{"id":1831,"date":"2012-10-27T20:14:05","date_gmt":"2012-10-27T19:14:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1831"},"modified":"2013-03-26T11:18:33","modified_gmt":"2013-03-26T10:18:33","slug":"vanillemilch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1831","title":{"rendered":"Vanillemilch"},"content":{"rendered":"<p><em>Ausz\u00fcge aus einem geplanten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel &#8222;Jenna liebt Gin&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em>Kurze Inhaltsangabe: Jenna, eine zu Beginn des Romans 19-j\u00e4hrige junge Frau, verl\u00e4sst ihr zu Hause mit dem Ziel, das, was sie nachts tr\u00e4umt, in die Wirklichkeit zu \u00fcbersetzen. Der Text besteht aus bisher 21 Szenen, in denen sich die Tr\u00e4ume sukzessive in Wirklichkeit umwandeln, dabei aber andere Formen annehmen. Das Experiment besteht darin, dass Jenna anfangs noch nicht wei\u00df, wer ihr eigentlicher Begleiter ist. Er taucht zuerst in ihren Tr\u00e4umen auf, dann aber auch immer deutlicher in der Realit\u00e4t, was Jenna immer wieder befremdet.<\/em><\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>Von vorn kommt ihr ein dicker Strang Wolken entgegen, fliehende Stromkabel, Neuland. Ein Birkenwald. Zwischenholz. Die Temperaturen sind um mehr als zehn Grad gefallen, am Morgen sah Jenna das Laub auf dem Dach und daneben den Schnee. Vor dem Fenster wirft es mit Bl\u00e4ttern. Innen ist es ruhig. K\u00e4me sie jetzt von drau\u00dfen herein, w\u00e4re es Schwitzen f\u00fcr sie. Links sitzt das P\u00e4rchen, durch dessen K\u00fcssen und Klatschen sie sich eben noch bel\u00e4stigt f\u00fchlte, ihr gegen\u00fcber der sch\u00f6ne Herr mit dem Schulbrot und dem silbrigen Haar, der Hosentr\u00e4ger hat und in einer Wochenzeitung liest. Er geh\u00f6rt sicher zu einer Art allein lebender M\u00e4nner, die quietschende Schreibtischst\u00fchle haben, aus beruflichen Gr\u00fcnden jedes lokale Blatt lesen m\u00fcssen und abends unter dem Druck einer unerledigten Schreibarbeit auf und ab pantern, ganz wie Max Goldt. Jenna ist mit Abstand die J\u00fcngste in diesem Zugabteil. Sie wei\u00df nicht, unter welchen Umst\u00e4nden dieser Herr sich Hosentr\u00e4ger angelegt hat, aus welchem Grund, ob er es einfach nur sch\u00f6n findet, aus einer Erinnerung heraus. Jenna sieht, dass es ein gef\u00fclltes Crevettenbr\u00f6tchen ist, das er sich in den Mund schiebt. Gar kein Schulbrot. H\u00e4tte sie schon das Geld f\u00fcr eine eigene Wohnung, sie w\u00fcrde sich schwarze Vorh\u00e4nge n\u00e4hen lassen. Die halten graue Himmel fern und die Schneeh\u00fcgel auf den Blument\u00f6pfen. Sie denkt an den Pferdeschwanz, der ihr frisch gewaschenes Haar versteckt und b\u00fcndelt, der sie noch j\u00fcnger aussehen l\u00e4sst. Der Theatermann vorhin hat gesagt, wie f\u00fcnfzehn. Jenna senkt den Blick auf die rosa lackierten, zu kurzen Fingern\u00e4gel, das abgegriffene Shirt, das vom Mantel ihrer Oma verdeckt wird. Einmal aufs Klo gehen und nachsehen, ob das noch geht. Sie kommt nicht an den Schuhen der anderen vorbei. Der Kopf der Frau neben ihr f\u00e4llt auf die Schulter des Mannes wie auf ein Kissen aus teurem Design, beide schlafen einen Rausch aus Filter-Zigarettenqualm und Weinbrandbohnen aus, die Frau schnarcht leise. Frauen \u00fcber drei\u00dfig fangen fast immer mit Schnarchen an, hat ihr der erste Freund gesagt, seinen Vornamen k\u00fcrzte Jenna mit dem Initial ab. Damals fuhr sie im Schulbus, auf dessen Boden bei Regen eine dunkle Br\u00fche schwappte. Damals sa\u00df sie zum Mittag in der Schulkantine, wo es die weichen Br\u00f6tchen mit hellgelbem K\u00e4se oder hautfarbener Leberwurst gab. Manche Mitsch\u00fclerinnen wurden dicklich von Vanillemilch und Kakao, ihre Br\u00fcste wurden W\u00fcrste. Jenna dreht den Kopf zum Fenster, an dem die Wolkenstr\u00e4nge vorbei rasen, fast froh, dieser Phase entwachsen zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausz\u00fcge aus einem geplanten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel &#8222;Jenna liebt Gin&#8220; Kurze Inhaltsangabe: Jenna, eine zu Beginn des Romans 19-j\u00e4hrige junge Frau, verl\u00e4sst ihr zu Hause mit dem Ziel, das, was sie nachts tr\u00e4umt, in die Wirklichkeit zu \u00fcbersetzen. 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