{"id":16723,"date":"2024-04-24T06:07:41","date_gmt":"2024-04-24T05:07:41","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16723"},"modified":"2024-06-22T20:21:59","modified_gmt":"2024-06-22T19:21:59","slug":"n-n-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16723","title":{"rendered":"Sechs Gedichte : Alexander Blok in unseren Tagen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ja, als ich die erhabene Flamme der Liebe in mir trug, die aus den immer gleichen einfachen Elementen geschaffen war, aber einen neuen Inhalt, neuen Sinn erhalten hatte, weil die Tr\u00e4ger dieser Liebe Ljubow Dmitrijewna und ich waren &#8211; &#8222;ungew\u00f6hnliche Menschen&#8220; ; als ich jene Liebe in mir trug, von der man auch nach meinem Tode in meinen B\u00fcchern noch lesen wird &#8211; liebte ich es, im armseligen Dorf elegant zu reiten auf einem sch\u00f6nen Pferd; liebte ich es, einen armen Bauern nach dem Weg zu fragen, welchen ich ohnedies wu\u00dfte, um &#8222;vornehm zu tun&#8220;, oder ein h\u00fcbsches Weiblein, da\u00df wir einander fl\u00fcchtig anblitzten mit den wei\u00dfen Z\u00e4hnen, da\u00df es zuckte in der Brust ohne Grund, von nichts, au\u00dfer etwa der Jugend, dem feuchten Nebel, ihrem sonnverbrannten Blick, meiner gestrafften Taille &#8211; und das st\u00f6rte diese erhabene Liebe nicht im mindesten (war es so? Und wenn die sp\u00e4teren Abst\u00fcrze und Wurmstiche von dort herr\u00fchrten?), im Gegenteil &#8211; fachte die Jugend an, die pure Jugend, und mit der Jugend in eins loderte jene erhabene &#8222;a n d e r e&#8220; Flamme auf&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Alexander Blok, Tagebuch, 6. Januar 1919<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>1<\/p>\n\n\n\n<p>Die europ\u00e4ische Unruhe der Jahrhundertwende gewann in Ru\u00dfland ihre einzigartige Radikalit\u00e4t durch die Verlagerung des revolution\u00e4ren Weltzentrums und die Vorboten der Revolution von 1905 bis 1907 und f\u00fchrte in allen K\u00fcnsten zu neuen Entdeckungen. Der Realismus, den Maxim Gorki, Iwan Bunin und Leonid Andrejew schrieben, begann schon in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts die russische und die Weltliteratur un\u00fcbersehbar zu beeinflussen. Zur gleichen Zeit traten Schriftsteller auf, die angesichts der ver\u00e4nderten Weltsituation diese Erneuerung des Realismus mit Skepsis beobachteten und andere Wege suchten &#8211; die russischen Symbolisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der russische Symbolismus war eine Kunst der Synthesen. Die Ver\u00e4nderung, die er in der russischen Kultur bewirkte, ist auf die eigentliche kunstgeschichtliche Phase von 1895 bis 1910 nicht zu beschr\u00e4nken. Andrej Belys &#8222;Petersburg&#8220; und Fjodor Sologubs &#8222;Der kleine D\u00e4mon&#8220; oder Alexej Remisows ornamentale Geschichten in der Prosa, Alexander Blok und Innokenti Annenski in der Lyrik, Wsewolod Meyerhold und Vera Kommissarshewskaja auf dem Theater, das russische Ballett, Michail Wrubel in der Malerei und Alexander Skrjabin in der Musik &#8211; sie alle verursachten Umw\u00e4lzungen, ohne die die sowjetische Kunst undenkbar w\u00e4re und deren Tragweite bis heute erkundet wird. Weit besser als diese Kunst der Synthesen kennen wir die Kunst der Analysen, jene 1910 einsetzende m\u00e4chtige Leidenschaft des Zerlegens und Zerf\u00e4llens, die selbst noch die \u00e4sthetischen Verfahren und Materialien zum Gegenstand ihres Entz\u00fcckens machte. Die Unvermeidlichkeit dieses Sturms der Analyse, den die Vision\u00e4re der Zergliederung entfesselten &#8211; Welimir Chlebnikow, Wladimir Majakowski, Sergej Eisenstein, Sergej Tretjakow, Juri Tynjanow und Juri Olescha: jeder auf seine Art -, begreift man aber nicht, wenn man die Weltsynthesen nicht kennt, die ihm vorausgingen. Die Analysen reagierten n\u00e4mlich kraft neuer revolution\u00e4rer Erfahrungen und Funktionsideale kritisch auf die Welteinheit in den Synthesen der Symbolisten, und es ist kein Wunder, da\u00df sich bei Blok nach 1910 ein deutlicher Wandel im Synthesebegriff vollzieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anstrengungen der russischen Symbolisten richteten sich vor allem gegen ein simples Nacherz\u00e4hlen der Welt, das sich mit der Ausbreitung von echtem Milieu, von tats\u00e4chlichen Zust\u00e4nden und Vorkommnissen begn\u00fcgte. Diese Sicht entsprach freilich in keiner Weise der tats\u00e4chlichen Leistung der neuen Realisten, die den revolution\u00e4ren Umbruch nicht nur sozialkritisch sichteten, sondern sozialp\u00e4dagogisch f\u00f6rderten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Symbolisten suchten nach