{"id":1944,"date":"2012-12-24T16:24:18","date_gmt":"2012-12-24T15:24:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1944"},"modified":"2012-12-24T16:25:13","modified_gmt":"2012-12-24T15:25:13","slug":"intensivstation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1944","title":{"rendered":"Intensivstation"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00a0<\/em><em>Ich sehe meinen Atem als beschrifteten Luftballon davoneilen, \u00fcber den Gang hasten, hin- und herrollen, zur Ruhe kommen mit dem Nabel am Boden.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Ein unruhiger Wind geht auf Reisen. Geisterklang mit Licht.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Der Wind ist eifrig; bl\u00e4st durch die Flure des Krankenhauses und r\u00fcttelt an allem, was er zu fassen bekommt. Heult und rauscht. Er kommt durch das Fenster am Anfang des Flures herein, dort, wo ich mir ein Zimmer eingerichtet habe. Eine Dichterstube, ein Studierzimmer.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Wind ber\u00fchrt meine Haut, streicht durch meine Haare, f\u00e4hrt \u00fcber das Heft, in das ich schreibe; umh\u00fcllt Finger, Stift und Papier.<\/em><\/p>\n<p><em>Rascheln, mein Luftballon ist verschwunden, mein Stift geht auf Reisen. Vor oder zur\u00fcck?<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Zur\u00fcck\u2026 zur\u00fcck\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Krankenhaus: Lila Wolken ziehen \u00fcber mich hinweg. Halluzinationen, Infusionen; das Leben schliddert wie ein glitschiger Fisch unter mein Krankenbettgestell.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Ich traue den \u00c4rzten und Schwestern nicht, die mal nett, mal nicht so nett versuchen, mich festzubinden. Nadeln in mich zu stecken, Schl\u00e4uche an mir festzukleben. Ich aber bin auf der Flucht vor ihnen, im Krieg mit ihnen. Ich muss den glitschigen Fisch fangen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Ungeduld. Vibrierende Unruhe. Unertr\u00e4gliche Unruhe. Ich scheine in einer gallertartigen Masse verschwunden zu sein. Niemand kann mich sehen. Ich durchreise mich selbst. Violette Menschenk\u00f6rper durchwandern mich. Ich sp\u00fcre mich als H\u00fclle, als Kathedrale. Angst kommt mit dunklem TAMTAM. Sie erreicht mich, sie erreicht mich nicht, sie erreicht mich doch, TAMTAM. Es ist Krieg. Ein Abenteuerfilm, ein Drama, Splatter, Klamauk, TAMTAM. Im Krankenhaus ist ein Fisch auf der Flucht und versucht, sich fangen zu lassen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>TAMTAM, meine Mutter sagt: \u201eIch habe den Krieg erlebt\u201c, und sie meint sich, nur sich, nicht mich. Sie erinnert sich nicht an mich in sich, und so schlie\u00dft sie mich aus vom Krieg und liefert mich gleichzeitig aus. L\u00e4sst mich alleine in ru\u00dfenden Krankenhaustunneln, alleine mit den Schergen mit Schl\u00e4uchen, Nadeln, Seilen, Gurten und \u00c4xten, TAMTAM, und sp\u00e4ter fragt sie: \u201eWo warst Du, mein Kind?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Kein Wunder, dass ich nicht antworten kann; mein Mund ist voller Fische und Scherben, und wenn ich sprechen will, werden es immer mehr Fische und Scherben. Erstaunlich: das alles ohne Blut. Ein ganzer Horror ohne einen einzigen Tropfen Blut. Es bleibt drinnen; eingesperrt, eingepfercht, brodelnd, hitzig, kalt. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Der Vater sagt: \u201eSch\u00f6n, dass Du da bist\u201c, und mich \u00fcberkommt eine L\u00e4hmung, als sei sein Satz ein Schlangenbiss.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Name und Adresse: Die \u00c4rzte und Schwestern und Pfleger reden freundlich und dringlich und auch nicht mehr so freundlich auf mich ein. \u00c4rger, Ungeduld und Frustration mischen sich in ihre Stimmen. Ich durchschaue sie, und sie durchschauen mich. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Sie haben mich festgehalten, als ich rennen wollte, nicht um wegzurennen, wohin denn auch, sondern vor Angst, Atemnot und Unruhe. Glitschige Fische in mir schlugen um sich in ungeheurer Aufregung.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Das Befreien aus Zwangslagen habe ich von fr\u00fch auf hart trainiert. Ich wei\u00df: dieses Wissen liegt jenseits meiner greifbaren Erinnerung. Fische, Fische\u2026 ein wildes Unterwasserleben, TAMTAM, Licht am Ende des Tunnels. Lila Wolken ziehen \u00fcber mich hinweg.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u201eIntensivstation\u201c, lese ich, als es mir wieder einmal gelungen ist, die Nadeln aus mir herauszurei\u00dfen und die Schl\u00e4uche abzuziehen. Ich irre durch die Flure. Wohin f\u00fchren sie nur? Es gibt keinen Ausweg, denn das hie\u00dfe, dass es einen Ort g\u00e4be, zu dem diese G\u00e4nge, Flure und Tunnel in diesem Labyrinth \u00fcberhaupt f\u00fchren k\u00f6nnten. Ein Licht am Ende des Tunnels; lodernd, flackernd, fahl. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Ich fange den glitschigen Fisch, aber er l\u00e4sst sich nicht fangen, haut gleich wieder ab. Ich beschwere mich beim Chefarzt, der mir sehr ruhig zuh\u00f6rt; er hat schon vieles geh\u00f6rt und erlebt. Irgendwann l\u00e4sst man mich gehen, man entl\u00e4sst mich, l\u00e4sst mich frei. Vogel mit Fisch entkomme ich, entfliehe ich, fliege, flattere davon. Alles unterschrieben und nichts gesagt.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich gehe auf eigenes Risiko, mein Leben an mich gepresst wie ein w\u00e4rmendes Kleidungsst\u00fcck. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Der Tod tut nicht weh, aber ich habe ihn gesp\u00fcrt, als er seine Knochenf\u00fc\u00dfe in meine T\u00fcr stellte; in diesen Spalt, der aus Versehen aufging. Die Bilder jagten sich wie wahnsinnig, und da kam auch der Tod, angelockt von diesem surrenden Bilderstrudel und neugierig. <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWillst Du wirklich schon gehen, junges Leben?\u201c, fragte er. Und er ergriff einen dieser wild um sich schlagenden Fische; mit kn\u00f6cherner Hand riss er ihn aus meinem Leib und schleuderte ihn unter dieses Krankenhausbett, auf dem man mich festgebunden hatte, und er gab mir eine Aufgabe und eine Chance. <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eGib Dich nicht auf!\u201c, raunte er f\u00fcrsorglich und arrogant zur selben Zeit. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Ich kann mein Leben von jeder Stelle aus aufrollen und dann in jede Richtung gehen. Mein Leben ist ein Lehrst\u00fcck \u00fcber das Leben im Tod und den Tod in einem noch jungen Leben. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Ich sehe meinen Atem als beschrifteten Luftballon davoneilen, \u00fcber den Gang hasten, hin- und herrollen, zur Ruhe kommen mit dem Nabel am Boden. \u00a0 Ein unruhiger Wind geht auf Reisen. 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