ren? Es geh\u00f6rt zu den menschlich, allzumenschlichen Illusionen, da\u00df der Mensch alle guten Eigenschaften, die er an sich wahrnimmt und derer er sich r\u00fchmt, als menschliche Qualit\u00e4ten einstuft, alles B\u00f6se aber, das sich in ihm \u00e4u\u00dfert, Krieg und Verbrechen, als tierische Relikte betrachtet.<\/p>\n<p>Was also ist der Mensch? Ist er Gottes Sch\u00f6pfung, ist er Gottes Fleisch? Wir erfahren aus den heiligen Schriften nicht, wie Gott ist, sondern wie der Mensch beschaffen ist, der an Gott glaubt. Theologie l\u00e4\u00dft sich, um mit Feuerbach zu sprechen, in Anthropologie aufl\u00f6sen. Nicht Gott schuf den Menschen sich zum Bilde, sondern umgekehrt: Der Mensch schuf Gott sich zum Bilde. Der Mensch mu\u00df von Gott die Chance er\u00adhalten, ihm zu entsagen, damit er ihn <em>freien Herzens<\/em> lieben kann. Der wahre Gl\u00e4ubige ist ein Mensch, der auf den Glauben verzichten kann. Damit sind wir wieder bei dem, was Ossada als \u201eSuche\u201c bezeichnet. F\u00fcr ihn ist der Mensch ein \u201eSuchender\u201c. Wer das G\u00f6ttliche gefunden hat, ist seiner nicht w\u00fcrdig.<\/p>\n<p>In Ru\u00dfland gab es eine Periode, in der Zar und Patriarchen der orthodoxen Kirche dem Volk harm\u00adlos erscheinende Reformen verordnen wollten: zweimal statt sich dreimal bekreuzigen, gegen den Lauf der Sonne statt mit dem Lauf der Sonne um die Kirche prozessieren etc. Die Abkehr von den alten Ritualen wurde als H\u00e4resie empfunden und l\u00f6ste die gr\u00f6\u00dfe Widerstandsbewegung in der rus\u00adsischen Geschichte aus, die mehr Opfer hatte als die Oktoberrevolution, die sogenannten <em>raskolniki<\/em>, nach denen Dostojewski seinen ber\u00fchmten Helden in \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c benannte. Sie wurden von der Armee des Zaren verfolgt, fl\u00fcchteten in Sumpfw\u00e4lder, wo sie sich als \u201eAltgl\u00e4ubige\u201c bis heute niedergelassen haben und in priesterlosen Gemeinden leben: Sie brachten sich \u2013 zu einer Zeit, als in ganz Europa noch Analphabetentum herrschte \u2013 von Generation zu Generation Lesen und Schreiben bei, um selbst die alten kirchenslawischen Schriften beherzigen zu k\u00f6nnen. Menschen, die ihr Wesen erkennen und obrigkeitsstaatliche F\u00fchrung ablehnen, um in einer selbstbestimmten Gemeinschaft zu leben, haben es nicht leicht im Staat \u2013 nicht nur im nachaufkl\u00e4rerischen Ru\u00dfland.<\/p>\n<p>Niklas Luhmann (1984, S. 346) erkl\u00e4rt den Begriff \u201eMensch\u201c f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig. Der Autor fordert, den Men\u00adschen nicht mehr \u2013 wie es der Bildzeitungsverbildete Laienphilosoph gern praktiziert \u2013 als \u201eElement\u201c sozialer Systeme zu betrachten. Der so\u00adgenannte \u201egesunde Menschenverstand\u201c sieht sich selbst so gern als Teil eines gro\u00dfen gesellschaftlichen Ganzen, sei es, um sich darin auf\u00adge\u00adho\u00adben, sei es, um sich von ihm unterdr\u00fcckt zu f\u00fchlen. Das Element sozialer Systeme sind nicht Menschen, sondern Kom\u00admu\u00adni\u00adka\u00adtions\u00adformen, Rollen. Nicht die Nase des