{"id":17864,"date":"2026-09-14T11:57:31","date_gmt":"2026-09-14T10:57:31","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17864"},"modified":"2026-09-14T11:57:31","modified_gmt":"2026-09-14T10:57:31","slug":"17864","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17864","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Bahnh\u00f6fe einer Zugreisenden<\/pre>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn sie in ihrem Zug sitze, der gar nicht ihr geh\u00f6re, sei der Bahnhof drau\u00dfen nicht mehr wichtig, sinniert die Zugreisende. Sie hei\u00dft Beate und nennt sich &#8222;Zugreisende&#8220;, so als w\u00e4re sie die einzige Reisende in diesem Zug. Sie sei eigentlich nicht mehr da, obwohl der Zug noch nicht abgefahren ist. Sobald er anfahre, werde sie wieder woanders sein, bereits weit weg, in der Mitte zwischen Abgereist und Noch-nicht-angekommen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">   Das geht ihr die ganze Zeit durch den Kopf, bis der Zug endlich anf\u00e4hrt. Sie denkt das nur so nebenbei, ohne ernstlich daran zu glauben. Sie denkt es nur als Metapher und wei\u00df noch nichts von dem, was ihr bevorsteht. \n   Sobald der Zug in einen Tunnel einf\u00e4hrt, spiegeln sich die K\u00f6pfe der Reisenden im Waggon-Fenster. Wenn die Landschaft wieder da ist, sind de K\u00f6pfe verschwunden. \n   Beate ist eingeschlossen in einem Abteil mit einem schm\u00e4chtigen jungen Mann, der ihr gegen\u00fcber sitzt, einen Hamburger isst und auf der Hemdbrust ein Abzeichen mit der Aufschrift \"Atomkraft, nein danke\" tr\u00e4gt. Und mit einem \u00e4lteren Mann, der neben ihr sitzt und ein Buch liest. Und einer kr\u00e4ftig gebauten Frau in den mittleren Jahren, die auf der Flurseite sitzt, dem \u00e4lteren Mann, der ein Buch liest, schr\u00e4g gegen\u00fcber. Zwischen ihr und dem einen Hamburger verzehrenden jungen Mann mit dem Abzeichen \"Atomkraft, nein, danke\" ist ein leerer Platz. \n   Die kr\u00e4ftig gebaute Frau in den mittleren Jahren sitzt breit und still, mit geschlossenen Augen, den R\u00fccken gegen die Lehne gestemmt, eine braune Lederhandtasche auf ihrem Scho\u00df fest umklammernd. Das Kinn f\u00e4llt ihr auf die Brust, sie ist eingenickt. Nur ihre H\u00e4nde sind wach geblieben und umklammern den vergoldeten Griff der Handtasche. Wie kann man nur schlafen und zugleich den Griff seiner Handtasche ganz fest umklammern? Ihre Finger sind dick, schlicht und unberingt. Sie bewegen sich ab und zu ganz leicht, so als versuchten sie, auf dem vergoldeten Griff Klavier zu spielen. \n   Nach einer Viertelstunde entkrampfen sich die H\u00e4nde der Frau, l\u00f6sen sich vom Griff der Handtasche, fallen auseinander und auf die Armlehne links und rechts, wo sie wie abgelegte Handschuhe liegen bleiben. Die Handtasche h\u00e4lt ihr Gleichgewicht auf dem Scho\u00df der Frau, deren Busen sich rhythmisch hebt und senkt, sie muss jetzt tief schlafen.