{"id":16956,"date":"2024-12-22T21:37:13","date_gmt":"2024-12-22T20:37:13","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16956"},"modified":"2024-12-24T11:52:27","modified_gmt":"2024-12-24T10:52:27","slug":"feil-granatus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16956","title":{"rendered":"Feil Granatus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kleine Weihnachtsgeschichte, lieben Kollegen zugeeignet<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Feil Granatus war ein Mann, den man in fr\u00fcheren Zeiten vielleicht einen Macher, genannt h\u00e4tte. Auf seinem m\u00e4chtigen Rumpf lagerte ein kugelrunder Kopf, meist bis in die Ohrenspitzen rot gef\u00e4rbt, ein Ausdruck der Energie, die Feil in sich trug. Er war in der kleinsten Hauptstadt des Landes aufgewachsen, dem idyllischen Schwerin, unweit des Pfaffensees. Von klein auf interessierte er sich f\u00fcr das B\u00e4ckerhandwerk. Weniger weil er selbst gern Gebackenes a\u00df, das auch, doch ausschlaggebend war f\u00fcr ihn der Umstand, da\u00df die B\u00e4ckerinnung zu den aussterbenden Berufen geh\u00f6rte. Alle wollten morgens an der Bus- oder Stra\u00dfenbahnhaltestelle schnell ein Br\u00f6tchen schnappen, als Proviant oder Lichtblick im tristen B\u00fcroalltag oder schon w\u00e4hrend der Fahrt. Nachts um drei Uhr aufstehen und um vier den Ofen einschalten \u2013 das wollte jedoch niemand mehr. Feil Granatus war sich daf\u00fcr nicht zu schade. Wenn es darum geht, die Welt zu retten, sagte er sich, gilt es, klein anzufangen. Tats\u00e4chlich gr\u00fcndete er zusammen mit seinem besten Freund eine kleine B\u00e4ckerei in der Stadtmitte, die gro\u00dfe St\u00fccke auf sich hielt, mit neuartigen Rezepten und Zutaten zu experimentieren. Cardamom-Br\u00f6tchen und Chilibaguettes bildeten den Anfang ihrer Serie innovativer Backprodukte. Anfangs hatten die beiden Gesch\u00e4ftspartner das Laufpublikum vor ihrer Ladent\u00fcr als Zielgruppe im Visier. Immerhin gab es auf dem zentral gelegenen Marktplatz einen Busbahnhof mit zahlreichen Umsteigem\u00f6glichkeiten, die f\u00fcr \u201epermanenten Traffic\u201c sorgten, wie es in der Sprache der Werbefachleute hie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch das Laufpublikum war Feil Granatus zu wenig. Er zahlte seinen besten Freund aus, stellte Mitarbeiter an, die f\u00fcr ihn ab drei Uhr nachts die \u00d6fen bedienten, investierte in einen gr\u00f6\u00dferen Standort, schaffte neue Technik an, durch die er die halbe Belegschaft wieder entlassen konnte. Auch das Problem des fr\u00fchen Aufstehens war Dank Automatisierung und Digitalisierung nun gel\u00f6st \u2013 die \u00d6fen wurden am sp\u00e4ten Abend durch einen Roboter best\u00fcckt, die Teiglinge aus Fernost tiefgefroren importiert (\u00f6kologisch nachhaltiger Sojaanbau, versteht sich, Weizen war schon lange aus Feils Sortiment verbannt) und der Computer startete um vier Uhr morgens das Backprogramm \u2013 es gen\u00fcgte, wenn der Pf\u00f6rtner einen Blick in den Produktionsraum warf, um einen Brand auszuschlie\u00dfen. Feil Granatus hatte erreicht, was man als kleiner B\u00e4cker erreichen kann. Er war ein wahrhafter Macher geworden und auch ein wenig ein Macho. Nicht nur da\u00df er in seinen f\u00fcnf L\u00e4den die Kundschaft bedienen lie\u00df, er versorgte auch die Backautomaten in zwei landesweiten Supermarktketten. Die Konkurrenz war brutal, Lohndumping und Bestechung an der Tagesordnung. Dabei ging es doch nur um Br\u00f6tchen, wollte man meinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Feil Granatus auf dem H\u00f6hepunkt seines Erfolges angekommen war, passierte unweigerlich, was passieren mu\u00dfte: Er begann, sich zu langweilen. In der Not besann er sich auf ein Hobby, das ihm schon als Kind Freude bereitet hatte. Er beteiligte sich an Wettbewerben. Je nach Ausschreibung ging es um das kleinste oder das gr\u00f6\u00dfte, schmackhafteste oder exotischste Br\u00f6tchen in der Stadt, im Land, schlie\u00dflich sogar im Bund. Feil Granatus sammelte jahrelang Erfahrung, vor allem legte er Wert auf ein standesgem\u00e4\u00dfes Aussehen, eine ordentliche wei\u00dfe Sch\u00fcrze, die seinen m\u00e4chtigen Rumpf ehrfurchtgebietend umspannte, und eine kegelf\u00f6rmige M\u00fctze, die einen halben Meter hoch von seiner Kopfkugel aufragte \u2013 wahrhaft eine imposante Erscheinung. Die Kr\u00f6nung jedoch war sein Produkt: das Granatusbr\u00f6tchen, im Volksmund die \u201ewohlfeile Granate\u201c genannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Backprodukt besa\u00df die unvergleichliche Eigenschaft, erst im Mund aufzugehen und sich schlie\u00dflich im Magen zur seiner vollen Gr\u00f6\u00dfe zu entfalten. Es gen\u00fcgte also, sich einen Krumen von diesem Br\u00f6tchen abzuzupfen, es auch nicht allzulange auf der Zunge hin und her zu wenden, sondern lieber schnell