Chefs ist entscheidend, sondern wie er mit seinen Mitarbeitern umgeht. Dasselbe l\u00e4\u00dft sich von Bundeskanzlerinnen oder K\u00fcnstlern sagen. Wenn die Grund\u00adlage sozialer Systeme Kommunikation ist und nicht der Mensch \u2013 d.h. nicht der Mensch in seiner Gesamtheit, sondern nur der in einem be\u00adstimm\u00adten Zusammenhang kommuni\u00adzie\u00adrende Teil der Person \u2013 welche Rolle spielt der Mensch dann \u00fcberhaupt? Wie l\u00e4\u00dft sich sein Ver\u00adh\u00e4ltnis zur Gesellschaft, zum Staat, zur Natur, zur Industrie- und Maschinenwelt beschreiben? Ist der Mensch Gestalter oder Opfer seiner Umwelt?<\/p>\n<p>Das Unbehagen bei dem Versuch, den Menschen nicht l\u00e4nger als Ele\u00adment sozialer Systeme zu betrachten, wirft ein Licht auf das Un\u00adbehagen der modernen Gesellschaft, die den Einzelnen nicht mehr in seiner Ganzheit beansprucht, son\u00addern nur noch in funktionalen Zu\u00adsammenh\u00e4ngen. Nur noch wo wir als Arbeitskraft n\u00fctzlich und verwertbar sind, werden wir gez\u00e4hlt. Es handelt sich hier um eine schleichende Faschistoierung des Lebens durch die \u00d6konomie. Das mag in manchen F\u00e4llen als schmerzhaft empfunden werden, mitunter als gl\u00fccklicher Umstand, der Freiheit und Anonymit\u00e4t in der Rollenbegrenzung bedeutet. Die Inkar\u00adnation der Ar\u00adbeits\u00adteilung, die Fordsche Fabrik, hat die psychologische Frak\u00adtio\u00adnie\u00adrung des Menschen mit wissenschaftlicher Akribie auf die Spitze getrieben: h\u00f6chste Effektivit\u00e4t der Produktion zum Preis der kras\u00adsesten Verarmung der Pers\u00f6nlichkeit der Arbeiter am Flie\u00dfband. Ganz\u00adheit\u00adlichkeit ist nur \u2013 oder nur noch \u2013 in wenigen Momenten des Lebens zu finden, in der Kunst, der Poesie und man\u00adchmal in der Liebe. Das l\u00e4\u00dft ihren Wert, auch subjektiv empfunden, steigen. Mit der k\u00fcnstlerischen Libertinage kommt ein Festklammern am Mensch\u00ad\u00adlich-Zwischen\u00admensch\u00ad\u00adli\u00adchen ins Spiel.<\/p>\n<p>Nicht das Wesen, sondern die Masse Mensch stehe im Vordergrund, meint Ossada \u2014 wer hat Angst vor Elias Canetti? Der promo\u00advierte Chemiker erhielt 1981 den Nobelpreis f\u00fcr Literatur. Neben den auto\u00adbiographischen Romanen ist der soziologisch-anthropologische Essay \u201eMasse und Macht\u201c von herausragender Bedeutung. Der renommierte Carl Hanser Verlag in M\u00fcnchen hat im Jahr 2005 anl\u00e4\u00dflich des 100sten Geburtstages von Canetti eine Sonderausgabe herausgebracht: Sie verkaufte sich im gesamten deutschsprachigen Raum nur etwa 400 Mal. Wer kennt heute noch Elias Canetti? Ossada hat ihm eine Plastik gewidmet. Zahlreiche seiner Arbeiten scheinen von Canetti inspiriert.