\n   Der junge Mann hat seinen Hamburger aufgegessen, lehnt sich zur\u00fcck und betrachtet die fliehende Landschaft im Fenster. \n   Beate ist nur mehr halb eingeschlossen, nur noch ein unwesentlicher, der diesseitige Teil von ihr sitzt am Fenster und schaut in die andere Richtung, als jene, in die der schm\u00e4chtige junge Mann schaut, der soeben einen Hamburger verdr\u00fcckt hat. Ihr wesentlicher, ausw\u00e4rtiger Teil eilt drau\u00dfen vor dem Fenster der Landschaft entgegen, doch sie begegnen sich nie, ziehen aneinander vorbei, Beates wesentlicher Teil und die Landschaft. Wenn die Landschaft aber an einem Bahnhof stehenbleibt, bleibt auch ihr ausw\u00e4rtiger Teil am Bahnhof stehen. Er steht dann vor dem Waggon-Fenster auf dem Bahnsteig und kann sich nicht entscheiden, ob er hierbleiben oder weiterfahren soll. \n   Die Bahnh\u00f6fe kommen den Fahrg\u00e4sten einer nach dem anderen entgegen gefahren. Zuerst kommt der Bahnhof des \u00e4lteren Mannes, der sein B\u00fcchlein bereits in der Jackentasche verstaut hat. Dann kommt der Bahnhof des jungen Mannes mit dem Abzeichen auf der Hemdbrust. Die Bahnh\u00f6fe kommen, und die Fahrg\u00e4ste gehen. \n   Inzwischen sind andere Fahrg\u00e4ste eingestiegen, die sich vom Flur auf die benachbarten Abteile verteilt haben. Wo der Bahnhof der schlafenden Frau sein mag, kann Beate, die sich \"die  Zugreisende\"  nennt, nicht beurteilen, sie vermutet ihn weit hinter ihrem. \"Eigentlich besitze ich gar keinen Bahnhof\", sagt sie sich, \u00bbjener Teil von mir, der im Abteil sitzt, redet nur dummes Zeug\u00ab: Das behauptet jedenfalls ihr ausw\u00e4rtiger Teil, der hinter der Fensterscheibe.  \n   Beide Teile verstummen, als die Schiebet\u00fcr des Abteils mit einem dumpfen Anschlag aufgeht, und ein neuer Fahrgast hereintritt. Ein kleinw\u00fcchsiger, vollschlanker bebrillter Mann in den mittleren Jahren mit einem schwarzen Lederkoffer in der linken Hand: \n   \"\u00b4Tag, ist hier noch was frei?\" \n   Da der diesseitige Teil der Zugreisenden nicht sogleich antwortet, zeigt der kleine Mann mit einem kurzen Zeigefinger auf den Fensterplatz, auf dem der junge Mann mit dem Abzeichen gesessen hat: \n   \"Hier?\" \n   \"Ja\", antwortet schlicht Beates diesseitiger Teil, jener, der den Mann als \"vollschlank\" bezeichnet hat. Der ausw\u00e4rtige Teil denkt: \"fetter Arsch\". Der kleine Mann streckt sich mit dem hoch gehobenem Koffer an die Ablage heran, und es gelingt ihm tats\u00e4chlich, die Kante seines Koffers auf die Gep\u00e4ckablage zu hieven. Dann schiebt er mit den Fingerspitzen den Koffer an die Wand. Geschafft! Mit einem stolzen L\u00e4cheln nickt er Beate zu, bevor er seine Hosenbeine \u00fcber den Knien mit den Fingerspitzen hochzieht und sich umst\u00e4ndlich hinsetzt. Nun sitzt er, ist zufrieden und nickt ihr noch einmal zu, so als erwartete er Beifall daf\u00fcr, dass er nun so gem\u00fctlich sitzt. Beate verweigert ihm den Beifall. \n   Ihr ausw\u00e4rtiger Teil hat den neuen Fahrgast die ganze Zeit argw\u00f6hnisch beobachtet. Nun hat auch ihr diesseitiger Teil bereits gemerkt, dass der neue Fahrgast dabei ist, ein Gespr\u00e4ch in die Wege zu leiten. Und tats\u00e4chlich: Nachdem er einen verstohlenen Blick auf die schlafende Frau geworfen hat, beugt er sich etwas vor und fl\u00fcstert der Zugreisenden, die in Wirklichkeit Beate hei\u00dft, zu:\n   \"Sehr warm da drinnen.