{"id":16996,"date":"2025-02-03T00:17:49","date_gmt":"2025-02-02T23:17:49","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16996"},"modified":"2025-02-06T00:25:01","modified_gmt":"2025-02-05T23:25:01","slug":"die-doppelzange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16996","title":{"rendered":"Die Doppelzange"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben uns in eine Zwickm\u00fchle man\u00f6vriert. Wir behaupten, dass wir aus dem Faschismus gelernt h\u00e4tten. Damit wiegen wir uns im Recht und vergessen den blinden Fleck, der uns eine wirkliche Erkenntnis und Konsequenz verwehrt. Ich versuche es kurz und in einfachen Worten zu sagen: Wir haben unserer Wirtschaft Regeln gegeben, die zu einer auseinander treibenden Kluft zwischen Reich und Arm f\u00fchren. Die Reichen werden reicher, die Armen \u00e4rmer. Das ist schon lange so. In der Geschichte hat es hin und wieder Revolten dagegen gegeben &#8211; ich erinnere an den deutschen Bauernkrieg, der sich in diesem Jahr zum 500. Mal j\u00e4hrt. Dieses unmittelbare Aufbegehren hat im besten Fall f\u00fcr eine kurze Zeit zu einem sozialen Ausgleich gef\u00fchrt, meistens aber haben die Reichen ihre Sch\u00e4tze schon anderswo gesichert, so dass die Rebellen nicht rankommen. Oder es setzt sich eine andere Gruppe an die Spitze und hortet &#8211; wie etwa in S\u00fcdafrika der Nationalkongress oder der Ortega-Clan in Nicaragua. All diesen vergeblichen Aufst\u00e4nden zur Schaffung von mehr \u00f6konomischer Gleichheit ist gemeinsam, dass sie nicht an die Wurzeln der Ungleichheit gehen. Diese liegen in den Regeln, nach denen wir Zinsen und Steuern erheben. Sie beg\u00fcnstigen diejenigen, die viel haben und halten die kleinen Leute in Not. Nat\u00fcrlich spielen auch Begabungsunterschiede eine Rolle. Doch niemand kann uns wei\u00dfmachen, dass die Kinder der Reichen mit einem h\u00f6heren IQ auf die Welt kommen als die Kinder der Armen. Der unverdiente Reichtum, mit dem sie von klein auf umgeben sind und den sie irgendwann erben, hilft ihnen, ihre (in der Regel auch nur mittelm\u00e4\u00dfige) Begabung zu entfalten. Tats\u00e4chlich sichern die Regeln unseres Wirtschaftens die Aufrechterhaltung der sozialen Unterschiede und versch\u00e4rfen sie mit mathematisch anmutender Pr\u00e4zision. Der Zusammenhang ist nicht linear, sondern exponentiell. Das hei\u00dft, in den ersten Jahrzehnten nach dem Kriegsende \u2013 f\u00fcr viele Menschen (nicht alle) war das wirtschaftlich gesehen die Stunde Null \u2013 hatte der Glaube an realistische Aufstiegschancen noch Substanz. Die Schere zwischen Arm und Reich \u00f6ffnete sich nur langsam und viele konnten in den Mittelstand aufsteigen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun aber sind wir schon seit mindestens drei\u00dfig Jahren auf dem steil ansteigenden Ast der rasant wachsenden \u00f6konomischen Ungleichheit. Immer weniger Menschen verf\u00fcgen \u00fcber fast alle Produktionsmittel auf diesem Planeten. Die Hauptursache f\u00fcr die exponentielle Zunahme der Ungleichheit ist der Zinseszins \u2013 dessen religi\u00f6se \u00c4chtung etwa vor 500 Jahren \u2013 Zufall? \u2013 in Europa aufgehoben wurde. Der Wegfall des Zinseszinsverbotes fiel mit dem Beginn des neuzeitlichen Kapitalismus zusammen, der die freie Marktwirtschaft erst durch Akkumulation und Konzentration von Kapital, sp\u00e4ter durch Monopolbildung und Verquickung von Monopolmacht mit der staatlichen Verwaltung zu Supermonopolen kannibalisierte: das Kapital hat den Markt aufgefressen, die Voraussetzungen f\u00fcr den fairen Wettbewerb um beste Ideen und L\u00f6sungen beseitigt, damit Besitzst\u00e4nde gewahrt bleiben. Im Grunde handelt es sich um die ewige Wiederkehr feudaler Strukturen. Daran k\u00f6nnen die Kartellbeh\u00f6rden herzlich wenig \u00e4ndern. Sie bewirken hier und da die Zerschlagung eines Supermonopols, das sich dann an anderer Stelle neu firmiert. Vielmehr w\u00e4re es notwendig, an die Wurzeln der Ungleichheit zu gehen, d.h. die Regeln unseren Wirtschaftens von der Profitmaximierung auf Daseinsvorsorge, Gemeinwohl und die Erhaltung gleicher Wettbewerbsbedingungen auf dem Markt auszurichten. Im Wesentlichen sind dazu vier Ma\u00dfnahmen notwendig:<br \/><br \/><strong>1.