<\/p>\n<p>Das Wesen Mensch verliert bei Ossada h\u00e4ufig seine Individualit\u00e4t und geht in die Gesichtslosigkeit \u00fcber: als verwertbare Arbeitskraft, als Herde, als Gro\u00dfstadtbewohner. Dabei sieht Canetti die Masse durchaus nicht negativ. Erst in der Masse kann der Einzelne die Zw\u00e4nge der gesellschaftlichen Kon\u00adventionen ablegen, sich \u201eentladen\u201c und auf gewisse Weise damit zu sich kommen. Geschichte verl\u00e4uft nicht geradlinig, sondern m\u00e4andert. Das liegt an den Paradoxien, die das Wesen Mensch im System seiner gesellschaftlichen Existenz in sich birgt. Erst in der Masse offenbart sich der Einzelne. W\u00e4hrend geschlossene Massen \u2013 wie zum Beispiel die Besucher einer Kirche oder einer Aus\u00adstellungser\u00f6ffnung \u2013 in der Regel geordnet auftreten und sich Ritualen unterwerfen, die das Gef\u00fchl von Sicherheit spenden in einer chaotisch erscheinenden Au\u00dfenwelt, entz\u00fcndet sich in offenen Massen der Zerst\u00f6rungswille, die Aggression gegen erlebte Fremdbestimmung und Dem\u00fctigung. Die Masse in einem Fu\u00dfballstadion \u2013 zum Beispiel von Lok Leipzig \u2013 steht genau an der Grenze zwischen kanalisierter, geschlossener Organisation und offener, frei flottierender Menge.<\/p>\n<p>An dieser Stelle m\u00f6chte ich einen anderen Weisen der Menschheit zitieren, dessen Ausspr\u00fcche nach der Bibel am h\u00e4ufigsten auf diesem Planeten \u00fcbersetzt und verbreitet wurden und immer wieder wer\u00adden:<\/p>\n<blockquote>\n<blockquote><p>Wer sie in seiner Person entwickelt,<br \/>\ndessen Wirkkraft \/ Tugend wird aufrichtig.<br \/>\nWer sie in seiner Familie entwickelt,<br \/>\ndessen Wirkkraft \/ Tugend geht \u00fcber das N\u00f6tige hinaus.<br \/>\nWer sie in seinem Ort entwickelt,<br \/>\ndessen Wirkkraft \/ Tugend w\u00e4hrt lange.<br \/>\nWer sie in seinem Staat entwickelt,<br \/>\ndessen Wirkkraft \/ Tugend wird gewinnt Ansehen.<br \/>\nWer sie \u00fcberall in der Welt entwickelt,<br \/>\ndessen Wirkkraft \/ Tugend wird Allgemeingut.<\/p>\n<p>Daher:<br \/>\nErkenne die Person anhand der Person,<br \/>\nerkenne die Familie anhand der Familie,<br \/>\nerkenne den Ort anhand des Ortes,<br \/>\nerkenne den Staat anhand des Staates,<br \/>\nerkenne die Welt anhand der Welt,<br \/>\nWoher wei\u00df ich, da\u00df es in der Welt so ist?<br \/>\nDurch dies.<\/p>\n<p><em>Laozi \u00b7Daodejing, Kapitel 54, 3. Jahrhundert v. u. Z<\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<p>Laozi \u2013 der wahrscheinlich als Autor nie existierte, es handelt sich nur um eine Namenszuschreibung f\u00fcr die Spruchsammlung, weil die Leser eben einen Namen brauchen \u2013 spannt einen Bogen vom Einzelnen zur Welt. Genau darin stimmt Ossadas Erkenntnisinteresse mit der Tradition \u00fcberein. Seitdem Menschen existieren, fragen sie sich nach dem Verh\u00e4ltnis zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Alle Versuche, hier einen deterministischen Zusammenhang zu zementieren, den Einzelnen als versklavt zu sehen von der Gemeinschaft oder umgekehrt, die gesellschaftliche Entwicklung als Ergebnis des Wirkens einzelner gro\u00dfer F\u00fchrer zu psychologisieren, haben sich als vor\u00fcbergehend und gescheitert herausgestellt. Keine der sieben Kategorien, die Ossada f\u00fcr das Wesen Mensch proklamiert, kann allein f\u00fcr den Menschen stehen.