einer Authentizit\u00e4t kosmischer Art: Der Text sollte im Zusammensto\u00df der Andeutungen, Analogien und Suggestionen den kosmischen Zusammenhang aller Erlebnisse des modernen Menschen herstellen. Ob aber das gewonnene Symbol des Zusammenhangs allein die Vorstellung des einzelnen Bewu\u00dftseins sei oder vielmehr Wiedergabe eines Objektiven, dar\u00fcber ist es im Laufe der f\u00fcnfzehn Jahre mehrfach zum Streit gekommen, denn von dieser Entscheidung hing sowohl die Kunstauffassung wie der Begriff der Weltsynthese ab. Als die Dichter 1910 den Zustand des Symbolismus besprachen, prallten die beiden Auffassungen noch einmal scharf aufeinander. Valeri Brjussow verteidigte den Symbolismus als pure Kunst gegen Wjatscheslaw Iwanow und Alexander Blok, die mit dem Symbolismus \u00fcber Kunst hinausstrebten &#8211; &#8222;andere Welten schauten&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Es konnte so aussehen, als vertrete Brjussow hier die Autonomie der Kunst, w\u00e4hrend seine Gegner, wie er argw\u00f6hnte, sie der Religion unterwerfen wollten. Tats\u00e4chlich hat gerade Brjussow als Dichter, als \u00dcbersetzer, Redakteur und Organisator des Symbolismus f\u00fcr die Emanzipation der Kunst und die Aufnahme der zeitgen\u00f6ssischen westeurop\u00e4ischen K\u00fcnste, besonders des franz\u00f6sischen Symbolismus, so viel getan, da\u00df ihn Nikolai Gumiljow schon 1910 den Peter den Gro\u00dfen der russischen Kultur nennen durfte. Aber eigentlich ist es doch nicht darum gegangen. Das entscheidende Problem des Streits war das Verh\u00e4ltnis von Kunst und Dichterleben. War die Weltsynthese Kunst oder Leben? Blok 1910: &#8222;Ich stehe vor der Sch\u00f6pfung meiner Kunst und wei\u00df nicht, was ich tun soll. Anders gesagt: was ich mit diesen Welten tun soll, was ich auch mit dem eigenen Leben tun soll, das von nun an Kunst geworden ist, denn seine Sch\u00f6pfung <em>lebt <\/em>neben mir &#8211; nicht lebendig, nicht tot, eine blaue Vision. Klar sehe ich das Wetterleuchten zwischen den Brauen der Wolken des Bacchus (Eros von Wjatscheslaw Iwanow), klar unterscheide ich die Perlmutter der Fl\u00fcgel (Wrubel &#8211; Der D\u00e4mon, Die Schwanenprinzessin) oder h\u00f6re das Rascheln der Seide (Die Unbekannte). Doch all das ist Vision.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser Lage der Dinge erheben sich die Fragen nach dem Fluch der Kunst, nach der R\u00fcckkehr zum Leben, nach dem gesellschaftlichen Dienen, nach der Kirche, nach Volk und Intelligenz. Das ist eine ganz und gar nat\u00fcrliche Erscheinung, die freilich dem Symbolismus innewohnt, denn es ist die Suche nach dem verlorenen goldenen Schwert, das das Chaos aufs neue durchbohrt, die tosenden violetten Welten ordnet und bes\u00e4nftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wert dieses Suchens liegt darin, da\u00df es die <em>Objektivit\u00e4t und Realit\u00e4t <\/em>jener Welten augenf\u00e4llig macht ; hier best\u00e4tigt sich, da\u00df all die Welten, die wir besuchten, und all die Geschehnisse, die sich darin abspielten, keineswegs unsere Vorstellungen sind, das hei\u00dft, da\u00df die These und Antithese bei weitem nicht nur von pers\u00f6nlicher Bedeutung sind.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Bloks Weltsynthesen geh\u00f6ren hier sicher zu den bemerkenswertesten und gef\u00e4hrdetsten: Sie sind ausschlie\u00dflich das Werk eines Lyrikers. W\u00e4hrend alle anderen Symbolisten immer wieder gelehrte Texte schrieben (manchmal beachtlichen Umfangs wie Brjussows Puschkin-Studien, Iwanows Dionysos-Abhandlung, Belys Gogol-Monographie oder Mereshkowskis Tolstoi- und Dostojewski-Darstellungen), blieb Blok Lyriker, was er auch unternahm. Seine Dramen, seine Prosa, seine Briefe, selbst seine Darstellung \u00fcber die letzten Tage des Zarenreichs sind die eines Lyrikers, und der Versuch, ein erz\u00e4hlendes Poem mit Milieu und Fabel zu schreiben, blieb ein Fragment. In seiner Prosa &#8222;Kunst und Zeitung&#8220; ist nachzulesen, wie er vom Dichter fordert, in der Sprache der Poesie auch f\u00fcr die Zeitung zu schreiben. Und Wjatscheslaw Iwanow meinte diese Leistung des Lyrikers, als er im Januar 1921 von Blok sagte: &#8222;Im Umgang ist seine Rede so einfach, scheinbar bringt er keine zwei Worte zusammen, aber in seinen Gedichten wei\u00df er intuitiv Sachen von dir, so intime Erlebnisse, die kein anderer wei\u00df.