<\/strong> Das Verbot und die Abschaffung des Zinseszins&#8216; &#8211; hier sind die muslimischen Banken ein Vorbild, sie haben im Unterschied zu dem anderen beiden monotheistischen Religionen am Wucherverbot festgehalten &#8211; hier k\u00f6nnen wir lernen, wie Bankwirtschaft ohne Zinseszins funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br \/><strong>2.<\/strong> Die Vergesellschaftung von Grund und Boden sowie allen Naturressourcen, die sich darin und dar\u00fcber befinden (Wasser, Luft, Erze, \u00d6le, Metalle), eine Erweiterung der Bodenreform, wie sie Silvio Gesell vorschwebte \u2013 privatisiert in Gewinn verwandelt werden, d\u00fcrfen nur nachwachsende Produkte, als landwirtschaftliche Erzeugnisse \u2013 alles andere steht der Gemeinschaft zur Verf\u00fcgung. Wir sehen an der Volksrepublik China, zu welcher Effizienz die Vergesellschaftung des Grund und Bodens f\u00fchrt: Verkehrswege und Trassen k\u00f6nnen z\u00fcgig und zum Gel\u00e4nde passend geplant und projektiert werden, ohne \u00fcberm\u00e4\u00dfige R\u00fccksicht auf mittelalterliche Grundst\u00fccksgrenzen nehmen zu m\u00fcssen. So baut man zum Beispiel Magnetschwebebahnen&#8230; Die bisherigen Nutzer des Grund und Bodens sollen nicht enteignet oder liquidiert werden wie im &#8222;Sozialismus&#8220; Stalinscher Pr\u00e4gung, der in Wirklichkeit kein Sozialismus war, sondern Staatsterrorismus der \u00fcbelsten Sorte. Die bisherigen Nutzer pachten das Land f\u00fcr ihr Haus oder ihr Feld oder ihre Kohlegrube und werden je nach Nutzungsform unterschiedlich besteuert: die Pacht f\u00fcr selbstgenutzte Wohnh\u00e4user ist am geringsten, die Pacht zur Ausbeutung von Natursch\u00e4tzen am h\u00f6chsten. Wenn die Gemeinschaft den Grund und Boden ben\u00f6tigt, z.B. f\u00fcr Infrastruktur, kann der Pachtvertrag aufgel\u00f6st werden gegen eine Existenz erhaltende Entsch\u00e4digung, nicht aber gegen eine Wuchergeb\u00fchr, wie sie gegenw\u00e4rtig etwa von Landbesitzern in Windeignungsgebieten verlangt wird und zur Folge hat, das Windstrom niemals billig werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br \/><strong>3.<\/strong> Eine progrediente Erbschaftssteuer, die exponentiell mit dem Verm\u00f6gen w\u00e4chst und daf\u00fcr sorgt, dass die Nachkommen der Reichen wie die Mehrheit der Gesellschaft einer Erwerbsarbeit nachgehen m\u00fcssen und nicht nur vom Erbzins in Luxus leben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br \/><strong>4<\/strong>. Die H\u00fcter der Wettbewerbsregeln sind erm\u00e4chtigt und verpflichtet, zwischen Anbietern einer Marktinfrastruktur und Marktteilnehmern strikt zu trennen und hier konsequente Zerschlagungen vorzunehmen. Das Gegenbeispiel liefert heute Amazon: Diese Firma stellt eine Marktinfrastruktur zur Verf\u00fcgung, n\u00e4mlich ihren sogenannten &#8222;Marketplace&#8220;, agiert zugleich jedoch selbst als Marktteilnehmer. Dazu nutzt es seine Einblicke in gut laufende Gesch\u00e4fte, um deren Gesch\u00e4ftsidee zu klauen und zu kopieren (sogenannte &#8222;Amazon Basic&#8220;-Produkte) und die urspr\u00fcnglichen Unternehmer zur Gesch\u00e4ftsaufgabe zu zwingen \u2013 diese Art des Wirtschaftens ist t\u00f6dlich f\u00fcr einen echten, d.h. fairen Markt.