{"id":1932,"date":"2012-12-20T10:38:44","date_gmt":"2012-12-20T09:38:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1932"},"modified":"2012-12-20T16:38:05","modified_gmt":"2012-12-20T15:38:05","slug":"bembelherz-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1932","title":{"rendered":"Bembelherz"},"content":{"rendered":"<p>Opa Hesselbach war sein Berufsleben lang beim alten Ankermann in der Regel- und Messtechnik besch\u00e4ftigt. Er brachte da auch einen Sohn unter. Meinen, so hie\u00df es, d\u00e4mlichen Vater. Der Radfahrer schied auf einer privaten Hessenrundfahrt f\u00fcr immer aus. \u201eHerzinfarkt am Berger Hang: Zum letzten Mal hat sich der Amateur Hannes Hesselbach zu viel vorgenommen!\u201c So stand es geschrieben auf einer Mauer zur Ermahnung der Lebenden. Nach der Beerdigung zog meine Mutter mit mir in ihr Schwiegerelternhaus. Da lebte ihre Schwester unter anderen Verwandten. <\/font><\/p>\n<p>Br\u00fcder hatten Schwestern geheiratet. Die Schwester meiner Mutter war \u201edie Franz\u201c, f\u00fcr mich selbstverst\u00e4ndlich \u201eTante Franz\u201c. Den Taufnamen hatte sie an ihren Mann verloren, der au\u00dferdem Adolf hie\u00df. Man hielt Franz ohne Bindestrich Adolf Hesselbach f\u00fcr einen ma\u00dflosen Menschen. Zum Spa\u00df nannten wir ihn Onkel F\u00fchrer. Der F\u00fchrer moussierte im Famili\u00e4ren. Er schnurrte f\u00f6rmlich. \u201eFehlte eins\u201c, blies er traurig in die Backen.<\/p>\n<p>Meine Mutter trug \u00fcber die Zeit Trauer. Die schwarzen Kleider waren eine Tracht, zu leiden lag ihr fern. Zumal mein Vater \u201eunter l\u00e4cherlichen Umst\u00e4nden die Luft ausgegangen war\u201c. Als M\u00e4dchen war sie \u201emit dem F\u00fchrer liiert\u201c gewesen, sie hatte ihn an die Schwester \u201eabgetreten\u201c. Unumstritten war, dass \u201edie Franz\u201c den besseren Hesselbach geheiratet hatte. N\u00e4mlich den Hesselbach, der zu leben verstand. So lernte ich den Unterschied zwischen n\u00e4mlich und d\u00e4mlich.<\/p>\n<p>An einem betrunkenen Abend beschrieb mir meine Mutter den Onkel als Salamander unter Laubfr\u00f6schen. Das klang verliebt in meinen Ohren. Meine Mutter hie\u00df Eva, da boten sich noch mehr F\u00fchrerscherze an. Die F\u00fchrerscherze geh\u00f6rten zur h\u00e4uslichen Gem\u00fctlichkeit in gebotener Heimlichkeit.<\/p>\n<p>In den Geschichten des Onkel F\u00fchrers taucht das Dritte Reich als rigoroses Landschulheim auf.  Franz Adolf wurde wegen Sportlichkeit, jedenfalls konnte er sich keinen anderen Grund denken, an eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt \u201edelegiert\u201c. Da verpasste man ihm \u201eeine Gardeausbildung\u201c \u2026 ihm und anderen zum weltweiten Einsatz vorgesehenen Gauleitern in spe.<\/p>\n<p>Der Cousin spielte Geige und behauptete an manchen Tagen, \u201eein Ausrutscher\u201c seiner Mutter mit dem B\u00f6rsenlehmann zu sein. Der Lehmann war Rheinl\u00e4nder, machte aber auf Hesse und war st\u00e4ndig im Volkstheater als triefender Handk\u00e4se. &#8211; Ein Heumacher von einem Handk\u00fcsser. Die Hesselbachen leimten auf jedem Schleim, sie kannten nur die B\u00fctt. Die Lebensfreude hatte sie verdonnert und verdonnerte dann auch einen Brummkreisel der n\u00e4chsten Generation: Tantes Tochter Valerie in ihrer n\u00e4rrischen Eigenliebe.