<\/p>\n<p>Das Bild ist ein Versuch, der \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Welt k\u00f6rperlich habhaft zu werden. Das Bild ist eine Verl\u00e4ngerung des K\u00f6rpers. Ossadas Materialbilder verk\u00f6rpern sich selbst und damit die An\u00adsichten ihres Sch\u00f6pfers. Sie sind kein Spiegel, der mit fotografischer Genauigkeit wiedergibt. Sie f\u00fcgen der Wahrnehmung Sinnlichkeit, Lo\u00adgik <em>und<\/em> Phantasie hinzu. Tats\u00e4chlich ist Phantasie not\u00adwen\u00addig, um sich \u201edie Wirklichkeit\u201c vorstellen zu k\u00f6nnen. Sein und Bewu\u00dft-Sein sind weder identisch noch auf\u00adeinander reduzierbar. \u201eDas Sein des Seienden ist <em>je meines<\/em>\u201c, sagt Hei\u00addegger (1927, S. 41).<\/p>\n<p>Ossada hat den Mut, uns seine Konstruktionsidee der Welt zuzumuten. Er tritt als Sch\u00f6pfer eines <em>Se\u00adcond Life auf <\/em>eine B\u00fchne, deren Kulissen abstrakt und reduziert erscheinen, auf der das Wesen Mensch in der Masse aufgeht oder seine Individualit\u00e4t einb\u00fc\u00dft. H\u00e4tte Ossada in sieben Tagen die Welt geschaffen, w\u00fcrden wir uns selbst in ihr nicht wiedererkennen. Als Sch\u00f6pfer des Zerr- oder R\u00fcckspiegels, in dem wir das Wesentliche unserer Existenz sehen, gelingt es dem K\u00fcnstler, Fragen aufzuwerfen, damit wir nicht wie selbstverst\u00e4ndlich unsere Individualit\u00e4t zu Markte tragen und gegen widerstandsloses Funktionieren in der Leistungsgesellschaft eintauschen.<\/p>\n<p>Ossada schafft in seinen Werken eine Verbindung zwischen sinnlicher Wahrnehmung und gedank\u00adlicher Reflexion. Weder \u201edie Wirklichkeit\u201c zweifelt noch der Sinneseindruck. Sie lassen sich akzeptieren oder ablehnen. Erst durch Reflexion entstehen Zweifel. Theoretisch lie\u00dfe sich dieser Proze\u00df ins Unendliche fortsetzen: Es k\u00f6nnte wiederum Zweifel geben, die sich auf die vorherigen Zweifel beziehen usw. In der Regel geschieht dies jedoch nicht und wenn es geschieht, wird es rasch ge\u00adf\u00e4hrlich. Das Bewu\u00dft-Sein kann sich im Endlosen verirren. Das Fortschreiten in unendliche Schleifen des Zweifelns f\u00fchrt ins Abgr\u00fcndige, denn es offenbart die Nichtexistenz eines absoluten Sinns. Erst wo Zweifel ist, w\u00e4chst auch die Verzweiflung.<\/p>\n<p>Doch Ossada bricht den Proze\u00df des Infragestellens auf der Ebene abstrakter Reflexion ab und setzt Zeichen. Er reduziert die unendliche Komplexit\u00e4t des menschlichen Wesens auf sieben Kategorien. Will er den Betrachter vorm Absturz in den unendlichen Progre\u00df des Zweifelns sch\u00fctzen, ihn vor dem unvermeidlichen Gef\u00fchl des Sinnverlustes bewahren?<\/p>\n<p>Je abstrakter Ossada operiert, desto st\u00e4rker ist sein Werk von anschaulichen Bez\u00fcgen, Materialien, und bildhaften Vorstellungen abh\u00e4ngig, um den Gegenstand nicht zu verlieren. Abstraktionen sind in der Regel von schw\u00e4cherer Intensit\u00e4t als unmittelbare sinnliche Reiz\u00ade. Ein K\u00fcnstler, der \u2013 ganz untypisch \u2013 auf die Darstellung des nackten menschlichen K\u00f6rpers verzichtet, um uns das Wesen des Menschen vor Augen zu f\u00fchren, bricht mit der abendl\u00e4ndischen Tradition \u2013 und er mu\u00df aufpassen, sich nicht in wolkigen Gelehrsamkeiten zu verirren. Gerade der Wechsel zwischen konkreter und abstrakter Erkenntnis, zwischen Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit kennzeichnet die Qualit\u00e4t des k\u00fcnst\u00adlerisch Geschaffenen.