{"id":1838,"date":"2012-11-02T13:42:50","date_gmt":"2012-11-02T12:42:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1838"},"modified":"2012-11-02T13:42:50","modified_gmt":"2012-11-02T12:42:50","slug":"pladoyer-fur-marlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1838","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr Marlen"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt magische Verbindungen zwischen einem Buch und seinem Leser \u2013 wie es magische Verbindungen zwischen zwei Menschen gibt. Das trifft, wenn wir Gl\u00fcck haben, ein bis zweimal im Leben wirklich zu, dann aber mit einer k\u00f6rperlichen Wucht, die den Alltag aus den Angeln hebt. Und alles ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die erste Verbindung der magischen Art hatte ich im Alter von zw\u00f6lf Jahren, als ich in das Buch \u201eWer die Nachtigall st\u00f6rt\u201c eintauchte. Sofort f\u00fchlte mich in eine vertraute Welt katapultiert, ich verhielt mich wie Scout, das M\u00e4dchen, und ich liebte Atticus, ihren strengen, aber gerechten Vater. Die Schilderung der rassistischen und zugleich menschlichen Verh\u00e4ltnisse in einer Kleinstadt in Alabama bei sengender Sommerhitze \u00e4nderte mein Weltbild und war eine Art Initation in die Erwachsenenliteratur. Ich hatte keine Zweifel. Nur Gl\u00fccksmomente. Dass es das einzige Werk von Harper Lee blieb, wusste ich damals noch nicht. Drei\u00dfig Jahre sollte es dauern, bis ich diese archetypische Erfahrung wieder machen durfte. Nur war sie nicht mehr so unber\u00fchrt, etliche Lese-und Lebenserfahrungen \u2013 sch\u00f6ne, verf\u00fchrerische, qu\u00e4lerische \u2013 lagen dazwischen.<\/p>\n<p>Eine Begegnung in der Schweiz setzte mich auf die F\u00e4hrte von Marlen Haushofer. Mir war bekannt, worum es in der \u201eWand\u201c geht, aber erst das Wortf\u00fcrwortlesen macht es so ungeheuerlich, so ansteckend, so leuchtend. Zun\u00e4chst war ich irritiert von der unterk\u00fchlten Aufrichtigkeit und \u00fcberrascht von der Einfachheit der Geschichte, die mit dem geringsten Aufwand an Handlung und Personal, ganz ohne Spektakel auskommt: Eine namenlose Frau \u00fcberlebt allein in einer H\u00fctte in den Bergen, eingeschlossen von einer un\u00fcberwindbaren gl\u00e4sernen Wand, hinter der es kein \u00dcberleben gibt. Es gibt also keine Menschen mehr. Das schlimmstm\u00f6gliche Szenario ist \u00fcber Nacht eingetreten. Keiner wei\u00df wodurch, keiner wei\u00df warum und wie es zur Katastrophe kam. Nur mit sich allein, einer Kuh, einem Hund und einer Katze muss die Frau \u00fcberleben, sich und die Tiere versorgen. Der Archetyp des einsamen J\u00e4gers, des sich in die Natur zur\u00fcckziehenden starken Mannes in Gestalt einer Durchschnittsfrau Anfang vierzig, die pl\u00f6tzlich in dieses Schicksal geworfen wird. Um nicht den Verstand zu verlieren, schreibt sie alles nieder in unerbittlicher Selbstbeobachtung. Sie notiert die t\u00e4glichen Widrigkeiten, die t\u00e4glichen Verrichtungen, den t\u00e4glichen banalen Wahnsinn, der \u00dcberleben zu jeder Tages und Jahreszeit bedeutet. Holz hacken, Erd\u00e4pfel j\u00e4ten, Wiese m\u00e4hen, Acker umstechen, Stall bauen, das Butterfass auf die Almh\u00fctte bringen und so weiter.