{"id":1986,"date":"2013-01-14T23:35:52","date_gmt":"2013-01-14T22:35:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1986"},"modified":"2023-08-06T17:10:14","modified_gmt":"2023-08-06T16:10:14","slug":"hemmungslos-nicht-heucheln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1986","title":{"rendered":"Hemmungslos nicht heucheln"},"content":{"rendered":"<p>Ach, wie lang, lang ist\u00b4s her, seit Heiner M\u00fcller gegangen ist? Gestern war\u00b4s! Vor bald zwei Jahrzehnten. M\u00fcller war der erste aus der Riege des starken Jahrgangs (1929) der deutschen Literatur. Peter R\u00fchmkorf ging 2008, Christa Wolf 2011. Was bleibt?<br \/>\nMit uns sind Kunert und Enzensberger. M\u00fcller, Kempowski, Wolf und Kunert haben keinen Platz in Peter R\u00fchmkorfs Reden \u201e\u00dcber Kollegen\u201c, die in dem Band \u201eIn meinen Kopf passen viele Widerspr\u00fcche\u201c geb\u00fcndelt sind. Keine Nachla\u00df-Ausgabe. Doch erstmals eine Sammlung von Schriften, die der Schriftsteller nicht nur en passant, hier und dort, dann und wann ver\u00f6ffentlichte. Altes also neu? Ja doch! Und: Nicht doch! Ist nur eine Frage der Geburt. Nicht fragen: Ran an den Band! Er ist f\u00fcr alle Generationen. F\u00fcr alle, die gelegentlich gern ins Museum gehen. Sprich ins Literaturmuseum. Vor allem das der deutschsprachigen Worth\u00e4cksler. Ob R\u00fchmkorf je mit einem derart schlichten Wort Ma\u00df nahm? Mit wenigen Worten sagte er, wer Kunstgewerbler, wer K\u00fcnstler ist.<br \/>\nPeter R\u00fchmkorf war ein Hemmungsloser, der nicht heucheln konnte. Er war kein krummer Geselle, der kroch. Er war ein kraftvoller Kritiker, der blitzschnell gepriesenen Koryph\u00e4en des Geistes, der Kunst, der Kultur&#8230; eine Kopfnuss verpassen konnte. Peter R\u00fchmkorf hatte den Humor, sich zu erleichtern. Seine Sicht auf die Schreiberei und die Schreiber lie\u00df er sich durch keine Nebelkerzen tr\u00fcben und durch keine Weihrauchkerzen parf\u00fcmieren. Peter R\u00fchmkorf hat den Plauderern in der Literatur kein Pardon gegeben. Plauderte er, stimmte der Ton. So zog er die Leser seiner Literatur und Literaturbetrachtungen auf seine Seite. Dem Literaturerkl\u00e4rer liefen die Leute hinterher. Er selbst war, wie er selbst sagte, eine der \u201epoetischen Naturen\u201c, der schonungslos \u00e4u\u00dferte, was f\u00fcr Naturen die lieben Kollegen waren oder was nicht. R\u00fchmkorf ist vergn\u00fcglich zu lesen. Selbst wenn er mit zusammengebissenen Z\u00e4hnen spricht. R\u00fchmkorf l\u00e4\u00dft sich das Vergn\u00fcgliche nicht nehmen. Er mu\u00df schmunzeln. Er l\u00e4\u00dft schmunzeln. Auch, wenn\u00b4s Ohrfeigen gibt. Locker bleiben! Sch\u00f6n locker das Buch durchbl\u00e4ttern. Wer sagt denn, dass Text f\u00fcr Text gelesen werden mu\u00df? Angefangen mit dem zu Adorno bis hin zu dem \u00fcber Zuckmayer. Mu\u00df nicht sein. R\u00fchmkorf gem\u00e4\u00df, der sich auch nicht auf eine Linie trimmen lie\u00df. Jeder kann herauspicken, was ihn zuerst neugierig macht. Auf diese Art l\u00e4\u00dft sich am ehesten herausfinden, wie sich der Autor bei den Lesern beliebt macht.<br \/>\nPeter R\u00fchmkorf brachte die Literatur nie in Verruf. Er war ein verliebter Verteidiger der Literatur. Im Verurteilen gro\u00df, war er im Loben nicht kleinlich. Bestes Beispiel daf\u00fcr sind im Buch seine Betrachtungen eines glorifizierten Gro\u00dfschriftstellers. Zuerst gibt R\u00fchmkorf zu erkennen, dass er ganz und fest auf der Seite der Anti-Thomas Mann-Truppe steht. Gleichauf mit dem Kollegen Brecht, D\u00f6blin, Jahnn&#8230;.. Abermals beim Nobelpreistr\u00e4ger nachgeschaut, l\u00e4\u00dft sich R\u00fchmkorf dann doch vom \u201eZauberer\u201c verzaubern. Was ist geschehen? Der Kritikus der \u201eMeisterwerke\u201c hat die Erz\u00e4hlungen als die Pfeiler der Thomas Mann-Literatur f\u00fcr sich entdeckt. Und er ist gl\u00fccklich und preist. Mit ihm die Leser? Wenn den Lesern auch der eine andere Text entgleitet, bitte beide Augen auf den zu Werner Riegel (1925-1956). Neugierig bleiben! Selbst wenn einem der Name nichts sagt. Der seitenst\u00e4rkste Essay des Bandes ist mehr als ein Freundschaftsdienst des Verfassers. F\u00fcr den war Riedel \u201eein junger Geistesmensch mit nichts als Literatur im Kopf\u201c, dessen \u201eZeitgeist bereits die Asche des Vergessens \u00fcberdeckt\u201c. Das schrieb Peter R\u00fchmkorf Jahrzehnte sp\u00e4ter. Nicht nur r\u00fchrendes Gedenken, ist der Essay ohne Asche. Er hat den Geist der Gegenwart. Er ist Ermunterung wie Ermutigung. Der Werner-Riegel-Essay ist\u00b4s wert, empfohlen zu werden wie der gesamte Band \u201eIn meinen Kopf passen viele Widerspr\u00fcche\u201c. Peter R\u00fchmkorf war ein st\u00e4ndiger Entdecker in der Landschaft der Literatur, der in Abgr\u00fcnde schaute und ein verl\u00e4\u00dflicher Begleiter bei Aufstiegen war.<\/p>\n<p><em>Peter R\u00fchmkorf: In meinen Kopf passen viele Widerspr\u00fcche. \u00dcber Kollegen. Hg. von Susanne Fischer, Stephan Opitz. Mit Dichterportr\u00e4ts von F.W. Bernstein. Wallstein Verlag: G\u00f6ttingen 2012. 368 Seiten, Geb., ISBN 978-3-8363-1171-8<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, wie lang, lang ist\u00b4s her, seit Heiner M\u00fcller gegangen ist? Gestern war\u00b4s! Vor bald zwei Jahrzehnten. M\u00fcller war der erste aus der Riege des starken Jahrgangs (1929) der deutschen Literatur. Peter R\u00fchmkorf ging 2008, Christa Wolf 2011. Was bleibt? Mit uns sind Kunert und Enzensberger. 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