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df noch eine kritische Frage: Warum etabliert Ossada ausgerechnet sieben Kategorien um das Wesen des Menschen einzufangen? H\u00e4tten nicht vier gereicht? Do\u00adstojewskijs \u201eBr\u00fcder Kara\u00adma\u00adsow\u201c k\u00f6nnen in diesem Sinne als Facetten des Menschlichen be\u00adtrach\u00adtet werden.<\/p>\n<p>\u201eDu bist selber ein Karamasow, du bist in allem ein Karamasow&#8230; Vom Vater her bist du ein Woll\u00fcstling, von der Mutter her ein christlicher Narr&#8230; Das ist alles, mein Lieber, eine alte Geschichte. Wenn sogar in dir ein Wol\u00adl\u00fcstling steckt, was ist dann mit Iwan, deinem leiblichen Bruder? Er ist doch auch ein Kara\u00admasow. Darin besteht ja eure ganze Karamasow-Frage: ihr seid Wol\u00adl\u00fcstlinge, Habgierige und christliche Narren! Dein Bruder Iwan ver\u00ad\u00f6ffent\u00adlicht vor\u00adl\u00e4ufig, aus irgendeiner ganz dummen, unbekannten Be\u00adrech\u00adnung heraus, zum Spa\u00df theologische Artikelchen, obwohl er Atheist ist, und gibt diese Gemeinheit selber zu \u2013 dieser dein Bruder Iwan. Au\u00dfer\u00addem sucht er seinem Bruder Mitja die Braut abspenstig zu machen, na, und dieses Ziel wird er wohl erreichen. Noch dazu mit Zustimmung Mitjenkas selber, denn Mit\u00adjenka selber tritt ihm seine Braut ab, nur um sie los\u00adzu\u00adwerden und m\u00f6g\u00adlichst bald zu Gruschenka \u00fcbergehen zu k\u00f6nnen. Und das alles bei seiner vornehmen Gesinnung und Uneigenn\u00fctzigkeit, merk dir das! Gerade solche Leute sind die gef\u00e4hrlichsten!\u201c (Dostojewskij 1879\/80, S. 112 f.)<\/p>\n<p>Von den Karamasows wird der Bastard Smerdjakow nach dem Vor\u00adbild seiner geistesgest\u00f6rten Mutter als Koch und Diener nahezu ausschlie\u00dflich als tierisch-physiologisches Wesen behandelt. (Das hat f\u00fcr ihn den Vorteil, da\u00df ihm niemand die intellektuelle Leistung zutraut, die angeblich f\u00fcr einen Mord erforderlich ist.) Der Haudegen Dmitrji beweist Willen, doch der Mangel an Denkf\u00e4higkeit bringt ihn rasch wieder von seinen Vors\u00e4tzen ab. Iwan, der Intellektuelle, reflektiert scharfz\u00fcngig \u00fcber \u00e4u\u00dfere Gegebenheiten \u2013 echte, verinnerlichte Werte sind ihm fremd. Aljoscha schlie\u00df\u00adlich symbolisiert auf der vierten Ebene den Moral\u00admenschen, dem umfassende Erfahrung noch fehlt. Auf diese Weise re\u00adpr\u00e4\u00adsen\u00adtieren die Br\u00fcder Karamasow die <em>conditio humana<\/em> aus einer ver\u00adti\u00adka\u00adlen Perspektive. Die Br\u00fcder verk\u00f6rpern als \u00e4u\u00dferlich selbst\u00e4ndige Figuren, was eigentlich innerhalb eines jeden Menschen als Wesenskomplex angesehen werden mu\u00df.