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Skepsis, die tiefe Abneigung, welche Blok in immer neuen Anf\u00e4llen gegen das Lyrische hegte, zeigt, wie bewu\u00dft er sich der Gefahren war. Da\u00df Blok bis zum Schlu\u00df so gro\u00dfen Wert auf die Zyklisierung seines gesamten Werkes legte, von kleinen Einheiten bis zur Trilogie, und viele Male Gro\u00dfformen ins Auge fa\u00dfte, &#8222;Nachtigallengarten&#8220;, &#8222;Vergeltung&#8220; oder &#8222;Rose und Kreuz&#8220;, h\u00e4ngt mit der Suche nach b\u00fcndigen Strukturen f\u00fcr Taumel und Gewalt des Lyrischen zusammen. Aber diese vollkommene \u00dcbertragung der Menschheitskultur in die Sprache des Gedichts verlieh Bloks Poesie die Bezauberung. Man k\u00f6nnte von Blok sagen, schrieb Ossip Mandelstam 1922, er sei der Dichter der &#8222;Unbekannten&#8220; und der russischen Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht da\u00df die &#8222;Unbekannte&#8220; und die &#8222;Sch\u00f6ne Dame&#8220; Symbole der russischen Kultur seien, &#8222;aber das gleiche Verlangen nach Kult, das hei\u00dft nach einer zweckvollen Entladung poetischer Energie, leitete sein Schaffen im Thematischen und geno\u00df ihren h\u00f6chsten Augenblick im Dienst an der russischen Kultur und der Revolution&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Blok hielt die Last seiner Weltsynthesen &#8222;im Schweben von Bagatellen&#8220;, wie es im Juni 1909 in einem seiner italienischen Gedichte steht:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kunst &#8211; Last, auszutragen, die die Schultern dr\u00fcckt.<br \/>Und doch &#8211; wie halten wir, die Dichter, uns im Schweben<br \/>Von Bagatellen, die das Leben tauscht, entz\u00fcckt.<br \/>Wie s\u00fc\u00df, dem freien Nichts der Zeit sich hinzugeben<br \/>Mit Nichtstun, sp\u00fcrn im Leib das Blut<br \/>Singend wenden,<br \/>Sich &#8211; hinter einem Federw\u00f6lkchen &#8211; Glut,<br \/>Die rote Lieb, erhaschen mit den H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Glut erhaschen mit den H\u00e4nden: Der Dichter befreie die Kl\u00e4nge aus dem Chaos, f\u00fcge zur Harmonie und trage diese Harmonie in die Welt. Bloks st\u00e4ndige Sorge ist das Tagebuch seines Weges, die Trilogie der Vermenschlichung, wie er seine drei B\u00fccher Gedichte nennt, deren Abteilungen und Texte er viele Male umstellte und \u00e4nderte. Die peinlich genaue Datierung und wechselnde Anordnung baut eine ausgedehnte, an Gegenden reiche Welt voll Wahnsinn und Vergessen, voll Heiterkeit und heimlicher Freiheit &#8211; seine Weltsynthese: von einem Augenblick \u00fcberhellen Lichts durch den unumg\u00e4nglichen Sumpfwald zu Verzweiflung, Verdammnis, &#8222;Vergeltung&#8220; und zur Geburt eines &#8222;gesellschaftlichen&#8220; Menschen, eines K\u00fcnstlers, der der Welt mutig ins Auge sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Entscheidend war die Vorstellung von der Zeit. Die Trilogie der Vermenschlichung meint kein Nacheinander, und die Ansiedlung der Gedichte in der Kalenderzeit bekr\u00e4ftigt nur deren Entmachtung. Die Poesie vertilge die Kalenderzeit, die etwa technische Fortschritte einander abl\u00f6sen l\u00e4\u00dft. Poesie folge jener anderen Zeit, die Blok die musikalische nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalische Zeit meint &#8211; in gr\u00f6\u00dferen Zeitr\u00e4umen empfinden, denken, leben: Die Catilinischen Verschw\u00f6rungen im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung sind eine Seite in der Geschichte der Weltrevolution, und der Sieg \u00fcber die Tartaren in der Schlacht auf dem Kulikowo-Felde am 7. und 8. September 1380 ist ein Ereignis in der russischen Volksseele von heute. Musikalische Zeit meint &#8211; Tatsachen aus allen Lebensbereichen, die dem Dichter in einem bestimmten Augenblick zug\u00e4nglich sind, zueinanderordnen: Alle zusammen schaffen immer einen einheitlichen musikalischen Sto\u00df. Musikalische Zeit meint &#8211; Leben jenseits des eingetretenen Kalendertags. Nicht in der Vernachl\u00e4ssigung des unansehnlichen Alltags vor dem strahlenden Feiertag der Zukunft. Sondern die Empfindungen ausbildend f\u00fcr jeden kommenden Umbruch in Stimmung, Haltung, Lebensart.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier f\u00fcr ein Jahr oder Jahrtausende gilt, galt Block ebenso f\u00fcr jeden Tag und f\u00fcr die Welt \u00fcberhaupt. Es war die Einheit der Welt, die er auf seine Weise beschrieb &#8211; wie hier 1921 in der Puschkin-Rede &#8222;Von der Bestimmung des Dichters&#8220;: &#8222;In den bodenlosen Tiefen des Geistes, wo der Mensch aufh\u00f6rt, Mensch zu sein, in Tiefen, die den Gesch\u00f6pfen der Zivilisation &#8211; dem Staat und der Gesellschaft &#8211; unzug\u00e4nglich sind, schweben Klangwellen, die gleich den das ganze Weltall umfangenden \u00c4therwellen sind, dort kommt es zu rhythmischen Schwankungen, \u00e4hnlich jenen Prozessen, die