{"id":17174,"date":"2025-08-16T09:20:51","date_gmt":"2025-08-16T08:20:51","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17174"},"modified":"2025-08-16T09:28:32","modified_gmt":"2025-08-16T08:28:32","slug":"archipel-der-anarchie-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17174","title":{"rendered":"Archipel der Anarchie II"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Wort &#8211; Was wenn etwas fehlt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAls der Mensch begann sich selbst zu viel zu werden und anfing sich seiner Gattung schmerzlich zu entledigen, blieb nichts \u00fcbrig auf den nun ruhigen Wassern des einen Ozeans, au\u00dfer einem kleinen Archipel; dem Archipel der Anarchie, wo die ersten und letzten ihrer Art beheimatet sind, die Anarchen. Freie Wesen, unter ihnen die Menschen, die in friedvoller Koexistenz miteinander her leben.\u201c, sagte B. und stieg in das kleine mit Brettern aus Hyazinthenholz behauene Boot auf dem Weg nach Nirgendwo ans Ende des Kosmos, mit nicht mehr behangen als dem ausgeleierten mit wei\u00dfen Farbtupfern \u00fcbers\u00e4ten, neonschwarzen Pullunder, um dort Wohnung zu nehmen, beauftragt den passierenden Pilgern von der neuen Welt, dem neuen Menschengeschlecht, eingefangen in den Grenzen seiner kunstvoll ausgeschm\u00fcckten, akazienbraunfarbigen Bilderrahmen der eigenen Vernunft, zu berichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIm Anfang war das Wort und nur das Wort, das ganz fassungslos, gesponnen am Rad der Zeitenwende, vom Himmel auf die Erde fiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Anfang war das Wort, der Sinn, der Verstand; und alles war eins.\u201c, sagte B. und setzte sich, den Blick auf den sich formierenden kupfernen, mit Staub geschm\u00fcckten Sternenwirbel gerichtet, als er den Acheron passierte, um sich mit Omphalos zu verm\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Revolte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 1<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Anarchen den Krieg in freier \u00dcbereinkunft mit allen Parteien gewannen und die Herrschaft der Dinge, die letzte aller Herrschaften, beendet worden war, befreite sich zuallererst die Sprache. Da erkannten sich die Menschen und es viel ihnen wie Schuppen von den Augen. T\u00f6richt waren sie gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 2<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab nur noch das Ich und das Du, denn ein jeder begegnete dem anderen in gegenseitiger Liebe. Wei\u00dfe Menschen, schwarze Menschen, Menschen mit oder ohne Armen, Blinde und Taube. Juden, Muslime, Christen und Heiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 3<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab weder das Es, denn mit dem Dahinscheiden des Es war die Herrschaft der Dinge beendet, geschweige denn ein Wir oder Ihr, nur den einen und den anderen, damit sich keine Rotte mehr \u00fcber jemanden erheben brauchte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 4<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Keiner brauchte mehr die Dinge zu f\u00fcrchten, denn der Mensch gab ihnen eine Seele. Oh, welch wundersame Wechselwirkung stellte sich ein, als der Mensch anfing mit den Dingen zu sprechen und auf ihre Antworten wartete. Und sie freuten sich \u00fcber die Dinge, als sie anfingen Fragen zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 5<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Stuhl war kein Stuhl mehr, ein Tisch kein Tisch und ein Stift kein Stift. Es gab ja nur noch das Ich und das Du. Namen waren \u00fcberfl\u00fcssig, als der Mensch begann sich in die Endloskette seiner und der himmlischen Sch\u00f6pfung einzureihen, um im ewigen Du aufzugehen, das alles mit allem verband, die treibende Kraft, die Br\u00fccke zur Welt der Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 6<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was waren die ersten Worte der neuen Welt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu?\u201c,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">fragte der erste Mensch und da erkannte der andere sich<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">und fortan lebte alles in Eintracht, im Gleichklang des Schweigens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 7<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn das Schweigen ist die Sprache der Sch\u00f6pfung. Als der Mensch inne hielt und anfing zu Schweigen, da war er in der Lage zuzuh\u00f6ren. Als der Mensch anfing zuzuh\u00f6ren, da floh der Hass aus seiner Sprache mitsamt den anderen Schrecken, die er einst \u00fcber die Sch\u00f6pfung brachte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 8<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anarchen kennen keine W\u00f6rter, die das infernalische Feuer heraufbeschw\u00f6ren. Sie kennen nur die W\u00f6rter der Liebe und Hingabe zueinander, mit der sie allen Dingen Leben einhauchen. Da sie keine W\u00f6rter des Hasses gebrauchen sind sie nicht auf die Dinge des Hasses angewiesen und so schaffen und erdenken sich nur Dinge der Liebe innerhalb ihres Tagwerks. Insgesamt nutzen die Anarchen nur sehr wenige Worte, da sie das Schweigen sch\u00e4tzen gelernt haben. Sie sprechen kurze S\u00e4tze voll an Ausdruck und Klang in einem alle Ebenen der Emotion ansprechenden Rhythmus, gespeist aus dem Gleichklang des Einen dessen Frequenz in ihrer Kehle vibriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 9<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anarchen beherrschen jede Geste, denn f\u00fcr sie sind Gesten Kunst, Spiel und Ausdruck zugleich. Sie lieben die flie\u00dfende Bewegung, als wehte ein zarter Hauch \u00fcber goldgelbe Gerstenfelder im Lichte der Sp\u00e4tsommersonne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 10<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anarchen lachen, und sie lachen ein echtes Lachen, weinen echte Tr\u00e4nen und versp\u00fcren echte Freuden, da die Maske, die ihnen das Ding \u00fcberst\u00fclpte, heruntergerissen ward.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 11<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kinder der Anarchen lernen die Sprache durch Nachahmung, bringt doch jede ihrer Generationen eine eigene hervor. Sprechen ist ein performativer Akt der Selbstaufgabe und -offenbarung, bei der alle Sinne angesprochen und genutzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 12<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anarchen kennen vier Sprachen mit denen sie einander begegnen: Die Sprache der Natur, die Sprache der Dinge, die Sprache des Klangs und die Sprache des Tanzes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 13<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sprache der Natur verleiht allem Lebendigen eine Seele und damit W\u00fcrde. Dem tut es die Sprache der Dinge gleich, denn jedes Ding ist gleich viel wert wie das Leben seines Sch\u00f6pfers, ist Teil, was bedeutet, dass es geteilt werden will. So kommt dem Ding kein Unleben zuteil, damit es den Menschen nicht erneut unterwerfe;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, durch das ihm verliehene Eigenleben reiht sich das Ding in die lebendige Sch\u00f6pfung ein, gereicht ihr zum Segen. Es, das Ding, wird vom Es zum Du.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a7 14<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sprache des Klangs formt die Worte der Liebe, mit der eine solch s\u00fc\u00dfe Poesie den Alltag bereichernd geformt wird, die beim ersten H\u00f6ren einen jeden ergriffen die Tr\u00e4nen in die Augen treiben l\u00e4sst, \u00fcberw\u00e4ltigt von der bedingungslosen Hingabe. Man stelle es sich wie ein Ringen nach Luft vor, stiege man aus giftigen D\u00e4mpfen empor und lie\u00dfe ein, den reinigenden Sauerstoff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berauscht von der Sch\u00f6nheit der Worte kommt der Mensch in Bewegung, tanzt im Gleichschritt dieser Melodien seinem Gegen\u00fcber entgegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort &#8211; Was wenn etwas fehlt? \u201eAls der Mensch begann sich selbst zu viel zu werden und anfing sich seiner Gattung schmerzlich zu entledigen, blieb nichts \u00fcbrig auf den nun ruhigen Wassern des einen Ozeans, au\u00dfer einem kleinen Archipel; dem Archipel der Anarchie, wo die ersten und letzten ihrer Art beheimatet sind, die Anarchen&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":1319,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[59],"tags":[],"class_list":["post-17174","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-panphobie"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":17185,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17185","url_meta":{"origin":17174,"position":0},"title":"Archipel der Anarchie III","author":"K4rlml0n","date":"25. 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