<br \/><br \/>Diese Konsequenzen aus der seit 500 andauernden kapitalistischen Wirtschaftsmisere, die uns mit atemberaubender Beschleunigung technische Fortschritte gebracht und zugleich dem Abgrund der Selbstvernichtung gen\u00e4hert hat, sind rein wirtschaftlicher Natur. Ich sprach eingangs jedoch von einer <em>Doppelzange<\/em>. Tats\u00e4chlich sind die unfairen Regeln unseres Wirtschaftens nur die halbe Wahrheit, wenn es darum geht, die Spaltung in unserer Gesellschaft zu verstehen und zu erkl\u00e4ren. Die andere H\u00e4lfte der Wahrheit ist in den Regeln unserer &#8222;demokratischen&#8220; Zuweisung von politischer Macht zu finden.<br \/><br \/>Dass wir Regeln f\u00fcr unser Wirtschaftssystem aufgestellt haben, die die soziale Ungleichheit versch\u00e4rfen und in sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit zu sozialen Unruhen, Massenstreiks, Krieg und Revolutionen f\u00fchren, ist bereits schlimm genug. Es handelt sich \u00fcbrigens um eine historisch gesehen junge Entwicklung, die erst seit etwa 500 Jahren in den Zustand der Entfesselung \u00fcbergegangen ist. Doch damit ist es nicht genug. Als Katalysator f\u00fcr die permanente Polarisierung der Gesellschaft kommen die Spielregeln unserer sogenannten repr\u00e4sentativen Demokratie hinzu, die eben nicht, wie der Name vorgaukelt, zu einer Repr\u00e4sentanz der ma\u00dfgeblichen Interessensgruppen der Bev\u00f6lkerung beitr\u00e4gt. Dabei sind die Formen der westlichen &#8222;Demokratien&#8220; durchaus verschieden: In den englischsprachigen L\u00e4ndern herrscht das Prinzip &#8222;the winner takes it all&#8220; \u2013 das hei\u00dft, ein marginaler Stimmenvorsprung f\u00fchrt zum Gewinn der absoluten Mehrheit. Die britischen und amerikanischen Parlamente spiegeln nicht die realen Mehrheitsverh\u00e4ltnisse wider, sondern verst\u00e4rken minimale Unterschiede in den Wahlbezirken, woraus letztlich eine Mehrheit auf Grundlage willk\u00fcrlich zusammengew\u00fcrfelter Abgeordneter resultiert. In Frankreich m\u00fcssen die Bewerber, die im ersten Wahlgang \u2013 und das ist \u00fcblicherweise der Fall \u2013 keine absolute Mehrheit erlangen, in einen zweiten Wahlgang gehen. Bei der letzten Wahl ergab sich im ersten Wahlgang eine Mehrheit der rechten Parteien, im zweiten Wahlgang durch taktische Koalitionen eine linke Mehrheit. Der Pr\u00e4sident beauftragte jedoch rechte Vertreter mit der Regierungsbildung. Als au\u00dfenstehender Beobachter fragt man sich, wozu die Franzosen dann \u00fcberhaupt w\u00e4hlen, wenn der Pr\u00e4sident offenbar Befugnisse hat wie Ludwig XIV. Innerhalb von zwei Monaten wurden drei auf diese Weise von oben ernannten Ministerpr\u00e4sidenten das Misstrauen ausgesprochen \u2013 wen wunderts.<br \/><br \/>Und Deutschland? Deutschland glaubt, es habe aus den Systemfehlern und Schw\u00e4chen der Weimarer Republik gelernt. 5%-H\u00fcrde, zwei Kammern (Bundestag, Bundesrat), Verfassungsgericht, und ein Pr\u00e4sident, der normalerweise Sonntagsreden h\u00e4lt, im Krisenfall jedoch die demokratischen Abl\u00e4ufe bei vorgezogenen Neuwahlen \u00fcberwacht. Soweit so gut. Tats\u00e4chlich hat sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine komplizierte Version des Mehrheitswahlrechts gegeben, nach der Direktstimmen und Listenpl\u00e4tze kombiniert werden. Die Komplikationen, die diese Vermischung nach sich zieht, haben zu einem fortlaufenden Aufbl\u00e4hen des Parlaments gef\u00fchrt, die Zahl der Sitze im Bundestag ist st\u00e4ndig gestiegen. Die j\u00fcngste Wahlrechtsreform hat diesem Anwachsen halbherzig Einhalt geboten, indem die Direktstimmen auf den Prozentsatz der Listenpl\u00e4tze zur\u00fcckgestutzt