Gebirge, Winde, Meeresstr\u00f6mungen, Pflanzen und Tiere hervorbringen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Musik als Urgrund der Welt und Lyrik als unmittelbar abh\u00e4ngig vom Geist der Musik zu sehen war im Ru\u00dfland des beginnenden 20. Jahrhunderts ohne Friedrich Nietzsches &#8222;Die Geburt der Trag\u00f6die aus dem Geiste der Musik&#8220; und ohne Richard Wagners Musik nicht denkbar. Blok hat das 1900 russisch erschienene Buch des deutschen Philosophen 1906 gelesen und lange Passagen mit Genugtuung herausgeschrieben. In seinem Aufsatz &#8222;Die Dichtung der Beschw\u00f6rungen und Zauberspr\u00fcche&#8220; von 1906 zitiert Blok als Bekr\u00e4ftigung seines fr\u00fchen Synthesebegriffs, der Auffassung von der Ungeschiedenheit von Wort und Tat in der Beschw\u00f6rungsorgie, aus Nietzsches &#8222;Fr\u00f6hlicher Wissenschaft&#8220; den Satz, der die bannende Macht des Rhythmus in der Mythologie erl\u00e4utert: &#8222;&#8230; ohne den Vers war man Nichts, durch den Vers wurde man beinahe ein Gott.&#8220; Der Kontext bei Nietzsche ist allerdings eher abf\u00e4llig. Er f\u00e4hrt fort: &#8222;Ein solches Grundgef\u00fchl l\u00e4\u00dft sich nicht mehr v\u00f6llig ausrotten &#8211; und noch jetzt, nach jahrtausendealter Arbeit in der Bek\u00e4mpfung solchen Aberglaubens, wird auch der Weiseste von uns gelegentlich zum Narren des Rhythmus &#8230;&#8220; Bloks Nietzsche- und Wagnerbild sind genausowenig bekannt wie seine Beziehung zur deutschen Romantik, etwa Novalis &#8211; feststeht aber, da\u00df er die beiden Freund-Feinde mit Ibsen und Strindberg als Kronzeugen f\u00fcr seine Ansicht anrief, da\u00df der deutsche und der skandinavische Geist neben dem russischen Geist die gr\u00f6\u00dften Opfer im Kampf mit den Gegnern der Elementarkr\u00e4fte gebracht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Oktoberrevolution, die Blok, seinen Weltsynthesen entsprechend, als Teil eines Jahrtausendereignisses &#8211; des Anbruchs einer neuen Menschheitszeit &#8211; nicht mit der Franz\u00f6sischen Revolution, sondern mit den Anf\u00e4ngen des Christentums verglich, ermunterte ihn, Ahnungen und Gewi\u00dfheiten deutlicher auszusprechen, von denen seine Trilogie der Vermenschlichung l\u00e4ngst getragen gewesen war und die Blok in einem neuen Augenblick \u00fcberhellen Lichts 1918 in die &#8222;Zw\u00f6lf&#8220; geschrieben hat, sein sowohl offenstes wie verschlossenstes Gedicht. Bloks nachrevolution\u00e4re lyrische Prosa befragte die Synthese der &#8222;Zw\u00f6lf&#8220;, versuchte eine R\u00fcckann\u00e4herung, die Wiedergewinnung der nur kurz behaupteten (ertragenen?) H\u00f6he. Sie entwarf mit der musikalischen Zeit in der Geschichte, mit dem Vergeltungsdenken, mit dem Zusammenbruch des Humanismus und seiner Abl\u00f6sung durch die Welt des K\u00fcnstlermenschen die Aussicht einer artistischen Sensibilisierung f\u00fcr die wirklichen Vorg\u00e4nge in der Welt, die der neuen Menschheitszeit entsprechen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>2<\/p>\n\n\n\n<p>Bloks unmittelbar anschauendes Weltverh\u00e4ltnis meidet alle vereinzelnden Zug\u00e4nge zur Welt, um mit einemmal den Blick auf das Ganze, die Empfindung des Ganzen, das Symbol des Ganzen zu gewinnen &#8211; den Geist der Musik, die rhythmischen Schwankungen in der Tiefe. So sind seine Gewi\u00dfheiten zu verstehen: &#8222;In unseren Herzen hat der Seismographenzeiger bereits ausgeschlagen&#8220; (1908). &#8222;Mit jeder Faser des K\u00f6rpers und des Herzens, mit dem ganzen Bewu\u00dftsein h\u00f6rt die Revolution&#8220; (1918).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gleichgewicht von Geistigkeit und K\u00f6rperlichkeit hielt Blok f\u00fcr die Grundvoraussetzung des Lebens in der neuen Zeit. Die Kr\u00e4ftigung des Leibes sah er in einem Wechselverh\u00e4ltnis zur Kr\u00e4ftigung der poetischen Strukturen. 1910 und 1911, als er an dem Poem &#8222;Vergeltung&#8220; arbeitete, waren &#8222;musikalisches und Muskelbewu\u00dftsein&#8220; eins. Wie bei st\u00e4ndiger Handarbeit eine rhythmische Ausbildung der Muskeln an den Armen, dann auf der Brust und auf dem R\u00fccken erfolge, so sollte der Rhythmus des Poems entstehen. Der Verlust des physischen und geistigen Gleichgewichts beraube einen unweigerlich des musikalischen Geh\u00f6rs, der F\u00e4higkeit, aus der Kalenderzeit, dem \u00fcber die Welt nichts aussagenden Gang der historischen Tage und Jahre auszubrechen und in jene andere, nicht me\u00dfbare Zeit vorzudringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausbruch aus der Kalenderzeit erscheint in Bloks Dichtung als das Wagnis und die Aufgabe der angebrochenen Menschheitszeit. Kalenderzeit