{"id":16608,"date":"2024-02-19T10:01:05","date_gmt":"2024-02-19T09:01:05","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16608"},"modified":"2024-02-24T21:25:10","modified_gmt":"2024-02-24T20:25:10","slug":"r","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16608","title":{"rendered":"Roman"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun geht es um die Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte der russischen Literatur ist dadurch interessant, dass es im 19. Jahrhundert um die Fragen ging, die englische, franz\u00f6sische und dann auch deutsche Literatur im 18. Jahrhundert gestellt hatten. Deren Beantwortung war im 19. Jahrhundert in einer Richtung erfolgt, zun\u00e4chst vorsichtig beginnend, in der zweiten H\u00e4fte dann in voller Brutalit\u00e4t des Fortschritts von Industrialisierung, die wir heute alle kennen: N o   F u t u r e. <em>Les Fleurs du Mal<\/em>. Oder eben &#8222;Gott ist tot&#8220;, wenn nicht noch st\u00e4rker stilisiert in der Richtung, die den Weg in den ersten gro\u00dfen Krieg 1914-18 im Voraus bestimmte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wahrscheinlich war die russische Literatur im Jahre 1920 jener Zauberberg, den es schon gar nicht mehr gab. Daran \u00e4ndert auch nichts, was folgte, ob Mackie Messer oder Galileo Galilei, die Strahlungen nach den Stahlgewittern oder gar die allgegenw\u00e4rtigen Rituale, vom H\u00e4uten der Zwiebel bis zum allj\u00e4hrlichen Verteilen der Zinsen aus den Dynamitrechten: Finnegan in seinem ewigen Erwachen, Naked Lunch f\u00fcrs allt\u00e4gliche \u00dcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die russische Literatur des 20. Jahrhunderts ist dadurch interessant, dass sie zun\u00e4chst konsequent bei den Fragen blieb, die das 19. Jahrhundert ihr mitgegeben hatte. Diese Fragen lassen sich auf vielf\u00e4ltige Weise konkretisieren, aber am interessantesten nach 400 Jahren ist wohl die nach dem Roman. Und wenn sie so gestellt wird, wie es die russische Literatur im 20. Jahrhundert tut, lassen sich Form und Inhalt nicht gegeneinander ausspielen. Halten wir fest, dass es zun\u00e4chst um Geschichte geht, wo von einer Geschichte der russischen Literatur die Rede ist. Und teilen wir das 20. Jahrhundert gedanklich in zwei Teile, seine erste und seine zweite H\u00e4lfte. Und wenn wir f\u00fcr die erste nach dem Roman fragen, und diese Frage an einen russischen Leser stellen, werden wir vermutlich zu keiner anderen Antwort gelangen, als wenn wir sie an einen beliebigen Leser stellten: Halten wir einfach mal fest, dass es um die beiden Romane der beiden Schriftsteller Michail Bulgakow und Boris Pasternak geht, deren Titel <em>Der Meister und Margarita<\/em> und <em>Doktor Schiwago<\/em> lauten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Halten wir auch fest, dass es in beiden Romanen neben russischer Geschichte um Geschichtsphilosophie geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich als deutscher Leser wirklich f\u00fcr Bulgakow interessiert, der lese ihn einfach. Anfangen, weiterlesen. Und irgendwann wird ihn im Traum von hinten dann auch sein Faust, Der Trag\u00f6die Erster und Zweiter Teil, ereilen. Erster \u00dcbersetzer aus dem Faust war \u00fcbrigens Aleksandr Sergejewitsch, 1825, &#8211; : Puschkin. Und derjenige, der beide Teile erstmals ins Russische \u00fcbertrug, war Boris Leonidowitsch (Pasternak) &#8211; in den drei\u00dfiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Wer sich aber allen Ernstes f\u00fcr Bulgakows geschichtsphilosophisches Konzept interessiert, der halte sich an Ralf Schr\u00f6der, z.B. Roman der Seele, Roman der Geschichte, Leipzig 1986. Und darin an den einmal vorl\u00e4ufigen Endpunkt von Reflexion: Zu einigen zeitgeschichtlichen Aspekten und zum Genre von &#8222;Der Meister und Margarita&#8220; (September 1974). Was dann noch folgen mag, sei einer m\u00f6glichen Kontroverse um die &#8222;Symbolik des Hauses&#8220; in der russischen oder von mir aus in einer anderen Literatur gewidmet &#8211; das Reflektieren sei heilig!