{"id":16582,"date":"2024-03-13T11:42:43","date_gmt":"2024-03-13T10:42:43","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16582"},"modified":"2024-03-13T11:42:43","modified_gmt":"2024-03-13T10:42:43","slug":"gehen-nach-lissabon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16582","title":{"rendered":"Gehen, nach Lissabon"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist sein erstes Wochenende, der erste Sonntag, seit er hier ist. Er verbringt ihn im Estrela-Park, etwas oberhalb der Stadt, sitzt auf einer Esplanade und schaut sich um. Ein alter Mann steht gut sichtbar vor dem aufgefalteten Stamm eines exotisch aussehenden Baumes und uriniert in den Stamm wie in eine H\u00f6hle. Nur der Hut des Mannes, sein Gesicht, ein Teil des im Anzug steckenden K\u00f6rpers sind von dort, wo er selbst sitzt, zu sehen. Es scheint das Nat\u00fcrlichste von der Welt. Den Mann scheinen keine Gewissensbisse zu plagen. In aller Ruhe zieht er den Rei\u00dfverschlu\u00df seiner Hose nach oben, die Beine etwas gespreizt, setzt sich den leicht verrutschten Hut wieder zurecht und geht auf den asphaltierten Wegen des Parks davon. Er wird den Mann sp\u00e4ter noch \u00f6fters sehen, im selben Park, stets tr\u00e4gt er seinen grauen, etwas zu weit wirkenden Anzug, Hemd und Krawatte und den altert\u00fcmlichen Hut. Er kann an ihm nichts Asoziales finden, obwohl er sich sicher ist, da\u00df nicht jeder alte Mann zum Pinkeln in einem Baum verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den ersten Tagen, den ersten Wochen sitzt er jeden Morgen vor Carlos\u2018 Bar auf dem Gehsteig an einem der kleinen gr\u00fcnen Tische, auf einem gleichfalls gr\u00fcnen Metallstuhl, und fr\u00fchst\u00fcckt. Am hinteren Ende der Stra\u00dfe prangt ein riesiges Plakat quer \u00fcber die Mauer oder die ganze Hauswand. Es ist Werbung, die hier gr\u00f6\u00dfer und ma\u00dfloser ist als alles, was er aus Berlin kennt. Ein gigantisches Foto mit gelbem Hintergrund, so da\u00df es aussieht, als scheine immer die Sonne. In dem hellen Licht des Vormittags, dem Licht der staubigen Stra\u00dfe, auf der immer wieder Autos vor\u00fcberfahren, Autos parken, ist es ein Anhalt. Er w\u00fc\u00dfte die Stra\u00dfe nicht von dem Plakat zu trennen. Die Stra\u00dfe macht dort hinten an der Hauswand einen leichten Knick, f\u00fchrt an der Hauswand vorbei, daher ist das Plakat gut sichtbar, es scheint wie eine \u00dcberschrift, eine Schlagzeile in Gestalt eines Bildes, auch wenn er sofort wieder vergi\u00dft, wof\u00fcr es wirbt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die grauen Roll\u00e4den vor den Fenstern der H\u00e4user sind immer geschlossen. Vielleicht erscheinen ihm die Fenster deshalb als Schlitze. T\u00e4glich sieht er einen Schreiner oder jemanden, den er daf\u00fcr h\u00e4lt. Einen kleinen, alten Mann im blauen Kittel, der vor einer Werkstatt oder einem Laden heruml\u00e4uft, den Zollstock in der Hand. Der Mann scheint alle Zeit der Welt zu besitzen. Das Holz aber sieht aus wie Abfall, es sind Spanbretter, kein richtiges Holz. Die wenigen M\u00f6bel, die er beim Vorgehen sieht, scheinen ihm wacklig und h\u00e4\u00dflich, eher ein Alibi als ein M\u00f6belst\u00fcck. H\u00e4ufig sieht er einen Mann mit Holzbein, der schnell und ohne Kr\u00fccken den Gehweg auf der anderen Seite der Stra\u00dfe entlangl\u00e4uft, ewig m\u00fcrrischer Blick. B\u00f6se sieht er her\u00fcber, immer hat er es eilig. Nie sieht er ihn in Carlos\u2018 Bar. Einmal glaubt er sich in einem Gru\u00df eingeschlossen, der seiner Stra\u00dfenseite gilt, allen vor dem Caf\u00e9 Versammelten, und gr\u00fc\u00dft \u00fcberrascht zur\u00fcck. Es bringt den Mann sofort auf, der Mann schreit etwas, das er nicht