\" Der diesseitige Teil der Zugreisenden hat nun die Regie \u00fcbernommen und best\u00e4tigt dem jovialen Herrn, dass es im Abteil tats\u00e4chlich sehr warm sei, wor\u00fcber ihr Gespr\u00e4chspartner, denn das ist er wohl jetzt, \u00e4u\u00dferst erfreut zu sein scheint. Ein breites Lachen zieht \u00fcber sein Gesicht und dr\u00fcckt seine Wangen an die Ohren. Dar\u00fcber r\u00fccken die Ohren erschreckt auseinander, legen sich dann aber gleich wieder an, nachdem ihr Besitzer sein fr\u00f6hliches Lachen zu Ende gebracht hat.\n   In dem Augenblick, als das Gegen\u00fcber der Zugreisenden sich erneut vorn\u00fcberbeugt, und sich seine Lippen schon zu einem neuen Wortbeginn gerundet haben, f\u00e4llt die Handtasche der schlafenden Frau auf den Boden. Der neue Fahrgast beugt sich nun in die andere Richtung, hebt die Damentasche auf, indem er sie mit denselben Fingerspitzen am Griff anfasst, mit denen er den Koffer an die Wand geschoben und seine Hosenbeine \u00fcber den Knien hochgezogen hat. Er stellt die Tasche vorsichtig auf den leeren Sitz nebenan. Dann zieht er ein wei\u00dfes Taschentuch aus seiner Rocktasche und wischt damit sorgf\u00e4ltig den Griff der Handtasche ab, beseitigt alle Fingerabdr\u00fccke. Er faltet das Taschentuch wieder zusammen und steckt es zur\u00fcck in die Rocktasche.\n   Inzwischen scheint er vergessen zu haben, dass er etwas sagen wollte, vielleicht auch denkt er, die Zugreisende sei an der Reihe etwas zu sagen, denn er schaut sie erwartungsvoll an. Ihren beiden Teilen jedoch f\u00e4llt nichts ein, der diesseitige Teil l\u00e4chelt verlegen, w\u00e4hrend der ausw\u00e4rtige dem diesseitigen schadenfroh die Zunge herausstreckt. \n   In dem Moment, als ihrem diesseitigen Teil etwas Brauchbares einf\u00e4llt, das sie dem Herrn gegen\u00fcber sagen k\u00f6nnte, h\u00f6rt sie harte Schritte, harsche T\u00f6ne und d\u00fcnnes Klirren auf dem Flur. Sie trampeln an der Abteilt\u00fcr vorbei: Der Schaffner f\u00fchrt einen Fahrgast in Handschellen ab, sie zw\u00e4ngen sich nebeneinander durch den engen Flur, wobei der Delinquent vergeblich versucht, sich vom Schaffner, an den er gekettet ist, loszurei\u00dfen. \n   \"So passiert es, wenn man unvorsichtig ist\", kommentiert der Gespr\u00e4chspartner der Zugreisenden den Vorfall. \n   \"Ja, Sie haben gut daran getan, die Fingerabdr\u00fccke zu beseitigen\", entgegnet sie anerkennend.\n   \"Er kommt gewiss auch zu uns herein, haben auch Sie alles beseitigt?\", fragt er sie in einem komplizenhaften Ton. \n   Sie antwortet ihm, sie h\u00e4tte auch alles sorgf\u00e4ltig beseitigt, man w\u00fcrde nichts bei ihr finden. \n   \"So ist es richtig\", stimmt er ihr g\u00f6nnerhaft zu, beugt sich noch etwas weiter nach vorne und s\u00e4uselt: \n   \"Aufpassen, dass er Ihnen nichts in die Tasche hineinschmuggelt, das tun die n\u00e4mlich gerne. Und immer l\u00e4cheln\", belehrt er sie noch. \n   Kaum dass er ihr seine Warnung mit der gutgemeinten Belehrung zuges\u00e4uselt hat, erscheint vor der T\u00fcr des Abteils statt eines Schaffners eine junge Schaffnerin mit langem blonden Haar und