war f\u00fcr Blok die chronologisch vereinzelnde Folge der Ereignisse, das Gen\u00fcgen am Tage, die Welt ohne ihren kosmischen Zusammenhang. Kalenderzeit war f\u00fcr Blok ein positivistisches Aufh\u00e4ufen von Details, aus dem er in die musikalische Zeit der Geschichtlichkeit ausbrechen mu\u00dfte. Der Dichter dringe in die musikalische Zeit vor, indem er das Gef\u00fchl f\u00fcr seinen Weg ausbilde. Im Februar 1909, wenige Monate bevor in Italien das Gedicht &#8222;Die Kunst &#8211; Last auszutragen&#8220; entstand, beschrieb Blok in seiner Prosa &#8222;Die Seele des Schriftstellers&#8220; den Zusammenhang von Weg und Zeit in seiner Kunst:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nur wenn solch ein Weg erkennbar ist, l\u00e4\u00dft sich der &#8218;Takt&#8216; des Schriftstellers, sein <em>Rhythmus <\/em>bestimmen. Nichts ist gef\u00e4hrlicher als der Verlust dieses Rhythmus. Die fortw\u00e4hrende Anspannung des inneren Geh\u00f6rs, das Lauschen auf eine wie aus der Ferne vor\u00fcberklingende Musik ist eine unerl\u00e4\u00dfliche Voraussetzung f\u00fcr das Dasein des Schriftstellers. Nur wer die Musik des fernen &#8218;Orchesters&#8216; (und das ist eben das &#8218;Weltorchester&#8216; der Volksseele) vernimmt, kann sich ein leichtes &#8218;Spiel&#8216; erlauben.&#8220; Blok meinte damit besonders die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Beschleunigung und Verk\u00fcrzung in der Geschichte. 1910 betonte er, da\u00df die Russen in den vergangenen zehn Jahren mehr durchgemacht h\u00e4tten als andere in hundert Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Blok hier aussprach, war schon die Erfahrung aus seiner Trilogie der Vermenschlichung. Wer sich dem &#8222;&#8218;Weltorchester&#8216; der Volksseele&#8220; stellt, kennt weder Zuflucht noch Geborgenheit. Das &#8222;leichte &#8218;Spiel'&#8220; war von der Art, die Blok im Gedicht &#8222;O dies Spiel&#8220; vom 18. Dezember 1913 vortrug: Der Dichter als der ewig Erblickte, der nicht wei\u00df, wessen Blick ihn trifft. Dies die vierte und sechste der neun Strophen:<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts qu\u00e4lt schlimmer als dies Ungef\u00e4hr!<br \/>O das Graun des Blicks, den man nicht f\u00e4ngt,<br \/>Der uns schamlos einkreist und bedr\u00e4ngt:<br \/>Doch wer ists, der uns belauert, wer?<br \/>&#8230;<br \/>Dieser Blick, ob b\u00f6s, ob gut gesinnt &#8211;<br \/>Besser w\u00e4rs, er n\u00e4hm uns nie zum Ziel!<br \/>Zu viel fremde Kraft, die in uns spinnt,<br \/>Unerforschter Energien Spiel&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Blocks Ausbruch aus der Kalenderzeit befestigte in der russischen Literatur einen Begriff von Zeitgenossenschaft, der die Stunde des Dichters immer als die Stunde Ru\u00dflands und die Stunde der Menschheit nahm. Blok liebte es, sich mit etwas so Unfa\u00dfbarem wie der Atmosph\u00e4re der Epochen &#8211; &#8222;Unerforschter Atmosph\u00e4ren Spiel&#8230;&#8220; &#8211; zu befassen, weil er selber die Atmosph\u00e4re seiner Epoche so stark empfand. Denn was waren ihm seine Dichtungen anderes als das Ausschlagen des Seismographenzeigers in einer Epoche der St\u00fcrme und Katastrophen. Je sensibler ein Dichter sei, hie\u00df es in der Catilina-Prosa, um so unzertrennter empfinde er Eigenes und Nicht-Eigenes. Daher seien die zartesten und intimsten Sehns\u00fcchte der Seele des Dichters in Zeiten der St\u00fcrme und Katastrophen \u00fcbervoll von Sturm und Katastrophe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Vordringen in die musikalische Zeit befreit den Dichter aus dem Wust des aktuell Tats\u00e4chlichen, das die wirklichen Vorg\u00e4nge verdeckt. Gegenstand bleiben die Sehns\u00fcchte und Ersch\u00fctterungen der Seele oder, wie Blok in seiner Wagner-Prosa schrieb, &#8222;das rettende Gift der sch\u00f6pferischen Widerspr\u00fcche&#8220;. Die bedeutendste \u00c4u\u00dferung \u00fcber die Catilinischen Verschw\u00f6rungen als ein Zeichen f\u00fcr den Zusammenbruch einer Epoche fand Blok daher auch in dem Gedicht Catulls &#8222;Attis&#8220;, dessen Gelegenheit in nichts an die aktuellen geschichtlichen Vorkommnisse erinnert, das aber in den Galliamben, dem Versma\u00df der rasenden Orgient\u00e4nze, den ungleichm\u00e4\u00dfigen, hastigen Schritt des Verdammten, den Schritt des Revolution\u00e4rs, des r\u00f6mischen &#8222;Bolschewiken&#8220;, in dem der Sturm des Zorns klingt, \u00fcberdeutlich zu erkennen gebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Betonung liegt nicht auf der Parallele von Catilina und Catull, sondern auf der Ank\u00fcndigung des Sturms in Tat und Gedicht. Nur so auch sind Bloks Dichtungen zu