{"id":2079,"date":"2013-03-09T21:59:44","date_gmt":"2013-03-09T20:59:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=2079"},"modified":"2016-05-25T22:06:38","modified_gmt":"2016-05-25T21:06:38","slug":"traum-eines-lacherlichen-menschen-im-centraltheater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=2079","title":{"rendered":"Traum eines l\u00e4cherlichen Menschen im Centraltheater"},"content":{"rendered":"<p>Die \u201eFestspielarena Leipzig\u201c: das ist das letzte ekstatische Aufb\u00e4umen der Hartmann-Kompagnie, die den Leipzigern zeigt, was sie mit ihr verlieren. Schon der B\u00fchnenbau wirkt fulminant: ein Amphitheater, das auf B\u00fchne und erstem Rang des Stadttheaters tempor\u00e4r aufmontiert ist, vollkommen im universellen Wei\u00df.<\/p>\n<p><a title=\"TLM1\" href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/tlm1.JPG\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"TLM1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/tlm1.JPG?w=700\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hier bewegt sich der Schauspieler im Mittelpunkt, die Orchestra geh\u00f6rt ihm, als Sprechraum und Spielraum. Stets ist er von von allen Seiten zu sehen, von vorn, hinten, links und rechts. Auf den Hinterkopf des Sprechers w\u00e4hrend eines melodramatischen Monologs zu blicken, relativiert jedes Pathos. Jederzeit kann der Spieler das Publikum anrufen, nicht nur in der ersten Reihe, die die Spielfl\u00e4che begrenzt, auch die Zuschauer der  oberen Reihen sind mit von der Partie.<\/p>\n<p><a title=\"tlm2.JPG\" href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/tlm2.JPG\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"tlm2.JPG\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/tlm2.JPG?w=700\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das St\u00fcck beginnt und endet in vollkommener Dunkelheit. Aus ihr hervor quellen &#8211; wie akustische Raketentriebwerke &#8211; sechs Posaunen schicken von der oberen Diazomata anschwellende T\u00f6ne hinab. Manche Besucher halten sich die Ohren zu.<\/p>\n<p>Als es wieder hell wird, steht ein einsam junger Mann auf der B\u00fchne, in tadellosem Anzug, im Seidenhemd, eine Augenweide. L\u00e4chelnd beginnt er den &#8222;Traum eines l\u00e4cherlichen Menschen&#8220; aufzusagen. Ein Spie\u00dfb\u00fcrger, so schien es, eine von Komplexen geplagte Seele, die sich hier frei redet und dabei den Frauen im Rund tief in die Augen blickt. Das ist der harmlose Auftakt.<\/p>\n<p>Bald schon trifft der l\u00e4cherliche Mensch den folgerichtigen Entschlu\u00df, sich zu t\u00f6ten &#8211; was anderes sollte er tun? Der l\u00e4cherliche Mensch spricht diesen Satz &#8222;Ich habe beschlossen,  mich zu t\u00f6ten&#8220; immer wieder, laut, leise, br\u00fcllend, tief, hinter vorgehaltener Hand, mit verstellter Frauenstimme, piepsig hoch &#8211; etwa drei\u00dfig oder vierzig Mal. Er ger\u00e4t dar\u00fcber in Verzweiflung, steigert sich derart in die fixe Idee, da\u00df die Selbstt\u00f6tung am Ende ausgeschlossen ist: auch sie erscheint l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Inzwischen hat der  Mensch das Publikum infiziert, ist die Sitzreihen hinaufgeklettert, hat sich an die Schulter des einen oder anderen Zuschauers gelehnt. Hinter mir hat er gesessen, spuckend und prustend gesprochen, seinen Kopf dicht neben meinen gehalten und den Blick in meine Augen gesucht, um mir aufdringlich zu sein und unverge\u00dflich. Schlie\u00dflich tobt er wieder in der Mitte, rollt sich \u00fcber die Sitze hinweg nach vorn auf die Orchestra. Welche machtvolle Stimme in diesem d\u00fcnnen M\u00e4nnlein steckt.<\/p>\n<p>Die Posaunen k\u00fcndigen den Einzug ins Paradies auf einem fremden, noch unschuldigen Planeten an. Hier leben alle Wesen mit gleichem Recht, B\u00e4ume werden als Heiligt\u00fcmer angebetet. Liebe und Harmonie senken sich d\u00e4mpfend herab. Das Leben erscheint als Kinderspiel.<\/p>\n<p><a title=\"tlm3.JPG\" href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/tlm3.JPG\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"tlm3.JPG\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/tlm3.JPG?w=700\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der l\u00e4cherliche Mensch steht als Gast verz\u00fcckt auf diesem Planeten, seine irdischen Gef\u00fchle hat er jedoch im Herzen bewahrt und mitgebracht: Sympathie und Hingezogensein, Begehren, aus dem Begehren erw\u00e4chst Wollust, aus Wollust Eifersucht, aus Eifersucht Gewalt, aus Gewaltg Blutrache, aus Blutrache Ehrgef\u00fchl und Scham, aus Ehrgef\u00fchl und Scham Religion, aus Religion erwachsen Kriege. Am Ende ist der einst friedliche fremde Planet w\u00fcst und gef\u00e4hrdet wie die Erde.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck erweist sich alles nur als Traum. Der l\u00e4cherliche Mensch erwacht im Lehnstuhl. Er entpuppt sich als der Spie\u00dfer, der er schon am Anfang war. Die Posaunenspieler verlassen die obere Diazomata, steigen majest\u00e4tisch zur Orchestra herab, umringen den l\u00e4cherlichen Menschen, der angesichts der Sch\u00f6nheit und Kraft der T\u00f6ne zusammenbricht, sich auf dem Boden windet, sich aufb\u00e4umt. Ende.<\/p>\n<p><a title=\"tlm4.JPG\" href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/tlm4.JPG\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" alt=\"tlm4.JPG\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.erata.de\/inskriptionen\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/tlm4.JPG?w=700\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es bleibt ein Bild, die Choreographie eines Zusammenbruchs, ein Gedanke, die Unm\u00f6glichkeit dauerhafter Harmonie, ein Gef\u00fchl, der Absturz. Nachwort: nicht n\u00f6tig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201eFestspielarena Leipzig\u201c: das ist das letzte ekstatische Aufb\u00e4umen der Hartmann-Kompagnie, die den Leipzigern zeigt, was sie mit ihr verlieren. Schon der B\u00fchnenbau wirkt fulminant: ein Amphitheater, das auf B\u00fchne und erstem Rang des Stadttheaters tempor\u00e4r aufmontiert ist, vollkommen im universellen Wei\u00df. 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