{"id":1833,"date":"2012-10-28T15:10:31","date_gmt":"2012-10-28T14:10:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1833"},"modified":"2013-03-26T11:18:54","modified_gmt":"2013-03-26T10:18:54","slug":"nur-getraumt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1833","title":{"rendered":"Nur getr\u00e4umt"},"content":{"rendered":"<p>Das Haus war leer. Abends nach acht, wenn die Mutter den Auflauf f\u00fcr Ausfahrdienste hei\u00df machte, der Vater auf Sitzungen Lehrg\u00e4nge vorbereitete, ging Jenna spazieren. Es war nach der Schulzeit. Das halbe Jahr vor dem Studium, das sie nutzlos verbrachte, lange schlief und abends allein durch die Stra\u00dfen wanderte. Sie tr\u00e4umte von der Zeit danach. Jetzt ist sie darin, ist umgestiegen, sie wirft zwei T\u00fcten und einen Koffer neben sich. Kalte Luft empf\u00e4ngt sie. Der Zug, in die sie eingestiegen ist, kommt aus Ost-Berlin. Man sollte die DDR endlich abrei\u00dfen oder komplett zun\u00e4hen, dann w\u00fcrde sie diese Z\u00fcge nicht betreten m\u00fcssen. Keine Geschichten von dr\u00fcben h\u00f6ren. Rentner-Geschichten von Menschen, die f\u00fcr ein paar Mark in den Westen d\u00fcrfen. Ein Mann erz\u00e4hlt von einem Puffbesuch und drei lesbischen Weibern, von geklauten Wurstbroten und dem Geschmack von Bananen. Jenna findet sich dumm und spie\u00dfig. Friert in Omas Mantel, kn\u00f6pft ihn zu, reibt sich die Fingern\u00e4gel an der Stumpfhose blank. Etwas passiert dicht neben ihr. Es berlinert und s\u00e4chselt. Sie hat das Elbtal schon einmal gesehen, ist durch die Grenze gefahren, hat sich mit der Schulklasse auf dem Kahn \u00fcbersetzen lassen, hat das barocke, mit Moos \u00fcberzogene Dresden im G\u00e4nsemarsch durchschritten, im Westbus gesessen, Burg K\u00f6nigstein besichtigt. Ein FDJler diskutierte nach Plan mit ihr und schlug ihr unplanm\u00e4\u00dfig eine Duschparty vor. Doch Jenna wollte sich nicht ausziehen. Sie war umwickelt von modischen Accessoires, mit Have-Peace Zeichen. Von Karo wurde ihr schlecht. Nach Hause zur\u00fcckgekehrt, in die Welt von schnurgeradem Schulbus und Lila Pause, tr\u00e4umte sie einmal, sie st\u00fcnde auf einem leeren Platz, es musste in Dresden sein, an den Steinen, an den Geb\u00e4uden erkannte sie es, hoch und nicht aus dieser Zeit, rings um sie herum vereinzelt Leuchtreklamen. Eine Mitsch\u00fclerin ohne Wurstbusen fragte sie, was sie hier tue. Jenna sagte, sie wohne hier. Und dachte beim Erwachen, da komme ich nie wieder hin. Irgendwann einmal, in ferner Zukunft, w\u00fcrde sie auf den breiten Stra\u00dfen entfesselter Geschichtslosigkeit spazieren gehen, unwissentlich von einer Landesregierung umg\u00fcrtet, und einen Euro f\u00fcr einen Sandstein spenden. Vielleicht w\u00fcrde es in dieser Zukunftswelt sogar einen Menschen geben, der sich Gin nannte und der ihr sagte, wir Leipziger m\u00f6gen die Dresdner nicht, da kommt alles von oben, wir jedoch sind voll von Freiheitsliebe. Wer beide Begriffe unter einen Hut br\u00e4chte, sei ein K\u00f6nig im Geist. Worte, die sie noch aus der Schulzeit kennt, Novalis, Hymnen an die Nacht, H.-Fragmente. Es war erinnerte Zukunft, viel zu gedr\u00e4ngt, und im Jahr der Zugfahrt von Jenna nur getr\u00e4umt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Haus war leer. Abends nach acht, wenn die Mutter den Auflauf f\u00fcr Ausfahrdienste hei\u00df machte, der Vater auf Sitzungen Lehrg\u00e4nge vorbereitete, ging Jenna spazieren. Es war nach der Schulzeit. Das halbe Jahr vor dem Studium, das sie nutzlos verbrachte, lange schlief und abends allein durch die Stra\u00dfen wanderte. 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