verstehen. \u00dcbervoll von Sturm und Katastrophe, sind sie nicht Zeugnisse eingetretener Revolutionen, sondern Zeugnisse der ungeheuren sch\u00f6pferischen Widerspr\u00fcche einer neuen Zeit, welche sie in ihren Anf\u00e4ngen noch kaum zu benennen wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser unerschrockenen Annahme und dem offenen Austrag des Kampfs der Gegens\u00e4tze in seiner Dichtung wurde Blok auch f\u00fcr sowjetische Dichter bestimmend, die seiner Poetik nicht folgten. F\u00fcr Ossip Mandelstam, der ihn einen Mann des 19. Jahrhunderts nannte, aber seine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die unterirdische Musik der russischen Geschichte als einzigartig pries. F\u00fcr Anna Achmatowa, die seine symbolistische &#8222;Sternenarmatur&#8220; nicht mochte, aber ihn als &#8222;Tschelowek-Epocha&#8220; bezeichnete. F\u00fcr Boris Pasternak, der die romantische Vorstellung vom Dichterleben verwarf, in dessen R\u00fcckschau auf die Revolution nach vierzig Jahren aber un\u00fcberh\u00f6rbar Bloksche T\u00f6ne klingen: &#8222;In diesem bedeutsamen Sommer 1917, zwischen den beiden Daten der Revolution, schien es, als versammelten sich und redeten auf den Meetings auch B\u00e4ume, Wege und Sterne. Die Luft schien kilometerweit erf\u00fcllt von flammender Inspiration, sie schien Pers\u00f6nlichkeit geworden, beim Namen zu nennen, beseelt und sehend.&#8220; Aber ebenso f\u00fcr die Prosa, f\u00fcr Isaak Babel, Michail Bulgakow, Andrej Platonow und Maxim Gorki, dessen nachrevolution\u00e4re Prosa ohne die Auseinandersetzung mit Blok, Bely und Sologub nicht denkbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sie mit Blok verbindet, sind ihre Vorstellungen von Zeit und Kunst, ihre neuen Weltsynthesen, deren Voraussetzungen Ossip Mandelstam in der Woronesher Zeit mit einer Gefahrenwarnung benennt: &#8222;Wenn ein Schriftsteller es f\u00fcr seine Pflicht h\u00e4lt, koste es, was es wolle, &#8218;das Leben tragisch zu sagen&#8216;, aber auf seiner Palette keine tiefen kontrastierenden Farben besitzt, und vor allem das Gef\u00fchl f\u00fcr das Gesetz nicht hat, nach dem das Tragische, auf welch kleinem Abschnitt es immer entstehe, sich unweigerlich in ein <em>allgemeines <\/em>Bild der Welt einf\u00fcgt &#8211; bringt er nur &#8218;Halbfabrikate&#8216; von Schrecken und Borniertheit hervor, Rohmaterial, das Ekel erregt und bei der wohlmeinenden Kritik den z\u00e4rtlichen Namen &#8218;Milieu&#8216; tr\u00e4gt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>3<\/p>\n\n\n\n<p>Bloks Revolutionsverst\u00e4ndnis war an sein Vergeltungsdenken gebunden. Weder seine bedingungslose Annahme des Oktober noch seine sp\u00e4tere Klage \u00fcber das Verstummen der Musik der Revolution sind au\u00dferhalb dieses Zusammenhangs zu begreifen. Soziales Verhalten, geistige Produktivit\u00e4t, sch\u00f6pferische Widerspr\u00fcche leiteten sich f\u00fcr ihn nie aus \u00f6konomischen Besitzverh\u00e4ltnissen und politischen Entscheidungen her. Blok verstand die Revolution als verdiente Vergeltung f\u00fcr die sozialen S\u00fcnden der Vergangenheit und verteidigte sie gegen die sklavischen \u00c4ngste, gegen den Kr\u00e4merstil der russischen Intelligenz. Er schlo\u00df aber, Alexander Herzen folgend, die Bourgeoisie aus dieser historischen Kette aus. Weder durch liberalen Humanismus noch Sentiments, noch politische \u00d6konomie d\u00fcrfe das hohe, kalte und zornige Wissen um die soziale Ungleichheit erniedrigt werden. Der Bourgeois wird als unsch\u00f6pferisch verteufelt. Die realgeschichtlichen Beziehungen zwischen Bourgeoisie und Proletariat spielen f\u00fcr Blok keine Rolle. Die Bolschewiki waren f\u00fcr ihn eine Zeitlang etwas viel Gr\u00f6\u00dferes als eine politische Partei, und Lenin akzeptierte er nicht als Marxisten sondern als einen russischen Revolution\u00e4r, der das Verm\u00e4chtnis Bakunins und der russischen Bauernaufst\u00e4nde vollstreckte. In einem Brief vom Februar 1909 hat Blok die Kr\u00e4fte benannt, die seiner Meinung nach mit Elementargewalt zur Revolution dr\u00e4ngen:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der gegenw\u00e4rtige russische Staatsapparat ist nat\u00fcrlich mieses, geiferndes, stinkendes Alter, ein siebzigj\u00e4hriger Syphilitiker, der mit einem H\u00e4ndedruck die gesunde J\u00fcnglingshand infiziert. Die russische Revolution ist in ihren besten Vertretern &#8211; Jugend mit einem Nimbus rings um das Gesicht. Auch wenn sie noch nicht ausgereift ist, auch wenn sie oft knabenhaft unweise ist &#8211; morgen ist sie erwachsen. Das ist doch klar wie der helle Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Fragmenten russischer