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und weil es in Sachen Bulgakow bereits solch verdienstvolle Arbeit gibt, und weil Bulgakows geschichtsphilosophischer Roman in der Folge seiner Kapitel gegliedert ist, halte ich einfach nur fest, dass die Fragen der Deutung des Texts als Ganzen auf die Frage nach der Realit\u00e4t des B\u00f6sen und das damit zusammenh\u00e4ngende eschatologische, wie auch immer Thema bezogen sind. Es gibt \u00fcbrigens auf Russisch  einen &#8211; wei\u00dfen &#8211; Band, der auch die nicht in den Text der Endfassung aufgenommenen Textbausteine enth\u00e4lt: &#8222;Viel Erotik&#8220; (Oblomow-Themen).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anders steht es um Boris Pasternaks Roman <em>Doktor Schiwago<\/em>. Dieser Text wurde dem breiten russischsprachigen Publikum erst Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts zug\u00e4nglich, und einem Weltpublikum zwanzig bis drei\u00dfig Jahre vorher in \u00dcbersetzungen, deren ber\u00fcchtigtste immer noch in der Bildsprache des Hollywood-Kinos die Dauerfrage nach dem Niveau der westlichen Rezeption russischer Literatur offenh\u00e4lt. Es ist wohl nichts so z\u00e4h wie das breit rezipierte Schlechte, wenn es die Erinnerungen besetzt h\u00e4lt und damit aus im Detail unterschiedlichsten Gr\u00fcnden die Begegnung mit dem Originalwerk verhindert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Form und Inhalt unterscheidet sich <em>Doktor Schiwago<\/em> diametral von <em>Der Meister und Margarita<\/em>. Und dass der Roman von einem Dichter geschrieben wurde, scheint die Sache seiner Interpretation, auf den ersten Blick, auch nicht gerade leichter zu machen. Auf den zweiten f\u00e4llt auf, dass dieser Roman im Unterschied zu den meisten anderen wirklich klar gegliedert ist. Er besteht aus zwei Teilen, nicht mehr und nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ihn also von allen seinen Verfilmungen oder gar noch schlechteren Nacherz\u00e4hlungen unterscheidet, ist seine Form. Der erste Teil besteht aus einer Handvoll Kapitel, der zweite auch; oder besser gesagt: aus zwei H\u00e4nden voll. Im Ganzen nicht mehr als als zweimal zwei H\u00e4nde voll. Und dann findet der Leser noch sein Surplus &#8211; ein Epilog in Prosa, Bruchteil eines Kapitels, und eben Gedichte, Texte, deren Entstehungsgeschichte im vorangehenden Text, neben vielem anderen, erz\u00e4hlt worden war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es handelt sich um einen Roman \u00fcber den Menschen, die Geschichte und eben \u00fcber etwas, das manch einer Kunst oder manch eine Poesie zu nennen pflegt. In bester romantischer Tradition also, ein nicht &#8211; dieses Mal &#8211; ein nicht unvollendeter Text, Poesie und Prosa in einem. Zu erkl\u00e4ren w\u00e4re, worin jene Textkonstellation besteht, die <em>Doktor Schiwago<\/em> zum zweiten Endpunkt jener Strecke hat werden lassen, deren erster &#8211; nach Ansicht Ralf Schr\u00f6ders und vieler anderer &#8211; den Titel &#8222;Der Meister&#8230;&#8220; (&amp; seine Frau, der Dichter seiner Muse etc.) tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun