{"id":1743,"date":"2012-08-29T10:38:11","date_gmt":"2012-08-29T09:38:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1743"},"modified":"2012-08-29T10:51:40","modified_gmt":"2012-08-29T09:51:40","slug":"steile-karriere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1743","title":{"rendered":"Steile Karriere"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00e4ulein Pikante hatte eine herzallerliebste Tochter. Sie malte, spielte Fl\u00f6te, turnte \u2013 Frl. Pikante schickte sie auf die Ballettschule. Dort wohnte sie wochentags im Internat und hatte ihre Ruhe. Den Vater ihrer Tochter hatte sie einst schon zu Beginn der Schwangerschaft verlassen, denn er war beruflich erfolgreich und verdiente gut. Frl. Pikante konnte es nur schwer ertragen, einen t\u00e4tigen rastlosen Menschen in ihrer N\u00e4he zu wissen, selbst aber ans Wochenbett gefesselt zu sein. Mit den Unterhaltszahlungen gab es nie Probleme und sie war befreit von Meinungsverschiedenheiten. Nun wirkte Frl. Pikante auch als Mutter nicht unattraktiv. Ein Jahr nach der Entbindung hatte sie ungef\u00e4hr ihre fr\u00fchere Gestalt zur\u00fcckgewonnen, ja sie war noch schlanker, geradezu d\u00fcnn geworden, derweil das Kind diverse Fettanteile aus ihr herusgesaugt hatte. Die etwas zahlreicher gewordenen F\u00e4ltchen um die Augen als Folge durchwachter N\u00e4chte lie\u00dfen sie gereift erscheinen, da\u00df man beinahe nicht mehr Fr\u00e4ulein zu ihr sagen mochte.<\/p>\n<p>Kurz: Gegen ihren Willen sie war wieder ein auf die M\u00e4nnerwelt anziehend wirkendes Weibsbild geworden. Ihr Talent, dem Gesp\u00e4chspartner jedes Wort im Mund herumzudrehen, hoffte sie, w\u00fcrde die Verehrer abschrecken. Tats\u00e4chlich f\u00fchlten sich von ihrem scharfen Verstand gerade die in Frauenangelegenheiten versierten, akademisch gelangweilten Herren herausgefordert, die zun\u00e4chst auf eine intellektuelle Eroberung aus waren, es aber billigend in Kauf nahmen, wenn sie intime Folgen hatte. Fr\u00e4ulein Pikante betrachtete es als Sport, innerhalb einer Mensapause den eingebildeten Herren den Kopf zu verdrehen, Hoffnung zu wecken und am Ende der Fuffzehn die hei\u00dfe Kartoffel fallen zu lassen. Zur\u00fcck in ihrem B\u00fcro hatte sie Stoff zum Schw\u00e4tzen und Kichern mit ihren Assistentinnen, die bald begannen, sich an ihr ein Beispiel zu nehmen. Doch diese Geschichten sollen hier nicht erz\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Eines Tages geschah es, da\u00df es Frl. Pikante wider Erwarten nicht gelang, ihren mitt\u00e4glichen Herausforderer abzusch\u00fctteln. Es handelte sich um ein Objekt, das genau das Gegenteil von Frl. Pikante selbst darstellte: Mr. Rumpel war geb\u00fcrtiger Inder, stammte aber von britischen Vorfahren ab. Untersetzt, um nicht zu sagen kleinw\u00fcchsig, war er von rundlicher Gestalt und trug eine beachtliche blonde M\u00e4hne, die in vollkommenem Kontrast zu dem schwarzen Kurzhaarschnitt von Frl. Pikante stand. Zu H\u00f6flichkeit und Bescheidenheit erzogen, kannte sich Mr. Rumpel mit den Kulten in Kerala und Goa aus, hatte seine \u201eTeepartys\u201c hinter sich und war im besten Sinne ein Freak, der \u00fcber dem Hanf erstaunlicherweise sein logisches Denkverm\u00f6gen nicht eingeb\u00fc\u00dft hatte und wie kein zweiter programmierte.<\/p>\n<p>Frl. Pikante erkannte rasch das Potential, das Mr. Rumpel in sich barg und gedachte, es f\u00fcr ihre weitere Karriere zu nutzen. Dabei untersch\u00e4tzte sie jedoch die emotionale Bindung. Gerade noch gelang es ihr, mit Mr. Rumpel ein date am Wochenende au\u00dferhalb der Mensa zu vereinbaren, was immerhin bedeutete, da\u00df sie ihre Babysitterin engagieren mu\u00dfte \u2013 ein H\u00f6chstma\u00df per\u00f6nlicher Wertsch\u00e4tzung, geradezu eine Investition. Mr. Rumpel mu\u00dfte sich also f\u00fcr sie amortisieren. Tats\u00e4chlich \u00fcbernahm er fortan die statistische Auwertung ihrer qualitativen teilnehmenden Beobachtungen von \u201eGenderperspektiven\u201c, so da\u00df sie ihre Artikel und Vortr\u00e4ge mittels empirischer Daten gegen Kritik und Verleumdung immunisieren konnte.