{"id":17343,"date":"2026-01-19T18:41:09","date_gmt":"2026-01-19T17:41:09","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17343"},"modified":"2026-01-19T19:57:27","modified_gmt":"2026-01-19T18:57:27","slug":"zinseszins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17343","title":{"rendered":"Zinseszins"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>\u201eDer Zinseszins ist das achte Weltwunder. Wer ihn versteht, verdient daran, alle anderen bezahlen ihn!\u201c (Albert Einstein oder sein Schatten)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Einst von Benjamin, Foucault und Luhmann gepr\u00e4gte Sinnsucher, nach erfolgter Familiengr\u00fcndung im reifen Professorenalter konservativ gewendete Denker wie Norbert Bolz unterscheiden nicht zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft. Ich unterstelle, f\u00fcr sie ist beides dasselbe. \u201eIch glaube an den Kapitalismus\u201c, bekannte Bolz in einem Interview am Sonntag. Vielleicht meinte er ja die Marktwirtschaft. Marktwirtschaft und Kapitalismus \u2013 \u00f6konomisch kann es kaum einen gr\u00f6\u00dferen Gegensatz geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitalismus ist der Verhinderer von Marktwirtschaft, Marktwirtschaft bringt \u2013 wenn keine Vorkehrungen getroffen werden \u2013 Kapitalismus hervor. Insofern bilden sie einen kontinuierlichen \u00dcbergang und einen Antagonismus zugleich. Marktwirtschaft: das ist das Spielfeld der Talente, mit pragmatischer Intelligenz (Bauernschl\u00e4ue, Unternehmergeist) die Bed\u00fcrfnisse der Menschen aufzusp\u00fcren und zu stillen. Solange auf dem Markt Konkurrenz stattfindet, lebt der Markt, bringt Innovation hervor, befruchtet. Mit der Dominanz des Kapitals verliert der Markt sein kreatives Potential: Geld wird eingesetzt, um die Wirkkraft von Ideen auszubremsen, um Pfr\u00fcnde und Anteile zu sichern, Neues zu unterdr\u00fccken, Mitbewerber zu verdr\u00e4ngen, noch bevor sie auf dem Spielfeld angekommen sind. Der Markt ist unfrei geworden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"129\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel.png?resize=700%2C129&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-17348\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?resize=700%2C129&amp;ssl=1 700w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?resize=300%2C55&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?resize=768%2C141&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?resize=1536%2C283&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?resize=2048%2C377&amp;ssl=1 2048w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?resize=800%2C147&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?resize=1320%2C243&amp;ssl=1 1320w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?w=1400&amp;ssl=1 1400w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/zinseszinsformel-scaled.png?w=2100&amp;ssl=1 2100w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Unter kapitalistischen Bedingungen hat der Erfinder nur eine Chance, sich auf dem unfreien Markt zu behaupten: Er mu\u00df der Dynamik des Zinseszins zuvorkommen. Was hat es damit auf sich? Bis zur sogenannten Renaissance war der Zinseszins ge\u00e4chtet, wurde er nicht realisiert. Dar\u00fcber wachten die Religionen. Im Islam gilt er bis heute als unzul\u00e4ssig. Eine Bank, die Halal ist, erhebt keinen Zinseszins. Denn der Zinseszins ist die Anwendung einer Potenzfunktion auf sich selbst, eine Rekursion. Bei kleinen Schuldbetr\u00e4gen mag der Effekt anfangs zu vernachl\u00e4ssigen sein. Der Zinseszins bewirkt mit mathematischer Konsequenz das exponentielle Wachstum der Schulden. Exponentiell bedeutet: in der Anfangszeit wachsen die Zinsen scheinbar linear mit der verschuldeten Zeit, doch dann kommt der Punkt, an dem die Kurve steil ins Unendliche ansteigt. Von diesem Zeitpunkt an, k\u00f6nnen auch kleinste Schuldbetr\u00e4ge zu einer massiven Schuld\u00adver\u00adsklavung f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir an, ein findiger Kopf aus mittellosem Haus, entdeckt die physikalische M\u00f6glichkeit, mit Hilfe eines d\u00fcnnen Drahtes elektrischen Strom in Licht zu verwandeln. Damit sich die Erfindung der Gl\u00fchbirne die Haushaltskerze verdr\u00e4ngt, mu\u00df der mittellose Erfinder bei der Vermarktung seiner Erfindung vor