werden. Damit wird das eigentliche Problem jedoch nur verschleiert: Die Regierung kann von Parteien gebildet werden, die jeweils nur eine winzige Minderheit der Interessensgruppen in der Bev\u00f6lkerung vertreten, wie z.B. die FDP oder die Gr\u00fcnen \u2013 es ist in keiner Weise gew\u00e4hrleistet, dass sie das Resultat einer repr\u00e4sentativen Demokratie darstellt. In Westdeutschland hat die Regierung vor dem Mauerfall halbwegs und mehr oder weniger zuf\u00e4llig die vorhandenen Interessensgruppen repr\u00e4sentiert, als sich im Wesentlichen noch die Volksparteien CDU\/CSU und SPD an der Macht abwechselten. Doch das Z\u00fcnglein an der Waage waren in der Regel Kleinstparteien oder Splittergruppen. Die meisten Deutschen verbuchen das unter &#8222;Koalitionsfreiheit&#8220; und halten es f\u00fcr normal. Mit &#8222;repr\u00e4sentativer Demokratie&#8220; hat sie aber nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland droht nach der kommenden Wahl in einen Zustand der Unregierbarkeit zu fallen. Freiwillige Koalitionstabus mit AfD, Linkspartei, Gr\u00fcnen und BSW haben den Spielraum der verbleibenden Parteien nahezu auf Null reduziert. Theoretisch kann nur noch eine Koalition von CDU\/CSU und SPD herauskommen \u2013 stellt sich die Frage, wozu dann \u00fcberhaupt noch eine Wahl erforderlich ist. Kann man sich eigentlich sparen. Aber wehe! Was passiert, wenn die ehemaligen &#8222;Volksparteien&#8220; zusammen keine Mehrheit mehr erreichen? Dann werden, als h\u00e4tte es sie nie gegeben, die jahrelangen Beteuerungen, nicht mit dieser oder jener Partei zu koalieren, niemals!, pragmatisch fallengelassen. Irgendeine Splitterpartei wird wieder das Z\u00fcnglein an der Waage spielen und der Mehrheit ihre abseitigen Pl\u00e4ne aufdr\u00fccken d\u00fcrfen. Die Interessengruppen in der Bev\u00f6lkerung aber werden noch weniger vertreten sein. Es wundert nicht, dass solche Spielregeln zum Verdruss f\u00fchren. W\u00e4hler, die noch bei Verstand sind, m\u00fcssen sich veralbert f\u00fchlen. Schwerer wiegt jedoch, dass diese halbdemokratischen Spielregeln die \u00f6konomisch angelegte Spaltung der Gesellschaft vertiefen, versch\u00e4rfen, mit Hass und Verleumdung aufladen. Wir haben es mit einem <em>doppelten Zangengriff <\/em>zu tun: Sowohl durch die Kluft zwischen Arm und Reich als auch die willk\u00fcrliche Ausgrenzung gro\u00dfer Interessensgruppen der Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst die Polarisierung \u2013 bis es knallt.<br \/><br \/>Sind wir gegenw\u00e4rtig bereits am Ende der Evolution? Hat die demokratische Kultur ihren Zenit erreicht? Folgen nun unausweichlich Barbarei oder Untergang? Mitnichten. Diejenigen, die sich f\u00fcr den H\u00f6hepunkt halten, f\u00fcr die progressive Norm oder die &#8222;demokratische Mitte&#8220;, verkennen, dass sie auch nur Teilchen im Strom der Zeit sind, dass auch sie nur eine Phase ausdr\u00fccken, die \u2013 wie alles \u2013 vor\u00fcbergehen wird. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich kennen wir mitten in Europa, an seinen geographisch h\u00f6chst gelegenen Orten eine Insel, besser gesagt, eine gro\u00dfe, mehr oder weniger abgeschiedene Berggegend, in der seit 500 Jahren nicht nur Frieden herrscht. Napoleon, Wilhelm II. und Hitler haben um sie einen Bogen geschlagen. In dieser Gegend herrscht nicht nur wenig Armut, sie ist vielmehr f\u00fcr ihren Reichtum ber\u00fchmt. Vor allem aber hat sie eine Form der Demokratie hervorgebracht hat, die stabil, unaufgeregt, ja geradezu langweilig die realen Mehrheitsverh\u00e4ltnisse der Interessengruppen in der Bev\u00f6lkerung repr\u00e4sentiert. Sie haben es bereits erraten: Ich meine die Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wenn