Literatur von Puschkin und Gogol bis Tolstoi, in den Seufzern der gemarterten russischen Demokraten des 19. Jahrhunderts, in den hellen und unbestechlichen, den <em>nur vor\u00fcbergehend getr\u00fcbten <\/em>Blicken der russischen Bauern ist uns eine gewaltige (nur noch nicht in den eisernen Ring des Gedankens gefa\u00dfte) <em>Konzeption <\/em>eines lebendigen, m\u00e4chtigen und jungen Ru\u00dflands vermacht. Wenn irgendwo diese Verm\u00e4chtnisse aufbewahrt werden, dann nat\u00fcrlich nicht in den Herzen der &#8218;Realpolitiker&#8216; (selbst nicht der realsten und lebendigsten von ihnen &#8211; der Kadetten), nicht im stolypinschen, nicht im romanowschen &#8211; sondern in jenen Herzen nur, die beunruhigt und ge\u00f6ffnet sind, in den Gedanken, die diese Konzeption in sich aufnehmen wie frische Luft. Wenn etwas lebenswert ist, dann das. Und wo ein solches Ru\u00dfland &#8218;heranreift&#8216;, dann nat\u00fcrlich &#8211; nur im Herzen der russischen Revolution im weitesten Sinn, einschlie\u00dfend die russische Literatur, Wissenschaft und Philosophie, den jungen Bauern, der sich zur\u00fcckhaltend Gedanken macht &#8218;immer \u00fcber das gleiche&#8216;, und den jungen Revolution\u00e4r mit dem vor Wahrheit strahlenden Gesicht, und \u00fcberhaupt alles Unangepa\u00dfte, Zur\u00fcckgehaltene, Gewittrige, mit Elektrizit\u00e4t \u00dcbers\u00e4ttigte. Diesem Gewitter h\u00e4lt kein Blitzableiter stand.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht da\u00df die beschleunigten Kapitalisierungsprozesse in Ru\u00dfland Blok verborgen geblieben oder von ihm geringgesch\u00e4tzt worden w\u00e4ren. Es gibt Versuche, sich diesen Vorst\u00f6\u00dfen zu einem &#8222;Neuen Amerika&#8220;, wie ein Gedicht aus dem Jahr 1913 hei\u00dft, zu stellen. So gewi\u00df er aber den reinigenden Sturm die Welt des Schreckens und der Totent\u00e4nze hinwegfegen sah, so ungewi\u00df blieb ihm das Kommende. Im Prolog zum Poem &#8222;Vergeltung&#8220;, an dem er seit dem Tod des Vaters 1910 bis zu seinem Tod 1921 mit langen Unterbrechungen arbeitete, stehen die Verse:<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Europa rei\u00dft ein Vieh<br \/>Von Gier gequ\u00e4lt auf seinen Rachen.<br \/>Wer wird ihn t\u00f6ten, diesen Drachen?<br \/>Wir wissens nicht. Wie eh und nie<br \/>H\u00fclln unsre Grenzen sich in Dunst.<br \/>Was jenseits liegt &#8211; wir sehn es nicht,<br \/>Wir sp\u00fcrn nur, da\u00df es brandig riecht &#8211;<br \/>Dort w\u00fctet eine Feuersbrunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df dieser Drachen der Erstarrung und des Widergeists auch durch die &#8222;Wiedergeburt Ru\u00dflands durch die Fabrik&#8220; besiegt werden k\u00f6nnte, hat Blok in einem Drama zu fassen versucht, \u00fcber das er zwischen 1913 und 1916 nachdachte. Fertig geworden ist es nicht, und es werde, meinte Blok schlie\u00dflich, einem anderen zur Vollendung aufgetragen &#8211; &#8222;keinem Liberalen und keinem Konservativen, sondern einem Ruhelosen wie ich&#8220;. Es seien daf\u00fcr noch mehrere, auch historische Anl\u00e4ufe n\u00f6tig. Geschrieben haben es vielleicht Wladimir Majakowski in &#8222;Wladimir Iljitsch Lenin&#8220; und Andrej Platonow in seinen gro\u00dfen Geschichten und Romanen von den prometheischen Meistern, von den K\u00fcnstlern auf ihren Lokomotiven und in den W\u00fcsten der drei\u00dfiger Jahre. War es doch Blok bei dieser Wiedergeburt um die Erneuerung der Art gegangen, die sowohl die D\u00e4monisierung des Subjekts als auch seine Verfl\u00fcchtigung in der Funktionalit\u00e4t hinter sich l\u00e4\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der \u00dcberwindung des D\u00e4monismus hat sich Blok sein Leben lang herumgeschlagen. Am qu\u00e4lendsten in seinem Poem &#8222;Vergeltung&#8220;: &#8222;In Katastrophen und St\u00fcrzen befreien sich meine &#8218;Rougon-Macquarts&#8216; allm\u00e4hlich aus der russisch-adligen \u00e9ducation sentimentale, &#8218;Aus Kohle wurde Diamant&#8216;, Ru\u00dfland zu einem neuen Amerika; zu einem neuen, nicht zu dem alten Amerika.