{"id":1715,"date":"2012-08-07T17:55:32","date_gmt":"2012-08-07T16:55:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1715"},"modified":"2012-08-07T17:55:32","modified_gmt":"2012-08-07T16:55:32","slug":"berlin-lichtenrade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1715","title":{"rendered":"Berlin-Lichtenrade"},"content":{"rendered":"<p>Kleinb\u00fcrgerliche Wohngegend, warnt der Berlinreisef\u00fchrer, den eine verm\u00f6gende Verwandte letzten Monat bei mir liegen lie\u00df.<\/p>\n<p>Ich war froh, als die \u00e4ltliche Tante nach Ostern wieder verschwunden war, ihren Reisef\u00fchrer h\u00e4tte sie gern mitnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlegte noch, ihn ihr hinterher zu schicken, sie ist so sparsam. Als sie ihre Ausflugspl\u00e4ne f\u00fcr Ostern meiner Mutter mitteilte, hatte die ihr sicher verraten, wie es um mich bestellt war, au\u00dferdem gebeten, die Tante m\u00f6ge aus diesem Grund lieber in ein Hotel gehen, wozu die aber zu geizig war.<\/p>\n<p>So wohnte sie zwei Tage in meinem Arbeitszimmer, schlief dort trotz ihres beachtlichen Alters von fast 70 Jahren im Schlafsack auf dem Holzfu\u00dfboden, denn eine Isomatte besitze ich nicht, und ihr mein Bett zu \u00fcberlassen fiel mir nicht ein, da sie beteuerte, die Schlafgelegenheit w\u00e4re f\u00fcr sie perfekt.<\/p>\n<p>Normalerweise h\u00e4tte sie sich sp\u00e4ter bei s\u00e4mtlichen Familienmitgliedern \u00fcber mich und meine Auffassung von \u00a0Gastfreundschaft beschwert, aber davon sah sie dieses Mal h\u00f6chstwahrscheinlich ab, denn ich war das gesamte Osterwochenende f\u00fcr sie das arme Kind.<\/p>\n<p>Trotzdem, wenn die Tante zwischen ihren vom Reisef\u00fchrer empfohlenen Besichtigungen kurz aufkreuzte, klopfte und sch\u00fcttelte sie den Schlafsack aus, als wollte sie mir damit etwas sagen.<\/p>\n<p>Zum Schluss bot sie mir noch zwanzig Euro f\u00fcr die zwei \u00dcbernachtungen an.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte das Geld nehmen sollen, dachte ich sp\u00e4ter. Wahrscheinlich w\u00e4re sie dann n\u00e4chstes Mal gleich in eine Jugendherberge gegangen. Mir kam \u00fcbrigens sofort der Verdacht, sie habe den Reisef\u00fchrer absichtlich bei mir liegen gelassen, als Bezahlung statt der zwanzig Euro.<\/p>\n<p>Abends bl\u00e4tterte ich das Ding durch. Dass man sich einen Ausflug ins kleinb\u00fcrgerliche Lichtenrade sparen k\u00f6nne, \u00e4tzte der Verfasser, ein gewisser Herr J\u00fcrgen L. unter anderem zum Thema sehenswerte Berliner Bezirke.<\/p>\n<p>Herrn L.s Vita nach zu urteilen, ist er selber ein Kleinb\u00fcrger. Er absolvierte nach der Fachhochschulreife eine Lehre als Fremdenverkehrskaufmann, dann heiratete er und zeugte zwei Kinder. Jetzt schreibt er \u00a0Reisef\u00fchrer. Ob in diese pers\u00f6nliche Erlebnisse mit einflie\u00dfen oder Herr L. sich sein Wissen im Internet zusammen klaut, verr\u00e4t er nicht.<\/p>\n<p>Sein Heimat- und Wohnort, eine hessische Kleinstadt, l\u00e4sst auch nicht unbedingt darauf schlie\u00dfen, dass er ein Boh\u00e9mien ist.