ich die Schweiz als un\u00fcbertroffene Species der demokratischen Artenvielfalt erw\u00e4hne, dann meine ich nicht in erster Linie die basisdemokratischen Elemente, so oft wie m\u00f6glich die Bev\u00f6lkerung selbst zu fragen und entscheiden zu lassen, wie viele Steuern sie zu zahlen bereit ist und welche Leistungen daf\u00fcr vom Staat zu gew\u00e4hrleisten sind und was in privater Verantwortung bleibt, wer ins Land als Staatsb\u00fcrger aufgenommen wird und wer nicht. Basisdemokratie ist wichtig, sie f\u00fchrt zu Anpassungen und auch zu Verschiebungen, die der jeweiligen Zeit oder dem Zeitgeschmack entsprechen. Aber sie ist nicht vor Ausw\u00fcchsen gefeit, nicht vor Manipulation oder Extremismus \u2013 die Basisdemokratie allein garantiert keine gesellschaftliche Stabilit\u00e4t und keinen sozialen Frieden. Das Kernelement des Schweizer politischen Systems ist das Konkordanzprinzip der demokratischen Machtzuteilung. Nehmen wir die Bundesebene. Hier gibt es nur acht Ministerien \u2013 schon diese geringe Zahl ist eine Glanzleistung, um den Staat und die Staatsausgaben zu beschr\u00e4nken. Sie hat unweigerlich ein Weniger an B\u00fcrokratie zur Folge, denn acht Ministerien erarbeiten naturgem\u00e4\u00df weniger Vorschriften und Gesetzesvorlagen als beispielsweise 27 wie in Deutschland mit seinem Heer an Staatssekret\u00e4ren und Ministerialdirigenten. <em>Der Dreh- und Angelpunkt in der Schweiz ist, dass diese acht Ministerposten (Nationalr\u00e4te) unter den vier st\u00e4rksten Parteien aufgeteilt werden m\u00fcssen.<\/em> Im Durchschnitt bekommt jede Partei also zwei Ministerien. Wenn die Unterschiede im Stimmenanteil bei der Wahl gro\u00df sind, kann es vorkommen, dass mal eine Partei drei, die kleinste der vier gro\u00dfen nur einen Posten bekommt. Aber niemals kann es passieren, dass eine Partei die Alleinherrschaft \u00fcbernimmt, sprich eine Diktatur errichtet. Alle wesentlichen Interessensgruppen der Bev\u00f6lkerung sind in der Regierung vertreten. Auch die sogenannten Rechten, auch die &#8222;Schmuddelkinder&#8220;. Sie bilden sogar oft die Mehrheit. Aber sie k\u00f6nnen nie alleine bestimmen, sondern m\u00fcssen die Macht mit den Minderheiten und Splittergruppen teilen, die sich selbst f\u00fcr besonders fortschrittlich halten, also mit abgespreiztem kleinen Finger an der Kaffeetasse f\u00fcr Gerechtigkeit oder Klima einsetzen&#8230; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Merkt ihr was? Die Aufregung um einst\u00fcrzende Brandmauern ist bei Verstand gesehen nichts als Hysterie. Die Schweizer Konkordanzdemokratie kennt keine Koalitionsfreiheit, sondern einen Koalitionszwang \u2013 die unterschiedlichen, ja gegens\u00e4tzlichen politischen Gruppierungen m\u00fcssen miteinander in der Regierung auskommen, auch wenn sie sich nicht riechen k\u00f6nnen. Dieser Zwang auf der h\u00f6chsten Ebene gew\u00e4hrleistet die Freiheit der B\u00fcrger. So wird ein Schuh draus. Das Errichten von Brandmauern dagegen f\u00fchrt dazu, dass wir am Ende alle eingemauert sind und von beiden Seiten Feuer gelegt wird \u2013 es ist eine brandgef\u00e4hrliche Illusion, ein mittelalterliches Denken, wir k\u00f6nnten uns in einer &#8222;demokratischen Festung&#8220; verschanzen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Freiheit macht Arbeit, sagte ein K\u00fcnstler einmal, der mit seinen Projekten in Jugendklubs ging statt \u00fcber ihr abweichendes Verhalten zu klagen. Nun m\u00f6chte ich die Schweiz nicht idealisieren: Sie hat, wie kein anderes Land auf diesem Planeten die Demokratie in Spielregeln des politischen Systems umgesetzt, um die realen Interessen der Bev\u00f6lkerung zu repr\u00e4sentieren. Sie hat seit 500 