einer Zange in der Hand. Da springt der rundliche Herr beflissen auf und \u00f6ffnet galant die T\u00fcr. Die Schaffnerin jedoch scheint nicht beeindruckt zu sein. Sachlich, ja sogar etwas unterk\u00fchlt im Vergleich mit dem hurtigen Entgegenkommen des dicklichen Herrn, jedoch korrekt und h\u00f6flich fordert sie die Fahrg\u00e4ste auf, ihr die Fahrscheine zu zeigen. W\u00e4hrend die Schaffnerin vergeblich versucht, die Frau mit der danebenliegenden Handtasche zu wecken, macht der neue, rundliche Fahrgast seiner Gespr\u00e4chspartnerin verzweifelte Handzeichen, die sie nicht deuten kann. \n   \"Die Fahrkarte der schlafenden Dame hat Ihr Kollege bereits gesehen und eingezwickt\", informiert er die Schaffnerin. Daraufhin gibt diese es auf, die schlafende Frau zu wecken und wendet sich dem dicklichen Herren zu. \n   Zuerst denkt sich Beate nichts dabei, zumal sie mit dem W\u00fchlen in ihrer Handtasche besch\u00e4ftigt ist. Sie kann ihren Fahrschein nicht finden. Die Schaffnerin jedoch dreht sich um und geht aus dem Abteil, ohne ihren Fahrschein gesehen zu haben. \n   \"Vielleicht\", denkt Beate, \"hat die Kontrolleurin den Mann falsch verstanden und war der Meinung, ich sei diejenige, deren Fahrkarte bereits vom Kollegen gesehen und eingezwickt worden ist\". Dann f\u00e4llt ihr ein, dass der neue Fahrgast gar nicht wissen kann, ob der Schaffner davor die Fahrkarte der Schlafenden gesehen hat. Er ist erst vor kurzem eingestiegen, lange nach der schlafenden Frau und nach ihr selbst. Und sie hat keinen anderen Schaffner im Abteil gesehen. Der Herr gegen\u00fcber aber l\u00e4chelt freundlich, und sie vergisst sofort die Unstimmigkeit. \"Mag sein\", sagt sie sich, \"dass er die Frau schlafen lassen wollte und deshalb das mit dem Schaffner erfunden hat. Ein sehr r\u00fccksichtsvoller Mensch, mein Gegen\u00fcber. Ein Mensch, dem man vertrauen kann.\"    Vertrauensselig l\u00e4sst sie sich in ein Gespr\u00e4ch verwickeln. Sie sprechen \u00fcber Nichtigkeiten wie die Heilw\u00e4sser der Kurorte, an denen sie vorbeifahren und das voraussichtliche Wetter in Hamburg, der Stadt, in der dieser Zug seine Fahrt beenden wird. \"Sein Heimatbahnhof sozusagen\", meint der freundliche Herr.  \n   \"Ihre Tochter wird schon auf Sie warten\", f\u00e4hrt er fort. Erst mit einer Versp\u00e4tung von einigen Minuten wundert sich Beate \u00fcber diese Worte und versucht gleichzeitig, sich daran zu erinnern, ob sie im Laufe des Gespr\u00e4chs mit dem freundlichen vollschlanken Herrn erw\u00e4hnte, dass sie eine Tochter habe. Sie kann sich nicht daran erinnern. Dann aber sagt der Mann:\n  \"Sie wartet gewiss schon ungeduldig auf Sie.\" \n   Also wei\u00df er nichts \u00fcber meine Tochter\", schlussfolgert sie. Sie hatte sich von ihrer kleinen Tochter verabschiedet, bevor sie zum Bahnhof fuhr. \n  \"Hat Ihre Tochter demn\u00e4chst Geburtstag?