{"id":16896,"date":"2024-11-14T09:10:59","date_gmt":"2024-11-14T08:10:59","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16896"},"modified":"2024-11-14T09:10:59","modified_gmt":"2024-11-14T08:10:59","slug":"tante-anni-und-das-meer-auszug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16896","title":{"rendered":"Tante Anni und das Meer (Auszug)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Dorf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber ihr, leise zirpend wie Grillen, die Telegrafendr\u00e4hte vor einem tiefblauen Himmel. Ein Himmel, durchjagt von den ersten Schwalben im Jahr. Eine Weile verfolgt sie die exzentrische Bahn, die sie schie\u00dfen, dann geht der Blick vom R\u00fccken des Vaters \u00fcber die Weiden. In der Ferne ein goldener Schimmer, gerade und langgezogen, ein kr\u00e4ftiger Strich. Er verbreitert sich, wird zu etwas wie einem F\u00e4cher. War es die Ems, die Fahrrinne vor der M\u00fcndung, oder doch schon das Meer?<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Telegrafenmast \u00fcber ihr stehen Kandelaber ab, denen \u00e4hnlich, die sie von dem gro\u00dfen Leuchter in der Rysumer Kirche kennt. Nur da\u00df dort oben keine Lichter flackern. Nur dieses vertraute Summen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist f\u00fcnf Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater nimmt sie oft mit, wenn er mit dem Rad unterwegs ist. Auf seinem R\u00fccken sitzt sie in einem geflochtenen Korb, auch wenn er die Telegrafenmasten emporsteigt. Still und aufmerksam sitzt sie wie im Nest und schaut. Nur wenn er \u00fcber das Ende der Leiter hinaus noch weiter emporklimmt, bleibt sie unten im Gras. Dann sieht sie des Vaters R\u00fccken, seine langen Beine, die F\u00fc\u00dfe in Stiefeln mit Kufen, als wolle er Schlittschuh laufen mitten im Sommer. Kufen, mit denen er sich einhakt und, Zug um Zug, den Mast emporklimmt, sp\u00e4ter scheinbar m\u00fchelos wieder herabkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kindheit auf dem R\u00fccken des Vaters war ihr pr\u00e4sent in den letzten, von Krankheit gezeichneten Jahren. <em>War\u2018n lieber Vater<\/em>, schlo\u00df sie die kurze Erinnerung an das Leben im Dorf ab, als ich sie letztmals in ihrer Wohnung besuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war neun, als Hitler an die Macht kam. Wenige Wochen nach ihrem neunten Geburtstag, in der Schule die ersten Fragen: <em>Wann und wo ist Adolf Hitler geboren? Wo ist Braunau?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Wochen vor ihrem Tod habe ich sie letztmals gesehen. Seit einem Jahr schon sa\u00df sie im Rollstuhl, im Heim der Arbeiterwohlfahrt, krank und \u00fcber die Krankheit verbittert, die es ihr nicht mehr erlaubte, in den eigenen vier W\u00e4nden zu leben oder wenigstens selbst zu bestimmen, wann sie das Zimmer verlie\u00df. Es langweilte sie, nur immer herumzusitzen und nach drau\u00dfen unter das Sonnenzelt nur im Kreis der anderen zu kommen, Rollstuhlfahrern wie sie. Sie hatte die Nase voll von der Versammlungsstelle vor dem Haupteingang, die Rollst\u00fchle um die Therapeutin gruppiert, die Quizfragen stellte und im Sommer dar\u00fcber wachte, da\u00df die hilflosen Greise keinen Sonnenstich bekamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wenige, was ich von ihnen wei\u00df, haben sie \u00fcber Jahre tr\u00f6pfchenweise bei meinen Besuchen erz\u00e4hlt. Sie lebten in der Gegenwart, blickten nicht zur\u00fcck. Es war ihr Alter, das die Anf\u00e4nge manchmal, selten genug, aufblitzen lie\u00df. Ein Leben auf dem Land, in einem Runddorf, sie, das Hin und Her in der Zeit des besetzten Rheinlands, er, die Splitter einer Granate im Krieg, Borkum, all das pr\u00e4sent in der Mainzer Neustadt, einer Wohnung, die sich \u00fcber die Jahre hinweg kaum ver\u00e4ndert hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00e4glich f\u00e4hrt der Vater nach Emden zum Telegrafenamt auf dem Rad hin und zur\u00fcck, manchmal gar mehrfach, da er auch in den Pausen nach Hause zum Tee kommt. Zehn Kilometer sind es bis Emden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie leben zur Miete, auf einem der H\u00f6fe. Bis in den sp\u00e4ten Herbst hinein bl\u00fchen vor dem Hauseingang Hortensien und Rosen. Noch war der Bruder nicht da. Erst zehn Jahre nach ihr, schon auf Borkum, w\u00fcrde er geboren. Die elektrischen Leitungen verliefen am Stra\u00dfenrand zwischen den H\u00e4usern, in H\u00f6he der D\u00e4cher. Ein L\u00f6schteich am Rand des Dorfs speicherte das Wasser f\u00fcr den Fall eines Brands. Flie\u00dfendes Wasser gab es nicht. Zwischen den H\u00f6fen Landarbeiterh\u00e4user. Jenseits der Stra\u00dfe, die am Dorf vorbeif\u00fchrt, die Schule. Ein flaches Geb\u00e4ude, von den anderen H\u00e4usern kaum zu unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Fenster des Busses taucht zun\u00e4chst nur der Kirchturm auf, dunkel und spitz, fern noch, dann, nach einer letzten Biegung der Stra\u00dfe, auch Turm und Windrad der M\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweimal am Tag kam der Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Warfendorf, erbaut \u00fcber aufgesch\u00fctteter Erde, gut einen Kilometer hinter dem Deich, um es vor der Sturmflut zu sch\u00fctzen. Ein Runddorf. H\u00f6fe und H\u00e4user sind in konzentrischen Kreisen um die Kirche errichtet. Alle inneren Stra\u00dfen f\u00fchren um die Kirche und den Friedhof herum, als unangefochtene Mitte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von nahem sieht der Kirchturm aus wie ein Regenschirm. Gro\u00df und schwarz und spitz, auf den Kopf gestellt und zugeklappt. Der filigrane Glockenstuhl darunter, wei\u00df, erinnert an einen Taubenschlag. Die goldene Kugel kr\u00f6nt die Spitze des Turms, dar\u00fcber der goldene Hahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Dach der M\u00fchle geht der Blick \u00fcber D\u00e4cher, \u00fcber Weiden und K\u00fche, auf den Deich in der N\u00e4he, bis auf die Ems, auf die Fahrrinne nach Borkum hinaus. Noch immer mahlt die M\u00fchle das Mehl f\u00fcr das Dorf und die umliegende Gegend. Sind die Felder gepfl\u00fcgt, liegt die tiefdunkle Scholle blo\u00df, fast schwarze, aufgebrochene Erde, speckig gl\u00e4nzend in der Sonne. Rasch wechseln Regen und Sonne. In der N\u00e4he des Dorfs flie\u00dft ein breiter Kanal zwischen den Weiden zur Ems.<\/p>\n\n\n\n<p>Emsstra\u00dfe, das war die Adresse. <em><br \/><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Dorf \u00dcber ihr, leise zirpend wie Grillen, die Telegrafendr\u00e4hte vor einem tiefblauen Himmel. Ein Himmel, durchjagt von den ersten Schwalben im Jahr. 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