{"id":1707,"date":"2012-08-01T14:45:31","date_gmt":"2012-08-01T13:45:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1707"},"modified":"2012-08-01T14:45:31","modified_gmt":"2012-08-01T13:45:31","slug":"bruder-ernst-bruder-alfons","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1707","title":{"rendered":"Bruder Ernst, Bruder Alfons"},"content":{"rendered":"<p>Gestern war die Beerdigung von Dr. Ernestus Nettesheim. In einer stattlichen Kirche am gro\u00dfen Fluss wurde die Messe gelesen. Viele Menschen waren gekommen. Seine ehemaligen Kollegen hatten einen Bus gemietet, um ihrem vor einem guten Jahr an Krebs erkrankten Freund und Kollegen die letzte Ehre zu erweisen.<\/p>\n<p>Vor dem Altarraum ein Bild des Verstorbenen, l\u00e4chelnd, in wei\u00dfem Hemd, an einen Baum gelehnt. Daneben die Urne aus blauem Porzellan auf einem Sockel, von dem dunkelroter Pannesamt floss. Blumenschmuck in Wei\u00df, Gr\u00fcn, dezentem Rosa und Blau. Der Pfarrer sprach durch ein Mikrophon. Der beste Freund hielt eine Ansprache.<\/p>\n<p>War dieser \u201egeliebte Ehemann\u201c und \u201eherzensgute Sohn\u201c vielleicht Jesus? Nie dachte er an sich, immer erst an die anderen. Er liebte die Natur, sah die Details. War verbunden mit dem, was man hinter dem hohen weiten Himmel, der sich \u00fcber gr\u00fcne Wiesen und bl\u00fchende Felder spannt, vermuten mag. \u201cGott\u201c, so den Pfarrer, \u201ehat den Namen \u201eErnestus\u201c in seine Handfl\u00e4che geschrieben. Er hat ihn zu sich geholt. Er will, dass er nun bei ihm bleibt, er geh\u00f6rt ihm.\u201c<\/p>\n<p>Er hatte ein freundliches Wesen, war lebensfroh \u2013 ja, so habe ich ihn auch kennen gelernt, als Freundin der Witwe. Doch meine Freundin hatte immer wieder \u00fcber seinen Geiz geklagt, von seiner Sorge um das Geld trotz seines betr\u00e4chtlichen Verm\u00f6gens.<\/p>\n<p>Dr. Ernestus Nettesheim, promovierter Physiker, Spitzensteuersatz. Lange Zeit Junggeselle, Single, Lebemann. Diagnose Bauchspeicheldr\u00fcsen-Krebs. Heirat knapp ein Jahr vor seinem Tod.<\/p>\n<p>Der Pfarrer spricht die Sonnenges\u00e4nge des heiligen Franziskus von Assisi. Dort, bei Assisi, an einem Olivenbaum, der auch auf der Traueranzeige zu sehen ist, in gr\u00fcner Wiese und bl\u00fchendem Feld, ist auch das Bild aufgenommen, das zum Abschiednehmen f\u00fcr die Trauergemeinde vor dem Altarraum steht.<\/p>\n<p>\u201eBruder Ernst\u201c, sagt der Pfarrer. Er segnet die Urne mit Weihwasser.<\/p>\n<p>Wir singen und beten, knien nieder, erheben uns, senken das Haupt. Einige empfangen die heilige Kommunion.<\/p>\n<p>Vorne in der ersten Reihe sitzen die Witwe und die Eltern des Verstorbenen. Ein Mann von Wohlstand und Bildung in seinen besten Jahren. Nun hat die Krankheit ihn zugrunde gerichtet, der Krebs; der Tod hat ihn geholt.<\/p>\n<p>Zwei M\u00e4nner in dunklen Anz\u00fcgen heben die Urne in einem Gestell mit Blumenschmuck von ihrem Sockel und tragen ihn aus der Kirche. Die Gemeinde folgt.<\/p>\n<p>Zuerst die Witwe, alleine.<\/p>\n<p>Dann die Mutter, auf den Vater gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Ich habe Respekt vor dem Tod und Mitleid vor allem mit der Mutter.<\/p>\n<p>Richtig ist, dass der Sohn die Mutter zu Grabe tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Falsch ist, dass die Mutter den Sohn zu Grabe tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Das kann Gott doch nicht so wollen!