<\/p>\n<p>Gern h\u00e4tte sie Mr. Rumpel eines Tages wie seine Vorg\u00e4nger als hei\u00dfe Kartoffel fallen lassen \u2013 doch: sie war in Abh\u00e4ngigkeit geraten. Wenn es sich nur um die Statistik gehandelt h\u00e4tte, so h\u00e4tte sie wohl einen Ausweg gefunden. Ab und zu gab es eine studentische Hilfskraft mit leidlicher mathematischer Begabung. Nein, die H\u00f6flichkeit und Bescheidenheit ihres Freundes erschwerten ihr die f\u00e4llige Trennung. Er lebte weiter als Junggeselle in seiner Wohnung, besuchte einmal im Quartal seine alternden Eltern in London, war ansonsten aber immer zu Stelle, wenn sie ihn rief. Sie fand seine blonde M\u00e4hne richtig \u201es\u00fc\u00df\u201c und konnte es sich nicht ausmalen, wie es w\u00e4re, wenn sie sich irgendwann nicht mehr wie ein Spinngewebe auf ihrem Sofakissen ausbreitete. Armes Frl. Pikante.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck wu\u00dfte niemand von ihrer Beziehung, sie achtete streng darauf, sich in der \u00d6ffentlichkeit mit Mr. Rumpel nicht blicken zu lassen. In der Mensa hatte er stets einen Platz auf der gegen\u00fcberliegenden Seite einzunehmen, damit niemand auch nur den leisesten Verdacht an ihrer Autarkie sch\u00f6pfen konnte. Klara Klarsack hatte sie erfolgreich abgewimmelt, nun \u00fcberraschte sie den Lehrk\u00f6rper mit der Empfehlung, Mr. Rumpel auf den Listenplatz Nummer eins zu setzen. Er sei ein ausgewiesener Gender-Forscher, habe einschl\u00e4gige Publikationen vorzuweisen und auch die Frage nach der Stammw\u00fcrze sei von ihm souver\u00e4n, ja geradezu revolution\u00e4r beantwortet worden.<\/p>\n<p>Mr. Rumpel hatte nach der Niederlage von Frau Klarsack gen\u00fcgend Zeit, eine originelle Erkl\u00e4rung dieses Ph\u00e4nomens auf den Etiketten der Bierindustrie zu finden, zu dem man ihn mit Sicherheit bei seinem Probevortrag befragen w\u00fcrde. Die Stammw\u00fcrze, dozierte er in seinem lieblichen englischen Akzent, stehe in einem signifikanten Zusammenhang zur Oktanzahl. Er habe durch seine Forschungen unwiderlegbar nachweisen k\u00f6nnen, da\u00df M\u00e4nner, die eine h\u00f6here Stammw\u00fcrze beim Biergenu\u00df bevorzugten, auch Benzin mit h\u00f6herer Oktanzahl tankten. Wer Original Pilsner mit 12\u00b0 trinkt, k\u00f6nne seinem Auto doch auch nur Super mit 100 Oktan zumuten. Was in gewisser Weise einen Widerspruch darstelle, wenn Trinken und Fahren unmittelbar aufeinander folgten, dann w\u00e4re eine niedrigere Oktanzahl eigentlich sicherer. Dies aber k\u00f6nne als Hinweis interpretiert werden, da\u00df es betreffenden M\u00e4nnern nicht in erster Linie auf Sicherheit ankomme, sondern auf Kr\u00e4ftemessen. Ein offenes Forschungsfeld sei der Zusammenhang zwischen Stammw\u00fcrze und Oktanzahl bei Tankerinnen. Vermutlich lasse er sich bei ihnen nicht beobachten.<\/p>\n<p>Frl. Pikante klopfte lange und laut Beifall, auch die \u00fcbrigen Mitglieder der Berufungskommission schlossen sich ihrem Votum an. Mr. Rumpel hatte sich zudem nicht in m\u00fc\u00dfige Sophismen zum Alkoholgehalt verstrickt. Er besa\u00df die f\u00fcr den Eintritt in den Lehrk\u00f6rper erforderliche Klarheit \u2013 konsequenterweise konnte er sich als berufen betrachten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00e4ulein Pikante hatte eine herzallerliebste Tochter. 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