also die Erkl\u00e4rung, kurz bitte. Was ist eine Figur? Pr\u00e4supposition: Wahlweise entweder ein Mensch oder ein Begriff. Die dritte M\u00f6glichkeit, dass es weder das eine noch das andere sei oder, Pendant dieser M\u00f6glichkeit, gar beides, lassen wir erstmal weg; jeder kennt Figuren. Der franz\u00f6sische Teilnehmer am \u00c4sthetikdiskurs des letzten Viertels vom 20. Jahrhundert sprach in seinem letzten gr\u00f6\u00dferen Text (Was ist Philosophie? gemeinsam mit seinem Mitstreiter F\u00e9lix) von Begriffspersonen. Setzen wir etwas kleiner an und bleiben lieber beim sprachlichen Fakt, dem Namen einer Person. Aber festhalten sollten wir dabei den Anspruch der Sprache des Romans, auf seiner Immanenzebene konsistent oder &#8211; stimmig wie die Kantsche Proportion von Einbildungskraft und konstitutivem Verstandesverm\u00f6gen beim Treffen eines Geschmacksurteils, das seinen Namen verdient &#8211; zutreffend zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pasternaks Roman hat mehr Namen von Personen als Kapitel. Aber er hat zwei Teile, der Form nach deutlich unterschieden. Und mindestens drei Figuren, deren Konstellation ich &#8211; eine These &#8211; als minimale bez\u00fcglich aller m\u00f6glichen Interpretationen bezeichnen m\u00f6chte: Schiwago, seine Frau oder Muse (das k\u00f6nnen nat\u00fcrlich mehrere Personen sein&#8230; &#8211; dann w\u00e4re im Zuge solcher Interpretation mal Typologie gefragt) und jene Figur, die am Ende von Teil eins betont holzschnittartig eingef\u00fchrt wird &#8211; ihr Name war bereits vorher genannt worden, aber zum Teil der Handlung wird sie nur hier: erst am Ende von Teil eins des Romans, unmittelbar vor Beginn von Teil zwei, Strelnikov.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer oder was ist Strelnikov? Figur, Person, Begriff?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immanent bestimmt ist es die exponierteste jener Figuren des Romans, von denen nur kurz bzw. &#8211; gemessen am Ma\u00dfstab einer handelnden Person &#8211; so gut wie nichts erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis auf eine Begegnung Schiwagos mit Strelnikov wird immer nur <em>\u00fcber<\/em> ihn erz\u00e4hlt. Und das w\u00e4re in der Tat en detail zu analysieren, nicht hier. Stattdessen nun die konkretisierte These bzgl. der Konstellation Jurij \/ &#8230;Lara \/\/ Strelnikov  -:  (2 Varianten des Einen, dessen Einheit durch die Gesamtform bestimmt ist),<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Schiwago\/Strelnikov ist eine (Begriffs-) Person oder<\/li>\n\n\n\n<li>Jurij, Lara und Strelnikov sind drei Figuren(personen), wobei Jurij und Lara &#8222;die eine Liebe&#8220; zu <em>verk\u00f6rpern<\/em> die Kraft haben [werden].<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Variante 1 l\u00e4uft darauf hinaus, im Roman ein Subjekt der Geschichte zu postulieren und beide dann in ihrer Dialektik &#8211; immanent, wie sonst &#8211; zu analysieren (&amp; zu bestimmen), Variante 2 \u00e4hnelt auf den ersten Blick bekannten Figurationen, etwa Faust\/Gretchen\/Mephisto, und damit k\u00f6nnte sich jeder hermeneutische Handwerker dann auch probeweise oder im Ernst interpretativ austoben &#8222;bis ans Ende seiner \/ unserer Tage&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn also Pasternaks Roman inbezug auf &#8222;Der Meister&#8230;&#8220; etwas diametral Differentes auszudr\u00fccken bestimmt sei, dann eine Aussage gem\u00e4\u00df Variante 1, so meine These. Womit wir, falls Sie mir darin zu folgen die G\u00fcte h\u00e4tten, das Feld marxistischer Literaturtheorie