{"id":17232,"date":"2025-10-22T13:18:55","date_gmt":"2025-10-22T12:18:55","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17232"},"modified":"2025-10-22T13:18:55","modified_gmt":"2025-10-22T12:18:55","slug":"archipel-der-anarchie-vi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17232","title":{"rendered":"Archipel der Anarchie VI"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Maschine<\/strong><br \/>Oder,<br \/><em>\u00dcber die Gefahren der Tyrannei \u2013 Wenn Vampire einen Staatsstreich ver\u00fcbten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br \/><strong>Aufzeichnungen aus den Tageb\u00fcchern des Wanderers<\/strong><br \/>Die Massen str\u00f6men in die gro\u00dfe Kathedrale, f\u00fcllen aus, das m\u00e4chtige Bauwerk, ein Bollwerk gegen unsichtbare Feinde, vor langer Zeit unterworfen. Jeder Atemzug hallte von den toten Steinen wider, schwang beschwert von Seufzen und \u00c4chzen, t\u00fcrmte sich auf, schlug B\u00f6gen, \u00fcbertrumpfte sich gegenseitig<br \/>in einer Kakophonie menschlichen Leidens bis in die h\u00f6chsten T\u00fcrme, die die<br \/>ganze Stadt \u00fcberragten. Eine verkommene Stadt, ein Moloch der sich selbst<br \/>gebiert und im selben Augenblicke verschlingt. Ein Schatten lag auf der Scher<br \/>benstadt, einer gottverlassenen Gosse, die heiliger nicht sein k\u00f6nnte. Ein<br \/>Elend zwang uns Menschen in die Sklaverei, sind wir doch nur Vieh f\u00fcr unsere<br \/>Herren. Ich blickte auf, vernahm die Dissonanz des Chors auf den oberen Reihen, machte mir keinen Hehl daraus. Eine von Not und Elend gebeutelte Gesellschaft, und das war dieser Ort, diese Kirche des Schmutzes, stellvertretend<br \/>f\u00fcr jeden Kiesel, jedes Pflaster und jedes Dach, wenn man denn eines \u00fcber<br \/>dem Kopf hatte, nur ein blut- und staubbedeckter Palast gr\u00f6\u00dfenwahnsinniger<br \/>Opulenz im Nebel, der die Stadt heimsuchte, w\u00fcrde nicht das schwache Licht<br \/>einer sterbenden Sonne daf\u00fcr sorgen, zumindest einmal w\u00f6chentlich, Schutz<br \/>vor der Grausamkeit der Regierung zu gew\u00e4hren, die derzeit mit wohl Wichtigerem vertraut war, nutzten sie doch die n\u00f6tige freie Zeit f\u00fcr ihre blutigen<br \/>Fehden, um die Oberhand in den Parlamenten zu gewinnen. Ich lief weiter in<br \/>Richtung der unz\u00e4hligen aus feinem Marmor und Obsidian geschliffenen<br \/>Bankreihen. Ein merkw\u00fcrdiges Zusammenspiel der sich im fahlen Licht immerw\u00e4hrend bek\u00e4mpfenden Elemente. \u00dcber mir ein Fresko, das die Geschichte der Scherbenstadt abbildete. Es wirkte plastisch. Beim genaueren<br \/>Betrachten konnte man einige Verfehlungen des K\u00fcnstlers erkennen. Manche<br \/>Proportionen schienen gar mit Absicht obsz\u00f6ne Ausma\u00dfe anzunehmen. War<br \/>ich wahnsinnig? Der Wahnsinn ist ein st\u00e4ndiger Begleiter und Weggef\u00e4hrte in<br \/>dieser Welt, in der Sto\u00dfgebete nur von denen geh\u00f6rt werden, die sie in die Welt<br \/>gesetzt hatten. Mit messerscharfen Z\u00e4hnen warteten sie auf ihre Beute in der<br \/>Dunkelheit. Einem Katz-und-Maus-Spiel geradezu entgegenflehend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br \/>I.<br \/>Die Menge erhob sich und verschwamm mit den unz\u00e4hligen Heiligen und Ornamenten, die das Licht durch die zahllosen Glasfenster, ein jedes an jeder<br \/>Seite der oktogonalen T\u00fcrme, sieben an der Zahl, ein jeder entw\u00e4chst wie fluoreszierende Sporen aus dem Kadaver eines toten Tieres.<br \/>Das Farbspiel und der Missklang erheben das Mittelschiff, an dessen Rand<br \/>ich mich befand, in H\u00f6hen, dessen Tiefe sich niemandem erschlossen hatte.<br \/>Die Gemeinde setzte einen Kanon an. Ein vielstimmiges anhaltendes Brummen, das im viel-farbigen Panoptikum tanzte.