<\/p>\n<p>So schreibt sie die Wahrheit, da niemand mehr auf der Welt ist, dem sie etwas vorl\u00fcgen m\u00fcsste. Ihre Einsamkeit, ihr Erinnern dringen in mich ein. Und die schleichenden Fragen wie: Was l\u00e4sst uns \u00fcberleben, wenn wir einsam sind? Existieren wir ganz ohne Sprache? Was nutzt unsere kleine Kultiviertheit zur\u00fcckgeworfen auf uns selbst? Was ist das Menschliche und wozu machen wir vergebliche Dinge? Kein Wunder geschieht, kein Pathos ist n\u00f6tig in diesem Protokoll voll unaufdringlicher, fast absurder Wahrhaftigkeit. Ganz am Schluss kommt doch noch \u2013 \u00fcberfl\u00fcssigerweise \u2013 ein Eindringling ins Spiel, ein fremder Mann, den die Frau erschie\u00dft, nachdem er den geliebten Hund mit dem Beil erschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die Distanz zwischen Marlen und mir ist aufgehoben. Ich \u00fcbertreibe nicht, wenn ich bekenne, dass \u201eDie Wand\u201c und Deine anderen B\u00fccher unvergesslich sind. Ich sehe meine kleine Tochter anders und meine Katze, auch meinen Freund. Ihm erz\u00e4hle ich mitunter von m\u00e4nnlicher und weiblicher Moral. Sogar die Arbeiten im Haushalt \u00fcbe ich ein wenig mit deiner Demut. Inzwischen kenne ich jedes mir zug\u00e4ngliche Detail Deiner Biografie. Wie ein Stalker f\u00fchle ich nach, was Du dachtest als Du aus dem Fenster sahst und unruhig im Garten hin und her liefst. Ich forsche zwischen deinen Buchstaben nach nichtgesagtem, nichteingestandenem. Ich bedaure Deine Liebesunf\u00e4higkeit, den Stein der Depression in deiner Brust. Um den Hals die gew\u00f6hnliche Fassade der ordentlichen Hausfrau und Mutter, die ihre Abgr\u00fcnde in aller Verschwiegenheit verbergen muss auf Tausenden von Manuskriptseiten, die immer wieder brennen und brennen.<\/p>\n<p>Ich bin genauso gern allein wie Du, Marlen. Und ich wei\u00df, wie Einsamkeit in Zweisamkeit kr\u00e4nken und krank machen kann. Ich habe eine Ahnung was die h\u00e4sslichen W\u00f6rter Selbstentfremdung und Selbstbestimmung bedeuten. Zum Schreiben habe ich keine Mansarde, sondern ein Wohnzimmer, das ger\u00e4umig genug ist, um mich abzuschirmen. Allerdings ist es ein Durchgangzimmer und das wird mir auf Dauer vielleicht nicht gen\u00fcgen. Du wolltest frei sein, Marlen, aber warum machst du dich immer so runter? Wir k\u00f6nnen auch in geordneten Verh\u00e4ltnissen frei sein, uns frei leben, oder nicht. Deine Bescheidenheit r\u00fchrt mich jedes Mal, wenn ich ihr begegne und befremdet mich zugleich. Die passt nicht zu dem Geschriebenen, das das Ende aller Worte ins Grenzenlose, Unvorstellbare f\u00fchrt. Eine nie enden wollende, magische Geste. Warst Du manchmal verr\u00fcckt vor Gl\u00fcck, Marlen? Ja, dann bin ich beruhigt. Wir werden die Zukunft nicht mehr los.<\/p>\n<p><font face=\"Times New Roman\">  <\/font><\/p>\n<p><font face=\"Times New Roman\">  <\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt magische Verbindungen zwischen einem Buch und seinem Leser \u2013 wie es magische Verbindungen zwischen zwei Menschen gibt. Das trifft, wenn wir Gl\u00fcck haben, ein bis zweimal im Leben wirklich zu, dann aber mit einer k\u00f6rperlichen Wucht, die den Alltag aus den Angeln hebt. Und alles ver\u00e4ndert. 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