<\/p>\n<p>Noch ein Wort zum Einbruch der Verkaufszahlen anspruchsvoller Literatur. Auch Jens Ossada sucht den Anschlu\u00df an das geschriebene Wort, der Umsatz seiner Kataloge kann mit dem Umsatz der B\u00fccher Canettis bald mithalten. Was fasziniert den Bildmenschen und K\u00fcnstler an der Sperrigkeit und Widerspenstigkeit des Wortes? Die Mediengesellschaft bet\u00e4ubt sich mit bunten, schnell wechselnden Bildern. Hirnforscher haben herausgefunden, da\u00df Kinder, die l\u00e4nger als zwei Stunden t\u00e4glich am Computer spielen oder fernsehen, das vormittags Gelernte im Ged\u00e4chtnis dauerhaft l\u00f6schen. Nicht nur die Lesef\u00e4higkeit leidet darunter, sondern auch die Wahrnehmung und das Denken: Lesen ist Sehen. Dieser Satz zeigt seine Evidenz an den Arbeiten Ossadas. Der K\u00fcnstler gewinnt seine Impulse aus der Literatur, der belletristischen wie der philosophischen. Die Grenz\u00fcberschreitung von einem Genre in das andere zeichnet sein Werk als wesenhaft menschliches aus: Es l\u00e4\u00dft sich bei bestem Willen nicht in vorgefertigte Schubladen einsperren.<\/p>\n<p>Ossada zeigt, da\u00df es m\u00f6glich ist, \u00fcber die vier Seiten des Wesens Mensch, die Dostojewski pro\u00adklamiert, hinaus\u00adzugehen. Wahrscheinlich w\u00e4re es auch m\u00f6glich, mit Laozi neun Kategorien zu erfinden oder 81. Darauf kommt es letztlich nicht an. Wichtig ist vielmehr, die konkret-sinnliche Stimmigkeit der Arbeiten. Ihnen nur wegen ihrer moralischen Aussage einen Wert zuzuschreiben, w\u00e4re gef\u00e4hrlich. Ossadas Auseinandersetzung mit dem Wesen Mensch ist eine Einladung, sich selbst einen Reim auf die H\u00f6hen und Abgr\u00fcnde unseres Daseins zu bilden \u2013 und davon m\u00f6chte ich Sie mit meinem Vortrag nun auch nicht l\u00e4nger abhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wesen Mensch Laudatio zu einer Ausstellung von Jens Ossada, Schlo\u00df Rochsburg Das Wesen Mensch \u2014 wer denkt da nicht an die Kreatur, die Sch\u00f6pfung Gottes. Oder, um ein anderen Glaubenssatz zu benennen, an die \u201ebio-psycho-soziale Einheit Mensch\u201c. 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So wirkte einst der G\u00f6tter BildUnterm hohen, tiefblauen Himmel,Als Steine blickten Menschen\u2026","rel":"","context":"In &quot;Haltestelle in der W\u00fcste&quot;","block_context":{"text":"Haltestelle in der W\u00fcste","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=73"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":6082,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=6082","url_meta":{"origin":21,"position":5},"title":"Das Leben ist kein guter Vorgesetzter","author":"Sigune","date":"5. Oktober 2016","format":false,"excerpt":"Ob ich einsam bin, fragst du, als ich am ge\u00f6ffneten Fenster den Regen betrachte. Im Fallen liegt eine Ruhe, eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, der ich mich nicht entziehen kann. In der Scheibe verschmelze ich mit einer Tanne, zwei Formen, ineinander und doch getrennt. Wir zeichnen uns stets mit unseren Grenzen von der\u2026","rel":"","context":"In &quot;Realit\u00e4tsschatten&quot;","block_context":{"text":"Realit\u00e4tsschatten","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=4"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pcYSN4-l","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}