allem eins sein: schnell. Nimmt er einen Kredit auf, um Glasbl\u00e4ser und Drahtzieher zu besch\u00e4ftigen, um eine Produktionslinie aufzubauen, stellt er Werbetrommler an, um die neuartig gl\u00fchenden Glaskolben unters Volk zu bringen und k\u00fcmmert er sich zudem noch um das Verlegen von Oberleitungen, damit die Haushalte mit Strom versorgt sind \u2013 so mu\u00df er mit all diesen technischen und industriellen Aufwendungen in der Gewinnzone sein, bevor der Zinseszins zuschl\u00e4gt und dazu f\u00fchrt, da\u00df all der per Innovation erwirtschaftete Profit in das Eigentum des Kreditgebers \u00fcbergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Edison hat diesen Wettlauf, wie wir wissen, gewonnen, er hatte neben dem Erfindergeist das erforderliche wirtschaftliche Gesp\u00fcr. Doch die Regel ist das nicht. In der Regel finanzieren die Reichen die Innovation und speisen den Erfinder mit einem Festgehalt oder einer Einmalzahlung ab. Ob die Erfindung tats\u00e4chlich verwertet oder unterdr\u00fcckt und zur\u00fcckgehalten wird, um das bestehende Marktgef\u00fcge nicht zu st\u00f6ren, sei dahingestellt. An dieser Stelle erkennen wir den konservativen, Innovation unterbindenden Charakter des Kapitalismus, wenn er den Markt dominiert und den Wettbewerb fesselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht hier nicht psychologisch um Mitleid mit dem armen Erfinder. Es geht um die strukturellen und gesellschaftlichen Folgen, die der Einflu\u00df des Kapitals auf den Markt aus\u00fcbt:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Beschleunigung:<\/em> Solange Konkurrenz Raum hat, f\u00fchrt der Zinseszins zur Beschleunigung aller technisch innovativen und wirtschaftlichen Prozesse.&nbsp; Nicht die sachlich angemessenste Erfindung setzt sich durch auf dem Markt, sondern jene, die sich am schnellsten amortisiert. Als Beispiel solch qualitativ minderwertiger Schnelldreher seien hier nur IBM und Microsoft genannt.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"2\" class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Unterdr\u00fcckung und Unfreiheit:<\/em> Verliert die Innovation den Wettlauf gegen die Zinseszins-Regel der Kreditgeber, wird das Kapital gef\u00fcttert und sonst nichts. Sobald das Kapital den Markt dominiert, indem es Innovationen plant, regelt und vorfinanziert, um angestammte Reviere und bereits erworbene Anteile zu sch\u00fctzen, beginnt das Kapital, sich mafiotisch zu organisieren und spontane Innovation zu unterdr\u00fccken, z.B. indem es sie aufkauft, ohne sie zu verwerten.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"3\" class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Heiligung des Eigentums und der Erbschaft:<\/em> Damit Kapital akkumuliert werden kann, mu\u00df es \u00fcber Generationen, Zeitenbr\u00fcche, Kriege und Revolutionen erhalten bleiben \u2013 das Recht auf Eigentum z\u00e4hlt als \u201eGrundrecht\u201c, doch nur wenn es sich um Eigentum der Besitzenden handelt. Pers\u00f6nliches Eigentum der (nahezu) Besitzlosen kann nach Belieben enteignet, entwertet und \u00fcberschrieben werden. Bemerkenswert ist an dieser Stelle die allgemein verkannte revolution\u00e4re Rolle der katholischen Kirche: Indem sie im 11. Jahrhundert das allgemeine Z\u00f6libat einsetzte, erh\u00f6hte sie damit praktisch die Erbschaftssteuer auf 100%. S\u00e4mtliches pers\u00f6nlich gehortetes Eigentum der Priester und seiner unehelichen Kinder fiel mit seinem Ableben wieder der Kirche in den Scho\u00df. Von einer derartigen Radikalit\u00e4t in Eigentumsfragen konnten die Kommunisten nur tr\u00e4umen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"4\" class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Staatsmonopolistischer Kapitalismus:<\/em> Wenn die kleinen Fische immer kleiner werden, verliert der Hai die Lust an der Jagd. Wenn sich die \u00dcbernahme einzelner Konkurrenten f\u00fcr die un\u00adwiderruflich Besitzenden nicht mehr lohnt, erobert das Kapital den Staat, um mit dem Schleppnetz auch noch den kleinsten Fisch vom Meeresgrund einzufangen \u2013 auf die Gefahr hin, da\u00df die Meere aussterben. Der Staat h\u00f6rt auf, Diener des Volkes zu sein, und wird zum Schlepp\u00adnetz der Trawler und Megalomanen. Niemand darf ihm entkommen. Die b\u00fcrger\u00adlichen Freiheiten und die Freiheit des Marktes sind pass\u00e9.