<\/p>\n<p>Um es ganz deutlich zu sagen: J\u00fcrgen L. verr\u00e4t seinesgleichen. Schlimmer noch, er verr\u00e4t die, die zumindest authentisch sind, in ihren H\u00e4uschen in Lichtenrade leben, weil sie Ordnung und Ruhe lieben, wohingegen Herr L. zu den zerrissenen Zeitgenossen geh\u00f6rt, zu denen, die in einem Dauerkonflikt leben, weil f\u00fcr sie Ordnung und Ruhe ebenfalls gro\u00df geschrieben wird, sie es aber auch dahin zieht, wo es ihrer Auffassung nach spannend ist.<\/p>\n<p>Falls Herr L. eines Tages tats\u00e4chlich an einem solch aufregenden Traumort landen sollte, w\u00fcrde er sich aber vermutlich erst mal beim zust\u00e4ndigen Ordnungsamt \u00fcber zu viel L\u00e4rm beschweren.<\/p>\n<p>Trotzdem, es bleibt dabei, in Lichtenrade gibt es nichts zu sehen und nichts zu erleben! \u00a0Andere Stadtteile erregen Herr L. da schon eher. Kreuzberg und Neuk\u00f6lln beispielsweise. Weil da K\u00fcnstler leben.<\/p>\n<p>Au\u00dfer f\u00fcr den Stadtf\u00fchrer, Herrn L. und seine Leserschaft kann das allerdings nichts gutes bedeuten, f\u00fcr die K\u00fcnstler selbst schon gar nicht.<\/p>\n<p>Siedeln die sich in einem Bezirk an und wird das wenig sp\u00e4ter allgemein bekannt, str\u00f6men neugierige Menschen herbei, unter anderem auch die, die solche Stadtf\u00fchrer lesen. Menschen, die st\u00e4ndig auf der Jagd nach Unterhaltung sind und da sein wollen, wo das \u00b4echte\u00b4 Leben tobt.<\/p>\n<p>Im allerschlimmsten Fall wollen sie da auch bleiben.<\/p>\n<p>Ein bisschen Erspartes haben sie, nicht so viel, dass sie nach New York oder an die S\u00fcdsee ziehen k\u00f6nnen, aber f\u00fcr eine Wohnung im K\u00fcnstlerviertel von Berlin reicht das Geld, das sie sich mit Hilfe eines \u00f6den Jobs zusammen klaubten, schon.<\/p>\n<p>Wenn viele von denen oder \u00e4hnliche kommen, m\u00fcssen sich die K\u00fcnstler, die wenig Geld haben, einen anderen Stadtteil suchen und bald darauf geht das Spiel von vorne los.<\/p>\n<p>Drei Abende, nachdem die Tante weg war, stellte sich heraus, dass sie Herrn L.s Machwerk tats\u00e4chlich als Geschenk bei mir zur\u00fcckgelassen hatte.<\/p>\n<p>Sie rief an, tat, als habe sie mir ihren Goldschmuck vermacht und fragte, was ich von dem Reisef\u00fchrer hielte, falls ich ihn bereits gelesen h\u00e4tte. Herr J\u00fcrgen L. w\u00e4re doch ein ganz witziger, unkonventioneller, oder?<\/p>\n<p>Ich antwortete, dass Herrn L. ein Verr\u00e4ter sei.<\/p>\n<p>Die Tante schwieg daraufhin einen Moment, dann fl\u00fcsterte sie mit betont g\u00fctiger Stimme, ich solle mich ausruhen, ich h\u00e4tte es sicher momentan nicht leicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleinb\u00fcrgerliche Wohngegend, warnt der Berlinreisef\u00fchrer, den eine verm\u00f6gende Verwandte letzten Monat bei mir liegen lie\u00df. Ich war froh, als die \u00e4ltliche Tante nach Ostern wieder verschwunden war, ihren Reisef\u00fchrer h\u00e4tte sie gern mitnehmen k\u00f6nnen. Ich \u00fcberlegte noch, ihn ihr hinterher zu schicken, sie ist so sparsam. 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