<\/p>\n<p>Ihr Haar ist wei\u00df, ihre F\u00fc\u00dfe wollen nicht gehen, doch den Rollstuhl, der vor der Kirche auf sie wartet, lehnt sie ab. Ihre Augen sind weit aufgerissen, ihre Gesichtsz\u00fcge starr.<\/p>\n<p>Wir schreiten durch den Park am Friedhof vorbei zum Mausoleum.<\/p>\n<p>Ein steinerner Palast hoch \u00fcber dem gro\u00dfen Fluss. Bruder Ernst wollte nahe an diesem Fluss seine Ruhest\u00e4tte finden.<\/p>\n<p>Hohe Stufen f\u00fchren ins Mausoleum. Der Boden ist mit Mosaik geschm\u00fcckt. Ich schaue nach oben. Z\u00e4hle zw\u00f6lf runde Fenster\u00f6ffnungen unter der Kuppel. Unter dem Mosaik die Gruft, von einer Steinplatte verschlossen. Eine schwere T\u00fcr steht halb offen. Dahinter die Treppen; sie f\u00fchren hinunter in die Gruft. Rechts und links wird die T\u00fcr von zwei Statuen bewacht. Barbusige Frauen mit ebenm\u00e4\u00dfigen Gesichtsz\u00fcgen und Blumenkr\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Die Trauergemeinde steht im Halbrund um die Urne. Dann hebt einer der M\u00e4nner in dunklem Anzug die Urne von ihrem Blumenschmuck und geht mit ihr durch die T\u00fcr, die Treppen hinunter.<\/p>\n<p>Die Mutter sinkt zusammen, schluchzt.<\/p>\n<p>Nun ist er weg, f\u00fcr immer. Jeder ist mit sich alleine.<\/p>\n<p>Langsam verlassen wir das Mausoleum und treten ins Freie.<\/p>\n<p>Es starb ein Reicher, der Franz von Assisi liebte und die Natur.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ich habe dem Tod und dem Toten meine Ehre erwiesen. Kam f\u00fcr eine Freundin, die einen schon Todkranken heiratete. Er verstarb zu fr\u00fch.<\/p>\n<p>Ich verzichte auf den Leichenschmaus im feinen Restaurant. Schwinge mich aufs Fahrrad und fahre am gro\u00dfen Fluss entlang, stromabw\u00e4rts nach Hause.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Vor meinen Augen st\u00fcrzt ein alter Mann. Auf dem Rasenstreifen am Fluss, neben dem Fahrradweg, f\u00e4llt er vom Fahrrad, beinahe mit dem Kopf an die angrenzende Mauer, das Fahrrad f\u00e4llt auf seine Beine.<\/p>\n<p>Ich bin direkt in diesen Moment hinein gefahren, als Alfons Hauser wieder einmal ohnm\u00e4chtig wird und vom Fahrrad f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Ich drehe um; es geht ja so schnell, dass man vorbei gefahren ist &#8211; noch ein paar Pedaltritte weiter, und man glaubt schon nicht mehr, was man gesehen hat &#8211; und fahre zu dem alten Mann, der mit hellblauen aufgerissenen Augen am Boden liegt. Er liegt auf dem R\u00fccken, die H\u00e4nde zur Brust gedreht und nach innen gekrampft.<\/p>\n<p>Wer ist er? Ein Penner, der schon am helllichten Tage besoffen ist?<\/p>\n<p>Der alte Mann hat ein paar Streifen und Flecken am Kiefer &#8211; von St\u00fcrzen? Er hat fast keine Haare mehr. Seine Kleidung ist gepflegt, er riecht nicht auff\u00e4llig. Auf dem Gep\u00e4cktr\u00e4ger seines Fahrrads ist eine blaue Sporttasche ordentlich verspannt, obenauf klemmt eine Plastikflasche Coca Cola.<\/p>\n<p>Ich hebe das Fahrrad von seinen Beinen, rufe: \u201eHallo\u201c, knie nieder und f\u00fchle seinen Puls.<\/p>\n<p>Der Mann starrt mich aus hellblauen Augen an. Er ist nicht bewusstlos.<\/p>\n<p>Zwei junge Frauen eilen herbei und fragen nach seinem Namen.<\/p>\n<p>\u201eHauser\u201c hei\u00dfe er, \u201eAlfons\u201c. Er wolle nicht, dass man einen Krankenwagen hole.<\/p>\n<p>Die jungen Frauen meinen aber doch. Sie sind schneller als ich, das Handy am Ohr rufen sie schon den Rettungsdienst. Man kenne dort beim Rettungsnotruf den Namen \u201eAlfons Hauser\u201c schon, berichten sie mir.