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein aufbegehrendes und j\u00e4h hinst\u00fcrzendes russisches Geschlecht sollte von den siebziger Jahren des alten Jahrhunderts bis in die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts verfolgt werden. Blok wollte zeigen, wie der Aufruhr in der ersten Generation entkr\u00e4ftet ist durch den letzten Abglanz von Skepsis und Weltschmerz eines epigonalen Byronismus, aber ebenso durch die ersten Anzeichen der Erm\u00fcdung des nahenden Fin de si\u00e8cle. In der zweiten Generation wird der Aufruhr ged\u00e4mpft durch die Empfindungsstumpfheit des Sohnes des neuen Jahrhunderts. Und erst in der dritten Generation, die aus der Verbindung des Sohns des &#8222;D\u00e4mons&#8220; mit der Tochter eines fremden Volkes, des polnischen, hervorgeht, werde das Neue sichtbar auf seine Umgebung einwirken k\u00f6nnen. So beginne das Geschlecht, das die Vergeltung der Geschichte, des Milieus, der Epoche an sich erfuhr, seinerseits Vergeltung zu \u00fcben. Der neue Spro\u00df schaffe es vielleicht, in das Rad der Menschheitsgeschichte zu greifen. Leitmotiv der Vergeltung solle die Mazurka sein, der Tanz, der f\u00fcr Blok die alten K\u00e4mpfe zwischen Ru\u00dfland und Polen begleitete. Im Poem sollte die Mazurka anfangs leicht aus einem Petersburger Fenster erklingen, dann auf einem Ball sich mit dem Sporengeklirr der Offiziere mischen und endlich hinausdringen auf die polnischen Felder, \u00fcber das n\u00e4chtliche Warschau, in den Schneesturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erneuerung der Art &#8211; &#8222;Aus Kohle wurde Diamant&#8220; &#8211; sah Blok nicht als ein allm\u00e4hliches Fortschreiten. Gerade dem Zorn gegen die naiven Fortschrittstheorien verdankte das seinem Material nach autobiographische Poem die weiterreichende poetische Idee. In seinem Vorwort von 1919 deutete Blok die Situation an, in der der Plan f\u00fcr die Dichtung entstanden war. Es handelt sich um die Jahre 1910 und 1911. 1910 starben russische K\u00fcnstler, die f\u00fcr Blok Entscheidendes bedeutet hatten. Mit Vera Kommissarshewskaja starb f\u00fcr Blok der lyrische Ton auf dem Theater. Mit Wrubel die Uners\u00e4ttlichkeit des Suchens bis zum Wahnsinn. Mit Tolstoi die menschliche Z\u00e4rtlichkeit, die weise Menschlichkeit. 1910: Krise des Symbolismus, Aufkommen der neuen Richtungen &#8211; Ego-Fururismus, Akmeismus, Kubo-Futurismus. 1911: die gro\u00dfen Eisenbahnerstreiks in London, &#8222;Panthersprung&#8220; nach Agadir, hei\u00dfer Sommer, der das Gras bis in die Wurzeln verdorren lie\u00df, Interesse f\u00fcr Ringkampf, t\u00f6dliche Fl\u00fcge, schlie\u00dflich im Herbst die Ermordung des Innenministers und Ministerpr\u00e4sidenten Pjotr Stolypin, die das Land, das sich bislang noch halb in den H\u00e4nden des Adels und der Beamten befunden hatte, endg\u00fcltig unter die Herrschaft der Polizei brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle diese Tatsachen aus unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit h\u00e4tten, so Blok, jenen einheitlichen musikalischen Sinn, den er immer wieder aufzufinden suchte. Allerdings bezeichnet die Arbeit an dem nie vollendeten Poem auch einen wichtigen Einschnitt in Bloks Vorstellungen von der Einheit der Welt. Wenn er in den Jahren vor und nach der Revolution von 1905 bis 1907 seinen Weltsynthesen das mystische Ineinsgehen aller Erscheinungen zugrunde legte, so datiert ab 1910 ein verst\u00e4rktes &#8222;Bewu\u00dftsein der Ungeteiltheit und Unvereintheit von Kunst, Leben und Politik&#8220;. Der Unterschied ist gravierend. Wort und Tat fallen nicht mehr ununterscheidbar zusammen. Die 1906 durch die Nietzsche-Lekt\u00fcre gest\u00fctzte Vorstellung von der Dichtung als Beschw\u00f6rungsorgie wird distanzierter betrachtet. Eigengesetzlichkeit der einzelnen Bereiche und Unendlichkeit der \u00dcberg\u00e4nge bedingen einander. Synthese so begriffen hei\u00dft: Der unendliche Proze\u00df der Vereinigung und inneren Durchdringung vernichtet nicht die Gegens\u00e4tzlichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Revolution Vergeltung war, dann offenbarte sich das Sch\u00f6pfertum der Massen in der Zerst\u00f6rung. So sah es Blok. Niemand aus seinem Kreis hat mit dieser Unerschrockenheit die Vernichtung der alten Welt selbst in den Grimassen der Revolution angenommen wie Blok. Die Musik der Revolution erklang f\u00fcr ihn im Krachen des Zusammenbruchs. Die Mazurka der &#8222;Vergeltung&#8220; schlug um in die Lieder der proletarischen K\u00e4mpfe, die im Poem &#8222;Die Zw\u00f6lf&#8220; abgerissen durch den Schneesturm klingen. Nat\u00fcrlich entging ihm auch die Arbeitsseite der Revolution nicht. Aber dies seiner Dichtung zugrunde zu legen, erwies sich als unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Februar 1920 bezeichnete er noch einmal den Augenblick. In jeder Bewegung komme es zu einer Minute der Verz\u00f6gerung, einer Minute der Besinnung, der Erm\u00fcdung, des Verlassenseins vom Geist der Musik. In der Revolution, wo nichtmenschliche Kr\u00e4fte wirken, sei das eine besondere Minute. Die Zerst\u00f6rung ist noch nicht abgeschlossen, geht aber schon zur\u00fcck. Der Aufbau hat noch nicht begonnen. 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