{"id":20,"date":"2007-06-22T11:11:24","date_gmt":"2007-06-22T09:11:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erata.de\/inskriptionen\/?p=20"},"modified":"2023-08-06T17:15:59","modified_gmt":"2023-08-06T16:15:59","slug":"die-makabre-figur-der-freiheit-aus-kunststoff-juni-juli-august-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=20","title":{"rendered":"Die makabre Figur der Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Krzysztof Siwczyks Gedichtband \u201eIm Reich der Mitte\u201c ist in der Edition Erata auf Deutsch erschienen<\/p>\n<p>Wir kombinieren Phrasen, hei\u00dft es n\u00fcchtern im letzten Satz des Buches. Verwirrt steht der Leser vor dem Berg an Botschaften, den er bei der Lekt\u00fcre angesammelt hat. Eine so aberwitzige wie konsequente Geste, mit der sich Krzysztof Siwczyk der Autorit\u00e4t des Welterkl\u00e4renm\u00fcssens entzieht und das durchsetzt, was seine Gedichte beschw\u00f6ren: selber denken soll der Mensch, seine Beh\u00f6rden entkr\u00e4ften und in sich schlummernde Tendenzen zur blinden Gefolgschaft \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Siwczyk beobachtet, aber er richtet nicht. Seine Menschen arbeiten ausdauernd an ihrer Selbst\u00fcberh\u00f6hung, um der Bedrohung durch Sturz in die Belanglosigkeit zu entkommen. Trotzdem ziehen sie die Existenz der Seitenb\u00fchne vor: Das Leben spielt sich nicht in der Vordergrund.<\/p>\n<p>Siwczyk kennt das Geheimnis der ersten S\u00e4tze, die eine Sogwirkung aus\u00fcben und sich ohne Anlauf dem Leser aufdr\u00e4ngen: Eine Notiz \u00fcber Inspiriertheit fand sich nicht.<\/p>\n<p>Obwohl mit einem hohen Grad an Abstraktion ausgestattet, sind seine Texte zug\u00e4nglich. Denn sie sind nicht nur intellektuelle Gebilde, sondern eine seltsame K\u00f6rperhaftigkeit ist ihnen eigen. Diese gelingt durch eine eindrucksvolle rhythmische Form, die der Lyriker f\u00fcr die meisten Gedichte gew\u00e4hlt hat. Dabei kehren W\u00f6rter und Zeilen der einen Strophe in der n\u00e4chsten wieder. Es entsteht Lyrik, die laut gelesen werden will, die musikalisch ist. Und die scheinbar strenge \u00e4u\u00dfere Form wird zum Moment der Entfesselung von Sprachenergien. So geschieht im Medium selbst das, wof\u00fcr Siwczyk auf Ebene des Textes pl\u00e4diert: ein Ende des Kontrollwahns und der Apathie. Lasst das Fest beginnen, Ihr werdet frei sein in der Energie von Nichtigkeiten.<\/p>\n<p>Siwczyk, Jahrgang 1977, lebt im oberschlesischen Gliwice, studiert Kulturwissenschaften und betreut am \u201eInstytut Mikolowski\u201c mehrere Editionsprojekte. F\u00fcr den Band \u201eDzikie Dzieci \/ Wilde Kinder\u201c (1995) wurde er mehrfach ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Andr\u00e9 Rudolph, selbst aufgewachsen zwischen zwei Sprachen, ist eine leichtf\u00fc\u00dfige \u00dcbersetzung der schweren Kost gelungen. Und trotzdem wird sp\u00fcrbar: \u00dcbersetzen stellt einen riskanten Akt dar, ist ein Hin\u00fcber-Schwimmen, bei dem er gilt, den Kern des Eigentlichen zu bewahren und ihm sorgf\u00e4ltig einen neuen Mantel in der neuen Sprache zu suchen. Wichtig war Rudolph die Lesbarkeit der Gedichte nach dem Proze\u00df der \u00dcbersetzung, die ein permanentes Abw\u00e4gen zwischen Zugest\u00e4ndnissen an die Eigenwilligkeiten beider Sprachen und dem Wunsch, m\u00f6glichst nah am Original zu bleiben, notwendig macht.<\/p>\n<p>Sywczyk\/Rudolph ist ein beeindruckendes polnisch-deutsches Projekt fern aller Attit\u00fcden gelungen. \u201eIm Reich der Mitte\u201c erscheint bei Edition ERATA in einer deutsch-polnischen Ausgabe.<\/p>\n<p>(Quelle: &#8222;Kunststoff&#8220; 2 \/ 2007)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krzysztof Siwczyks Gedichtband \u201eIm Reich der Mitte\u201c ist in der Edition Erata auf Deutsch erschienen Wir kombinieren Phrasen, hei\u00dft es n\u00fcchtern im letzten Satz des Buches. Verwirrt steht der Leser vor dem Berg an Botschaften, den er bei der Lekt\u00fcre angesammelt hat. 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