<br \/>Das Surren erzeugte ein mir wohlbekanntes Vibrieren. Die Stimmen erzeugten<br \/>Raum und f\u00fcllten ihn mit Leben. Jeder einzelne Verstand, jeder wache Geist<br \/>ent\u00e4u\u00dferte sich, dr\u00e4ngte in den Raum, der entstand, zw\u00e4ngte sich mit letzter<br \/>Kraft hinein. Der Priester trat hervor und war nunmehr Dirigent, der ein Orchester zu befehligen versuchte, schwank er den Weihrauch wie einen feinen<br \/>Stab um die richtige Reihenfolge zu bestimmen, gestikulierte rigide, wies jedem seinen Platz und die nat\u00fcrliche Ordnung zu. Der Raum war voll, die Gemeinde bereit.<br \/>Das Get\u00f6se der gewaltigen Orgelpfeifen, die scheinbar \u00fcberall installiert wurden, zerriss den Vorhang, der sich zwischen Gemeinde, Raum und Priester<br \/>befand. Tiefe T\u00f6ne, die jeden in die Tiefe zwangen, verneigten sich vor der<br \/>Herrlichkeit der vor kurzem aufgetretenen geistlichen W\u00fcrden. Geh\u00fcllt in alabasterwei\u00dfe Laken (ich dachte an den ersten Schnee, als alles noch friedlich<br \/>war, zumindest in meiner Erinnerung, die schnell der vom Stra\u00dfenschmutz<br \/>und Unrat und der Tristesse eines ewigen Herbstes wich.) beh\u00e4ngt mit Gold,<br \/>welches ihn immer wieder spiegelte, ihn zu loben (oder zu verurteilen?).<br \/>Sein Blick, der eines strengen Schullehrers, der gerade zur Pr\u00fcgelstrafe an<br \/>setzte, aber dennoch etwas v\u00e4terlich Sanftes innehatte, vernahm alles in sei<br \/>ner Gegenwart. Hier war man den allsehenden Augen des dunklen Pontifex<br \/>bewusst. Ewige Lebensspenderin und Herrin der roten Hallen der Scherbenstadt, unsere G\u00f6ttin.<br \/>Niemand bekam sie je zu Gesicht. Nur die<br \/>Aufgestiegenen und jene, die ihr dienten. Die F\u00fcrsten dieser Welt, mit gottgleichen M\u00e4chten ausgestattet.<br \/>Wer vermag eine nat\u00fcrliche Ordnung anzuzweifeln, die unnat\u00fcrlicher nicht<br \/>sein kann?<br \/>Meiner Tagtr\u00e4umerei wurde ein schnelles Ende gesetzt, als sich die Gemeinde<br \/>ein zweites Mal erhob, sich anschickte einer Unterwerfung beizuwohnen, die<br \/>man euphemistisch simpel die \u201eS\u00e4uberung\u201c nannte. W\u00e4ren T\u00f6ne von dieser<br \/>Welt, sie w\u00e4ren fl\u00fcssig, mitrei\u00dfend, br\u00e4chen sie in rostiger Schlacke wie ein<br \/>Sturzbach \u00fcber einen herein.<br \/>Sturzbach.<br \/>Es f\u00fchrte ein gro\u00dfer Fluss aus der Stadt heraus, bekannt f\u00fcr seinen Gestank,<br \/>beseitigte er doch schnell die Probleme \u00fcbervoller H\u00e4user, aber auch glanzvoller Pal\u00e4ste, wenn er scharfkantige Klippen hinabst\u00fcrzte, dabei die M\u00fchlen der<br \/>Werke antrieb, wo sich T\u00e4ter in Unschuld wuschen, im stickigen Schlamm<br \/>ihrer Mordlust suhlten, mit dem Blut mancher ihre Leben freikauften. Morden<br \/>ist nicht einfach ein Akt der Rache oder Verzweiflung. Mord ist ein perverses<br \/>Melodram irdischer und himmlischer Gef\u00fchle, berauschend. Todesrausch.<br \/>Der dunkle Pontifex hat seine Freude daran. Welche Stadt kann schon von<br \/>sich behaupten ihre Lichter leuchten durch den Tod. Grabeslichter. Mord ist<br \/>ein Gesch\u00e4ft, eine Ware, gar Kunst. Welche Stadt kann schon von sich behaupten jeder Einwohner sei ein K\u00fcnstler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die MaschineOder,\u00dcber die Gefahren der Tyrannei \u2013 Wenn Vampire einen Staatsstreich ver\u00fcbten Aufzeichnungen aus den Tageb\u00fcchern des WanderersDie Massen str\u00f6men in die gro\u00dfe Kathedrale, f\u00fcllen aus, das m\u00e4chtige Bauwerk, ein Bollwerk gegen unsichtbare Feinde, vor langer Zeit unterworfen. 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