<\/p>\n<p>\u201eWollen Sie etwas trinken?\u201c, frage ich Herrn Hauser. \u201eNein\u201c, sagt er, davon m\u00fcsse er sich nur \u00fcbergeben. Und Durchfall habe er auch, eigentlich immer.<\/p>\n<p>Ich nehme die Sporttasche vom Gep\u00e4cktr\u00e4ger und schiebe sie unter seine Knie. \u201eIst das gut?\u201c, frage ich, Alfons Hauser nickt. Die jungen Frauen erw\u00e4hnen die stabile Seitenlage. \u201eIst das nicht besser?\u201c<\/p>\n<p>Wir ziehen den alten Mann von der Mauer weg, so dass sein Kopf nicht mehr abgeknickt liegt. Eine der Frauen zieht ihre Jacke aus und faltet sie zusammen; wir schieben sie unter seinen Nacken. Alfons Hauser scheint wieder zu nicken.<\/p>\n<p>Ich halte die Hand von Alfons Hauser und streichle ihn an der Schulter. Ob er gerade stirbt?<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt: 73 Jahre sei er alt und obdachlos. Seit sieben Jahren werde er ohnm\u00e4chtig. Jeden Tag falle er mehrmals um. Man habe ihn schon mit dem Hubschrauber aus dem Fluss gezogen. Er wolle so nicht mehr leben. Auch die letzte Nacht habe er im Krankenhaus verbracht; am Morgen habe man ihn wieder aufs Fahrrad gesetzt.<\/p>\n<p>Und nun f\u00e4hrt er am Fluss entlang, so lange, bis er wieder umf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Seine H\u00e4nde krampfen sich immer wieder zusammen, er zittert, heftig, sagt, sein Herz tue weh, steche, tue sehr weh, er wolle so nicht mehr leben.<\/p>\n<p>Ich sage \u201eganz ruhig\u201c und \u201ealles wird gut\u201c.<\/p>\n<p>Nichts wird mehr gut f\u00fcr Alfons Hauser.<\/p>\n<p>Der Rettungswagen kommt, vier Sanit\u00e4ter, drei junge M\u00e4nner, eine junge Frau; sie sind schon bei uns, mit Schreibblock und rotem Formular der eine, mit gr\u00fcnen Gummihandschuhen die andere. \u201eHallo Herr Hauser\u201c, rufen sie, \u201eda sind Sie ja wieder!\u201c<\/p>\n<p>Herr Hauser richtet sich auf.<\/p>\n<p>Eingesammelt wird er nun wieder und dann wieder hinausgeworfen.<\/p>\n<p>Man finde nichts bei ihm, erz\u00e4hlte er. Keine Ursache, keine Krankheit.<\/p>\n<p>Wer soll das denn auch bezahlen, einen Obdachlosen f\u00fcr l\u00e4ngere, aufwendigere, teurere Untersuchungen im Krankenhaus zu behalten?<\/p>\n<p>Herr Hauser wird versorgt. In anderen L\u00e4ndern w\u00fcrde man ihn liegen lassen, da gibt es gar keine medizinische Versorgung f\u00fcr so jemanden wie Alfons Hauser. Er w\u00fcrde verrecken, am Stra\u00dfenrand. Hier kommt ein Krankenwagen mit gleich vier Rettungssanit\u00e4tern zu einem Obdachlosen.<\/p>\n<p>\u201eSollen wir Sie jetzt mal mitnehmen?\u201c, fragt einer der jungen M\u00e4nner.<\/p>\n<p>\u201eUnd mein Fahrrad?\u201c, fragt Herr Hauser.<\/p>\n<p>\u201eDas k\u00f6nnen wir hier abschlie\u00dfen, und Sie holen es sp\u00e4ter ab\u201c, sagt ein anderer.<\/p>\n<p>\u201eIch bringe es ihm!\u201c, sage ich darauf.<\/p>\n<p>Alfons Hauser sagt, viele Leute h\u00e4tten ihm schon sein Fahrrad gebracht, sogar die Polizei.<\/p>\n<p>Die Sanit\u00e4ter bedanken sich bei mir und sagen \u201eSie k\u00f6nnen jetzt gehen\u201c.<\/p>\n<p>\u201eUnd das Fahrrad?\u201c, frage ich. \u201eDas kriegen wir schon hin, das nehmen wir schon irgendwie mit\u201c, antwortet der Sanit\u00e4ter und nickt mir freundlich und mit Nachdruck zu: \u201eSie k\u00f6nnen jetzt gehen!\u201c. Einer fragt noch eben, ob ich denn gesehen habe, wie Herr Hauser hinfiel.