\", fragt er sie pl\u00f6tzlich. Beates Tochter hat tats\u00e4chlich in f\u00fcnf Tagen Geburtstag. Sie wartet darauf, dass er fragt, wie alt sie werde, er tut es aber nicht. Mag sein, dass er ihr die Irritation vom Gesicht abgelesen hat, denn er versucht es wiedergutzumachen, indem er ihr mitteilt, dass auch er eine Tochter habe, die feiere allerdings erst im Winter Geburtstag. Da es drau\u00dfen, jenseits des Waggon-Fensters, Sp\u00e4tsommer ist, Anfang September, beruhigt sich die Zugreisende. \n   Sie sprechen jetzt \u00fcber Heimatbahnh\u00f6fe. Er behauptet, der Heimatbahnhof dieses Zugs sei Hamburg, sie erwidert, es k\u00f6nnte auch M\u00fcnchen oder Stuttgart sein. \n   Jetzt sind sie in Frankfurt am Main. Rechts hinter dem Bahnhofsgeb\u00e4ude sieht die Zugreisende eine Br\u00fccke, darunter steht schwarz und d\u00fcster der Main. In der N\u00e4he des Bahnhofs flie\u00dft er nicht, er steht. Dann f\u00e4llt ihr ein, dass man den Main vom Bahnhof aus gar nicht sehen kann. Vielleicht hat man inzwischen den Bahnhof verlegt, sie ist schon lange nicht mehr hier gewesen. Der Zug steht hier schon acht Minuten, und es steigen immer noch neue Fahrg\u00e4ste ein. Ins Abteil tritt ein junger Mann, noch sehr jung, vielleicht noch Sch\u00fcler, in Jeans und einem schlichten wei\u00dfen T-Shirt ohne irgendeine Beschriftung, Zugeh\u00f6rigkeitsbekenntnis oder steckbrieflicher Formulierung. Bevor noch der junge Mann eintritt, beugt sich Beates Gegen\u00fcber so weit nach vorne, dass er nur auf einer Pobacke sitzt, hebt seine linke Hand bis vor den Mund und raunt ihr hinter vorgehaltener Hand zu: \"Tun Sie bitte so, als w\u00fcrden Sie mich nicht kennen\". \n   Sie will ihm antworten, dass sie ihn gar nicht kenne, kommt aber nicht dazu, der neue Fahrgast ist schon eingetreten und fragt, ob der leere Platz neben der schlafenden Dame frei sei. Sichtlich zufrieden mit der bejahenden Antwort des Gegen\u00fcbers der Zugfahrerin, nimmt er mit einer selbstgerechten Geb\u00e4rde die Handtasche der kr\u00e4ftig gebauten schlafenden Frau und legt sie auf den leeren Sitz gegen\u00fcber. Dann setzt er sich auf den freien Platz. Nimmt einen Fahrplan von der Gep\u00e4ckablage, faltet ihn auseinander und vertieft sich darein. Die Frau schl\u00e4ft weiter, w\u00e4hrend das Gegen\u00fcber der Zugfahrerin verzweifelte Blicke zwischen ihr und dem neuen Fahrgast wandern l\u00e4sst. Sie glaubt die Botschaft zu verstehen: Der neue Fahrgast hat Fingerabdr\u00fccke auf dem Griff der Damenhandtasche hinterlassen.\n   Sie sprechen wieder \u00fcber Heimatbahnh\u00f6fe, der junge Mann tut so, als interessierte ihn das Ganze nicht, tut so, als l\u00e4se er den Zugfahrplan, scheint aber, mit dem ihnen zugewandten Ohr zuzuh\u00f6ren. \n   Wo denn ihr Heimatbahnhof sei, fragt sie ihr Gegen\u00fcber. Wobei unklar ist, ob er den Bahnhof des Ortes meint, in dem sie wohnt, ihren Geburtsort oder den Bahnhof, auf dem sie eingestiegen ist. Sie antwortet ihm, dass \"Heimatbahnhof\" ein sehr verwirrendes Wort sei und ein vager Begriff, man k\u00f6nne ja schlie\u00dflich \u00fcberall ein- und aussteigen, und wenn man irgendwo auf einem Bahnhof in einen Zug steigt, ist es auch nicht unbedingt der Heimatbahnhof. \n   Ein halbierter Mensch wie die Zugfahrerin ist schon auf vielen fremden Bahnh\u00f6fen ein- und ausgestiegen aber auch auf bekannten, die sie jedoch nicht besitzen konnte, zu keinem von ihnen