zu betreten die Aufgabe auf uns zu nehmen h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ersetzen wir also Konjunktiv II durch I. Nach der Subjektivit\u00e4t der Substanz, Hegels Impuls, das Subjekt der Geschichte : als Denkform. Der gerechte Tausch sei als Anspruch  an die Kl\u00e4rung der Fragen, die im 19. Jahrhundert zum Himmel schrien, eine Grundvorstellung von Richtung f\u00fcr die Suche nach L\u00f6sungen. Der Streit, ob dieses Subjekt nun zun\u00e4chst und damit dann praktisch als Gesetzgeber oder als Handlungsinstanz inmitten aller Umbr\u00fcche, einschlie\u00dflich der Abl\u00f6sung einer alten Konstitution durch eine neue, zu denken sei, m\u00f6ge ruhen, bis zum Ende des vorliegenden Gedankengangs zumindest. Danach mag die Frage, wie solcher Streit in den vorliegenden \u00dcberlegungen implizit mitgedacht sei, wieder er\u00f6ffnet werden. Halten wir fest, dass zum Handeln ein erkennendes Subjekt und zum Erkennen ein Objekt genanntes  s u j e t , ein Gegenstand, notwendig vorauszusetzen sei: die Denkbestimmungen der Erkenntnistheorie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie erscheint der Geschichte genannte Gegenstand in Boris Pasternaks Roman? Allein in Teil eins und seinen sieben Kapiteln als historischer Zeitraum, der etwa zwanzig Jahre umfasst und im Fr\u00fchjahr 1919 mit Strelnikovs Monolog in Gedanken und den Worten <em>&#8218;&#8230;Das alles geh\u00f6rt in ein anderes Leben! Zuerst mu\u00df ich mein neues Dasein zu Ende leben, ehe ich in jene Existenz zur\u00fcckkehre, die so j\u00e4h unterbrochen wurde. Eines Tages wird es soweit sein. Aber wann, aber wann?&#8216; <\/em>(dt. Reinhold von Walter, Frankfurt\/M. 1958, S. 296) ausklingt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht hier um die Frage der Beziehung des Reflektierenden zur Familie, verallgemeinert: zur b\u00fcrgerlichen Welt, die als solche in ihrer Existenz &#8222;so j\u00e4h unterbrochen wurde&#8220;. Halten wir fest, dass mit der Forderung Strelnikovs an sich selbst: &#8222;Zuerst mu\u00df ich mein neues Dasein zu Ende leben&#8230;&#8220;, mit dem Ende von Teil eins eine Z\u00e4sur vollzogen wird, die als im Text ausgedr\u00fcckte Gliederung die Selbstdistanzierung des Reflektierenden ausdr\u00fccklich Form werden l\u00e4sst, These: Zwischen dem Alten und dem Neuen liegt die Z\u00e4sur, der Erfolg von Strelnikovs Handeln in jener Zeit, die in der Folge aus der Konstellation des B\u00fcrgerkriegs den Erfolg einer gesellschaftlichen Umw\u00e4lzung hat hervorgehen sehen. So gesehen steht Strelnikov an dieser Stelle als Handelnder im Mittelpunkt der Geschichte. Fraglich ist dabei aber, ob diese ihm nachtr\u00e4glich recht gibt; sein kaum als solcher ausgedr\u00fcckter Wunsch &#8222;&#8230;ehe ich in jene Existenz zur\u00fcckkehre&#8220; bezeugt zumindest seine Ambition des einstigen Eintritts in die Verpflichtungen von einst. Die Vergangenheit mit ihren W\u00fcnschen, Pflichten und Bindungen sei in der Zukunft aufgehoben, so die sprechende Ambition. Aber &#8211; wird sie?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gesamtanlage des Romans mag Fragen stellen, die zu beantworten Aufgabe des Lesers sei. Und bereits aus gro\u00dfer Distanz betrachtet scheint hier klar zu sein, dass in der Konstellation Jurij \/ &#8230;Lara versus Strelnikov &#8222;in Selbstdistanzierung&#8220; eine Kontrastnahme erfolgt, deren Konstitution auf ein Sich-selbst-Werden von Geschichte zu beziehen eine M\u00f6glichkeit jeglicher Interpretation ist. Nachgefragt: W\u00e4re das Subjekt von Geschichte als &#8222;ehemals b\u00fcrgerliches