{"id":17143,"date":"2025-07-26T15:16:49","date_gmt":"2025-07-26T14:16:49","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17143"},"modified":"2025-07-26T15:16:49","modified_gmt":"2025-07-26T14:16:49","slug":"zweites-semester","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=17143","title":{"rendered":"Zweites Semester"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Tag im Fr\u00fchsommer 1984. Der junge Mann, beinahe ein Junge noch, kein Zivildienstleistender mehr, eben am Beginn des 2. Semesters, sitzt im Garten der Eltern und der Gro\u00dfmutter und liest Peter Handke, \u201eWunschloses Ungl\u00fcck\u201c, f\u00fcr eine Vorlesung mit dem Titel \u201eWestdeutscher Roman nach 1945\u201c. Er versteht nicht, was er liest, der Tag ist sonnig, der Vater im Garten, in seiner N\u00e4he, tut oder sagt etwas, ohne Bezug zu dem Buch, die Gro\u00dfmutter nicht weit, nur die Mutter ist im Haus. Der Student im 2. Semester Germanistik freut sich \u00fcber die vielen neuen B\u00fccher, die er mit dem Geld der Eltern, des Vaters, gekauft hat, Koeppen, \u201eTauben im Gras\u201c, keine sehr sch\u00f6ne Ausgabe, die noch zwei weitere Romane enth\u00e4lt, Hildesheimer, \u201eTynset\u201c, ein hell orangefarbener Einband, der ihn neugierig macht, Andersch, \u201eSansibar oder der letzte Grund\u201c, ein Taschenbuch aus der Schweiz, mit schwarzem Umschlag, und Handke, \u201eDer kurze Brief zum langen Abschied\u201c und \u201eWunschloses Ungl\u00fcck\u201c. Einigerma\u00dfen verst\u00e4ndnislos wird er alle diese B\u00fccher lesen, noch sind sie nur Besitz, und das wird lange so bleiben, jetzt aber der Beginn eines Studiums, das Durcharbeiten einer umfangreichen Lekt\u00fcreliste. Verstehen, wenn \u00fcberhaupt, empfinden, nach- und mitempfinden wird er erst, nach und nach, und dann, Jahrzehnte sp\u00e4ter, wenn die Gro\u00dfmutter schon lange nicht mehr lebt und auch die Eltern an der Schwelle stehen, er selbst in seinen sp\u00e4ten F\u00fcnfzigern, und da wird ihm jener ferne Maitag, oder war es Juni, vor Augen sein, das Haus mit seinen Bewohnern, der Vater im Garten, die Gro\u00dfmutter auf der Terrasse und die Mutter, die er nicht in Zusammenhang bringen konnte mit seiner Lekt\u00fcre und dem \u201eWunschlosen Ungl\u00fcck\u201c, denn er wu\u00dfte oder f\u00fchlte nicht, da\u00df dieses Ungl\u00fcck das seiner Familie, das seiner Mutter und auch sein eigenes war. Das Ungl\u00fcck, das, da beschrieben, schon nicht mehr Ungl\u00fcck schien. Er h\u00e4lt das schmale Buch in den H\u00e4nden, und auf den wenigen Seiten zwischen dem braunen Einband ist seine ganze Familie, das Haus und der Garten und, noch immer, der ferne, anscheinend ewige Tag in einem Mai oder Juni, als er anfing, Peter Handke zu lesen und Literatur zu studieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Tag im Fr\u00fchsommer 1984. Der junge Mann, beinahe ein Junge noch, kein Zivildienstleistender mehr, eben am Beginn des 2. Semesters, sitzt im Garten der Eltern und der Gro\u00dfmutter und liest Peter Handke, \u201eWunschloses Ungl\u00fcck\u201c, f\u00fcr eine Vorlesung mit dem Titel \u201eWestdeutscher Roman nach 1945\u201c. 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