<\/p>\n<p>Valeries Familiensinn trudelte in \u00dcbertreibung. Auch der Bruder protestierte wenig. Er lie\u00df sich herrichten und mitschleifen, als dem Babba Hesselbach sein goldischer Bubb. Der Nachwuchs wurde alle Zeit wie bei einem Dressurwettbewerb vorgef\u00fchrt bei jeder Matinee im Hessischen Rundfunk und s\u00e4mtlichen Premieren in der Kom\u00f6die oder in dieser zoologischen Heinz Remondklitsche. Man bl\u00e4ute uns mit Bedeutung, bis sie allen zu Kopf gestiegen war \u2013 und ich anfing, dem Rathaus Ratschl\u00e4ge zu erteilen.<\/p>\n<p>Die Kindheit ging \u00fcber die B\u00fchne, Valeries Verwandlungen nahmen das Ende vorweg. Mit f\u00fcnfzehn strebte sie den k\u00fchlen Schick und schlampige Varianten in st\u00e4ndigem Wechsel an. Sie diskutierte ihre Beine und s\u00e4mtliche Ges\u00e4\u00dfformen. Sehr kritisch konnte Valerie werden, wenn es um Konkurrenz in der Nachbarschaft ging. Dem Abf\u00e4lligen und Zotigen gewann sie erste Preise ab. Zuerst kriegte sie der junge Ankermann alias Mogli. In unserem Bund f\u00fcrs Leben war er Dritter.<\/p>\n<p>Valerie hielt mich auf dem Laufenden. Ihre Erlebnisse brauchten Verdichtung. Das war Krisenmanagement. Gemeiner Tr\u00fcbsals Verweigerung zum Trotz trat bei Valerie eine Verstimmung auf. Der Grund daf\u00fcr verbarg sich und war doch ganz schlicht. Ankermann passte Valerie nicht und die Jungen en passant passten auch nicht. Aber woher h\u00e4tten wir das wissen sollen. Das Zuf\u00e4llige meiner eigenen Versuche bot keiner Einsicht Raum. Ich tappte genauso im Dunklen wie Valerie \u2013 und Ankermann, der in n\u00e4chtlichen Vorg\u00e4ngen mit meiner Familie verschmolz.<\/p>\n<p>Ankermann Leute hatten ein \u00fcberdachtes F\u00fcnfzigmeterbecken, das gab es sonst nicht in Frankfurt. Das Bad lag im Hinterland des Ankermann\u00b4schen Anwesens im Holzhausenviertel. Ankermann trainierte mit pers\u00f6nlichem Schwimmlehrer, \u00fcber den Mann sind Lieder geschrieben worden. Wir nannten ihn \u201edas rauchende Wrack\u201c.<\/p>\n<p>Der Cousin ging als Babu unter die Leute, Babu leitete sich von \u201edem Babba sein Bubb\u201c ab. Auch der klangvolle Name seiner Schwester hatte sich im nachtragenden Volksmund verloren. Man verballhornte ihn, steigerte sich hinein und verstieg sich bis zur \u201edie Hexe Hesselbach\u201c.<\/p>\n<p>Die \u201eHexe Hesselbach\u201c brachte ein unerh\u00f6rter Verehrer in Umlauf. Der Verliebte schrieb \u201eHier wohnt eine Hexe!\u201c an die Hesselbach\u00b4sche Fassade. Ferner malte er \u201eValerie ist eine Hexe\u201c mit brennenden Buchstaben an eine Wand der Stalburg. Von jeher war die Apfelweingastst\u00e4tte \u201eZur Stalburg\u201c das zweite Wohnzimmer der Familie Hesselbach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Opa Hesselbach war sein Berufsleben lang beim alten Ankermann in der Regel- und Messtechnik besch\u00e4ftigt. Er brachte da auch einen Sohn unter. Meinen, so hie\u00df es, d\u00e4mlichen Vater. Der Radfahrer schied auf einer privaten Hessenrundfahrt f\u00fcr immer aus. \u201eHerzinfarkt am Berger Hang: Zum letzten Mal hat sich der Amateur Hannes Hesselbach zu viel vorgenommen!\u201c So&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":150,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_seo_schema_type":"","_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1932","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-5"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":1707,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1707","url_meta":{"origin":1932,"position":0},"title":"Bruder Ernst, Bruder Alfons","author":"evawal","date":"1. 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