versteht, Carlos schreit etwas zur\u00fcck, was er gleichfalls nicht versteht. Nur dem Tonfall entnimmt er, da\u00df das erste eine Beleidigung war, Carlos\u2018 Replik eine Art Verteidigung seiner Person. Er sieht einen Bauarbeiter, einen Farbigen mit offenem Hemd, leicht ergrauter, gekr\u00e4uselter Bart, der am Rand der Stra\u00dfe Tag f\u00fcr Tag ein Feuer entz\u00fcndet. Dazu sucht er Holz aus den entlegensten Ecken, kleine Zweige gen\u00fcgen ihm, um Feuer in einem Grill zu entfachen. Der Grill besteht aus einer Reifenfelge. Jeden Mittag grillt der Mann darauf sein Essen. Manchmal i\u00dft er auf dem Gehweg vor Carlos\u2018 Bar eine Suppe, wie er selbst, auf einem der gr\u00fcnen St\u00fchle an den kleinen Tischen. Einmal essen sie gemeinsam. Carlos nennt den Farbigen <em>einen guten Mann<\/em>, flei\u00dfig, aus Cabo Verde. Der Mann ist leicht verlegen, doch er scheint zu dieser Stra\u00dfe weit mehr dazuzugeh\u00f6ren als er selbst. Auch er ist verlegen. Sie blasen in die Suppe auf ihrem L\u00f6ffel. Der Mann aus Cabo Verde deutet auf die gr\u00fcne Rispe auf dem L\u00f6ffel, nennt das Wort, <em>feij\u00e3o<\/em>. Nie hat er mit einem Afrikaner zu Mittag gegessen, war er einem Menschen aus Cabo Verde derart nah. Der Mann zieht sich nach dem Essen wieder zur\u00fcck. Gegen\u00fcber, ein St\u00fcck von Carlos\u2018 Bar entfernt, da, wo die Stra\u00dfe in einer Biegung von hundertachtzig Grad in die Tiefe f\u00fchrt, entsteht ein neues Haus. Dort arbeitet der Mann, von dorther bringt er manchmal das Holz mit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abends sieht er weiter vorne, am Beginn der Stra\u00dfe, einen nicht mehr jungen Mann mit dichtem, langem schwarzem Bart, der vor einer Autowerkstatt umhergeht. Stets in offenem Mantel, leicht geb\u00fcckt, als geh\u00f6re er zu der Werkstatt. Die Werkstatt f\u00fchrt tief in die Eingeweide des Hauses, eines gro\u00dfen Eckgeb\u00e4udes, auch hier schert die Stra\u00dfe aus und macht Kapriolen, gabelt sich zu einer Kreuzung, f\u00fchrt in alle Richtungen weg, in einem Bogen. \u00dcber die Kreuzung steigt der Weg noch einmal an, zu der Stra\u00dfe, in der er wohnt, in beiden anderen Richtungen f\u00fchrt er abw\u00e4rts, schroff und steil in der einen, allm\u00e4hlich erst und dann zunehmend steiler auf der anderen. Er sieht den Mann ausschlie\u00dflich abends, daher f\u00e4llt es ihm umso mehr auf, da\u00df er auch an den noch warmen Abenden einen Mantel tr\u00e4gt. Immer sieht er ihn an der Werkstatt nur vorbeigehen, nie sieht er ihn aus ihr heraustreten oder in sie hineingehen, doch er geh\u00f6rt zum Dunstkreis der Werkstatt, dieser riesigen, weit nach hinten sich verzweigenden R\u00e4ume. Stets dringt ein Geruch nach Gummi, nach Autoreifen von dort, seltsam modrig, stets dringen Ger\u00e4usche heraus, als werde dort noch sp\u00e4t abends gearbeitet. Ein H\u00e4mmern, Schleifen, vielleicht Schwei\u00dfen. Der Mann tr\u00e4gt eine dicke Hornbrille und sieht aus wie ein gescheiterter Student, vielleicht ist er es, ein Intellektueller, etwas auch wie ein Obdachloser. Doch er hat gro\u00dfen Respekt vor dem Mann, vor seinen ernsten Augen, den bed\u00e4chtigen, oft auf den Boden gerichteten Blicken. Er wagt es nicht, ihn anzusprechen. Immer aber wird dieser Mann f\u00fcr ihn da sein, an dieser H\u00e4userecke, wo die Stra\u00dfe sich weitet, der Gehweg auf beiden Seiten ganz schmal ist, man auf der Stra\u00dfe geht, fast ohne es zu wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist sein erstes Wochenende, der erste Sonntag, seit er hier ist. Er verbringt ihn im Estrela-Park, etwas oberhalb der Stadt, sitzt auf einer Esplanade und schaut sich um. 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