sagen konnte: \"mein Bahnhof\". Ihr Gespr\u00e4chspartner jedoch, der auch nicht ihr geh\u00f6rt, obwohl sie mit ihm redet, ahnt nicht, dass er mit einer Halbierten spricht und wei\u00df nichts anzufangen mit soviel Halbheimatbahnh\u00f6fen, weil es f\u00fcr ihn vermutlich nur einen Heimatbahnhof gibt, oder er hat die anderen vergessen. \n   \"Mein Heimatbahnhof ist ein fahrender Zug\", schie\u00dft es der Zugreisenden durch den Kopf. Als sie diese pl\u00f6tzliche Erkenntnis ihrem Gegen\u00fcber mitteilen will, kommt der Zug ruckartig zum Stehen. Ohne dass sie es gemerkt hat, sind sie wieder in einen Bahnhof eingefahren. Es ist Limburg. Die schlafende Frau ist aufgewacht. Als sie sich von ihrem Sitz erhebt, piepsen dort f\u00fcnf dottergelbe K\u00fcken zwischen zertr\u00fcmmerten Eierschalen. \n   Da die Frau ihre Pflicht getan hat, nimmt sie ihre braune Handtasche vom Platz gegen\u00fcber und steigt aus. Es ist vielleicht ihr Heimatbahnhof, sollte sie im Besitz eines Heimatbahnhofs sein. Ein Schaffner kommt herein und sammelt die K\u00fcken ein, setzt sie in seine M\u00fctze und entschwindet ins n\u00e4chste Abteil. Anscheinend sammelt er in jedem Abteil die verlassenen K\u00fcken ein. \n   Jetzt fahren sie schon eine ganze Stunde, ohne dass der Herr gegen\u00fcber noch irgendein Wort gesagt h\u00e4tte. Als der Zug immer langsamer f\u00e4hrt - Beate hat es \u00fcberh\u00f6rt, in welchen Bahnhof sie jetzt einfahren -, r\u00fcckt ihr Gegen\u00fcber wieder vor, h\u00e4lt sich, auf einer Pobacke sitzend, im Gleichgewicht und streckt ihr seine linke Hand mit der Armbanduhr entgegen:\n   \"Seit Vorgestern zeigt sie Viertel nach neun. Und wie sp\u00e4t ist es bei Ihnen?\"\n   \"Wir haben jetzt...\"\n   \"Nein, wir haben nicht\", unterbricht er sie schroff, \"Sie haben.\"\n   \"Bei mir ist es sieben Uhr f\u00fcnfundvierzig\", antwortet sie, \u00fcberrascht und ziemlich irritiert von der pl\u00f6tzlichen Heftigkeit in der Stimme des bisher so freundlichen Herrn.\n   \"Dann haben Sie noch anderthalb Stunden\", schlussfolgert er, diesmal mit einer ernsten, ruhigen Stimme. \n   Sie kann sich nicht daran erinnern, dass sie ihrem Gespr\u00e4chspartner anvertraut h\u00e4tte, wann sie ankomme und wo ihr Reiseziel sei. Ja, richtig! Erst jetzt f\u00e4llt ihr auf, dass er sie im Laufe ihres Gespr\u00e4chs kein einziges Mal gefragt hat, wohin sie fahre. Nur wo ihr Heimatbahnhof sei, hat er gefragt, von ihr jedoch keine brauchbare Antwort bekommen. Auch hat er ihr sein Reiseziel nicht verraten. Seltsam. Sonst fragt man sich als erstes nach dem Reiseziel, wenn man in einem Waggon-Abteil ins Gespr\u00e4ch kommt. Beate fragt, nur um die eingetretene Stille zu verscheuchen: \n   \"Zeigt Ihre Uhr Viertel nach neun am Vormittag oder am Abend?\" \n   \"So genau wei\u00df ich es nicht, das werden wir in anderthalb Stunden sehen\", antwortet er ihr. \"Mit Sicherheit wei\u00df ich nur, dass heute ein Donnerstag ist\", f\u00fcgt er noch hinzu.\n   Beate rekapituliert: \"Ein Fahrgast wird vom Schaffner in Handschellen abgef\u00fchrt. Man muss alle hinterlassenen Fingerabdr\u00fccke sorgf\u00e4ltig beseitigen. Mein Gegen\u00fcber wei\u00df alles \u00fcber mich. Er will mir vermutlich eine Warnung zukommen lassen, die ich jedoch nicht verstehe. Ich bin umzingelt.