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>An diesem Punkt befinden wir uns. Wieder. Und daher ist die Rede vom \u201eGro\u00dfen Zur\u00fccksetzen\u201c gerechtfertigt. Mehr als das. Es ist der einzige Ausweg aus der st\u00e4ndigen Pendelbewegung zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus. Aber nicht im perversen Sinne des Transhumanismus \u00e0 la Klaus Schwab und Weltwirtschaftsforum. Great Reset kann nur bedeuten, die grundlegende Regel zu \u00e4ndern, nach der die freie Marktwirtschaft zur Dominanz des Kapitals \u00fcbergeht: die Abschaffung des Zinseszins. Weltweit. Per Dekret. Auf einen Schlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese friedliche Bez\u00e4hmung und Begrenzung des Kapitals gibt der Marktwirtschaft die Chance, auf Dauer frei und innovativ zu bleiben. Gibt der Demokratie die Chance, auf Dauer ohne Despoten und diktatorische All\u00fcren zu bleiben. Gibt der Menschlichkeit die Chance, menschlich zu bleiben und sich in armseliger Mu\u00dfe dem Unn\u00fctzsein zu widmen. Gibt der Natur die Chance, sich von der Ausbeutung durch den Menschen zu erholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee zur Abschaffung des Zinseszins&#8216; ist nicht neu. Bereits Rudolf Steiner schlug vor, ein Verfallsdatum auf Geldscheine aufzustempeln. Ist es \u00fcberschritten, verliert der Schein seinen zugeschriebenen Wert. Was ist die Folge? Es lohnt sich nicht mehr, Geld zu horten. Wer viel hat, sollte es schnell in Umlauf bringen \u2013 sonst k\u00f6nnte es morgen schon wertlos sein. Geld dient als Tauschmittel, nicht als Endzweck. Als Silvio Gesell Finanzkommissar der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik wurde, schickte er sich an, Steiners Ideen in die Bankgesetze zu \u00fcbernehmen, damit die Geld\u00adscheine nicht auf erm\u00fcdende Weise abgestempelt werden m\u00fcsse. Es war die Idee des Negativzins. Wer sein Geld hortet, zahlt daf\u00fcr eine Aufbewahrungsgeb\u00fchr. Als Gesell in einem Brief an Lenin diese bahnbrechende Idee mit\u00adteilte, hatte Lenin nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln f\u00fcr sie \u00fcbrig. Den Rest erledigten die bewaffneten Freikorps.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir den Zinseszins \u00e4chten und abschaffen \u2013 was sind die Folgen?<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Das Wirtschaften wird langsamer. Nicht alle Produkte, die wir glauben, jetzt zu ben\u00f6tigen, sind sofort zuhanden. Wir m\u00fcssen lernen zu warten, uns zu gedulden, die Zeit zu genie\u00dfen.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Komfort wird schwinden, wir m\u00fcssen wieder improvisieren. Langlebige Produkte lohnen sich wieder, Produkte mit eingebauter Halbwertzeit werden vom Markt ver\u00adschwin\u00adden.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Dominanz des Kapitals beginnt zu br\u00f6ckeln, ohne da\u00df es formeller Enteignungen bedarf.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Wirtschaft orientiert sich zunehmend an den Bed\u00fcrfnissen der Menschen, statt die Be\u00add\u00fcrf\u00adnisse der Menschen k\u00fcnstlich zu erzeugen, damit sie den Interessen der Wirtschaft ge\u00adn\u00fc\u00adgen.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Staat l\u00e4uft weniger in Gefahr, von Kapitalbesitzern gekapert oder gekauft zu werden.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Die entschleunigte, zinseszinslose Gesellschaft ist alles andere als perfekt. Nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben ist sie nicht einmal bequem. Sie bietet Raum f\u00fcr Individualit\u00e4t und spielerischen Erfindergeist, vor allem aber Stabilit\u00e4t, indem sie einzelne Akteure nicht mit der finanziellen Machtpotenz ausstattet, die Gesamtheit der Gesellschaft von einer Krise in die n\u00e4chste zu st\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Zinseszins ist das achte Weltwunder. Wer ihn versteht, verdient daran, alle anderen bezahlen ihn!\u201c (Albert Einstein oder sein Schatten) Einst von Benjamin, Foucault und Luhmann gepr\u00e4gte Sinnsucher, nach erfolgter Familiengr\u00fcndung im reifen Professorenalter konservativ gewendete Denker wie Norbert Bolz unterscheiden nicht zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft. 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