{"id":1852,"date":"2012-11-14T21:11:27","date_gmt":"2012-11-14T20:11:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1852"},"modified":"2023-08-06T17:10:32","modified_gmt":"2023-08-06T16:10:32","slug":"nicht-gekanntes-nicht-genanntes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1852","title":{"rendered":"Nicht Gekanntes, nicht Genanntes"},"content":{"rendered":"<p>Wer angefangen hat, weil er etwas mit ihr anfangen kann, bleibt bei Else Lasker-Sch\u00fcler h\u00e4ngen. Netter formuliert: Sie\/Er sind ihr treu. Ohnehin haben die H\u00fcter der deutschen Literatur die Poetin im Parna\u00df bestens platziert. Allen Bedenken zum Trotz. Die gelten eher der Person als ihrer Poesie. Ihre Mitmenschen erschreckte die B\u00fcrgertochter durch unb\u00fcrgerliche Eskapaden. Kafka nannte sie ein \u201eSchreckgespenst\u201c. Kafka eben! Besser kamen Bekannte, Freunde, Geliebte mit der wechselhaften Natur der Frau zurecht. Als da waren die Herren von Benn \u00fcber Hille, Kraus und Kerr bis Zech. Einschlie\u00dflich des Herwarth Walden, mit dem Lasker-Sch\u00fcler (1869-1945) zeitweise Haus und Bett teilte. Die Genannten sitzen am Tisch der Essayistin in dem Band \u201eDie kreisende Weltfabrik\u201c.<br \/>\nGesuchtes und Gefundenes ist versammelt, das eindeutig und korrekt als \u201eBerliner Ansichten und Portr\u00e4ts\u201c genau umschrieben ist. Texte wurden ausgew\u00e4hlt, die, zumeist und zuerst, All-Tags-Skizzen voller Assoziationen sind. Was zu Personen und St\u00e4tten angedeutet ist, sind eher knappe Andeutungen statt schm\u00fcckende Ausf\u00fchrungen. Alles ist Anregung f\u00fcrs Denken, Nachdenken, \u00dcberdenken. Die Autorin h\u00e4lt die Leser nicht auf. Das Innehalten erwartet sie. F\u00fcr\u00b4s kurzweilige Vergn\u00fcgen steht nicht zur Verf\u00fcgung, was von der Verfasserin kommt. Else Lasker-Sch\u00fcler hat f\u00fcr die langsam Lesenden geschrieben.<br \/>\nDas wei\u00df und respektiert Heidrun Loeper, die Herausgeberin der Ausgabe. Sie hat ein Nachwort verfa\u00dft, das ebenfalls nicht f\u00fcr\u00b4s Nebenherlesen da ist. Das ist in jeder Hinsicht was Seltenes. Ein Nachwort in, zu einem Buch ist wahrlich eine Rarit\u00e4t geworden. Der Herausgeberin (und dem Verlag) mu\u00df man die Hand dr\u00fccken. Mit der Art der Publikation wird so etwas f\u00fcr die nachwachsende Generation m\u00f6glicher Lasker-Sch\u00fcler &#8211; Leser getan.<br \/>\nDie Schriftst\u00fccke zu den berlinischen Szenen, zu den der Verfasserin nahen K\u00fcnstlern, sind St\u00fccke einer Entdeckerseele. Sie schaut in andere Menschenseelen, ohne sie zu sezieren. Selbst oft eine Verletzte, hat Lasker-Sch\u00fcler Ann\u00e4herung an Andere auch etwas mit dem Abstandhalten zu tun. So m\u00f6chte sie den Ein- und \u00dcberblick nicht verringern, der Ein- und \u00dcbersicht mindern w\u00fcrde. Lasker-Sch\u00fcler ermittelt f\u00fcr sich und ihre Leser, um \u00dcberraschendes, Unerwartetes zu erkennen. Da ist kein Platz f\u00fcr Wiederholungen. Schon gar nicht f\u00fcr\u00b4s wiederholen der Wiederholungen. Nicht Gekanntes, nichts Genanntes des Berlins vor 100 Jahren schimmert auf.<br \/>\nDie Texte in \u201eDie kreisende Weltfabrik\u201c sind Mischungen aus Essay und Dichtung. Reales wird Dichterisch, Dichteresches real. Bisweilen ist die Schreiberin sp\u00f6ttisch, bisweilen eine sarkastische Polemikerin. Eigene Marotten und die der sie Umgebenen sind f\u00fcr sie Anla\u00df gewesen, die knappen Aufzeichnungen m\u00f6glich und n\u00f6tig zu machen.<br \/>\nSo auch einer der umfangreichsten Texte des Bandes, der \u201eMein Junge\u201c \u00fcberschrieben ist. Welch ein Text einer Mutter, der mit den kargen, klaren Worten beginnt: \u201eUnd doch gerade bem\u00fche ich mich, wahrheitsgetreu \u00fcber ihn zu schreiben\u201c. Was hei\u00dft hier \u201ewahrheitsgetreu\u201c? Es hei\u00dft aufrichtig, nicht anklagend, nicht wehklagend \u00fcber den Verlorenen zu sprechen. Hei\u00dft, den Talentierten ohne \u00dcberschwang zu r\u00fchmen und zu ehren. In der kurzen Geschichte des kurzen Lebens ihres Sohnes Paul (1899-1927) ist genug von der Geschichte der Else Lasker-Sch\u00fcler. Wie in allen Texten von \u201eDie kreisende Weltfabrik\u201c. Sie sind eine gute Gelegenheit, gelegentlich gelesen zu werden. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Unbedingt!<br \/>\nElse Lasker-Sch\u00fcler: Die kreisende Weltfabrik. Berliner Ansichten und Portr\u00e4ts. Hrsg., Nachwort Heidrun Loeper. Transit Buchverlag: Berlin 2012. 128 Seiten. Geb., ISBN 978-3-88747-282-5<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer angefangen hat, weil er etwas mit ihr anfangen kann, bleibt bei Else Lasker-Sch\u00fcler h\u00e4ngen. Netter formuliert: Sie\/Er sind ihr treu. Ohnehin haben die H\u00fcter der deutschen Literatur die Poetin im Parna\u00df bestens platziert. Allen Bedenken zum Trotz. Die gelten eher der Person als ihrer Poesie. Ihre Mitmenschen erschreckte die B\u00fcrgertochter durch unb\u00fcrgerliche Eskapaden. 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