Jahren Frieden, Chapeau! Aber die Regeln, die zur \u00f6konomischen Ungleichheit f\u00fchren, den Zinseszins und die Trennung der Gew\u00e4hrleister marktwirtschaftlicher Infrastruktur von Marktteilnehmern hat auch die Schweiz bisher nicht verwirklicht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenigstens ist eine der wirksamsten finanzpolitischen Ideen, um die exponentiellen Krisen des Kapitalismus zu gl\u00e4tten, in Dornach ausgedacht worden. Es war der selbsternannte Prophet Rudolf Steiner*, der in Anlehnung an Pierre-Joseph Proudhon vorschlug, den Geldscheinen ein Verfallsdatum aufzudrucken.\u00a0 Damit w\u00fcrde Geld seinen vermeintlichen Ewigkeitscharakter verlieren und wie andere Waren mit der Zeit verschlei\u00dfen. Es lohnt<div> sich nicht mehr, es zu horten. Es erf\u00fcllt allein seine tempor\u00e4re Funktion als Hilfsmittel im Tausch von Gegenst\u00e4nden und Dienstleistungen \u2013 wie einfach und \u00fcberzeugend ist diese Idee. In Zeiten von Onlinebanking ist dazu nicht einmal ein Stempel erforderlich, es gen\u00fcgt ein negativer Zins, d.h. eine mit der Zeit wachsende Geb\u00fchr auf Spareinlagen&#8230;<\/div><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch in der Schweiz ist es schwierig, f\u00fcr diese uns langfristig rettende Idee des alternden Geldes (Silvio Gesell: \u201eFreigeld\u201c oder \u201eumlaufgesichertes Geld\u201c, Otto Heyn: \u201eSchwundgeld\u201c, Volksmund: \u201eStempelgeld\u201c) kurzfristig eine Mehrheit in Volksbefragungen zu erzielen. Doch es war kein Geringerer als John Maynard Keynes**, der darin einen gesunden Gedanken erkannte: \u201eNehmen wir an, es werde \u00bbalterndes Geld\u00ab eingef\u00fchrt. Dann geraten alle, die Geld in der Kasse haben und es um der Zinsen willen anlegen wollen, unter den sanften Kostendruck der mit dem Geld auch verbundenen Kosten. Und genau in dem Umfang, wie sie selbst unter Kostendruck geraten, schwindet ihre Macht auf dem Geld- und Kapitalmarkt und w\u00e4chst die Unabh\u00e4ngigkeit der anderen von ihnen. Mit den Liquidit\u00e4tskosten schwindet die Macht, die die Halter von vollen Kassen \u00fcber die Halter von leeren Kassen aus\u00fcben k\u00f6nnen. Es schwindet aber auch der \u00fcberm\u00e4\u00dfige Rentabilit\u00e4tsdruck \u00fcberhaupt, der auf Unternehmern unabh\u00e4ngig davon ruht, ob sie mit Fremdkapital oder mit Eigenkapital arbeiten.\u201c (Dieter Suhr)***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diesem Zitat ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">* Rudolf Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit \u2013 in ge\u00e4nderter Zeitlage. Zw\u00f6lf Vortr\u00e4ge, gehalten in Dornach und Bern vom 29. November bis 21. Dezember 1918, (Gesamtausgabe Bd. 186, Dornach, 1979); Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage \u2013 in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft (Gesamtausgabe Bd. 23, Dornach, 1961)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">** John Maynard Keynes:&nbsp;Allgemeine Theorie der Besch\u00e4ftigung, des Zinses und des Geldes. Aus dem Englischen von Fritz Waeger, Berlin 1994 (unver\u00e4nderte 7. Auflage der Erstauflage von 1936),&nbsp;S. 298\u2013302<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">*** Dieter Suhr, Alterndes Geld \u2013 Das Konzept Rudolf Steiners aus geldtheoretischer Sicht, Neukirchen: Novalis 1988<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben uns in eine Zwickm\u00fchle man\u00f6vriert. Wir behaupten, dass wir aus dem Faschismus gelernt h\u00e4tten. Damit wiegen wir uns im Recht und vergessen den blinden Fleck, der uns eine wirkliche Erkenntnis und Konsequenz verwehrt. 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