\"       \n   Sobald der Zug im n\u00e4chsten Bahnhof zum Stehen kommt, packt die Zugreisende ihren Koffer, verl\u00e4sst fluchtartig das Abteil, st\u00fcrzt auf die Waggont\u00fcr zu und steigt aus. \n   Sie wei\u00df nicht, was f\u00fcr ein Bahnhof es ist. Sie sieht nach der Aufschrift mit dem Namen des Bahnhofs. Ein ihr unbekannter Name. Ein Name, den sie bisher nirgendwo gelesen hat. Der Zug f\u00e4hrt ab. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass sie hier gar nicht aussteigen wollte, dass sie weiter h\u00e4tte fahren m\u00fcssen, um ihr Reiseziel zu erreichen. In anderthalb Stunden w\u00e4re sie dort gewesen. Anderthalb Stunden? Hat der seltsame Fahrgast, der ihr gegen\u00fcber gesessen hat, nicht gesagt, in anderthalb Stunden werden wir...werden wir was? Was hat er nur gesagt? Sie wei\u00df es nicht mehr. Es f\u00e4llt ihr ein, dass sich ihr Kopf nicht mehr im Waggon-Fenster spiegeln wird, sollte der Zug wieder durch einen Tunnel fahren. Nur die K\u00f6pfe der anderen werden sich darin spiegeln. Dieser Gedanke macht sie ein bisschen traurig.\n   Aus der sulzigen Abendd\u00e4mmerung tauchen zwei Gestalten auf. Es sind zwei uniformierte Eisenbahner. Sie kommen auf Beate zu und stellen sich vor sie auf. Der eine hat Fischaugen unter der Uniformm\u00fctze, und unter der Nase einen borstigen Schnurrbart. Der zweite hat ein gro\u00dfes, rundes, leeres Gesicht. Alles, was er denken mag, ist hermetisch abgeschlossen.\n   \"Guten Abend\", sagt der mit dem borstigen Schnurrbart und den Fischaugen, \"wir haben auf Sie gewartet. Wir werden Sie zu ihrem Zug begleiten\".\n   \"Aber mein Zug ist gerade weggefahren!\"\n   \"Sie irren sich. Ihr Zug steht schon lange dort dr\u00fcben auf Gleis f\u00fcnf und wartet auf Sie.\"\n   Dabei weist er geradeaus mit einem Zeigefinger, der immer l\u00e4nger wird und erst aufh\u00f6rt zu wachsen, als er, \u00fcber mehrere Gleise hinweg, an einem langen Zug mit beleuchteten Waggon-Fenstern angekommen ist. \n   \"Kommen Sie!\", fordert sie der andere auf.\n   Beate erschrickt: Das kann doch nicht sein, dass das gro\u00dfe runde Gesicht gesprochen hat! Das Uhrengesicht ohne Zeiger. Sie kann sich nicht vorstellen, wie aus diesem Gesicht Worte herausfallen k\u00f6nnen, da ist doch nirgendwo eine \u00d6ffnung oder ein Ritz. Es m\u00fcsste ein anderer hinter ihm stehen, der das gesagt hat. Es steht aber keiner hinter ihm.\n   Die beiden uniformierten Herren von der Bundesbahn nehmen sie in ihre Mitte und f\u00fchren sie ab. Zu ihrem Zug. <\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bahnh\u00f6fe einer Zugreisenden Wenn sie in ihrem Zug sitze, der gar nicht ihr geh\u00f6re, sei der Bahnhof drau\u00dfen nicht mehr wichtig, sinniert die Zugreisende. Sie hei\u00dft Beate und nennt sich &#8222;Zugreisende&#8220;, so als w\u00e4re sie die einzige Reisende in diesem Zug. Sie sei eigentlich nicht mehr da, obwohl der Zug noch nicht abgefahren ist. 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