Individuum, das (zumindest zun\u00e4chst) auf sein b\u00fcrgerliches zugunsten eines revolution\u00e4ren Daseins verzichtet&#8220; zu denken? Dabei mag sogar von dem Detail abgesehen werden, dass es sich bei Strelnikov um das Kind eines Eisenbahners handelt, dem eine Hochschulbildung zu erhalten bestimmt war, wenn mit b\u00fcrgerlichem Dasein zun\u00e4chst nicht mehr als ein Familienleben in Friedenszeiten gemeint sein m\u00f6ge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kontrast zu Jurij \/ &#8230;Lara macht deutlich, dass zumindest die Denkform eines Subjekts der Geschichte aus der Sicht des Erz\u00e4hlenden mehr zu umfassen h\u00e4tte als &#8222;das verzichtende Individuum&#8220;. Und &#8211; ironischerweise?! &#8211; beherbergt nun der Text in Abschnitt 30 des siebten Kapitels des ersten Teils auch noch eine Art Figurencharakterisierung Strelnikovs, die die oben formulierte Bestimmung, es handele sich bei der Paarung Schiwago\/Strelnikov um eine Begriffsperson, motiviert erscheinen l\u00e4sst:  <em>Zwei Charakterz\u00fcge und zwei Leidenschaften bestimmten sein Wesen. Sein Denken war genau und von au\u00dfergew\u00f6hnlicher Klarheit. Er hatte ein ausgesprochenes Gef\u00fchl f\u00fcr sittliche Reinheit und Gerechtigkeit; seine Empfindungen waren edel und selbstlos.<\/em>[Absatz] <em>Aber f\u00fcr einen Gelehrten, der neue Wege entdecken will, fehlte es ihm an jener Intuition, deren \u00fcberraschende Entdeckungen die unfruchtbare Ordnung des Gewohnten und Vorausschaubaren immer von neuem durchbrechen.<\/em>[Absatz] <em>Um aber wirklich Gutes zu wirken, mangelte es seinem rigorosen Geist an jener Gro\u00dfmut des Herzens, die den besonderen Fall h\u00f6her als den allgemeinen achtet und gerade dadurch wirklich gro\u00df ist, da\u00df sie das Kleine, das Geringe tut.<\/em> (Ebd., S. 294)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da im Zuge solcher Figurencharakterisierung die Fraglichkeit einer m\u00f6glichen Interpretation vom Text selbst ausdr\u00fccklich auf ein erkenntniskritisches Niveau katapultiert wird, lohnt es sich, den Text der \u00dcbersetzung vom skizzierten Kontext zu subtrahieren und in Konsultierung des russischen Originaltexts eine erkenntnistheoretisch tragf\u00e4hige Textstruktur zu bestimmen. Konkret geht es um den zweiten der drei Abs\u00e4tze:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Aber f\u00fcr einen t\u00e4tigen Forscher, der neue Wege zu bereiten bestimmt ist, fehlte seinem Verstand die Gabe einer unwillk\u00fcrlichen Spontaneit\u00e4t, die Kraft, mit unvorhergesehenen Details die unfruchtbare Geordnetheit leerer Antezipation zu zerst\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Klartext: Ihm fehlte (der Wille zum) esprit. [Ein f\u00fcr das historische Subjekt unabdingbares Konstituens.] Da ein hypothetisches Subjekt von Geschichte geradezu daraufhin angelegt sein muss, sein &#8211; das Schicksal der Menschheit &#8211; in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen, ist der m\u00f6gliche Erfolg seines Handelns auf die Erreichbarkeit  von dessen Zielen bezogen. Mit anderen Worten, angesichts der Unbekanntheit von Zukunft h\u00e4ngt die M\u00f6glichkeit eines Subjekts von Geschichte geradezu davon ab, ob und wie gut es diese in Antezipation der sich an das Handeln stellenden Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen in der Lage ist. Es ist darauf angewiesen, die Probleme der Menschheit zu l\u00f6sen, indem es ihr neue Wege bereitet; n\u00f6tig dazu ist die Kraft des Verstandes, welche zur Probleml\u00f6sung