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle, was ich gesehen habe, die Sanit\u00e4ter nicken. Was tut es denn schon zur Sache?<\/p>\n<p>Sie wissen genug, um ihn aufzusammeln. Er bleibt ja nicht lange.<\/p>\n<p>Zum Bleiben gibt es f\u00fcr Schwestern und Br\u00fcder wie Alfons Hauser keinen Platz in unserer Wohlstandswelt &#8211; auch nicht, wenn man einmal nachrechnen w\u00fcrde und herausfinden, dass so ein Platz billiger w\u00e4re als die t\u00e4glichen Rettungseins\u00e4tze. Doch was w\u00e4re das dann f\u00fcr ein Platz, im Altenheim, in der Obdachlosen-Unterkunft, in einer Wohnung, ob reich oder arm, ganz alleine?<\/p>\n<p>Ich nehme mein Fahrrad und entferne mich von der Unfallstelle. Drehe mich noch einmal um. Herr Hauser zwischen den Rettungssanit\u00e4tern, die sich um ihn k\u00fcmmern. \u201eIch will so nicht mehr leben\u201c, h\u00f6re ich ihn sagen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ich will bei Alfons Hauser bleiben, seine Hand halten und nicht den Krankenwagen holen. Soll er sterben, dort am Fluss! Endlich einen Platz finden zum Sterben und jemanden, der seine Hand h\u00e4lt, wenn er stirbt.<\/p>\n<p>Dann hebe ich ihm ein Grab aus in der Wiese, dort, wo er zum letzten Mal hinfiel.<\/p>\n<p>Ein Geistlicher kommt auf diese Wiese am Fluss, es duftet nach Gras und Blumen.<\/p>\n<p>Der Geistliche h\u00e4lt die heilige Kommunion f\u00fcr Bruder Alfons.<\/p>\n<p>Einige Br\u00fcder und Schwestern sind auch gekommen. Die meisten kennen den Verstorbenen von seinen St\u00fcrzen; sie haben ihn aufgehoben, den Krankenwagen geholt und ihm sein Fahrrad ins Krankenhaus gebracht.<\/p>\n<p>Wir werfen Erde in das kleine Grab, jeder eine Schaufelspitze voll.<\/p>\n<p>\u201eErde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub\u201c, spricht der Geistliche.<\/p>\n<p>Dann verschlie\u00dft er das Grab. Wir stellen ein selbst gezimmertes, einfaches Kreuz darauf.<\/p>\n<p><em>Hier ruht Bruder Alfons. Der Fluss war sein Zuhause.<\/em><\/p>\n<p>Zuletzt segnet der Geistliche das Grab mit Wasser von diesem Fluss, und wir singen die Sonnenges\u00e4nge von Franz von Assisi:<\/p>\n<p>\u201e<em>Gelobt seist Du, mein Herr durch Schwester Wasser<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Dann gehen wir nach Hause.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Schon wenige Jahre sp\u00e4ter sieht man am gro\u00dfen Fluss ein neues Mausoleum entstehen; viel gr\u00f6\u00dfer als jenes, das schon ein St\u00fcck weiter flussaufw\u00e4rts steht.<\/p>\n<p>Das neue Mausoleum wird auf einem naturbelassenen St\u00fcck Wiese stehen. Nur der Weg dorthin wird gepflastert sein. Das Mausoleum wird mit italienischem Marmor ausgekleidet sein und goldverziert.<\/p>\n<p><em>Er war uns allen ein Vorbild<\/em>, wird eingemei\u00dfelt unter der B\u00fcste des Bruder Alfons stehen, der zu uns herabl\u00e4chelt. Voller Milde und Demut, umringt von Statuen barbusiger Frauen mit ebenm\u00e4\u00dfigen Gesichtsz\u00fcgen und Blumengirlanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern war die Beerdigung von Dr. Ernestus Nettesheim. In einer stattlichen Kirche am gro\u00dfen Fluss wurde die Messe gelesen. Viele Menschen waren gekommen. Seine ehemaligen Kollegen hatten einen Bus gemietet, um ihrem vor einem guten Jahr an Krebs erkrankten Freund und Kollegen die letzte Ehre zu erweisen. 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