hinunter zu schlucken. Damit war der zufriedene Kunde den ganzen Tag \u00fcber mit S\u00e4ttigungsgef\u00fchlen versorgt. Es wundert nicht besonders, da\u00df dieses innovative Backerzeugnis, wie Feils inzwischen patentierte Erfindung in den Medien genannt wurde, beim Laufpublikum in der Stadt nur auf wenig Gegenliebe stie\u00df. Vielmehr meldete das Milit\u00e4r ein vehementes Interesse an und l\u00f6ste Bestellungen zu unschlagbar hohen Preisen aus. B\u00e4cker Feil sah in den Spiegel, blickte voller Stolz auf seine M\u00fctze, die wie eine Krone auf seinem Sch\u00e4del thronte, und f\u00fchlte sich als K\u00f6nig der Branche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch wie der Volksmund sagt, dem Aufstieg folgt der Fall. Es begab sich, da\u00df Feil eines Tages durch die Stadt schlenderte, die Stadt, deren Bewohner ihm zu F\u00fc\u00dfen lagen, um in den t\u00e4glichen Genu\u00df seiner Br\u00f6tchen zu gelangen \u2013 da entdeckte er in der hinteren Ecke einer stillen Gasse eine kleinen Laden, der schon f\u00fcnfzig Meter vor der T\u00fcr durch einen unwiderstehlichen Duft die Aufmerksamkeit auf sich zog. Dabei war diese Aufmerksamkeit gar nicht beabsichtigt sondern die notwendige Folge des Gesch\u00e4fts \u2013 es handelte sich um eine stinknormale B\u00e4ckerei. Der Teig wurde von der R\u00fchrmaschine geknetet, von Hand zu kleinen Br\u00f6tchen geformt, die nichts weiter auszeichnete als der Geschmack nach einem stinknormalen Br\u00f6tchen. Feil Granatus war emp\u00f6rt. Wie konnte das sein? Wer wagte es, ihm in dieser Stadt, in diesem Land, in seinem Reich Paroli zu bieten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Postwendend lief er zur Handwerkerkammer und lie\u00df sich beraten, welche rechtlichen M\u00f6glichkeiten ihm zu Gebote st\u00fcnden, die winzige, dennoch unliebsame Konkurrenz aus dem Weg zu r\u00e4umen. Doch o Gott, rechtlich war nichts zu drehen, das konnte nicht sein! Feil lief weiter zur Redaktion der Lokalzeitung, hier w\u00fcrde er wahrlich eine Granate platzen lassen \u2013 die Redakteure st\u00fcnden auf seiner Seite, daf\u00fcr w\u00fcrde er notfalls mit ein wenig \u201eBackschisch\u201c nachhelfen. Doch es kam anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Redakteur ging mit seinem Taschengeld in die stille Gasse und konnte dem unwiderstehlichen Duft, der ihm die Nase kitzelte, kein Argument entgegen setzen. Von diesem Tag an wuchs die Schlange vor dem kleinen Laden. Der Redakteur wollte wissen, worin die Ursache des Hintergassenerfolgs lag, und lud Feil Granatus zu einem Wettbewerb in die B\u00e4ckerei ein. Die sportliche Aufgabe, die er beiden B\u00e4ckern stellte, war denkbar einfach: Sie sollten vor laufender Kamera und laufendem Publikum nichts weiter tun, als ein einziges ihrer Br\u00f6tchen essen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die Pl\u00e4tze, fertig &#8230; Feil wurde eines seiner ber\u00fchmten Granatusbr\u00f6tchen aufgetischt, der Hintergassenb\u00e4cker erhielt eines seiner unaufgeblasenen Br\u00f6tchen aus der aktuellen Auslage. Die beiden fingen an zu knabbern. W\u00e4hrend sich unser B\u00e4cker aus der Hintergasse Zeit lie\u00df, damit sein Backwerk den Gaumen erfreue, beeilte sich Feil, einen Krumen nach dem anderen in den Mund zu stopfen. Das Unvermeidliche geschah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte noch nicht einmal die H\u00e4lfte seines patentierten Granatuswunders verspeist, da begannen ihn Bl\u00e4hungen zu plagen. Aufgeregt lief er im Lokal auf und ab, in der Hoffnung, ein wenig Bewegung w\u00fcrde seinem m\u00e4chtigen Rumpf beistehen, die sich aufplusternde Ware im Mageninnern schneller zu verdauen. Der Redakteur erschrak \u00fcber die Konsequenzen, die sein harmloser Vorschlag, ein Wettessen zu veranstalten, offensichtlich ausl\u00f6ste, und schrie den Kontrahenten zu, der Wettbewerb sei abgebrochen. Der Hintergassenb\u00e4cker kaute noch gen\u00fc\u00dflich an seinem Minibr\u00f6tchen, Feil Granatus jedoch f\u00fchlte sich herausgefordert und rief entschlossen: \u201eNiemals!\u201c Ohne innezuhalten, f\u00fcllte er sich den Bauch weiter mit seiner in Backform gepre\u00dften Innovation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Redakteur sah sich gen\u00f6tigt, den Notarzt zu rufen, damit es nicht dem Darm des armen Feil Granatus\u2019 \u00fcberlassen blieb, mit einem Knall zu verk\u00fcnden: \u201eDas ist dein Ende, Junge!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleine Weihnachtsgeschichte, lieben Kollegen zugeeignet Feil Granatus war ein Mann, den man in fr\u00fcheren Zeiten vielleicht einen Macher, genannt h\u00e4tte. Auf seinem m\u00e4chtigen Rumpf lagerte ein kugelrunder Kopf, meist bis in die Ohrenspitzen rot gef\u00e4rbt, ein Ausdruck der Energie, die Feil in sich trug. 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