bef\u00e4higt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Strelnikov sei dazu nicht in der Lage, so der Erz\u00e4hler. Aus zwei Gr\u00fcnden: einmal fehle ihm n e t sch a j a nn o s t&#8216; (unwillk\u00fcrliche Spontaneit\u00e4t, also die Qualit\u00e4t eines spezifischen Handlungsimpulses), zudem aber auch die Kraft zur Zerst\u00f6rung einer leeren, d.h. abstrakten und nicht wirklichkeitstauglichen Voraussicht, die F\u00e4higkeit zur Kritik fester, einmal als Denkvoraussetzung angenommener Prognosen: mithin jene Kreativit\u00e4t, die es dem erkennenden Subjekt erlaubt, falsche Zielbestimmungen entlang der Erfordernisse unerwarteter, neuer Details fortlaufend zu korrigieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nun, entscheidend: Warum fehlte Strelnikovs Verstand all dieses? Die Antwort gibt der sich anschlie\u00dfende Absatz im Text: Es mangelt ihm &#8222;an jener Gro\u00dfmut des Herzens, die den besonderen Fall h\u00f6her als den allgemeinen achtet&#8230;&#8220; Oder in der Formulierung Robert Musils bei der Charakterisierung Ulrichs in seinem &#8211; unvollendeten &#8211; Roman &#8222;Der Mann ohne Eigenschaften&#8220;: an Wirklichkeitsbestimmungsphant(h)asie, eben an &#8222;M\u00f6glichkeitssinn&#8220;. Strelnikov fehlte, was Ulrich zugesprochen ward.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammengefasst: (kurz) Wenn es ein Subjekt der Geschichte gibt, dann ist dieses eher nach der Art Jurij Andrejewitsch Schiwagos (Arzt und Dichter) konstituiert als nach der Strelnikovs, des B\u00fcrgerkriegshelden und tragischen Opfers zugunsten eines Siegs des Kriegskommunismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erkenntnis aber, so die zugrunde liegende Aussage des Erz\u00e4hlers, geht nicht im Allgemeinen auf, wenn das Ziel darin bestehe, &#8222;wirklich Gutes zu wirken&#8220;. Sie habe wirkende &#8222;Gro\u00dfmut des Herzens&#8220; zu werden, die raison des Fuchses in S\u00e4nt-\u00c4ksepjuris &#8222;Der kleine Prinz&#8220;: Man sieht nur mit dem Herzen gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Subjekt erscheint zun\u00e4chst eine Denkform, deren Objektivierung sich aber dann erz\u00e4hlter Weise als Herzensangelegenheit erweist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*  *<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun geht es um die Geschichte. Die Geschichte der russischen Literatur ist dadurch interessant, dass es im 19. Jahrhundert um die Fragen ging, die englische, franz\u00f6sische und dann auch deutsche Literatur im 18. Jahrhundert gestellt hatten. Deren Beantwortung war im 19. 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Wie das Buch geschildert ist, erinnert es an die Geschichten der\u2026","rel":"","context":"In &quot;Erinnerungsbr\u00f6sel&quot;","block_context":{"text":"Erinnerungsbr\u00f6sel","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?cat=3"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/scYSN4-r","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16608","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/46"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16608"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16608\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16632,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16608\/revisions\/16632"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16608"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16608"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/inskriptionen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16608"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}